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Maybe Logic
Leben und Gedanken von Robert Anton Wilson
von Tom Sperlich


Sein Name ist Legende bei vielen Freunden aussergewöhnlicher Literatur - Robert Anton Wilson. Der unverbesserliche Optimist ist auf vielen Gebieten zu Hause: Romanschriftsteller und Autor populärwissenschaftlicher Bücher, Philosoph, Komödiant, Vortragsreisender und Futurist. Er ist Mitglied diverser okkulter Orden, arbeitete mit einer Punk-Band zusammen und wurde 1986, zusammen mit Robert Shea als Mitglied in die Prometheus Hall of Fame aufgenommen, eine Ruhmeshalle berühmter libertärer (Science)-Fiction-Autoren; dabei u.a. George Orwell, Ray Bradbury und Robert Heinlein. Diesen Herbst kommt nun eine DVD heraus (in der deutsch untertitelten Version einer US-Produktion), die Wilsons Schaffensära der letzten rund 25 Jahre dokumentiert. In der Biografie gibt der «Guerilla-Ontologe» Bob Wilson erstmals einen ausführlichen, filmisch festgehaltenen Einblick in seine Ideenwelt. Eine DVD mit rund zwei Stunden Material, denn neben dem Hauptfilm gibt es auch noch die «Maybe Logic»-Übungen, praktische Beispiele für Wilsons Spass daran, den Geist des Betrachters auf Trab zu bringen.
Zum Kultautor wurde Wilson u.a. durch die Illuminatus!-Trilogie, die er anfangs der 70er-Jahre zusammen mit Robert Shea, seinem damaligen Kollegen in der Redaktion des Playboy schrieb. Mittlerweile wurde Illuminatus! weltweit weit über eine Million Mal verkauft. Playboy nannte das Werk damals «eine Kreuzung zwischen einem literarischen Acid-Trip und einer politischen Tour de Farce». In diesen und anderen der zahlreichen Bücher des «indeterministischen Philosophen», geht es um eines seiner liebsten Themen: Verschwörungen. Wilson erforscht die Entwicklung des geheimen, politisch-mystischen Ordens der Illuminaten, in Bayern gegen Ende des 18. Jahrhunderts gegründet. Dabei versteht er es, die Grenzen zwischen Fakt und Fiktion so geschickt hin und her zu verschieben, dass der Leser manchmal nicht mehr weiss, wo der Hund begraben liegt.
So sitzt Robert Anton Wilson zwischen vielen Stühlen und fühlt sich auch noch wohl dabei – denn eine Methode des Mannes ist es, Verunsicherung, Verwirrung zu schaffen. Eines seiner grössten Anliegen dabei ist, dem Menschen grössere Reflexionsfähigkeiten mitzugeben, ihn zu motivieren, Realität aus verschiedenen Perspektiven heraus zu betrachten und zu hinterfragen, sich zu verabschieden von Dogmen und –ismen. Auch sich selbst nicht allzu wichtig zu nehmen, lehrt uns der Autor von jetzt über 30 Büchern: vielfältige wissenschaftliche Exkursionen, historische Romane, aber oftmals auch wilde Mischungen von Science-Fiction, Okkultismus sowie einer Prise Sex und, last, but not least, viel Humor. Das führt gelegentlich dazu, dass Buchhändler nicht wissen, in welches Regal sie Wilsons Bücher einsortieren sollen. Auch politisch wird Wilson ebenso gerne falsch eingeordnet. Manche halten ihn wegen seines stets präsenten Interesses an Verschwörungstheorien oder seines grossen Interesses an so genannten «Revisionisten» während seiner Trotzkisten-Zeit, für einen Rechten. Genau wegen letzterer politischer Phase war er für andere schon immer tiefrot eingefärbt und natürlich vor allem wegen seiner grundlegenden Skepsis und Ablehnung gegenüber Regierungen, Parteien und Politikern. Er selbst kommentierte dies einmal mit «meine Flugbahn verläuft rechtwinklig zur Links-/Rechts-Achse irdischer Politik».
Wilson ist jedoch keineswegs unpolitisch, tut nicht so, als ob ihn dies alles nichts anginge. Er verspottet die gegenwärtige Regierung, die er TSOG (Tsarist Occupational Government) nennt und gründete gar seine eigene Guns and Dope Party, mit der sich jeder Bürger als Präsident wählen lassen soll (www.gunsanddope.com).
Im Grunde aber fühle er sich am meisten einem «kooperativen, individuellen Anarchismus» zugehörig und schlicht charakterisiert er sich gerne selbst als «utopischer Optimist». Andere bezeichnen ihn als «führenden Philosophen», «einen der wichtigsten Denker der Gegenkultur», ein Meister-Satiriker wurde er genannt. Philip K. Dick (BladeRunner) schrieb, «Wilson managed to reverse every mental polarity in me, as if I had been pulled through infinity. I was astonished and delighted.»
Aber wahrscheinlich ist Wilson von allem ein bisschen. Vielleicht ist auch die ganze Kategorisierung bedeutungslos – für ihn eigentlich sowieso. Wilson propagiert denn auch unermüdlich seine «Vielleicht-Logik» (Maybe Logic: «Ja, Nein, Vielleicht»), die er an John v. Neumanns «Quanten-Logik» anlehnt; an das «Ja, Nein und Po» von Edward de Bono; an die vierwertige Logik des Mathematikers und Biologen Anatol Rapoport («Richtig, Falsch, Unbestimmt, Bedeutungslos») oder an Alfred Korzybskis non-aristotelischer, multiwertiger Logik.
Jedenfalls gibt es kaum einen gründlicheren und gescheiteren Erforscher menschlicher Erfahrungsbereiche, einer der das menschliche Bewusstsein und seine Randzonen mit so ziemlich jeder geistes- und naturwissenschaftlichen Methode, den wichtigsten psychoaktiven Substanzen und jedem Werkzeug ausgekundschaftet hat, das auf diesem Planeten verfügbar ist. Und was bringt er zurück von seinen, nicht immer unriskanten Exkursionen? «Je mehr Du denkst, Du wüsstest, umso weniger siehst und fühlst Du, je mehr Du weisst, dass Du gar nichts weisst, umso lebendiger wirst Du», ist beispielsweise eine seiner tief empfundenen Erkenntnisse.
Kein Wunder, fasziniert ihn deshalb auch die Neue Physik mit ihren indeterministischen Quantenwelten, versucht er stets das Erfahrene und Erlernte mit einem wissenschaftlichen Mindset und Praxis zu analysieren und philosophisch zu reflektieren. Aus vergleichbarer Haltung heraus arbeitete er für seinen Freund Timothy Leary mit an dem «Acht-Stufen-Modell des menschlichen Nervensystems». In dem Modell wird Evolution, Aufbau und Funktion des Nervensystems in acht Entwicklungsphasen und 24 Stufen eingeteilt, welches die grundlegenden, für die Bewusstseinsbildung des Menschen wichtigen Prägungen auf larvaler (dem heutigen irdischen Überleben adäquat) und «nach-irdischer» Ebene (für Nutzung auf zukünftiger Evolutionsstufe) analysiert, systematisiert und erläutert.
Wilson und Leary nennen sie auch die «Tunnelrealitäten» oder die neurologischen «Gänge», die man in sein sich bewusst werdendes Nervensystem einlegt, respektive einlegen kann. Mit jedem dieser «Schaltkreise» korrespondiert übrigens eine psychoaktive Substanz wie Opiate, Alkohol, Kaffee, Kokain und die «ungestüm durch die Adern Heranwachsender pulsierenden» Neurochemikalien und Hormone, für die ersten vier Entwicklungsphasen. Die nach-irdischen vier evolutionären Schaltkreise können durch meditative Techniken und Psychedelika wie Cannabis, Psilocybin, und LSD aktiviert und trainiert werden.
Bei der Erforschung des eigenen Weltraums, des «Inneren Raums», bediente sich Robert Anton Wilson auch immer wieder okkulter und magischer Techniken und Rituale. Aleister Crowley beispielsweise, ein weiterer Meister von Schock und Verwirrung, gehört Wilsons grosses Interesse seit vielen Jahren. Dessen System aus «westlichem Okkultismus, östlichem Yoga und moderner wissenschaftlicher Methode» (R.A.W.), faszinierte Bob, den passionierten Experimentator. Apropos Experimente – haben Sie schon einmal versucht all Ihre Sätze ohne das Wörtchen «ist» zu bilden? Bereits 1933 schlug der Semantiker Alfred Korzybski vor das «ist der Identität» aus der Sprache zu verbannen. (Das «ist der Identität» nimmt etwa die Form an: «Eva ist schön», «Hans war ein Dummkopf» oder wie Korzybski selbst zu sagen pflegte: «Was immer das ist, es ist kein Stuhl».) 1949 wurde die semantische Relativitätstheorie Korzybskis, die Sprache zu dekonditionieren und Grenzwörter zu benutzen, als so genanntes E-Prime oder English-Prime (Englisch ohne «Seins-Formen») von David Bourland innerhalb der Generellen Semantik etabliert.
Wilson nutzt viele seiner gewonnenen Erkenntnisse und sein enzyklopädisches Wissen, um suchende und interessierte Geister auf diesem Planenten bei einem seiner zahlreichen Vorträge, Seminare oder Workshops zu informieren, zu lehren – ihnen den kleinen Stups mit dem Zen-Stock zu versetzen. Zwar reist der «Sit-down-Comedian» (RAW über sich selbst als Bühnenhumorist, der anders als der herkömmliche «Stand-up-Comedian» eben lieber sitzt) quasi gar nicht mehr, seit eine bereits fast besiegte Kinderlähmung sich mit dem «Post-Polio-Syndrom» vor ein paar Jahren wieder aufs heftigste zurück meldete. Auch davon erzählt Wilson auf der Maybe Logic DVD – wie er die schrecklichen Schmerzen erträgt, was sie mit ihm anstellen und warum er nach wie vor der unverbesserliche Optimist bleibt – auch wenn er die Welt stets unter dem Gesichtspunkt der skeptischen Methodik, «dem grössten Verbündeten der Freiheit» betrachtet. «Ich bezweifle die Dogmen des linken und des rechten Flügels, von Wissenschaftlern und Mystikern, von Verschwörungskrämern und jenen, die behaupten, dass es keine erfolgreichen Verschwörungen geben würde. Wissend, dass jedes empfindungsfähige Wesen über ein Signal verfügt, das mich etwas lehren könnte, bin ich bereit, von all diesen Gruppen zu lernen. Ich bezweifle mich selbst am meisten. Aber ich bin auch bereit, von mir selbst zu lernen, da ich offenbar nicht verrückter bin als irgendwelche anderen Fanatiker».
Wer so «ver-rückt» ist, «ist ein Mensch dessen Zeit» vielleicht wirklich endlich «gekommen ist» – wie Weggefährte Tim Leary als Vorworteröffnung in Wilsons Cosmic Trigger notierte. Was Robert Anton Wilson bereits seit einem halben Jahrhundert umtreibt, kann allenfalls auf der Maybe Logic DVD visioniert und genossen werden – zur Nachahmung empfohlen!

Robert Anton Wilson wurde am 18. Januar 1932 in New York geboren. Er besuchte das Brooklyn Polytechnical College (1952-57) und die New York University (1957-58) und studierte dort Elektrotechnik, Mathematik, Englisch, Pädagogik und promovierte 1979 zum Dr. phil. in Psychologie an der Paideia University, Kalifornien. www.rawilson.com, www.maybelogic.org

Tom Sperlich, geboren 1956 in Deggendorf, Bayern, lebt und arbeitet in Zürich und Berlin. 1978 Mitbegründer der TagesZeitung in Berlin, dort Layouter und Autor. 1988 Geschäftsführer Relax Berlin, das erste europäische Studio für elektronische Entspannungstechniken (Mind Machines). 1991 Partner bei Megabrain, Hamburg/Düsseldorf, Distributor von Virtual Reality-Entwicklungssystemen. Seit 1992/93 als freier Journalist sowie Consultant und Veranstalter/Kurator im Bereich Neue Medien tätig. www.infinite.de/sperlich