von Lucius Werthmüller

Am Mittwoch, 17. August ist mein Freund Dieter Hagenbach – Verleger, Buchhändler, Autor und Gründer des wegweisenden Sphinx Verlags – nach kurzer schwerer Krankheit im Alter von 73 Jahren in Basel gestorben.

Dieter Hagenbach wurde 1943 in Basel geboren. Er wuchs hier auf und blieb der Stadt zeitlebens verbunden. Nach dem Abschluss des Gymnasiums studierte er Kunst und Architektur an der Hochschule für Bildende Künste in Düsseldorf. Eine Studienreise führte ihn nach Indien zu matriarchal lebenden Stämmen im Osten Assams sowie zu den Observatorien in Delhi, Jaipur und Varanasi; ein Studienaufenthalt nach London an das Centre for Arts and Cultural Enterprises. Mit Jürgen Rahn bildete er 1969 das Multimediateam «Cosmic Correspondence» mit Ausstellungen in den Kunsthallen Baden-Baden, Basel und Düsseldorf.

Im Herbst 1975 gründete Dieter in Basel den Sphinx Verlag und eröffnete die Buchhandlung Sphinx am Spalenberg, schräg gegenüber der Buchhandlung Werthmüller, die mein Vater dort führte. Er prägte für den Verlag den Slogan:

 

Von alten Traditionen
über das Hier und Jetzt
zu neuen Dimensionen

 

Dieser gefiel mir so gut, dass ich ihn später mit seinem Einverständnis für den Basler Psi-Verein übernahm, da ich ihn auch für unsere Arbeit als treffend empfand.

 

Mit dem Sphinx Verlag leistete Dieter wertvolle Pionierarbeit. Er verlegte u.a. das Gesamtwerk Georges Gurdjieffs, das Necronomicon und weitere Kunstbücher von HR Giger sowie Klassiker der Magie und Mythologie von Eliphas Levy und Aleister Crowley bis Joseph Campbell. Neben mehreren hundert weiteren Titeln publizierte er die New Age Bibel Die Sanfte Verschwörung von Marilyn Ferguson, die Illuminatus Trilogie von Robert Anton Wilson sowie Titel von John Lilly und Timothy Leary, mit denen er gut befreundet war. So hatte er 1971 Leary eine Weile in Basel beherbergt, als dieser auf der Flucht vor der CIA in der Schweiz Asyl suchte. Dieter schrieb einen Brief an den damaligen Bundespräsidenten Kurt Furgler und bat darum, Leary Asyl zu gewähren.

 

Von 1977-1986 war er Herausgeber des «Sphinx Magazin» und der deutschsprachigen Ausgabe des «Brain-Mind Bulletin». Mitte der 1970er Jahre lernte er Albert Hofmann kennen und blieb bis zu dessen Tod mit ihm befreundet. 1986 veröffentlichte er Hofmanns Essaysammlung Einsichten – Ausblicke.

 

1990 gründete Dieter in Basel eine literarische Agentur, die ab 2001 in Bern von seinem Partner Hans Bender weitergeführt wurde.

 

Wir sind uns in den 1980er Jahren erstmals begegnet, hatten damals aber nur losen Kontakt. Zu Beginn der 1990er Jahre sammelten wir Ideen und entwarfen Konzepte für eine gemeinsam veranstaltete Konferenz zum Themenkreis LSD und Psychedelika 1993 – zum 50. Jahrestag der Entdeckung des LSD. Allerdings wollte Albert Hofmann zu dieser Zeit keine Öffentlichkeit für sein «Sorgenkind» weshalb wir unsere Konzepte wieder in die Schublade legten, da eine Konferenz zu diesem Thema in Basel ohne Albert Hofmann doch erklärungsbedürftig gewesen wäre.

 

1993 war nicht nur der 50. Jahrestag der Entdeckung des LSD, sondern auch Dieters 50. Geburtstag. Beide sind im selben Jahr in diese Welt gekommen. Für den neuen Lebensabschnitt wollte er ein neues Projekt starten – die Gaia Media Stiftung (www.gaiamedia.org). Die am 23. Juni 1993 in Basel gegründete gemeinnützige Stiftung hat den Zweck Informationen zu vermitteln, die zu einem ganzheitlichen Verständnis der Natur und des menschlichen Daseins beitragen.

 

Er fragte mich ob ich ihn als Stiftungsrat unterstützen würde, was ich gerne zusagte. Zu seinem runden Geburtstag bat er anstelle von Geschenken die neugegründete Stiftung zu unterstützen. Das Geburtstagsfest war gleichzeitig die Gründungsfeier seines Herzensprojekts. Anwesend waren neben vielen anderen Freundinnen und Freunden Anita und Albert Hofmann, Claudia Müller Ebeling und Christian Rätsch, ebenso wie HR Giger mit dem Dieter gut bekannt war und dem ich an diesem Anlass zum ersten Mal begegnete.

 

Die Gaia Media hatte bis 2009 ein Lokal an der Spalenvorstadt, wo sie in Zusammenarbeit mit Michael Gasser, der den Stiftungsrat ergänzte, die Gaia Lounge und den Gaia Bazar betrieb: Ein beliebter Treffpunkt für Freunde psychedelischer, spiritueller und ökologischer Literatur und Musik, ausserdem mit einem grossen Angebot von ethnobotanischen Spezialitäten. Dort fanden Vorträge statt, unter anderem mit Albert Hofmann, Sasha Shulgin, John Lilly, Christian Rätsch, Luisa Francia und vielen weiteren mehr. Die Stiftung gab einen Newsletter heraus, der bis 2006 in gedruckter Form erschien. Später gab Dieter den Newsletter monatlich elektronisch auf deutsch und englisch heraus. Er nannte ihn den «goodnewsletter», er sollte ein Gegengewicht zu den die Medien beherrschenden schlechten Nachrichten bilden.

 

Im Vorfeld des 100. Geburtstags von Albert Hofmann am 11. Januar 2006 holten wir unsere Konzepte aus den 90er Jahren wieder aus der Schublade und begannen gemeinsam Pläne zu schmieden für das Symposium «LSD – Sorgenkind und Wunderdroge» (www.lsd.info). Albert Hofmann war im Alter immer offener geworden, unterstützte unser Projekt und freute sich darauf. Diese Planung führte dazu, dass wir sehr eng miteinander arbeiteten und fast täglich Kontakt hatten.

 

Die Gaia Media Stiftung organisierte am 11. Januar 2006 zu Hofmanns Ehren einen Festakt im Naturhistorischen Museum Basel, an dem der Jubilar unter anderen vom Basler Regierungsrat Christoph Eymann, dem Kunsthändler Ernst Beyeler, dem Schriftsteller Martin Suter und Paul Herrling, dem Forschungsleiter der Novartis, geehrt wurde. Das Symposium am folgenden Wochenende wurde zu einem riesigen Erfolg. Mehrere tausend Menschen aus allen Kontinenten und insgesamt 37 Ländern nahmen daran teil, weiter rund 200 Journalisten aus aller Welt. Die Weltpresse, von der New York Times bis zum Guardian, berichtete darüber. Das grösste Kompliment für uns war allerdings die Bemerkung Alberts an der Abschlussveranstaltung als er verkündete: «Mit dieser Veranstaltung ist aus meinem Sorgenkind definitiv ein Wunderkind geworden.»

 

Der enge Kontakt zwischen uns blieb bestehen, da wir nach der grossen Resonanz auf das Symposium einen weiteren gemeinsamen Kongress an Ostern 2008 planten, das World Psychedelic Forum (WPF, www.psychedelik.info) , als Kontrapunkt zum World Economic Forum (WEF) in Davos. Einen Monat nach der Veranstaltung starb Albert Hofmann, nur wenige Tage nachdem wir ihn noch ein letztes Mal auf seiner geliebten Rittimatte besucht hatten. Nach dem Tod unseres gemeinsamen Freundes wollten wir ihn mit einem kleinen Bildband und ein paar Texten ehren. Dieses Projekt ist während der Arbeit stetig gewachsen, so dass am Ende ein 400 Seiten starkes Werk entstand das 2011 im AT-Verlag erschien. Albert Hofmann und sein LSD (www.alberthofmannundseinlsd.ch) ist die Biographie Albert Hofmanns, verwoben mit einer viele Aspekte umfassenden Geschichte des LSD und dessen Einfluss auf Kultur und Gesellschaft.

 

Dieter Hagenbach und Albert Hofmann

Dieter Hagenbach mit Albert Hofmann im Herbst 2005

 

Während den zwei Jahren, in denen wir für das Buch recherchierten und daran arbeiteten waren wir in engem, fast täglichen Kontakt, meist in unserem Büro an der Neuweilerstrasse. Diese Treffen sind wegen unseren Auseinandersetzungen um Detailfragen und dem Ringen um passende Formulierungen bei unseren Mitarbeitenden heute noch legendär.

 

Dieter und ich waren in vielem sehr unterschiedlich, haben uns aber auch gut ergänzt. Unsere Auseinandersetzungen waren manchmal hitzig, allerdings nie gehässig. Er war detailverliebt, genau, geordnet, strukturiert und hatte ein unbestechliches Auge für grafische Feinheiten. Seine äussere Erscheinung war stets gepflegt, in den letzten Jahren kleidete er sich ausschliesslich in weiss oder cremefarben. Er machte alles mit Stil, auf mich machte er zuweilen einen aristokratischen Eindruck.

 

Nach der Publikation hielten wir gemeinsam mehrere Vorträge. Erfreulicherweise kaufte alsbald eine kalifornische Verlegerin die englischsprachigen Rechte. Dieter arbeitete auch an der Übersetzung intensiv mit und so reisten wir im April 2013 zur Lancierung der englischsprachigen Ausgabe Mystic Chemist nach Kalifornien, wo wir das Buch am 19. April 2013 – dem 60. Jahrestag der Entdeckung des LSD – an einer Konferenz von MAPS (Multidisciplinary Association for Psychedelic Studies,www.maps.org) in Oakland vorstellten. Speziell freute sich Dieter über die Einladung, das Buch im legendären City Lights Bookshop in San Francisco vorzustellen, in dem avantgardistische Beat-Autoren wie Lawrence Ferlingetti, Alan Ginsberg, Gregory Corso Bücher verlegt hatten und Lesungen gehalten haben.

 

In den letzten drei Jahren publizierte Dieter vor allem den monatlichen Newsletter und pflegte seine weitverzweigten Kontakte auf der ganzen Welt. In dieser Zeit war unser Kontakt nicht mehr so intensiv. Er besuchte uns jede Woche an der Neuweilerstrasse um die Post der Gaia Media Stiftung zu holen, wechselte mit allen Anwesenden ein paar Worte und wir unterhielten uns über Aktuelles, sei es die Stiftung betreffend oder Persönliches.

 

Am 22. Juli 2016, zwei Tage vor seinem Geburtstag, erhielt er eine niederschmetternde Diagnose, die es ihm schwer machte, die am folgenden Sonntag aus aller Welt eintreffenden Gratulationen und Glückwünsche zum Geburtstag entgegen zu nehmen. Am Morgen des 17. August erzählte er Asti Hagenbach, dass er in der vergangenen Nacht in der anderen Welt gewesen sei und dass es so wunderschön gewesen sei, dass er gar nicht mehr zurückkommen wollte. Am Abend um 23.40 nahm er in ihrer Gegenwart seinen letzten Atemzug.

 

Wir haben uns mehrmals über ein Leben nach dem Tod unterhalten. Dieter war überzeugt, dass es in irgendeiner Form weitergehe, wollte sich aber keine Vorstellung darüber machen. Der chinesische Kaiser Wu hat einmal den indischen Weisen Bodhidharma gefragt, welches der höchste Sinn der Heiligen Wahrheit sei. Bodhidharmas Antwort lautete: «Offene Weite, nichts von heilig», eine Antwort die Dieters Weltanschauung ausdrückt.

 

Dieter, Ich danke Dir für die gemeinsam verbrachte Zeit und die gemeinsamen Projekte, von denen wir beide wussten, dass wir sie ohne den Anderen nie in dieser Form hätten verwirklichen können.

 


Dieter Hagenbach und Lucius Werthmueller

Dieter Hagenbach mit Lucius Werthmüller in Kalifornien im April 2013