Nachruf auf Dieter Hagenbach

von Lucius Werthmüller

Am Mittwoch, 17. August ist mein Freund Dieter Hagenbach – Verleger, Buchhändler, Autor und Gründer des wegweisenden Sphinx Verlags – nach kurzer schwerer Krankheit im Alter von 73 Jahren in Basel gestorben.

Dieter Hagenbach wurde 1943 in Basel geboren. Er wuchs hier auf und blieb der Stadt zeitlebens verbunden. Nach dem Abschluss des Gymnasiums studierte er Kunst und Architektur an der Hochschule für Bildende Künste in Düsseldorf. Eine Studienreise führte ihn nach Indien zu matriarchal lebenden Stämmen im Osten Assams sowie zu den Observatorien in Delhi, Jaipur und Varanasi; ein Studienaufenthalt nach London an das Centre for Arts and Cultural Enterprises. Mit Jürgen Rahn bildete er 1969 das Multimediateam «Cosmic Correspondence» mit Ausstellungen in den Kunsthallen Baden-Baden, Basel und Düsseldorf.

Im Herbst 1975 gründete Dieter in Basel den Sphinx Verlag und eröffnete die Buchhandlung Sphinx am Spalenberg, schräg gegenüber der Buchhandlung Werthmüller, die mein Vater dort führte. Er prägte für den Verlag den Slogan:

Von alten Traditionen
über das Hier und Jetzt
zu neuen Dimensionen

Dieser gefiel mir so gut, dass ich ihn später mit seinem Einverständnis für den Basler Psi-Verein übernahm, da ich ihn auch für unsere Arbeit als treffend empfand.

Mit dem Sphinx Verlag leistete Dieter wertvolle Pionierarbeit. Er verlegte u.a. das Gesamtwerk Georges Gurdjieffs, das Necronomicon und weitere Kunstbücher von HR Giger sowie Klassiker der Magie und Mythologie von Eliphas Levy und Aleister Crowley bis Joseph Campbell. Neben mehreren hundert weiteren Titeln publizierte er die New Age Bibel Die Sanfte Verschwörung von Marilyn Ferguson, die Illuminatus Trilogie von Robert Anton Wilson sowie Titel von John Lilly und Timothy Leary, mit denen er gut befreundet war. So hatte er 1971 Leary eine Weile in Basel beherbergt, als dieser auf der Flucht vor der CIA in der Schweiz Asyl suchte. Dieter schrieb einen Brief an den damaligen Bundespräsidenten Kurt Furgler und bat darum, Leary Asyl zu gewähren.

Von 1977-1986 war er Herausgeber des «Sphinx Magazin» und der deutschsprachigen Ausgabe des «Brain-Mind Bulletin». Mitte der 1970er Jahre lernte er Albert Hofmann kennen und blieb bis zu dessen Tod mit ihm befreundet. 1986 veröffentlichte er Hofmanns Essaysammlung Einsichten – Ausblicke.

1990 gründete Dieter in Basel eine literarische Agentur, die ab 2001 in Bern von seinem Partner Hans Bender weitergeführt wurde.

Wir sind uns in den 1980er Jahren erstmals begegnet, hatten damals aber nur losen Kontakt. Zu Beginn der 1990er Jahre sammelten wir Ideen und entwarfen Konzepte für eine gemeinsam veranstaltete Konferenz zum Themenkreis LSD und Psychedelika 1993 – zum 50. Jahrestag der Entdeckung des LSD. Allerdings wollte Albert Hofmann zu dieser Zeit keine Öffentlichkeit für sein «Sorgenkind» weshalb wir unsere Konzepte wieder in die Schublade legten, da eine Konferenz zu diesem Thema in Basel ohne Albert Hofmann doch erklärungsbedürftig gewesen wäre.

1993 war nicht nur der 50. Jahrestag der Entdeckung des LSD, sondern auch Dieters 50. Geburtstag. Beide sind im selben Jahr in diese Welt gekommen. Für den neuen Lebensabschnitt wollte er ein neues Projekt starten – die Gaia Media Stiftung (www.gaiamedia.org). Die am 23. Juni 1993 in Basel gegründete gemeinnützige Stiftung hat den Zweck Informationen zu vermitteln, die zu einem ganzheitlichen Verständnis der Natur und des menschlichen Daseins beitragen.

Er fragte mich ob ich ihn als Stiftungsrat unterstützen würde, was ich gerne zusagte. Zu seinem runden Geburtstag bat er anstelle von Geschenken die neugegründete Stiftung zu unterstützen. Das Geburtstagsfest war gleichzeitig die Gründungsfeier seines Herzensprojekts. Anwesend waren neben vielen anderen Freundinnen und Freunden Anita und Albert Hofmann, Claudia Müller Ebeling und Christian Rätsch, ebenso wie HR Giger mit dem Dieter gut bekannt war und dem ich an diesem Anlass zum ersten Mal begegnete.

Die Gaia Media hatte bis 2009 ein Lokal an der Spalenvorstadt, wo sie in Zusammenarbeit mit Michael Gasser, der den Stiftungsrat ergänzte, die Gaia Lounge und den Gaia Bazar betrieb: Ein beliebter Treffpunkt für Freunde psychedelischer, spiritueller und ökologischer Literatur und Musik, ausserdem mit einem grossen Angebot von ethnobotanischen Spezialitäten. Dort fanden Vorträge statt, unter anderem mit Albert Hofmann, Sasha Shulgin, John Lilly, Christian Rätsch, Luisa Francia und vielen weiteren mehr. Die Stiftung gab einen Newsletter heraus, der bis 2006 in gedruckter Form erschien. Später gab Dieter den Newsletter monatlich elektronisch auf deutsch und englisch heraus. Er nannte ihn den «goodnewsletter», er sollte ein Gegengewicht zu den die Medien beherrschenden schlechten Nachrichten bilden.

Im Vorfeld des 100. Geburtstags von Albert Hofmann am 11. Januar 2006 holten wir unsere Konzepte aus den 90er Jahren wieder aus der Schublade und begannen gemeinsam Pläne zu schmieden für das Symposium «LSD – Sorgenkind und Wunderdroge» (www.lsd.info). Albert Hofmann war im Alter immer offener geworden, unterstützte unser Projekt und freute sich darauf. Diese Planung führte dazu, dass wir sehr eng miteinander arbeiteten und fast täglich Kontakt hatten.

 

Die Gaia Media Stiftung organisierte am 11. Januar 2006 zu Hofmanns Ehren einen Festakt im Naturhistorischen Museum Basel, an dem der Jubilar unter anderen vom Basler Regierungsrat Christoph Eymann, dem Kunsthändler Ernst Beyeler, dem Schriftsteller Martin Suter und Paul Herrling, dem Forschungsleiter der Novartis, geehrt wurde. Das Symposium am folgenden Wochenende wurde zu einem riesigen Erfolg. Mehrere tausend Menschen aus allen Kontinenten und insgesamt 37 Ländern nahmen daran teil, weiter rund 200 Journalisten aus aller Welt. Die Weltpresse, von der New York Times bis zum Guardian, berichtete darüber. Das grösste Kompliment für uns war allerdings die Bemerkung Alberts an der Abschlussveranstaltung als er verkündete: «Mit dieser Veranstaltung ist aus meinem Sorgenkind definitiv ein Wunderkind geworden.»

Der enge Kontakt zwischen uns blieb bestehen, da wir nach der grossen Resonanz auf das Symposium einen weiteren gemeinsamen Kongress an Ostern 2008 planten, das World Psychedelic Forum (WPF, www.psychedelik.info) , als Kontrapunkt zum World Economic Forum (WEF) in Davos. Einen Monat nach der Veranstaltung starb Albert Hofmann, nur wenige Tage nachdem wir ihn noch ein letztes Mal auf seiner geliebten Rittimatte besucht hatten. Nach dem Tod unseres gemeinsamen Freundes wollten wir ihn mit einem kleinen Bildband und ein paar Texten ehren. Dieses Projekt ist während der Arbeit stetig gewachsen, so dass am Ende ein 400 Seiten starkes Werk entstand das 2011 im AT-Verlag erschien. Albert Hofmann und sein LSD (www.alberthofmannundseinlsd.ch) ist die Biographie Albert Hofmanns, verwoben mit einer viele Aspekte umfassenden Geschichte des LSD und dessen Einfluss auf Kultur und Gesellschaft.

Dieter Hagenbach und Albert Hofmann

Dieter Hagenbach mit Albert Hofmann im Herbst 2005

Während den zwei Jahren, in denen wir für das Buch recherchierten und daran arbeiteten waren wir in engem, fast täglichen Kontakt, meist in unserem Büro an der Neuweilerstrasse. Diese Treffen sind wegen unseren Auseinandersetzungen um Detailfragen und dem Ringen um passende Formulierungen bei unseren Mitarbeitenden heute noch legendär.

Dieter und ich waren in vielem sehr unterschiedlich, haben uns aber auch gut ergänzt. Unsere Auseinandersetzungen waren manchmal hitzig, allerdings nie gehässig. Er war detailverliebt, genau, geordnet, strukturiert und hatte ein unbestechliches Auge für grafische Feinheiten. Seine äussere Erscheinung war stets gepflegt, in den letzten Jahren kleidete er sich ausschliesslich in weiss oder cremefarben. Er machte alles mit Stil, auf mich machte er zuweilen einen aristokratischen Eindruck.

Nach der Publikation hielten wir gemeinsam mehrere Vorträge. Erfreulicherweise kaufte alsbald eine kalifornische Verlegerin die englischsprachigen Rechte. Dieter arbeitete auch an der Übersetzung intensiv mit und so reisten wir im April 2013 zur Lancierung der englischsprachigen Ausgabe Mystic Chemist nach Kalifornien, wo wir das Buch am 19. April 2013 – dem 60. Jahrestag der Entdeckung des LSD – an einer Konferenz von MAPS (Multidisciplinary Association for Psychedelic Studies,www.maps.org) in Oakland vorstellten. Speziell freute sich Dieter über die Einladung, das Buch im legendären City Lights Bookshop in San Francisco vorzustellen, in dem avantgardistische Beat-Autoren wie Lawrence Ferlingetti, Alan Ginsberg, Gregory Corso Bücher verlegt hatten und Lesungen gehalten haben.

In den letzten drei Jahren publizierte Dieter vor allem den monatlichen Newsletter und pflegte seine weitverzweigten Kontakte auf der ganzen Welt. In dieser Zeit war unser Kontakt nicht mehr so intensiv. Er besuchte uns jede Woche an der Neuweilerstrasse um die Post der Gaia Media Stiftung zu holen, wechselte mit allen Anwesenden ein paar Worte und wir unterhielten uns über Aktuelles, sei es die Stiftung betreffend oder Persönliches.

Am 22. Juli 2016, zwei Tage vor seinem Geburtstag, erhielt er eine niederschmetternde Diagnose, die es ihm schwer machte, die am folgenden Sonntag aus aller Welt eintreffenden Gratulationen und Glückwünsche zum Geburtstag entgegen zu nehmen. Am Morgen des 17. August erzählte er Asti Hagenbach, dass er in der vergangenen Nacht in der anderen Welt gewesen sei und dass es so wunderschön gewesen sei, dass er gar nicht mehr zurückkommen wollte. Am Abend um 23.40 nahm er in ihrer Gegenwart seinen letzten Atemzug.

Wir haben uns mehrmals über ein Leben nach dem Tod unterhalten. Dieter war überzeugt, dass es in irgendeiner Form weitergehe, wollte sich aber keine Vorstellung darüber machen. Der chinesische Kaiser Wu hat einmal den indischen Weisen Bodhidharma gefragt, welches der höchste Sinn der Heiligen Wahrheit sei. Bodhidharmas Antwort lautete: «Offene Weite, nichts von heilig», eine Antwort die Dieters Weltanschauung ausdrückt.

Dieter, Ich danke Dir für die gemeinsam verbrachte Zeit und die gemeinsamen Projekte, von denen wir beide wussten, dass wir sie ohne den Anderen nie in dieser Form hätten verwirklichen können.

Dieter Hagenbach und Lucius Werthmueller

Dieter Hagenbach mit Lucius Werthmüller in Kalifornien im April 2013

Mono-Poly-Beziehungen

Von Dominique Zimmermann

Wer seinen Lebenssinn in Beziehungen sucht, die auf romantische Kontinuität bauen, und auf jahrelanges Knistern hofft, kann hart auf dem Boden der Realität landen. Doch es gibt erfüllende Alternativen.

Freundschaften und Liebesbeziehungen geben unserem Leben einen besonderen Sinn: Durch sie erleben wir, dass wir soziale Wesen sind und ein Bedürfnis nach Austausch und sinnlicher Nähe haben. Wie Beziehungen gestaltet werden, ist jedoch kulturell bedingt ganz verschieden.

Wenn sich erotische Liebe nicht exklusiv auf eine einzige Person konzentriert, führt das, je nachdem, wo wir leben und in welcher Position wir uns befinden, zu Irritation, Ächtung oder gar Bestrafung. Gleichzeitig machen immer mehr Menschen die Erfahrung, dass es schwieriger geworden ist, strikt monogam zu leben.

Mittlerweile finden wir auch in seriösen Frauenzeitschriften die scheue Aussage, dass Untreue nicht zwingend daneben sei und das Ende einer Beziehung bedeuten müsse. Die Frage nach einem adäquaten Beziehungs-, Liebes- und Sexleben musste sich früher oder später aufdrängen; heutige Lebensentwürfe bauen nicht mehr wie einst auf Kontinuität. Unsere Biografien sind geprägt von steten Veränderungen und Entscheidungsvielfalt.

Romantische Ehe

In der entflammten Polyamorie-Debatte wird diskutiert, wie sinnvoll und realistisch die in die Jahre gekommene Idee einer romantischen Zweierbeziehung heute noch ist. Die romantische Ehe, in Europa erstmals umgesetzt in der Oberschicht der Neuzeit, verspricht die Erfüllung einiger menschlicher Grundbedürfnisse – etwa sich in einer «grossen Liebe» dauerbefriedigt in Sicherheit zu wähnen.

Neben den vielen täglichen Entscheidungen, die wir fällen müssen, sind das Bedürfnis nach Konstanz in Beziehungen und der Wunsch, mit all unseren Marotten geliebt zu werden, durchaus verständlich. Die hohe Zahl an heimlich geführten Zweitbeziehungen, gescheiterten Ehen und «serieller Monogamie» weist jedoch darauf hin, dass die Exklusivität in vielen Fällen nicht wie geplant gelingt. Die Realität des gelebten Romeo-und-Julia-Modells ist auch ohne vorzeitiges Ableben der Protagonisten oft von Zweifeln und Nöten begleitet. Ausgerechnet in dem Bereich, wo so viel Erfüllung gesucht wird, ist so viel Elend anzutreffen.

Maximal drei Jahre

Unzählige Paartherapie-Angebote versuchen, dem zur Ödnis verkommenen Darkroom der Zweierkiste neues Leben einzuhauchen. Was hier kritischer hinterfragt werden könnte, ist die Annahme, dass sich zwei Menschen langfristig exklusiv begehren können und sollen. Wenn alles nichts hilft und vieles probiert wurde, drängt sich bei den verzweifelten Romantikern die Vermutung auf, dass halt einfach doch noch nicht die passende Liebe gefunden wurde und eine andere Beziehung kein Gefühl der Ernüchterung entstehen liesse. Wie der Philosoph Richard David Precht in seinem Vortrag «Liebe in Zeiten der Krise» betont, hält Verliebtheit jedoch maximal etwa drei Jahre an – danach sollte sie auch wieder abklingen, ansonsten würden wir verblöden.

Sexuelle Spielarten kultivieren und lieben kann man langfristig, wenn man liebesfähig und lernbereit ist. Aber die Qualität von Liebe unterscheidet sich von jener der Verliebtheit. Auf «Wolke 7» wird, von Hormonschüben gedopt, die Begehrens- und Projektionsmaschine angeworfen. Konservierbar sind diese Gefühle nicht. Die Unterstellung, dass Menschen von Natur aus monogam begehren und am besten unter geleistetem Schwur auf das Bedürfnis nach erotischer Nähe mit anderen verzichten, wird nicht in allen Kulturen gleichermassen vermittelt.

Die Leere, die entsteht, wenn wir uns Lebendigkeit dort erhoffen, wo ein auferlegtes Verbot zur strikten Kanalisierung unserer Gefühle und unseres Begehrens zwingt, ist vernichtend und kann leicht in ein Suchtverhalten münden: Der wiederholte K(l)ick am Bildschirm oder die Abreaktion im Konsum von Pornos befriedigt das Bedürfnis nach Begegnung überhaupt nicht.

Alles oder nichts

Obwohl Isolation und Gewalt in Intimbeziehungen keine Seltenheit sind, gelten Singles nach wie vor als einsam und Polys wecken mehr Skepsis als andere «Abweichler»: Unverbindlichkeit, Egoismus oder Liebesunfähigkeit sind einige der Verdächtigungen, die in der Annahme gipfeln, dass das doch sowieso nicht gut gehen kann. Wer sich jedoch in Standardwerken wie etwa «Schlampen mit Moral» schlau macht, wird einsehen, dass gerade bei offen liebenden Menschen hohe ethische Ansprüche und die Bereitschaft anzutreffen sind, sich selber und die Beziehungen authentisch zu geniessen, zu reflektieren und falls nötig zu verändern. Diese Haltung wird weniger zu abrupten Wendungen führen als bei einem Alles-oder-Nichts-Modell, da es um eine umfassendere, aber offene Form von Liebe geht, ohne Besitzansprüche.

Nicht nur für Sex, sondern für Beziehungen generell gilt: Wo ein Nein möglich ist, kann es auch ein klares Ja geben. Inbegriff von Lebendigkeit sind nebst Lust und Erotik generell Begegnungen mit Menschen, die eine ähnliche Wellenlänge haben – also Freundschaften oder gute Arbeits- und Freizeitbeziehungen. Erotische Energien sind nicht mechanisch erzeugbar, sondern bilden sich in einem komplexen Konglomerat von Stimulationen auf ganz verschiedenen Ebenen: geistig, emotional und physisch. Wie und ob diese Ebenen in Balance sind, hängt auch davon ab, was das Leben gerade an uns heranträgt. Schliesslich sind wir immer Akteure in einem Film mit diversen Darstellern: Ob sich ein Thriller, ein erotischer Roadmovie oder eine oberflächliche Seifenoper ergibt, bestimmen wir zwar mit, aber nicht allein.

Was schon im 20. Jahrhundert unter dem Stichwort «freie Liebe» diskutiert wurde, erfährt als Polyamorie neuerdings eine Präzisierung und Erweiterung, da es nicht nur um geteilte Sexualitäten geht, sondern auch um Liebe und Achtsamkeit. Das monogame Menschenbild wird radikal hinterfragt, exklusive Beziehungen werden aber nicht durchwegs abgelehnt. Es geht um die Forderung, Beziehungsformen zu verhandeln, und nicht einfach an das, was uns das Kino und die Medien vermitteln, zu glauben.

Dann beginnt der Streit

Im Fokus ist eine verspielte Lebenshaltung, die sich auch auf unsere Arbeit und unsere Sorgsamkeit uns selber gegenüber übertragen lässt. Die an der Norm orientierten Beziehungen treffen oft keine Abmachungen, da davon ausgegangen wird, dass allen Beteiligten sowieso klar ist, was recht und schlecht ist. Erst wenn vermeintliche Übereinkünfte gestört werden, beginnt die Diskussion – und oft auch der Streit. Die Debatte fordert uns auf, in individuellen Varianten einen Konsens zu finden und unser Bedürfnis nach Lebendigkeit und Offenheit nicht einer unrealistischen Beziehungsidee zu opfern.

Für Mehrfachbeziehungen gilt ebenso wie für das Leben generell: Manchmal scheitern wir, dann wieder glückt das, was wir für unmöglich hielten. Kein Leben ist immer schön, gut und lustig. Sinn erschliesst sich aus dem Erleben und Erlebten selbst und den daraus folgenden Lebensgeschichten. Der Protagonist in Robert Musils «Amsel» sagt es so: «Wenn ich den Sinn wüsste, so bräuchte ich dir wohl nicht erst zu erzählen.» Sinn wird nicht einfach gefunden, sondern wird von uns und insbesondere von jenen, die den Mut zu revidierten Lebens- und Liebesentwürfen aufbringen, immer wieder neu erzeugt.

Literatur

Dossie Easton, Janet W. Hardy, Schlampen mit Moral. Eine praktische Anleitung für Polyamorie, offene Beziehungen und andere Abenteuer, München 2014.

Holger Lendt, Lisa Fischbach, Treue ist auch keine Lösung. Ein Plädoyer für mehr Freiheit in der Liebe, München 2011.

Adam Phillips, Monogamie … aber drei sind ein Paar, Frankfurt 1997.

Peter Schellenbaum, Das Nein in der Liebe. Abgrenzung und Hingabe in der erotischen Beziehung, Stuttgart 1986.

Erhard Söhner und Bärbel Schlender (Hrsg.), Ein Frühstück zu Dritt. Leben und lieben in Mehrfachbeziehungen, Wien, München 2006.

Thomas Schroedter, Christina Vetter, Polyamory. Eine Erinnerung, Stuttgart 2010.

Dominique Zimmermann, Imre Hofmann, Die andere Beziehung. Polyamorie und philosophische Praxis, Stuttgart 2012.

Dominique Zimmermann, Das Mass der Liebe. Plädoyer für ein subversives Nein. Mit Beiträgen von Aysegül Sah Bozdogan, Stuttgart 2015.


Dominique Zimmermann ist Philosophin und Autorin. Sie lebt und arbeitet in Basel. Seit 1999 führt sie die Philosophische Praxis «chora» und arbeitet als Journalistin und Texterin. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Geschlechterforschung, Sexualität und Beziehungen.

Dieser Artikel ist zuerst unter dem Titel «Im Darkroom der exklusiven Liebe» in der TagesWoche erschienen – Abdruck mit freundlicher Genehmigung

© 2012, 2015 Dominique Zimmermann

Revision der Psychologie

Das Erbe eines halben Jahrhunderts Bewusstseinsforschung
Von Stanislav Grof

Aufgrund meiner Beschäftigung mit aussergewöhnlichen Bewusstseinszuständen, die ich «holotrop» nenne und mit denen ich nun schon mehr als fünfzig Jahren arbeite, schlage ich eine grundlegende Revision der Prämissen der modernen Psychiatrie, Psychologie und Psychotherapie vor. Diese betreffen die Natur des Bewusstseins, dessen Beziehung zur Materie, die Dimensionen der menschlichen Psyche, die Struktur der emotionalen und psychosomatischen Störungen sowie bestimmte Strategien der Psychotherapie. Aus meiner Sicht scheint Spiritualität ein wesentliches Attribut der menschlichen Psyche und der menschlichen Existenz im Allgemeinen zu sein. Eine besondere Bedeutung für die Bewusstseinsforschung – wichtig und dennoch umstritten, und hier auch nur sehr oberflächlich behandelt – kommt dabei auch der archetypischen Psychologie und der Astrologie zu.

Moderne Bewusstseinsforschung und die Entstehung eines neuen Paradigmas

Im Jahr 1962 veröffentlichte Thomas Kuhn, einer der einflussreichsten Philosophen des 20. Jahrhunderts, sein bahnbrechendes Buch Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen (Kuhn 1967). Nach fünfzehn Jahren intensiven Studiums der Geschichte der Wissenschaft ist er zu dem Schluss gekommen, dass die Entwicklung des Wissens über das Universum in verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen sich nicht, wie gewöhnlich angenommen wird, als Prozess einer allmählichen Anhäufung von Daten sowie der Formulierung immer genauerer Theorien vollzieht. Stattdessen zeigt diese Entwicklung eine eindeutig zyklische Eigenschaft mit genauen Abstufungen und einer charakteristischen Dynamik, die erkannt und sogar vorhergesagt werden kann.
Die zentrale Idee von Kuhns Theorie ist das Konzept des Paradigmas. Ein Paradigma kann als eine Konstellation von Überzeugungen, Werten und Techniken definiert werden, die von Mitgliedern der Wissenschaftsgemeinde einer bestimmten historischen Periode geteilt werden. Ein Paradigma regelt deren Denk- und Forschungsaktivitäten, bis einige der Grundannahmen durch neue Beobachtungen ernsthaft in Frage gestellt werden. Dies führt zu einem Wendepunkt und zur Entstehung völlig neuer Sichtweisen und Interpretationen von Phänomenen, die das alte Paradigma nicht erklären kann. Schliesslich erfüllt einer dieser neuen Denkansätze die notwendigen Anforderungen für ein neues Paradigma, das wiederum die nächste Periode der Geschichte der Wissenschaft dominiert.
Die bekanntesten historischen Beispiele wichtiger Paradigmenwechsel waren der Ersatz des ptolemäischen geozentrischen Weltbildes durch das heliozentrische System von Kopernikus, Kepler und Galileo, die Widerlegung von Bechers Phlogistontheorie in der Chemie durch Lavoisier und Daltons Atomtheorie. Auch die konzeptionellen Umwälzungen in der Physik in den ersten drei Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts, die die Hegemonie der Newtonschen Physik aufbrachen und Theorien der Relativität und der Quantenphysik hervorbrachten, gehören dazu. Paradigmenwechsel überraschen üblicherweise die etablierten Forschungsgemeinden, deren Mitglieder meist die führenden Paradigmen für die einzige definitive Beschreibung der Wirklichkeit halten. So stellte im Jahr 1900, kurz vor der Entdeckung der Quantenphysik Lord Kelvin fest: «In der Physik gibt es nichts Neues mehr zu entdecken. Was zu tun bleibt, ist lediglich genauere Messungen vorzunehmen.»
In den letzten fünf Jahrzehnten haben verschiedene Gebiete der modernen Bewusstseinsforschung eine reiche Palette an «anomalen Phänomenen» entdeckt – Erfahrungen und Beobachtungen, die viele der allgemein anerkannten Annahmen der modernen Psychiatrie, Psychologie und Psychotherapie untergraben haben. Diese Befunde beziehen sich auf die Beschaffenheit und die Dimensionen der menschlichen Psyche, die Ursprünge emotionaler und psychosomatischer Störungen sowie wirksame therapeutische Behandlungen. Viele dieser Beobachtungen stellen in ihrer Radikalität die metaphysischen Prämissen der materialistischen Wissenschaft, was die Beziehung zwischen Bewusstsein und Materie sowie die Beschaffenheit des Menschen und der Realität angeht in Frage.

Holotrope Bewusstseinszustände 

Seit mehr als einem halben Jahrhundert befasse ich mich mit der Erforschung einer wichtigen Untergruppe aussergewöhnlicher Bewusstseinszustände, für die ich den Begriff holotrop geprägt habe. Diese Erkenntnisse stellen eine grosse Herausforderung für die bestehenden wissenschaftlichen Paradigmen dar. Zuvor möchte ich aber den Begriff holotrop erklären, den ich hier verwenden werde. All die Jahre war es mein Hauptinteresse, das heilende, transformative und evolutionäre Potenzial aussergewöhnlicher Bewusstseinszuständen zu erforschen und ihren grossen Wert als Quelle für neue revolutionäre Erkenntnisse über das Bewusstsein, die menschliche Psyche und die Beschaffenheit der Realität herauszuarbeiten.
Von diesem Gesichtspunkt aus ist der Begriff «veränderte Bewusstseinszustände» (altered states of consciousness, Tart 1969), der häufig von Schulmedizinern und Forschern verwendet wird, nicht geeignet, da er auf einseitige Weise den Akzent legt auf eine Verzerrung oder eine Beeinträchtigung einer sogenannten «richtige Art und Weise», sich selbst und die Welt zu erleben. (In der amerikanischen Umgangssprache und im veterinären Jargon bedeutet der Begriff «to alter» die Kastration von Haustieren, wie Hunde und Katzen).
Selbst die etwas bessere Bezeichnung «aussergewöhnliche Bewusstseinszustände» ist zu allgemein, da hier ein breites Spektrum von Bedingungen einbezogen wird, die für den Gegenstand dieser Abhandlung nicht relevant sind. Dazu gehören gewöhnliche Delirien, die durch Infektionen, Tumore, Missbrauch von Alkohol oder Kreislaufproblemen und degenerativen Erkrankungen des Gehirns verursacht werden. Diese Veränderungen des Bewusstseins sind mit Desorientierung, Beeinträchtigung der intellektuellen Funktionen und anschliessender Amnesie verbunden. Sie sind klinisch wichtig, haben aber kein therapeutisches und heuristisches Potenzial.
Der Begriff holotrop bezieht sich auf eine grosse Untergruppe aussergewöhnlicher Bewusstseinszustände, die von grosser theoretischer und praktischer Bedeutung sind. Es sind die Zustände, die die Novizen der Schamanen während ihrer initiatorischen Krisen erfahren und später im Leben in ihren Klienten zu therapeutischen Zwecken hervorrufen. Alte Stammeskulturen und indigene Gesellschaften haben sich dieser Zustände seit Jahrtausenden in Übergangsriten und Heilzeremonien bedient. Sie wurden von Mystikern aller Zeiten und Eingeweihten in den alten Mysterien von Tod und Wiedergeburt beschrieben. Methoden zur Herbeiführung holotroper Zustände wurden im Rahmen der grossen Weltreligionen entwickelt und angewendet – im Hinduismus, Buddhismus, Jainismus, Taoismus, Islam, Judentum, Zoroastrismus und im Christentum.
Die Bedeutung holotroper Zustände für alte und indigene Kulturen zeigt sich im Umfang der Zeit und Energie, die ihre Mitglieder der Entwicklung von «Technologien des Heiligen» widmeten, verschiedene Methoden um solche Zustände für rituelle und spirituelle Zwecke hervorzurufen. Diese kombinieren in unterschiedlicher Weise Trommeln und andere Schlaginstrumente , Musik, Gesang, rhythmischer Tanz, Veränderungen des Atemrhythmus und besondere Formen der Aufmerksamkeit. Soziale und sensorische Isolation über längere Zeit in einer Höhle, in der Wüste, im Eis der Arktis oder im Hochgebirge spielen eine wichtige Rolle, um holotrope Zustände zu erzeugen. Ebenso extreme körperliche Herausforderungen wie Fasten, Schlafentzug, Dehydration, hochwirksame Abführmittel, ja sogar Zufügung von Schmerzen, Verstümmelung des Körpers und Aderlass. Das weitaus wirksamste Instrument, heilende und transformative aussergewöhnliche Bewusstseinszustände hervorzurufen, ist der rituelle Gebrauch psychedelischer Pflanzen.
Als ich mir über die Einzigartigkeit dieser Bewusstseinszustände klar wurde, konnte ich kaum glauben, dass die heutige Psychiatrie keine spezifische Kategorie und Bezeichnung für diese theoretisch und praktisch wichtigen Erfahrungen hat. Weil ich überzeugt war, dass sie von den sogenannten veränderten Bewusstseinszuständen unterschieden und nicht als Anzeichen ernsthafter Geisteskrankheiten betrachtet werden sollten, habe ich für sie einen speziellen Namen geprägt: ich nannte sie holotrop. Dieser zusammengesetzte Terminus bedeutet wörtlich «auf Ganzheit ausgerichtet» oder «sich in Richtung Ganzheit bewegen» (aus dem Griechischen holos = ganz und trepo/trepein = sich an etwas orientieren oder sich in die Richtung von etwas bewegen). Das Wort holotrop ist ein Neologismus, es ist aber mit dem häufig verwendeten Begriff «Heliotropismus» verwandt – die Eigenschaft von Pflanzen, sich immer in der Richtung der Sonne zu bewegen.
Der Name holotrop beinhaltet eine Botschaft, die im Westen einen normalen Menschen überraschen könnte: in unserem Alltagsbewusstseinszustand erfassen wir nur einen kleinen Bruchteil dessen, wer wir wirklich sind und erleben nicht die volle Dimension unseres Seins. Holotrope Bewusstseinszustände haben das Potenzial, uns zu zeigen, dass wir nicht «hautumhüllte Egos» sind, wie es der britische Philosoph und Autor Alan Watts charakterisierte (Watts 1961), sondern dass wir in letzter Instanz dem kosmischen schöpferischen Prinzip entsprechen. Oder, um die Aussage von Pierre Teilhard de Chardin, dem französischen Paläontologen und Philosophen, zu verwenden: «Wir sind nicht menschliche Wesen, die spirituelle Erfahrungen haben, sondern spirituelle Wesen, die menschliche Erfahrungen haben» (Teilhard de Chardin 1975).
Diese erstaunliche Vorstellung ist nicht neu. In den alten indischen Upanishaden lautet die Antwort auf die Frage: «Wer bin ich?», «Tat tvam asi». Dieser knappe Satz in Sanskrit bedeutet wörtlich: «Du bist Das», wobei «Das» sich auf die Gottheit bezieht. Dies heisst, dass wir nicht «namarupa», Name und Form (Körper / Ego) sind, sondern dass unsere tiefste Identität mit einem Funken göttlicher Energie in unserem innersten Wesen (Atman) versehen ist. Atman wiederum ist identisch mit dem höchsten universellen Prinzip (Brahman), das für die Schöpfung des Kosmos verantwortlich ist. Der Hinduismus ist nicht die einzige Religion, die dies entdeckt hat.
Diese Offenbarung – die Identität des Individuums mit dem Göttlichen – ist das höchste Geheimnis, das dem mystischen Kern aller grossen spirituellen Traditionen zugrunde liegt. Der Name für dieses Prinzip könnte also das Tao, Buddha, Shiva (des Kaschmir Shivaismus), kosmischer Christus, Allah, Pleroma, der Grosse Geist und viele andere heissen. Holotrope Erfahrungen haben das Potenzial, uns zu helfen, unsere wahre Identität und unseren kosmischen Status zu entdecken (Grof 1998). Manchmal geschieht dies in kleinen Schritten, ein anderes Mal in der Form von grossen Durchbrüchen.

Holotrope Bewusstseinszustände und moderne Psychiatrie

Psychedelische Forschung und die Entwicklung intensiver Erfahrungstechniken in der Psychotherapie in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts brachten die holotropen Zustände aus der Welt der Heiler aus alten schriftlosen Kulturen in die moderne Psychiatrie und Psychotherapie. Therapeuten, die offen waren für diese Zustände und sie in ihrer Praxis nutzten, konnten ihre aussergewöhnliche Heilkraft bestätigen. Sie entdeckten auch ihren Wert als Goldgruben neuer revolutionärer Informationen über das Bewusstsein, die menschliche Psyche und die Beschaffenheit der Wirklichkeit.
Ich entdeckte die bemerkenswerten Eigenschaften der holotropen Zustände 1956, als ich als angehender Psychiater freiwillig an einem Experiment mit LSD-25 teilnahm. Während diesem Experiment , in dem die pharmakologische Wirkung von LSD mit dem Effekt eines starken Stroboskops («Treiben» oder «Training» der Gehirnwellen genannt) kombiniert wurde, hatte ich eine überwältigende Erfahrung kosmischen Bewusstseins (Grof 2006).
Zwischen der dritten und vierten Stunde meiner Sitzung, als meine LSD-Erfahrung ihrem Höhepunkt zusteuerte, erschien die wissenschaftliche Mitarbeiterin meines Versuchsleiters George Roubíček und verkündete, dass es Zeit für ein EEG war. Sie führte mich in eine kleine Kabine, fixierte sorgfältig die Elektroden auf meiner Kopfhaut und bat mich, mich hinzulegen und die Augen zu schliessen. Dann platzierte sie eine riesige Stroboskoplampe über meinen Kopf und schaltete sie ein.
Ich wurde von einer Vision von Licht unglaublicher Stärke und übernatürlicher Schönheit erfasst. Es erinnerte mich an die Schilderungen mystischer Erfahrungen, die ich in Büchern über Spiritualität gelesen hatte. Die Visionen des göttlichen Lichts werd en mit dem Glühen von «Millionen von Sonnen» verglichen. Es fiel mir auch ein, dass es wohl so im Epizentrum der atomaren Explosionen in Hiroshima oder Nagasaki ausgesehen haben musste. Heute denke ich, es war höchstwahrscheinlich Dharmakaya oder das «Primäre klare Licht», die Leuchtkraft von unbeschreiblicher Brillanz, die uns gemäss dem Tibetischen Totenbuch im Augenblick unseres Todes erscheint. Ich fühlte, dass ein göttlicher Blitz mein bewusstes Selbst aus meinem Körper katapultierte. Ich vergass die Forschungsassistentin, das Labor, die psychiatrische Klinik, Prag und dann unseren Planeten. Mein Bewusstsein erweiterte sich mit unvorstellbarer Geschwindigkeit und erreichte kosmische Dimensionen. Es gab keine Grenzen mehr oder Unterschiede zwischen mir und dem Universum. Die Forschungsassistentin folgte sorgfältig dem Protokoll. Sie begann mit der Frequenz von 2 Hertz (Frequenzen per Sekunde), erhöhte sie allmählich auf 60 Hertz und wieder zurück. Sie setzte dann die Frequenz für eine gewisse Zeit in die Mitte der Alpha-, dann der Theta- und schliesslich der Delta-Bandbreite.
Während dieser Zeit fand ich mich inmitten eines kosmischen Dramas unvorstellbaren Ausmasses. Ich war Zeuge galaktischer Vorgänge, für die ich damals keine Namen hatte. In der astronomischen Literatur, die ich später entdeckt habe, fand ich Phänomene wie Urknall, schwarze und weisse Löcher, Wurmlöcher, explodierende Supernovas, kollabierende Sterne und ähnliches mehr. Diese Begriffe schienen die fantastischen Erfahrungen zu beschreiben, die ich während dieser aussergewöhnlichen LSD-Sitzung erfahren habe.
Als die Stroboskoplampe ausgeschaltet wurde, begann mein Universum wieder zu schrumpfen, ich fand zurück auf unseren Planeten, nach Prag, in die Klinik und zuletzt auch in meinen Körper. Mein Bewusstsein schwebte um meinen Körper herum, und ich hatte zuerst Schwierigkeiten, beide wieder in Einklang zu bringen. Mir war klar, dass das, was ich in der medizinischen Fakultät gelernt hatte – dass das Bewusstsein ein Produkt der physiologischen Vorgänge in dem Gehirn sei – nicht wahr sein konnte. Ich war überzeugt, dass das Bewusstsein ein kosmisches Phänomen ist, ein integraler Bestandteil der Existenz, und dass das Gehirn Bewusstsein vermittelt und nicht produziert.
Ich hatte keine Zweifel, dass meine Erfahrung denjenigen sehr ähnlich war, wie sie in den grossen mystischen Schriften beschrieben wurden. Auch wenn meine Psyche von den Auswirkungen des LSD beeinträchtigt war, konnte ich die Ironie und das Paradoxe der Situation erkennen. Das Göttliche manifestierte sich und überwältigte mich inmitten eines seriösen wissenschaftlichen Experiments, ausgelöst durch einen Stoff, den ein Schweizer Chemiker des 20. Jahrhunderts im Reagenzglas produziert hatte, in der psychiatrischen Klinik eines Landes, das von der Sowjetunion und einem marxistischen Regime dominiert wurde. Dieser Tag markierte den Beginn meiner radikalen Abkehr vom traditionellen Denken in der Psychiatrie und dem monistischen Materialismus der westlichen Wissenschaft.
Diese erste LSD-Erfahrung inspirierte mein lebenslanges Interesse an holotropen Zuständen. Die Forschung in diesem Bereich wurde für mich zur Leidenschaft, zum Beruf und zur Berufung. Seither widmete ich die meisten meiner klinischen und wissenschaftlichen Aktivitäten der systematischen Erforschung des therapeutischen, transformativen, heuristischen und evolutionären Potenzials holotrope Zustände. Das halbe Jahrhundert, in dem ich Bewusstseinsforschung betrieben habe, wurde für mich zum aussergewöhnlichen Forschungsabenteuer und zur Entdeckungsreise meiner Selbst.
Die ersten paar Jahrzehnte führte ich Psychotherapie mit psychedelischen Substanzen durch, zuerst am Psychiatrischen Forschungsinstitut in Prag, dann am Maryland Psychiatric Research Center in Baltimore, wo ich am letzten Programm psychedelischer Forschung in den USA teilgenommen habe. Seit 1975 arbeiten meine Frau Christina und ich mit dem Holotropen Atmen, einer effizienten Therapie- und Selbsterforschung-Methode, die wir gemeinsam am Esalen Institute im kalifornischen Big Sur entwickelt hatten. Im Laufe der Jahre haben wir auch viele Menschen unterstützt, die spontane Schübe holotroper Bewusstseinszustände erlebten – psychospirituelle Krisen oder «spirituelle Notfälle», wie Christina und ich sie nennen (Grof und Grof 1989, Grof und Grof 1991).
In der psychedelischen Therapie werden holotrope Zustände durch Verabreichung psychoaktiver Substanzen wie LSD, Psilocybin, Meskalin, und Tryptamin- oder Amphetamin-Derivate hervorgerufen. Bei der holotropen Atemarbeit wird das Bewusstsein durch eine Kombination aus beschleunigtem Atmen, aufrüttelnder Musik und Energie freisetzender Körperarbeit verändert. Bei «spirituellen Krisen» treten holotrope Zustände spontan auf, oft mitten im Alltag, und ihre Ursache ist meist unbekannt. Wenn sie richtig verstanden und unterstützt werden, haben diese Momente ein aussergewöhnliches heilendes, transformatives, heuristisches und sogar evolutionäres Potenzial.
Ich habe auch an vielen Disziplinen mitgewirkt, die mehr oder weniger direkt mit holotropen Bewusstseinszuständen verwandt sind. Ich habe mich immer wieder mit Anthropologen ausgetauscht, die indigene Kulturen studierten, und an heiligen Zeremonien von Stammeskulturen in verschiedenen Teilen der Welt teilgenommen, mit und ohne Einnahme psychedelischer Pflanzen wie Peyote, Ayahuasca und psilocybinhaltiger Pilze. Ich hatte auch intensiven Kontakt und war freundschaftlich verbunden mit nordamerikanischen, mexikanischen, südamerikanischen und afrikanischen Schamanen und Heilern, wie auch mit Vertretern verschiedener spiritueller Disziplinen, darunter Vipassana, Zen- und Vajrayana-Buddhismus, Siddha-Yoga, Tantra und des christlichen Benediktinerordens.
Mit grossem Interesse habe ich die Entwicklung der Thanatologie verfolgt, der jungen Disziplin, die Nahtod-Erfahrungen und die psychologischen und spirituellen Aspekte von Tod und Sterben erforscht. In den späten 1960er- und frühen 1970er-Jahren beteiligte ich mich an einem grossen Forschungsprojekt, bei dem die Wirkung der psychedelischen Therapie auf terminale Krebspatienten untersucht wurde. Ich habe das Privileg, einige der grossen Hellseher und Parapsychologen unserer Zeit persönlich zu kennen und konnte miterleben, wie auch im Labor tätige Pioniere der Bewusstseinsforschung und Therapeuten Formen einer erfahrungsorientierten Therapie entwickelt und praktiziert haben, die holotrope Bewusstseinszustände hervorrufen.
Meine erste Begegnung mit holotropen Zuständen war sehr schwierig und herausfordernd, sowohl intellektuell wie auch emotional. In den frühen Jahren meiner klinischen psychedelischen Forschung und derjenigen im Labor wurde ich täglich mit Erfahrungen und Beobachtungen konfrontiert, für die mich meine medizinische und psychiatrische Ausbildung nicht vorbereitet hatte. Tatsächlich erlebte und beobachtete ich Ereignisse, die gemäss meiner medizinischen Ausbildung und dem materialistischen wissenschaftlichen Weltbild im Prinzip unmöglich waren und nicht hätten passieren können. Und doch passierten solche vermeintlich unmöglichen Dinge immer wieder. Ich habe diese «anomalen Phänomene» in meinen Artikeln und Büchern beschrieben (Grof 2000, 2006).

Psychologie der Zukunft

In den späten 1990er-Jahren erhielt ich einen Anruf von Jane Bunker, meiner Lektorin bei der State University New York (SUNY) Press, die viele meiner Bücher veröffentlicht hatte. Sie fragte mich, ob ich Interesse hätte, ein Buch zu schreiben, das die Beobachtungen aus meiner Forschung in einem Band zusammenfassen würde und als Einleitung zu meinen bereits veröffentlichten Büchern dienen könnte. Jane fragte auch, ob ich mich speziell auf die Erfahrungen und Beobachtungen meiner Forschung konzentrieren könnte, die die zeitgenössischen wissenschaftlichen Theorien nicht zu erklären und deuten imstande waren. Sie wollte auch, dass ich die Überprüfung unseres Denkens darlegte, die notwendig wäre, um diese revolutionären Befunde zu erklären. Dies war eine grosse Herausforderung, aber auch eine grosse Chance. Mein 70. Geburtstag näherte sich und eine neue Generation praktizierte und lehrte Holotropes Atmen in verschiedenen Ländern der Welt. Wir brauchten ein Lehrbuch für diese Trainingsmodule, dies war ein Angebot, dieses nun zu verfassen.
Das Ergebnis dieses Austauschs war ein Buch mit dem absichtlich provokativen Titel Die Psychologie der Zukunft. Die radikalen Änderungen in unserem Verständnis von Bewusstsein und der menschlichen Psyche, von Gesundheit und Krankheit, die ich in dieser Arbeit vorgeschlagen habe, lassen sich in folgende Kategorien fassen:

1. Die Natur des Bewusstseins und ihre Beziehung zur Materie
2. Eine neue Kartografie der menschlichen Psyche
3. Strukturen emotionaler und psychosomatischer Störungen
4. Wirksame therapeutische Mechanismen
5. Strategien für Psychotherapie und Selbstentdeckung
6. Die Rolle der Spiritualität in unserem Leben
7. Die Bedeutung der archetypischen Astrologie für die Psychologie

Solange wir unser Denken in diesen Gebieten nicht ändern, wird unser Verständnis psychogener, emotionaler und psychosomatischer Erkrankungen und deren Therapie oberflächlich, unbefriedigend und unvollständig bleiben. Psychiatrie und Psychologie werden nicht in der Lage sein, die Natur der Spiritualität und den Ursprung der Religionen zu begreifen und die wichtige Rolle zu würdigen, die die Spiritualität in der menschlichen Psyche und in der universalen Ordnung spielt. Diese Überprüfungen sind daher unerlässlich für das Verständnis der rituellen, spirituellen und religiösen Geschichte der Menschheit – des Schamanismus, der Übergangsriten alter Stammeskulturen, der antiken Mysterien von Tod und Wiedergeburt und der grossen Religionen der Welt. Ohne dieses radikale neue Denken werden potenziell heilende und heuristisch wertvolle Erfahrungen («spirituelle Krisen») fälschlicherweise als psychotische Schübe eingestuft und durch suppressive Medikamente behandelt und abgeschwächt.
Eine grosse Anzahl an Erfahrungen und Beobachtungen aus der Erforschung holotroper Zustände werden rätselhaft bleiben. Sie werden als «anomale Phänomene» bezeichnet, als Erscheinungen, die gemäss den gegenwärtigen wissenschaftlichen Paradigmen nicht auftreten sollten. Psychiater werden es schwer haben, die Heilkraft der psychedelischen Substanzen zu verstehen und zu akzeptieren, da sie tiefe Erfahrungen vermitteln, die derzeit als psychotisch betrachtet werden – wie die Fachbegriffe zeigen, die in der Psychiatrie dafür verwendet werden: experimentelle Psychosen, Psychotomimetika oder Halluzinogene. Hier spiegelt sich die Unfähigkeit wider, die wahre Natur der holotropen Erfahrungen als authentischen Ausdruck der tiefen Dynamik der Psyche zu erkennen.
Im Hinblick auf meinen eigenen anfänglichen Widerstand gegen die verwirrenden Erfahrungen und Beobachtungen aus der Erforschung holotroper Zustände sowie der Phänomene, die mit ihnen verbunden sind (wie z.B. erstaunliche Synchronizitäten), überrascht mich dennoch nicht, wenn meine Vorschläge auf grossen Widerstand in der akademischen Gemeinschaft stossen. Dies ist verständlich, wenn man die Reichweite und radikale Art der erforderlichen konzeptionellen Änderungen in Betracht zieht. Viele herkömmlich agierende Forscher und Therapeuten neigen dazu, «Karte und Gebiet» zu verwechseln und sehen offizielle Theorien über das Bewusstsein und die menschliche Psyche im Hinblick auf Gesundheit und Krankheit als eine genaue Beschreibung der Realität an (Bateson 1972).
Wir reden hier aber nicht über kleine, unbedeutende Veränderungen, also Flickwerk, ad hoc Hypothesen, sondern über eine grundlegende Überprüfung. Die daraus resultierende konzeptionelle Umwälzung scheint mir in seiner Art und seinem Umfang mit jener Revolution vergleichbar zu sein, die die Physiker in den ersten drei Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts erlebten, als sie sich gezwungenermassen von der Newtonschen zur quanten-relativistischen Physik hin orientierten. In der Tat würden die konzeptuellen Veränderungen, die ich vorschlage, eine logische Ergänzung darstellen zu jenen radikalen Veränderungen in unserem Verständnis der materiellen Welt, wie sie bereits in der Physik stattgefunden hat.
Die Geschichte der Wissenschaft ist reich an Beispielen von Personen, die das vorherrschende Paradigma in Frage gestellt haben. Typischerweise wurden ihre Ideen zuerst als Produkte von Unwissenheit, schlechtem Urteilsvermögen, unprofessioneller Forschung, Betrug oder sogar Wahnsinn abqualifiziert. Ich befinde mich jetzt im neunten Jahrzehnt meines Lebens, in einem Alter, in dem viele Forscher oft versuchen, ihre berufliche Karriere Revue passieren zu lassen und Schlüsse über das Erreichte zu ziehen. Während mehr als einem halben Jahrhundert Erforschung holotroper Bewusstseinszustände – meiner eigenen, wie auch vieler meiner transpersonal-orientierten Kollegen – haben sich viele evidenzgestützte Daten für ein radikal neues Verständnis des Bewusstseins und der menschlichen Psyche angesammelt. Das hat mich ermutigt, diese neue Vision in ihrer Gesamtheit zu beschreiben, vollkommen bewusst ihrer kontroversen Natur und ihrer Brisanz. Die Tatsache, dass die neuen Erkenntnisse die grundlegendsten metaphysischen Annahmen der materialistischen Wissenschaft herausfordern, sollte kein ausreichender Grund für ihre Ablehnung sein. Ob meine Vision letztlich widerlegt oder akzeptiert wird, sollte durch unvoreingenommene zukünftige Forschung holotroper Zustände bestimmt werden.

1. Die Natur des Bewusstseins und ihre Beziehung zur Materie 

Gemäss dem derzeitigen wissenschaftlichen Weltbild ist das Bewusstsein ein Epiphänomen materieller Prozesse; es entsteht angeblich aus der Komplexität der neurophysiologischen Vorgänge im Gehirn. Diese These wird mit grosser Entschiedenheit als eine offensichtliche Tatsache präsentiert, die ohne jeden Zweifel bewiesen wurde. Aber bei genauerem Hinsehen entdecken wir, dass es eine grundlegende metaphysische Annahme ist, die nicht durch Fakten untermauert ist und tatsächlich im Widerspruch zu den Erkenntnissen der modernen Bewusstseinsforschung steht.
Es gibt eine grosse Anzahl klinischer und experimenteller Beweise, die die vielfältigen Korrelationen zwischen der Anatomie, Physiologie und Biochemie des Gehirns und den Bewusstseinszuständen zeigen. Jedoch keiner dieser Befunde beweist eindeutig, dass Bewusstsein tatsächlich im Gehirn seinen Ursprung hat, also vom Gehirn erzeugt wird. Auch anspruchsvolle Theorien, die auf differenzierter Erforschung des Gehirns basieren – wie Stuart Hameroffs Vorschlag, dass in Zukunft die Lösung des Ursprungs des Bewusstseins von dem Verständnis der Quanten-Prozesse in den Mikrotubuli der Gehirnzellen auf der molekularen und supramolekularen Ebene zu finden sein wird (Hameroff 1987) – sind nicht in der Lage die enorme Kluft zwischen Materie und Bewusstsein zu überbrücken und zu erklären wie materielle Prozesse das Bewusstsein erzeugen könnten.
Die zeitgenössische wissenschaftliche Gemeinschaft sieht den Ursprung des Bewusstseins aus Materie als eine offensichtliche, selbstverständliche und solide bewiesene Tatsache an. In der Tat ist es aber nicht mehr als die metaphysische Prämisse eines monistischen Materialismus – der dominanten Philosophie der industriellen Gesellschaft – was die Priorität der Materie im Universum betrifft. In der gesamten Geschichte der Wissenschaft hat noch niemand eine plausible Erklärung angeboten, wie materielle Prozesse das Bewusstsein hervorbringen könnten oder zumindest eine tragfähige Hypothese formuliert. Nehmen wir zum Beispiel das Buch von Francis Crick, Die erstaunliche Hypothese: die wissenschaftliche Suche nach der Seele(Crick 1994). Das Cover des Buches verhiess etwas sehr Spannendes: «Nobelpreisträger erklärt das Bewusstsein».
Cricks «erstaunliche Hypothese» wurde kurz und bündig auf den ersten Seiten des Buches zusammengefasst: «Du, deine Freude und Leiden, deine Erinnerungen und deine Ambitionen, dein Sinn für persönliche Identität und deinen freien Willen, sind in der Tat nicht mehr als das Verhalten einer riesigen Ansammlung von Nervenzellen in deinem Gehirn und den damit verbundenen Molekülen. Wer du bist, ist nichts anderes als ein Bündel von Neuronen.» Am Anfang des Buches – «um das Problem des Bewusstseins zu vereinfachen» –, begrenzt Crick den Brennpunkt seiner Aufmerksamkeit auf den Vorgang der optischen Wahrnehmung. Er präsentiert beeindruckende experimentelle Beweise dafür, dass die visuelle Wahrnehmung mit den verschiedenen physiologischen, biochemischen, und elektrischen Prozessen im optischen System verbunden ist – von der Netzhaut durch den optischen Trakt zur subokzipitalen Hirnrinde. Dort endet auch schon die Diskussion, als ob das Problem des Ursprungs des Bewusstseins zufriedenstellend gelöst worden sei.
In Wirklichkeit sind war da, wo das Problem beginnt. Was genau ist es, das die biochemischen und elektrischen Prozesse im Gehirn in eine bewusste Erfahrung einer angemessenen Nachbildung des Objekts, das wir beobachten, umzuwandeln vermag, in Farbe, und es in den dreidimensionalen Raum projiziert? Das enorme Problem der Beziehung zwischen Phänomena – den Dingen, wie sie uns erscheinen – und der Noumena – den Dingen, wie sie wirklich sind (Dinge an sich), wurde vom deutschen Philosophen Immanuel Kant (Kant 1999) deutlich artikuliert. Wissenschaftler konzentrieren ihre Bemühungen oft auf den Aspekt des Problems, wo sie Antworten zu finden glauben, also auf die materiellen Prozesse im Gehirn. Das viel rätselhaftere und mysteriösere Problem – wie die materiellen Prozesse im Gehirn Bewusstsein erzeugen können – erhält hingegen keine Aufmerksamkeit, weil man es nicht versteht und nicht lösen kann.
Gemäss Gregory Bateson, einem der originellsten Denker des 20. Jahrhunderts – einem Generalisten, der in seiner Arbeit Anthropologie, Psychologie, Genetik und Kybernetik miteinander in Verbindung brachte –, wetten die Psychiater und Psychologen auf das falsche Pferd, wenn sie das Rätsel des Bewusstseins durch das Studium des Gehirns zu lösen versuchen. Der Schlüssel zum Verständnis unseres Bewusstseins ist Information, nicht das System, das sie überträgt. Solche Bemühungen kann man mit Versuchen vergleichen, die Funktionsweise eines Telefongesprächs verstehen zu wollen, indem man alles über die Drähte in Erfahrung bringt, die diese Information tragen.
Die Einstellung der westlichen Wissenschaft zu diesem Problem ähnelt dem Benehmen des weisen Narren Mulla Nasruddin in der berühmten Sufi-Geschichte. In einer dunklen Nacht kriecht Mulla Nasrudin, auf seinen Knien unter einer Strassenlaterne herum. Sein Nachbar sieht ihn und fragt: «Nasruddin, was machst du? Suchst du etwas. Hast du was verloren?» Nasruddin antwortet, dass er seinen verlorenen Schlüssel sucht und der Nachbar bietet ihm seine Hilfe an. Nach einiger Zeit erfolgloser gemeinsamer Anstrengung wird der Nachbar unsicher und fragt: «Ich sehe nichts. Bist du sicher, dass du deinen Schlüssel hier verloren hast?» Nasruddin schüttelt den Kopf und zeigt mit dem Finger auf den dunklen Bereich ausserhalb des von der Lampe beleuchteten Kreises und antwortet: «Nein, nicht hier, dort drüben!» Der Nachbar kann nicht glauben, was er hört, und fragt weiter: «Aber warum suchen wir ihn dann hier und nicht dort?» Nasruddin erklärt: «Hier ist Licht und wir können sehen; dort drüben ist es dunkel, und wir hätten keine Chance.»
Auf die gleiche Weise sind materialistische Wissenschaftler systematisch dem Problem der Entstehung des Bewusstseins ausgewichen, weil dieses Rätsel im Rahmen des vorherrschenden Paradigmas nicht gelöst werden kann. Die Vorstellung, dass das Bewusstsein ein Produkt des Gehirns sei, ist natürlich nicht völlig willkürlich entstanden. Ihre Befürworter beziehen sich auf eine grosse Anzahl spezifischer klinischer Beobachtungen aus der Neurologie, Neurochirurgie und der experimentellen Psychiatrie.
Die Beweise für die enge Wechselwirkung zwischen der Anatomie, Neurophysiologie und der Biochemie des Gehirns und dem Bewusstsein sind unbestreitbar und überwältigend. Problematisch ist nicht die Art der vorgelegten Nachweise, sondern die Schlussfolgerungen, die aus diesen Beobachtungen gezogen werden. In der formalen Logik wird diese Art von Fehlschluss non sequitur genannt –, eine Argumentation deren Schlussfolgerung nicht den Voraussetzungen der Beweisführung folgt. Während die experimentellen Daten deutlich zeigen, dass das Bewusstsein mit den neurophysiologischen und biochemischen Prozessen im Gehirn eng verbunden ist, haben sie wenig Relevanz, was die Beschaffenheit und den Ursprung des Bewusstseins betrifft.
Eine einfache Analogie ist die Beziehung zwischen einem Fernsehgerät und dem Fernsehprogramm. Der Empfang des Programms – die Qualität des Bildes und des Tons – hängt vom reibungslosen Funktionieren des Geräts und seiner Bestandteile ab. Störungen verursachen eindeutige und spezifische Veränderungen der Qualität des Programms. Manche führen zu Verzerrungen von Form, Farbe oder Ton, andere zur Interferenz zwischen den Kanälen usw. Wie der Neurologe, der Veränderungen des Bewusstseins als Merkmale für die Diagnose benutzt, kann ein Fernsehtechniker von der Art der Anomalien schliessen, welche Funktionen und welche Komponenten des Geräts defekt sind. Wenn das Problem erkannt ist, können Reparatur oder Ersatz dieser defekten Teile die Verzerrungen korrigieren.
Da wir die grundlegenden Prinzipien der Fernsehtechnologie kennen, wissen wir, dass das Fernsehgerät das Programm vermittelt und dass es nicht seine Quelle ist. Wir würden lachen, wenn jemand versuchen würde, alle Transistoren, Relais, Schaltkreise, und Kabel des Fernsehers zu untersuchen, um herauszufinden, wie sie die Programme generieren. Selbst wenn wir diese fehlgeleiteten törichten Anstrengungen auf eine molekulare, atomare, oder subatomare Ebene lenken, würden wir trotzdem nicht erfahren, warum zu einem bestimmten Zeitpunkt ein Micky Maus Trickfilm, eine Star Trek Sequenz, das Playboy-Programm oder ein klassischer Hollywood-Streifen auf dem Bildschirm erscheinen. Der enge Zusammenhang zwischen dem Funktionieren des Fernsehgeräts und der Qualität des Programms bedeutet jedoch nicht, dass das Geheimnis des Programms im Apparat selbst zu entdecken ist. Doch dies ist genau die Art von Schlussfolgerung, die die traditionelle materialistische Wissenschaft von vergleichbaren Daten über das Gehirn und seine Beziehung zum Bewusstsein zieht.
Bewiesen ist vielmehr das genaue Gegenteil, nämlich dass unter bestimmten Umständen das Bewusstsein unabhängig vom Gehirn funktionieren kann und dass es imstande ist, Leistungen zu erbringen, die die Fähigkeiten des Gehirns bei weitem übersteigen. Am deutlichsten wird dies durch ausserkörperliche Erfahrungen (AKE) demonstriert, die spontan oder in unterschiedlichen Situationen auftreten können, wie z.B. in schamanischen Trancezuständen, während psychedelischen Sitzungen, bei spirituellen Praktiken, bei Hypnose, erfahrungsorientierter Psychotherapie und besonders bei Nahtod-Erfahrungen (NTE).
In all diesen Situationen kann sich das Bewusstsein vom Körper trennen, seine sensorischen Fähigkeiten beibehalten, und sich frei zu verschiedenen nahen und entfernten Standorten bewegen. Verifizierbare AKE sind besonders interessant, weil eine unabhängige Überprüfung die Wahrnehmung der Umgebung bestätigt. In Nahtod-Situationen können beweisbare AKE auch bei Menschen auftreten, die seit ihrer Geburt aus organischen Gründen blind sind (Ring und Cooper 1999, Ring und Valarino 1998). Viele andere Formen von transpersonalen Phänomenen können genaue Informationen über verschiedene Aspekte des Universums vermitteln, die die betreffenden Personen zuvor nicht gesehen und im Gehirn abgespeichert haben (Grof 2000).
Die materialistischen Wissenschaftler sind nicht imstande, überzeugend zu beweisen, dass das Bewusstsein ein Produkt neurophysiologischer Prozesse im Gehirn ist. Sie können diese Behauptung nur aufrechterhalten, weil sie viele Beobachtungen ignorieren, falsch interpretieren oder sogar verhöhnen, die darauf hinweisen, dass Bewusstsein unabhängig vom Körper und von den physischen Sinnen existieren und funktionieren kann. Die LSD-Forschung, die erfahrungsorientierte Psychotherapie, die Thanatologie, die Parapsychologie, Feldanthropologie und die Arbeit mit spontan auftretenden holotropen Bewusstseinszuständen (spirituellen Krisen) haben dies hinlänglich bewiesen. Alle diese Disziplinen liefern Daten, die deutlich zeigen, dass das menschliche Bewusstsein zu vielen Leistungen fähig ist, die das Gehirn – wie es von materialistischen Wissenschaftlern verstanden wird – nicht erzielen kann. Im Licht dieser Befunde scheint das Bewusstsein ein primärer und weiter nicht reduzierbarer Aspekt der Existenz zu sein – ein Prinzip, das der Materie ebenbürtig oder möglicherweise übergeordnet ist.

2. Eine neue Kartografie der menschlichen Psyche

Die traditionelle Psychiatrie und Psychologie bedient sich eines Modells der menschlichen Psyche, das auf die postnatale Biografie und das Freudsche individuelle Unbewusste beschränkt ist. Nach Freud beginnt unsere psychologische Geschichte nach der Geburt; das neugeborene Kind ist eine tabula rasa, ein unbeschriebenes Blatt. Unsere Psyche wird durch ein Wechselspiel zwischen biologischen Instinkten und Einflüssen bestimmt, die unser Leben prägen seit wir auf die Welt gekommen sind – die Qualität des Stillens und der mütterlichen Pflege, die Erziehung zur Sauberkeit, verschiedene psychosexuelle Traumata, die Entwicklung des Superegos, unsere Reaktion auf die Ödipus- und Elektra-Thematik sowie Konflikte und traumatische Ereignisse im späteren Leben. Gemäss dieser Betrachtungsweise bestimmt unsere postnatale persönliche und zwischenmenschliche Geschichte wer wir sind und wie wir psychologisch funktionieren.
Das Freudsche individuelle Unbewusste ist also im wesentlichen ein Derivat unserer postnatalen Geschichte – ein Depot all dessen, was wir vergessen, als unannehmbar verdrängt und abgelehnt haben. Diese Unterwelt der Psyche (das Es, wie Freud sie nannte), ist ein Reich, das von primitiven Triebkräften dominiert ist. Um die Beziehung zwischen der bewussten Psyche und dem Unbewussten zu beschreiben benutzte Freud sein berühmtes Bild des versunkenen Eisbergs. Was man in diesem Gleichnis für die Gesamtheit der Psyche hielt, war nur ein kleiner Teil davon, wie die Spitze des Eisbergs, der aus dem Wasser ragt. Die Psychoanalyse machte die Entdeckung, dass ein viel grösserer Teil der Psyche, vergleichbar mit dem Teil des Eisbergs unter der Wasseroberfläche, unbewusst ist und unbemerkt von uns, unsere Denkprozesse und Verhaltensweisen beherrscht.
Spätere Beiträge zur dynamischen Psychotherapie haben zu den ätiologischen Faktoren Probleme in der Entwicklung der Objekt-Beziehungen und in der zwischenmenschlichen Dynamik in der Kernfamilie hinzugefügt. Diesen Theorien und der Freudschen Psychoanalyse gemeinsam ist die ausschliessliche Konzentration auf das postnatale Leben (Blanck und Blanck 1974, 1979, Sullivan 1953, Satir 1983, Bateson et al. 1956). Aber die auf die postnatale Biografie beschränkten Modelle erweisen sich als schmerzhaft unzureichend, wenn wir mit holotropen Bewusstseinszuständen arbeiten, mit oder ohne psychedelische Substanzen. Um alle Phänomene zu erfassen, die in diesen Zuständen auftreten, müssen wir unser Verständnis der Dimensionen der menschlichen Psyche drastisch revidieren. Neben der postnatalen biografischen Ebene, die sie mit der traditionellen Psychologie teilt, umfasst die erweiterte Kartographie zwei zusätzliche umfangreiche Bereiche.
Den ersten Bereich können wir als «perinatal» bezeichnen, wegen seiner engen Verbindung mit dem Trauma der biologischen Geburt. Diese Region des Unbewussten enthält die Erinnerungen an all das, was der Fötus in den aufeinanderfolgenden Stufen der Geburt erlebte, einschliesslich aller Emotionen und körperlichen Empfindungen. Diese Erinnerungen bilden vier verschiedene Erfahrungsbündel, von denen jedes sich auf eine der Stufen der Geburt bezieht. Ich habe für sie den Begriff basale perinatale Matrizen (BPM I-IV) geprägt.
BPM I besteht aus Erinnerungen an den fortgeschrittenen pränatalen Zustand unmittelbar vor der Entbindung. BPM II bezieht sich auf die erste Stufe des Geburtsvorganges, wenn die Gebärmutter kontrahiert, aber der Muttermund noch nicht geöffnet ist. BPM III widerspiegelt den Kampf, geboren zu werden, nachdem sich der Gebärmutterhals dilatiert. Und BPM IV enthält die Erinnerung an das Eintreten in die Welt, die Geburt selbst. Der Inhalt dieser Matrizen ist nicht auf fötale Erinnerungen beschränkt; jeder von ihnen repräsentiert auch eine selektive Öffnung in die Bereiche des historischen und archetypischen kollektiven Unbewussten, die Motive ähnlicher Erfahrungsqualitäten enthalten. Detaillierte Beschreibung der Phänomenologie und Dynamik der perinatalen Matrizen können in meinen verschiedenen Publikationen gefunden werden (Grof 1975, 2000).
Die offizielle Position der schulmedizinisch ausgerichteten Psychiatrie ist, dass die biologische Geburt nicht im Gedächtnis aufgezeichnet ist und dass sie kein Psychotrauma darstellt. Der übliche Grund für den Ausschluss der Möglichkeit einer Erinnerung an die Geburt ist, dass die Hirnrinde des Neugeborenen nicht reif genug ist, um das Erleben und die Aufnahme dieses Ereignisses zu vermitteln. Genauer gesagt, die kortikalen Neuronen sind noch nicht «myelinisiert» – vollständig mit einer Biomembran aus einer fetthaltigen Substanz namens Myelin bedeckt. Seltsamerweise findet das gleiche Argument keine Anwendung, wenn es um die Existenz und die Bedeutung von Erinnerungen aus der Zeit des Stillens geht, eines Zeitraums, der unmittelbar der Geburt folgt. Die psychologische Bedeutung der Erfahrungen in der oralen Phase und sogar Erlebnisse der Bindung – des Austausches von Blicken und des physischen Kontakts zwischen Mutter und Kind unmittelbar nach der Geburt – ist allgemein anerkannt von Geburtshelfern, Kinderärzten, und Kinderpsychologen (Klaus, Kennel und Klaus 1995, Kennel und Klaus 1998).
Das Myelinisierungsargument macht keinen Sinn und widerspricht verschiedener evidenzbasierter Daten. Es wurde zum Beispiel festgestellt, dass Gedächtnis in Organismen existiert, die keine Gehirnhirnrinde oder kein Gehirn haben. Im Jahr 2001 erhielt der amerikanische Neurowissenschaftler österreichischer Herkunft, Erik Kandel, den Nobelpreis für seine Forschung der Gedächtnismechanismen der Meeresschnecke Aplysia, eines Organismus, der unvergleichbar primitiver ist als das neugeborene Kind. Die Behauptung, dass der Fötus sich der Geburt nicht bewusst und nicht in der Lage ist, die Erinnerung an dieses Ereignis zu bilden, steht in Konflikt mit den Studien, die zeigen, dass der Fötus schon in der pränatalen Phase sehr empfindlich ist (Tomatis 1991, Whitwell 1999, Mond, Lagercrantz und Kuhl 2010). Die wahrscheinlichste Erklärung dieser auffallenden logischen Widersprüchlichkeit im Denken jener Wissenschaftler liegt in der Verdrängung und innerem Widerstand gegenüber der erschreckenden Erinnerung an die biologische Geburt.
Den zweiten transbiografischen Bereich der neuen Kartografie kann man als «transpersonal» bezeichnen, weil sie eine reiche Palette an Erfahrungen umfasst, in denen das Bewusstsein die Grenzen des Körper/Egos und die üblichen Einschränkungen der linearen Zeit und des dreidimensionalen Raums transzendiert. Dies führt zu erfahrungsorientierter Identifikation mit anderen Menschen, Gruppen von Menschen, anderen Lebewesen und sogar Elementen der anorganischen Welt. Transzendenz der Zeit vermittelt Erfahrungen von Abstammung, Rasse, von kollektiven, phylogenetischen und karmischen Erinnerungen. Eine andere Kategorie der transpersonalen Erfahrungen enthält mythologische Figuren, Bereiche, und Themen. Der Schweizer Psychiater C. G. Jung hat diese Kategorie archetypisch genannt. Dieser Bereich ist besonders interessant, weil er mythologische Motive aller Kulturen und Zeiten umfasst, auch diejenigen, von denen wir vorher kein intellektuelles Wissen hatten (Jung 1959).
In seiner ganzen Reichweite kann sich das individuelle Bewusstsein mit der Weltseele (Anima mundi), dem kosmischem Bewusstsein, dem schöpferischen Prinzip des Universums identifizieren. Die wahrscheinlich tiefste Erfahrung in holotropen Zuständen ist die Identifikation mit dem suprakosmischen und metakosmischen Nichts, der Urleere (Akasha), die sich ihrer selbst bewusst ist. Das Nichts hat eine paradoxe Beschaffenheit; es ist ein Vakuum in dem Sinne, dass sie es bar jeglicher konkreter Formen ist, aber auch ein Plenum, da es die ganze Schöpfung in einer potenziellen Form zu enthalten scheint.
Die Existenz und die Beschaffenheit transpersonaler Erfahrungen unterlaufen so manche Prämissen der materialistischen Wissenschaft. Sie implizieren scheinbar absurde Realitäten und Phänomene wie die Relativität aller physikalischen Grenzen, nonlokale Verbindungen im Universum, Kommunikation durch unbekannte Mittel und Kanäle, Gedächtnis ohne materielles Substrat, Nonlinearität der Zeit oder das Bewusstsein, mit allen lebenden Organismen und sogar anorganischer Materie verbunden zu sein. Viele transpersonale Erfahrungen beinhalten Ereignisse aus dem Mikrokosmos und Makrokosmos, Bereiche, die normalerweise die menschlichen Sinnesorgane ohne spezifische Geräte nicht erreichen können oder von historischen Epochen, wie dem Ursprung des Sonnensystems, der Bildung des Planeten Erde, dem Erscheinen von lebenden Organismen, der Entwicklung des Nervensystems und der Entstehung des Homo sapiens.
Forscher und Therapeuten mit einer monistisch materialistischen Weltanschauung haben keine andere Wahl, als die Existenz und Authentizität transpersonaler Erfahrungen zu leugnen oder sie in die Kategorie der «anomalen Phänomene» zu verbannen. Es sind jedoch ernsthafte Versuche unternommen worden, diese Phänomene in ein wissenschaftliches Rahmenkonzept einzubinden und sie in ein revolutionäres neues Weltbild zu integrieren. In einer intellektuellen tour de force und einer Reihe von Büchern, hat der international bekannte Systemtheoretiker, interdisziplinäre Wissenschaftler und Philosoph Ervin Laszlo, ein breites Spektrum von Disziplinen erforscht, darunter Astrophysik, quanten-relativistische Physik, Biologie und transpersonale Psychologie (Laszlo 1993, 1999, 2003, 2004a, 2004b). Er beschreibt eine Palette paradoxer Beobachtungen und Phänomene, für die diese Disziplinen keine Erklärungen haben. Auf der Basis modernster Wissenschaften des 20. Jahrhunderts hat er eine brillante Lösung für die Anomalien und Paradoxa angeboten, die bis dahin rätselhaft erschienen: die Konnektivitätshypothese. Diese stützt sich hauptsächlich auf das Konzept eines Feldes, das er «Psi-Feld» nannte und neuerdings in «Akasha-Feld» umbenannt hatte (Laszlo 2003, 2004b).
Laszlo beschreibt das Akasha-Feld als ein Subquantum-Feld, das die Quelle aller Schöpfung ist und eine holografische Aufzeichnung aller Ereignisse enthält, die in der Erscheinungswelt passieren. Er setzt dieses Feld mit dem Konzept des «Quantum-Vakuum» (oder besser «Quantum-Plenum») gleich, das der modernen Physik entstammt (Laszlo 2003, 2004ab). Laszlos Konnektivitätshypothese bietet eine wissenschaftliche Erklärung für ansonsten geheimnisvolle transpersonale Erfahrungen, wie die Identifikation mit anderen Menschen, mit anderen Lebewesen oder mit Menschengruppen, die Möglichkeit, sich selbst in verschiedenen historischen Epochen und Ländern zu erleben, inklusive Erinnerungen an frühere Leben, Telepathie, Fernwahrnehmung und andere übersinnliche Fähigkeiten, ausserkörperliche Erfahrungen, Astralprojektion, Erfahrung der suprakosmischen und metakosmischen Leere, usw.
Ein weiterer konzeptueller Bezugsrahmen, um die vielen rätselhaften Eigenschaften transpersonaler Erfahrungen zu erklären ist die Prozessphilosophie des englischen Mathematikers, Logikers und Philosophen Alfred North Whitehead (Whitehead 1978). Whiteheads metaphysisches System ist von besonderem Interesse, weil es nicht von einem grundlegenden metaphysischen Status der Materie ausgeht, sondern den zentralen Fokus auf die Erfahrung oder den Geist legt. Die Prozessphilosophie geht davon aus, dass das Grundelement des Universums nicht aus einer dauerhaften Substanz besteht, sondern ein Moment der Erfahrung, das in seiner Terminologie «aktuelle Gelegenheit» (actual occasion) genannt wird. Das Universum besteht aus unzähligen diskontinuierlichen Ausbrüchen von Erfahrungsaktivitäten auf allen Ebenen der Realität, von subatomaren Teilchen bis hin zur menschlichen Seele. Die Bedeutung von Whiteheads Philosophie für die transpersonale Psychologie und Bewusstseinsforschung wurde in den Schriften von John Buchanan, David Ray Griffin, John Quiring, Leonard Gibson, und Grant Maxwell dargelegt (Buchanan 1994, 2001, 2002 und 2005, Griffin 1989 und 1996, Quiring 1996, Gibson 1998, 2006, 2010 und Maxwell 2011).
Nachdem ich mehr als ein halbes Jahrhundert lang holotrope Bewusstseinszustände erforscht habe, zweifle ich nicht mehr daran, dass es viele transpersonale Erfahrungen gibt, die ontologisch real sind und nicht Produkt metaphysischer Spekulation, individueller Phantasie oder pathologischer Prozesse im Gehirn. Mit dem Begriff «ontologisch real» meine ich eine Kategorie von Erfahrungen, die nicht nur eine subjektive Qualität der Wirklichkeitserfahrung besitzen, sondern auch etwas von der Beschaffenheit oder den wesentlichen Eigenschaften des Seins oder der Existenz zu offenbaren scheinen. Es wäre falsch, alle transpersonalen Erfahrungen als Produkte der Phantasie, primitiven Aberglaubens oder psychischer Krankheit zu verwerfen, wie es so oft getan wurde.
Wer dies versucht zu tun, müsste eine plausible Erklärung dafür bieten, warum solche Erfahrungen immer wieder von Menschen verschiedener Rassen, Kulturen und historischen Epochen gleichermassen beschrieben wurden. Er müsste auch erläutern, warum diese Erfahrungen in der modernen Bevölkerung unter so unterschiedlichen Bedingungen auftreten, wie in Sitzungen mit verschiedenen psychedelischen Substanzen, während erfahrungsorientierter Psychotherapien, bei systematisch angewandter spiritueller Praxis, bei Nahtod-Erfahrungen und im Laufe spontaner Episoden psychospiritueller Krisen. Interessierte Leser finden eine detaillierte Fachdiskussion zur Transpersonalität, einschliesslich Beschreibungen und Beispiele verschiedener Arten solcher Erfahrungen in meinen Publikationen (Grof 1975, 1987 und 2000).
Angesichts dieses erheblich erweiterten Modells der Psyche, könnten wir jetzt Freuds Metapher von der Psyche als einen Eisberg umschreiben. Wir könnten sagen, dass alles, was die Freudsche Psychoanalyse über die menschliche Psyche entdeckt hat, nur die Spitze des Eisbergs darstellt, die aus dem Wasser ragt. Die Erforschung der holotropen Zustände hat es ermöglicht, den riesigen untergetauchten Teil des Eisbergs ans Licht zu bringen, was Freud und seinen Nachfolgern nicht gelang, mit Ausnahme der Renegaten Otto Rank und C. G. Jung. Der berühmte amerikanische Mythenforscher Joseph Campbell, der für seinen scharfen irländischen Humor bekannt war, benutzte eine andere Metapher: «Freud fischte, während er auf einem Wal sass.»

3. Strukturen emotionaler und psychosomatischer Störungen

Um verschiedene emotionale und psychosomatische Störungen, die keinen organischen Ursprung haben («psychogene Psychopathologie») zu erklären, verwenden Psychiater, wie schon mehrfach dargelegt, oft ein oberflächliches Modell der Psyche, das auf die postnatale Biografie und das individuelle Unbewusste beschränkt ist. Diesem Modell entsprechend haben diese Störungen ihren Ursprung in der frühen oder späteren Kindheit und sind durch verschiedene emotionale Traumata und durch eine bestimmte psychische Dynamik in der Herkunftsfamilie verursacht. Es scheint allgemeine Übereinstimmung unter den Schulen der dynamischen Psychotherapie zu bestehen, dass Form, Tiefe und Ernsthaftigkeit dieser Störungen vom Zeitpunkt der ursprünglichen Traumatisierung abhängen.
So ist gemäss der klassischen Psychoanalyse der Ursprung der Schizophrenie, des Alkoholismus, und narkotischer Drogensucht in der passiven oralen Phase der libidinösen Entwicklung zu finden und der Ursprung manisch-depressiver Störungen in der aktiven oralen Phase (nach dem Wachsen der Zähne). Zwanghafte (obsessiv-kompulsive) Pychoneurosen haben ihre Fixierung in der analen Phase, Phobien und Konversionshysterien sind durch Psychotraumata in der phallischen Phase verursacht worden, zum Zeitpunkt des Ödipus- und Elektra-Komplexes, und so weiter (Fenichel 1945). Spätere Entwicklungen in der Psychoanalyse haben einige tiefliegende Störungen – autistische und symbiotische infantile Psychosen, Narzissmus und Borderlinestörungen – mit Störungen in der frühen Entwicklungsstufe der Objekt-Beziehungen verbunden (Blanck und Blanck 1974 und 1979). Wie ich bereits erwähnt habe, gilt dies nicht für Therapeuten aus der Schule von Otto Rank und C. G. Jung, diese siedeln die Wurzeln der emotionalen Störungen tiefer in der Psyche an.
Diese Annahmen basieren auf Beobachtungen von Therapeuten, die vor allem verbal arbeiten. Das Verständnis psychogener Störungen ändert sich radikal, wenn wir mit holotropen Bewusstseinszuständen arbeiten, die Ebenen des Unbewussten erreichen, die in der Regel für Gesprächstherapie unzugänglich sind. In der Anfangsphase entdecken wir dann typischerweise relevantes traumatisches Material aus der Kindheit, das in bedeutungsvoller Verbindung mit den bestehenden emotionalen und psychosomatischen Problemen steht und ihre Quelle zu sein scheint. Aber wenn wir den Prozess der Offenlegung fortsetzen, finden wir zusätzliche Wurzeln derselben Probleme in tieferen Schichten des Unbewussten – auf der perinatalen und transpersonalen Ebene der Psyche.
Verschiedene Formen der Arbeit mit holotropen Zuständen – psychedelische Therapie, holotropes Atmen, Rebirthing und Primärtherapie oder Psychotherapie mit Individuen, die spontane psychospirituelle Krisen erfahren – haben gezeigt, dass emotionale und psychosomatische Probleme nicht bloss als Folgen ausschliesslich postnataler psychotraumatischer Ereignisse erklärt werden können. Meine eigenen Beobachtungen haben gezeigt, dass das damit verbundene unbewusste Material typischerweise mehrstufige dynamische Konstellationen bildet, für die ich den Terminus «Systeme kondensierter Erfahrung» oder «COEX-Systeme» geprägt habe (Grof 1975, 2000).
Ein typisches COEX-System besteht aus vielen Schichten unbewusster Erinnerungen und Erfahrungen, die mit ähnlichen Gefühlen oder körperlichen Empfindungen verbunden sind; die Bestandteile eines COEX-Systems entstammen verschiedenen Ebenen der Psyche. Die oberflächlichen und leichter zugänglichen Schichten enthalten Erinnerungen an emotionale oder körperliche Traumata aus dem Säuglings-Alter, der Kindheit, der Jugend und aus dem späteren Leben. Auf einer tieferen Ebene ist jedes COEX System typischerweise mit einem gewissen Aspekt oder einer Phase der Geburt verbunden – einer spezifischen basalen perinatalen Matrize (BPM). Die Wahl dieser Matrize hängt von der Art der Emotionen und körperlichen Gefühle ab, die für dieses System charakteristisch sind. Wenn das Thema des COEX-Systems zum Beispiel die Opferrolle ist, ist es BPM II; wenn es sich um einen Kampf gegen einen mächtigen Gegner oder um sexuellen Missbrauch handelt, besteht eine Verbindung mit BPM III. Für ein positives COEX mit Erinnerungen an zutiefst befriedigende und erfüllende Situationen, wäre es BPM I oder BPM IV, und so weiter.
Die tiefsten Wurzeln der COEX-Systeme, die den emotionalen und psychosomatischen Störungen zugrunde liegen, reichen in den transpersonalen Bereich der Psyche. Sie haben die Form angestammter rassischer, kollektiver, karmischer und phylogenetischer Erinnerungen und verschiedener archetypischer Motive. So kann zum Beispiel therapeutische Arbeit bei Wut und Neigung zu Gewalt zu einem bestimmten Zeitpunkt zu erlebnismässiger Identifikation mit einem Tiger oder einem schwarzen Panther führen. Die tiefste Wurzel einer schweren Form asozialen Verhaltens kann ein dämonischer Archetyp sein, während die endgültige Auflösung einer Phobie dem Wiedererleben und der Integration einer karmischen Erinnerung folgen kann, und so weiter.
Die Struktur der COEX-Systeme und ihre Beziehung zur Psychopathologie kann am besten mit einem klinischen Beispiel illustriert werden. Ein Mensch, der unter psychogenem Asthma leidet, könnte in aufeinander folgenden Sitzungen holotropen Atmens ein starkes COEX-System entdecken, das diesem Problem zugrunde liegt. Der biografische Teil könnte zum Beispiel eine vielschichtige Konstellation postnataler Erinnerungen an Situationen sein, in denen das Atmen ernsthaft beeinträchtigt war – das Beinahe-Ertrinken im Alter von sieben Jahren, das wiederholte Würgen durch den älteren Bruder im Alter von vier und schwere Erstickungsgefühle beim Keuchhusten oder Diphtherie im Alter von zwei Jahren. Der perinatale Beitrag zu diesem COEX könnte zum Beispiel das Erstickungsgefühl während der Geburt sein, das durch die um den Hals verdrehte Nabelschnur verursacht wurde. Eine typische transpersonale Ursache dieser Atemstörung könnte die Erfahrung sein, in einem früheren Leben gehängt oder erdrosselt worden zu sein. Detaillierte Beschreibungen der COEX-Systeme und ihrer Rolle in verschiedenen Formen der Psychopathologie, einschliesslich spezifischer Beispiele, kann man in meinen früheren Publikationen finden (Grof 1975, 1987 und 2000).

4. Wirksame therapeutische Mechanismen

Traditionelle Psychotherapie kennt nur therapeutische Mechanismen, die auf der Ebene des biografischen Materials zur Verfügung stehen, wie Schwächung psychologischer Abwehrmechanismen, Erinnerungen an vergessene oder verdrängte traumatische Erfahrungen, Rekonstruktion vergangener Ereignisse aus Träumen oder neurotischen Symptomen. Psychotherapie, die holotrope Bewusstseinszustände einbezieht, bietet viele zusätzliche hochwirksame Mechanismen der Heilung und Transformation der Persönlichkeit, die möglich sind wenn die erlebnisorientierte Regression die perinatalen und transpersonale Ebenen erreicht. Solche Mechanismen arbeiten nicht nur mit der Erinnerung, sondern können auch zum Wiedererleben traumatischer Erinnerungen aus der Kindheit, dem Säuglingsalter, der biologischen Geburt und der vorgeburtlichen Existenz führen. Selbst Erinnerungen aus früheren Inkarnationen; archetypisches Material; Erfahrungen der kosmischen Einheit, usw.
Dazu ein Beispiel aus der Praxis: Norbert, ein Teilnehmer eines unserer Workshops am Esalen Institute im kalifornischen Big Sur, klagte zu Beginn über schwere chronische Schmerzen in seiner linken Schulter und im linken Brustmuskel, was grosses Leiden verursachte. Wiederholte medizinische Untersuchungen, einschliesslich Röntgenaufnahmen, hatten keinen organischen Befund für sein Problem geliefert, und alle therapeutischen Bemühungen waren erfolglos geblieben. Prokain-Injektionen schufen nur kurze vorübergehende Erleichterung während der Wirkungsdauer der Droge.
Norberts Atemsitzung war lang und sehr dramatisch. In der darauffolgenden Gruppe, in der die Teilnehmer ihre Erfahrungen schilderten, erzählte Norbert, dass er drei verschiedene Schichten erfahren habe, alle drei bezogen sich auf die Schmerzen in der Schulter und auf die Erstickungsgefühle. Auf der oberflächlichsten Ebene erlebte er eine beängstigende Situation aus seiner Kindheit, in der er fast sein Leben verlor. Als er sieben Jahre alt war, grub er gemeinsam mit seinen Freunden einen Tunnel an einem sandigen Meeresstrand. Als der Tunnel fertig war, kroch Norbert hinein, um ihn zu erforschen. Als die anderen Kinder herumsprangen, brach der Tunnel ein und begrub ihn. Er erstickte beinahe und wurde von Erwachsenen, die auf die alarmierenden Schreie der Kinder reagiert hatten, im letzten Moment gerettet.
Als sich die Atemerfahrung vertiefte, erlebte Norbert eine gewaltsame und schreckliche Episode, in der es um das Wiedererleben seiner biologischen Geburt ging. Diese war sehr schwierig gewesen, da seine linke Schulter für längere Zeit hinter dem Schambein der Mutter steckte. Auch in dieser Episode traten wieder das Ersticken zusammen mit starken Schmerzen in der linken Schulter auf.
In der letzten Phase der Sitzung änderten sich die Erfahrungen dramatisch. Norbert begann Militäruniformen und Pferde zu sehen und erkannte, dass er in einen heftigen Kampf verwickelt war. Er war sogar in der Lage zu erkennen, dass es sich um eine der Schlachten in Cromwells England handelte. Plötzlich fühlte er einen stechenden Schmerz in seiner linken Schulter, als sie von einer Lanze durchbohrt wurde. Er fiel vom Pferd und wurde von anderen Pferden zertrampelt, sie liefen über seinen Körper und zerquetschten seine Brust. Sein gebrochener Brustkorb verursachte ihm quälende Schmerzen und er erstickte an dem Blut, das seine Lungen füllte.
Nach einer Zeit extremen Leidens – Norberts Bewusstsein hat sich von seinem sterbenden Körper getrennt – schwebte es hoch über dem Schlachtfeld und beobachtete die Szene aus der Vogelperspektive. Nach dem Tod des schwer verwundeten Soldaten, in dem Norbert sich selbst in seiner früheren Inkarnation erkannte, kehrte sein Bewusstsein in die Gegenwart zurück und verband sich wieder mit seinem Körper. Dieser war nun nach vielen Jahren der Agonie zum ersten Mal schmerzfrei. Die Befreiung von den Schmerzen, die diese Erfahrungen gebracht hatten, erwies sich als dauerhaft.

4. Wirksame therapeutische Mechanismen 

Traditionelle Psychotherapie kennt nur therapeutische Mechanismen, die auf der Ebene des biografischen Materials zur Verfügung stehen, wie Schwächung psychologischer Abwehrmechanismen, Erinnerungen an vergessene oder verdrängte traumatische Erfahrungen, Rekonstruktion vergangener Ereignisse aus Träumen oder neurotischen Symptomen. Psychotherapie, die holotrope Bewusstseinszustände einbezieht, bietet viele zusätzliche hochwirksame Mechanismen der Heilung und Transformation der Persönlichkeit, die möglich sind wenn die erlebnisorientierte Regression die perinatalen und transpersonale Ebenen erreicht. Solche Mechanismen arbeiten nicht nur mit der Erinnerung, sondern können auch zum Wiedererleben traumatischer Erinnerungen aus der Kindheit, dem Säuglingsalter, der biologischen Geburt und der vorgeburtlichen Existenz führen. Selbst Erinnerungen aus früheren Inkarnationen; archetypisches Material; Erfahrungen der kosmischen Einheit, usw.
Dazu ein Beispiel aus der Praxis: Norbert, ein Teilnehmer eines unserer Workshops am Esalen Institute im kalifornischen Big Sur, klagte zu Beginn über schwere chronische Schmerzen in seiner linken Schulter und im linken Brustmuskel, was grosses Leiden verursachte. Wiederholte medizinische Untersuchungen, einschliesslich Röntgenaufnahmen, hatten keinen organischen Befund für sein Problem geliefert, und alle therapeutischen Bemühungen waren erfolglos geblieben. Prokain-Injektionen schufen nur kurze vorübergehende Erleichterung während der Wirkungsdauer der Droge.
Norberts Atemsitzung war lang und sehr dramatisch. In der darauffolgenden Gruppe, in der die Teilnehmer ihre Erfahrungen schilderten, erzählte Norbert, dass er drei verschiedene Schichten erfahren habe, alle drei bezogen sich auf die Schmerzen in der Schulter und auf die Erstickungsgefühle. Auf der oberflächlichsten Ebene erlebte er eine beängstigende Situation aus seiner Kindheit, in der er fast sein Leben verlor. Als er sieben Jahre alt war, grub er gemeinsam mit seinen Freunden einen Tunnel an einem sandigen Meeresstrand. Als der Tunnel fertig war, kroch Norbert hinein, um ihn zu erforschen. Als die anderen Kinder herumsprangen, brach der Tunnel ein und begrub ihn. Er erstickte beinahe und wurde von Erwachsenen, die auf die alarmierenden Schreie der Kinder reagiert hatten, im letzten Moment gerettet.
Als sich die Atemerfahrung vertiefte, erlebte Norbert eine gewaltsame und schreckliche Episode, in der es um das Wiedererleben seiner biologischen Geburt ging. Diese war sehr schwierig gewesen, da seine linke Schulter für längere Zeit hinter dem Schambein der Mutter steckte. Auch in dieser Episode traten wieder das Ersticken zusammen mit starken Schmerzen in der linken Schulter auf.
In der letzten Phase der Sitzung änderten sich die Erfahrungen dramatisch. Norbert begann Militäruniformen und Pferde zu sehen und erkannte, dass er in einen heftigen Kampf verwickelt war. Er war sogar in der Lage zu erkennen, dass es sich um eine der Schlachten in Cromwells England handelte. Plötzlich fühlte er einen stechenden Schmerz in seiner linken Schulter, als sie von einer Lanze durchbohrt wurde. Er fiel vom Pferd und wurde von anderen Pferden zertrampelt, sie liefen über seinen Körper und zerquetschten seine Brust. Sein gebrochener Brustkorb verursachte ihm quälende Schmerzen und er erstickte an dem Blut, das seine Lungen füllte.
Nach einer Zeit extremen Leidens – Norberts Bewusstsein hat sich von seinem sterbenden Körper getrennt – schwebte es hoch über dem Schlachtfeld und beobachtete die Szene aus der Vogelperspektive. Nach dem Tod des schwer verwundeten Soldaten, in dem Norbert sich selbst in seiner früheren Inkarnation erkannte, kehrte sein Bewusstsein in die Gegenwart zurück und verband sich wieder mit seinem Körper. Dieser war nun nach vielen Jahren der Agonie zum ersten Mal schmerzfrei. Die Befreiung von den Schmerzen, die diese Erfahrungen gebracht hatten, erwies sich als dauerhaft.

5. Strategien für Psychotherapie und Selbstentdeckung

Der erstaunlichste Aspekt der modernen Psychotherapie ist die Anzahl konkurrierender Schulen und der Mangel an gegenseitiger Übereinstimmung. Es bestehen grosse Differenzen über grundlegende Fragen: Was sind die Dimensionen der menschlichen Psyche, und was sind ihre wichtigsten motivierenden Kräfte? Warum entstehen Symptome und was bedeuten sie? Welche Themen, die die Klienten in die Therapie bringen, haben zentrale Bedeutung und welche sind weniger relevant? Welche Techniken und Strategien sollten zur Korrektur oder zur Verbesserung des emotionalen, psychosomatischen und der sozialen Situation der Klienten angewandt werden? Es gibt so viele Antworten auf diese Fragen, wie es Schulen der Psychotherapie gibt.
Ziel traditioneller dynamischer Psychotherapien ist, ein allgemeines intellektuelles Verständnis der menschlichen Psyche zu erreichen, es spezifisch auf individuelle Klienten anzuwenden und dann dieses Wissen zu nutzen, um eine wirksame therapeutische Technik und Strategie zu entwickeln. Ein wichtiges Instrument vieler moderner Psychotherapien ist die «Interpretation», durch die der Therapeut dem Klienten die «wahre» oder «richtige» Bedeutung seiner Gedanken, seiner Gefühle und seines Verhaltens aufzeigt. Diese Methode wird häufig bei der Analyse von Träumen, freier Assoziationen, neurotischer Symptome, Handlungsweisen, und sogar scheinbar trivialer alltäglicher Handlungen verwendet, wie Versprecher oder anderer kleiner Fehler, siehe Freuds «Fehlleistungen» (Freud 1960a). Ein weiterer Bereich, in dem Interpretationen allgemein angewandt werden, ist die zwischenmenschliche Dynamik, einschliesslich der Übertragung verschiedener unbewusster Gefühle und Verhaltensweisen gegenüber dem Therapeuten.
Therapeuten geben sich alle Mühe, herauszufinden welche Interpretation sich für eine entsprechende Situation am besten eignet und den dafür passenden Zeitablauf zu bestimmen. Auch eine Interpretation, die «richtig» ist in Bezug auf ihren Inhalt kann nutzlos oder auch schädlich für den Patienten sein, wenn sie verfrüht angeboten wird, bevor der Klient dafür bereit ist. Ein ernstes Problem dieser Strategie ist es, dass einzelne Therapeuten, insbesondere diejenigen, die verschiedener Schulen angehören, demselben psychologischen Inhalt oder Verhalten ganz unterschiedliche Werte beimessen und auch verschiedene und sogar widersprüchliche Interpretationen anbieten. Ich werde dies durch eine humorvolle Geschichte aus meiner eigenen psychoanalytischen Ausbildung illustrieren.
Als frischgebackener Psychiater machte ich eine Lehranalyse, die aus drei Sitzungen pro Woche bestand und mehr als sieben Jahre dauerte. Mein Analytiker war Dr. Theodor Dosužkov, Nestor der tschechischen Psychoananalyse und Präsident der Tschechoslowakischen Psychoanalytischen Gesellschaft. Zur Zeit meiner Analyse war Dr. Dosužkov in seinen späten Sechzigern und es war unter seinen Analysanden bekannt – alles junge Psychiater – dass er gelegentlich während der analytischen Stunden einnickte. Dr. Dosužkov’s Angewohnheit war eine beliebte Zielscheibe für die Witze seiner Schüler.
Neben den individuellen psychoanalytischen Sitzungen leitete Dr. Dosužkov auch Seminare, in denen seine Schüler verschiedene Bücher und Fachartikel präsentierten, Fallberichte diskutierten, und wo man auch Fragen über die Theorie und Praxis der Psychoanalyse stellen konnte. In einem dieser Seminare stellte ein Teilnehmer eine «rein theoretische» Frage: «Was passiert, wenn während der Analyse der Psychoanalytiker einschläft? Wenn der Klient weiterhin frei assoziiert, wird die Therapie fortgeführt? Wird der psychotherapeutische Prozess unterbrochen? Sollte der Klient für diese Zeit rückvergütet werden, da Geld ein so wichtiges Instrument in der Freudschen Analyse ist?»
Dr. Dosužkov konnte nicht leugnen, dass eine solche Situation in psychoanalytischen Sitzungen auftreten könnte. Er war sich bewusst, dass die Analysanden seine Schwäche kannten, und er musste sich einer Antwort stellen. «Ja, das kann passieren», sagte er. «Manchmal ist man müde und schläfrig – man hat in der vorigen Nacht nicht gut schlafen, man erholt sich von einer Grippe, oder ist körperlich erschöpft. Aber wenn man viele Jahre Psychoanalyse praktiziert hat, entwickelt man eine Art «Sechster Sinn». Man schläft nur ein, wenn das, worüber der Analysand spricht, irrelevant ist. Wenn er etwas wirklich Wichtiges sagt, dann wacht man auf und ist völlig da!»
Dr. Dosužkov war ein grosser Bewunderer von Ivan Petrovich Pawlow, dem russischen Nobelpreisträger für Physiologie, der sein Wissen über das Gehirn aus seinen Experimenten mit Hunden abgeleitet hat. Pawlow schrieb viel über die Hemmung der Grosshirnrinde, die während des Schlafs oder unter Hypnose auftritt. Er wies darauf hin, dass es gelegentlich in der gehemmten Grosshirnrinde einen «wachenden Ort» gibt. Sein Lieblingsbeispiel war die Mutter, die trotz lauter Geräusche schlafen kann, aber sofort aufwacht, wenn ihr Kind weint. «Es ist genauso wie im Fall der Mutter, über die Pawlow sprach», erklärte Dr. Dosužkov. «Mit genügender Erfahrung werden Sie in der Lage sein, den Kontakt mit Ihren Klienten zu behalten, auch wenn Sie einschlafen».
Aber Dr. Dosužkovs Erklärung hatte eine offensichtliche Schwäche. Was der Therapeut in der Schilderung des Klienten als relevant betrachtet hängt von seiner Ausbildung und persönlichen Vorlieben ab. Ein Adlerscher, Rankscher oder Jungscher Therapeut würden zu unterschiedlichen Zeiten der Sitzung einschlafen oder aufwachen – jeweils in dem Moment wenn die Schilderung, entsprechend ihrer Ausbildung «relevant» ist.
Angesichts der grossen konzeptuellen Unterschiede zwischen den Schulen der Tiefenpsychologie stellt sich natürlich die Frage, welche das richtige Verständnis der menschlichen Psyche bei Gesundheit und Krankheit bietet. Wenn es wahr ist, dass korrekte und rechtzeitige Interpretationen ein wesentlicher Faktor in der Psychotherapie sind, würde man erwarten, grosse Unterschiede im therapeutischen Erfolg verschiedener Schulen zu finden. Ihre therapeutischen Ergebnisse könnte man auf einer Gaussschen Kurve abbilden. Die Therapieschule mit dem präzisesten Verständnis der Psyche und den passendsten Interpretationen würde am besten abschneiden, während diejenigen, deren konzeptioneller Rahmen weniger zutreffend ist, an den unteren Enden der Kurve verteilt wären.
Meines Wissens gibt es keine wissenschaftlichen Studien, die eine deutliche Überlegenheit bestimmter Schulen der Psychotherapie gegenüber anderen aufweisen, was Therapieerfolge anbelangt (Frank und Frank 1991). Die Unterschiede sind eher innerhalb der Schulen und nicht zwischen den Schulen zu finden. In jeder Schule gibt es bessere und schlechtere Therapeuten. Und sehr wahrscheinlich haben die Ergebnisse nur wenig mit den Methoden zu tun, die die Therapeuten anwenden – wie zum Beispiel die Richtigkeit und ein gutes Timing der Interpretationen, die korrekte Analyse der Übertragung, taktisches Einsetzen von Stille, und sonstigen spezifischen Massnahmen. Eine erfolgreiche Therapie scheint von Faktoren abzuhängen, die nichts mit intellektueller Brillanz zu tun haben und in der wissenschaftlichen Sprache schwer zu beschreiben sind – nämlich die «Qualität der menschlichen Begegnung» zwischen Therapeut und Klient, das Gefühl des Klienten, von einer anderen Person bedingungslos akzeptiert zu werden, häufig zum ersten Mal im Leben, oder die Kraft der Hoffnung und Erwartung, die der Klient während des therapeutischen Prozesses fühlt.
In ihren bemerkenswerten umfangreichen Büchern diskutierten Jerome Frank, Julia Frank, und Renato Alarcon Versuche, die Auswirkungen von Psychotherapie zu messen und verschiedene Schulen und mit ihnen verwandte Theorien miteinander zu vergleichen (Frank und Frank 1993, Alarcon und Frank 2011). Sie zeigten deutlich die schwierigen methodologischen Probleme auf, die diese Bemühungen begleiten. Meta-Analysen haben gewisse Hinweise erbracht, dass Psychotherapie positive Wirkungen haben kann, konnten aber keine signifikanten Unterschiede entdecken zwischen den Therapieerfolgen konkurrierender Psychotherapieschulen oder zwischen denen erfahrener Therapeuten und Anfängern.
In ihrer Zusammenfassung der Referate einer Konferenz zur Psychotherapieforschung boten Rubinstein und Parloff folgende scherzhafte Charakterisierung des Status auf dem Gebiet der Psychotherapie: «Psychotherapie ist eine undefinierte Technik, angewandt auf unbestimmte Probleme, mit unvorhersehbaren Ergebnissen. Für diese Technik empfehlen wir eine rigorose Ausbildung.» (Rubinstein und Parloff 1959).
Der Mangel an Übereinstimmung von Theorie und Praxis in der Psychotherapie ist unbefriedigend. Unter diesen Umständen kann ein Klient mit einer emotionalen oder psychosomatischen Störung mit dem Werfen einer Münze eine Psychotherapieschule auswählen. Mit jeder Schule erfolgt eine unterschiedliche Erklärung seines Problems und eine andere Technik wird angewandt, um es zu überwinden. Auch wenn ein angehender Therapeut eine bestimmte Schule für seine Ausbildung wählt, sagt seine Wahl mehr über die Persönlichkeit des Bewerbers aus als über den Wert der Schule.
Das Problem vieler psychotherapeutischer Schulen ist, dass sie korrekt die Dynamik auf einer bestimmten Ebene der Psyche beschreiben, ihnen aber das Verständnis der Phänomene aus anderen Ebenen des Unbewussten fehlt. Sie versuchen dann diese Erscheinungen in ihrem eigenen begrenzten konzeptionellen Rahmen zu interpretieren. Zum Beispiel war Freuds Psychoanalyse wie schon erwähnt auf die postnatale Biografie und das individuelle Unbewusste begrenzt. Freud war sich der enormen Bedeutung des Geburtstraumas nicht bewusst, mit Ausnahme einer kurzen Periode, als er dachte, die Geburtsangst könnte ein Prototyp für alle zukünftigen Ängste sein (Freud 1959). Er konnte auch die Existenz des kollektiven Unbewussten nicht akzeptieren und versuchte, archetypische/mythologische und parapsychologische Phänomene im Rahmen seines engen biologischen und biografischen Modells zu interpretieren. Otto Rank, der die psychologische Bedeutung des Geburtstraumas entdeckt und erforscht hat, interpretierte mythologische, spirituelle, und religiöse Motive als Derivate der perinatalen Dynamik. C. G. Jung, der den enormen Bereich des historischen und archetypischen kollektiven Unbewussten entdeckte und erforschte, war nicht imstande, die psychologische Bedeutung des Geburtstraumas zu sehen. In einem Interview mit Dr. Richard I. Evans hat er Otto Ranks Theorie verhöhnt: «Oh, die Geburt ist nicht ein Trauma, es ist ein Fakt, jedermann ist geboren». (Jung 1957a)
Ein wirksames und nützliches psychotherapeutisches System muss alle Ebenen der Psyche anerkennen und akzeptieren. Welche Inhalte in der Sitzung erforscht und verarbeitet werden, wird durch die Dynamik des Unbewussten des Klienten und seines eigenen psychologischen Prozesses bestimmt. Der Therapeut muss über einen genügend breiten konzeptuellen Rahmen verfügen, um seine Klienten auf allen Ebenen ihrer unbewussten Psyche begleiten zu können – biografisch, perinatal und/oder transpersonal – und ihre entsprechenden Erfahrungen unterstützen (Vaughan 1993).
Therapien, die das heilende Potenzial holotroper Bewusstseinszustände nutzen, können uns helfen, die Probleme zu vermeiden, die die verbalen Techniken der Psychotherapie plagt: zu bestimmen, was in der Schilderung eines Klienten relevant ist, und die richtige Interpretation zu wählen. Die Alternative, die uns die «holotrope Strategie» bietet, bestätigt C. G. Jungs Auffassung des therapeutischen Prozesses. Jung zufolge ist es nicht möglich, eine wirksame psychotherapeutische Technik bloss aufgrund des intellektuellen Verständnisses der Psyche zu entwickeln. In späteren Jahren seiner professionellen Karriere, nachdem er das Phänomen der Synchronizität entdeckt hatte, erkannte Jung, dass die Psyche nicht ein Produkt des Gehirns und nicht im Schädel «enthalten» ist. Er begann, die Psyche als das schöpferische Prinzip des Kosmos zu sehen, als Anima mundi, die Intelligenz, die die gesamte Existenz durchdringt. Die individuelle Psyche jeder Person ist integraler Bestandteil dieser unergründlichen kosmischen Matrix. Die Grenzen zwischen der Anima mundi und der individuellen Psyche sind nicht absolut; sie sind durchlässig und sie können in holotropen Zuständen transzendiert werden. Der Intellekt ist eine partielle Funktion der Psyche, der uns helfen kann, uns in alltäglichen Situationen zu orientieren, aber an und für sich ist der Intellekt nicht imstande, die tiefsten Mysterien der Existenz zu ergründen und die Psyche zu verstehen und zu manipulieren.
Victor Hugo sagt es wunderschön in Les Misérables: «Es gibt ein Schauspiel, das grossartiger ist als das Meer, das ist der Himmel; es gibt ein Schauspiel, das grösser ist als der Himmel, das ist das Innere der Seele». Jung erkannte, dass die Psyche ein tiefgründiges Geheimnis ist und näherte sich ihr mit grossem Respekt. Er betrachtete sie als unendlich kreativ und wusste, dass es nicht möglich ist, sie durch eine Reihe von Formeln zu beschreiben, die dann verwendet werden könnten, um die psychologischen Prozesse von Klienten zu korrigieren. Er schlug eine alternative Strategie der Therapie vor, eine, die sich von den Ansätzen, die auf intellektuellen Konstruktionen und äusseren Interventionen beruhen, deutlich unterscheidet.
Was ein Psychotherapeut Jung zufolge tun kann, ist eine unterstützende Umgebung zu schaffen, in der eine psychospirituelle Transformation stattfinden kann. Diese kann mit dem hermetischen Gefäss verglichen werden, in dem alchemistische Prozesse stattfinden. Der nächste Schritt ist, eine Methode anzubieten, die den Austausch zwischen dem bewussten Ich und einem höheren Aspekt des Klienten vermittelt, den Jung das Selbst nannte. Jungs wichtigste Technik für diesen Zweck war die «aktive Imagination» – die Fortsetzung eines Traums auf der Couch des Analytikers und die Analyse dessen Inhalts in statu nascendi (von Franz 1997). Dies unterschied sich deutlich von Freuds Methode der Traumdeutung, die mit Erinnerungen an Träume arbeitete, die manchmal Monate oder sogar Jahre alt waren.
In Jungs eigenen Worten ist «Aktive Imagination ein Prozess des bewussten Dialogs mit unserem Unbewussten zur Erzeugung der Inhalte des Unbewussten, die unmittelbar unter der Schwelle des Bewusstseins liegen. Wenn diese intensiviert werden, werden sie höchstwahrscheinlich spontan im Bewusstsein auftauchen» (Jung 1981). Bei dieser Art von Arbeit ist Heilung nicht das Ergebnis der genialen Einsichten und Interpretationen des Therapeuten; der therapeutische Prozess wird innerhalb der Psyche des Klienten durchgeführt. Die Kommunikation zwischen dem Ich und dem Selbst entsteht in erster Linie durch eine symbolische Sprache. In Jungs Verständnis ist das Selbst der zentrale Archetyp des kollektiven Unbewussten und seine Funktion ist es, das Individuum in die Richtung von Ordnung, Organisation und Ganzheit zu führen. Jung bezeichnete diese Bewegung zur höchsten Einheit als «Individuationsprozess». 
Die Anwendung holotroper Zuständen für Therapie und Selbsterfahrung bestätigt im wesentlichen Jungs Sichtweise und benutzt eine ähnliche Strategie. Facilitatoren schaffen eine schützende und unterstützende Umgebung und helfen den Teilnehmern, den holotropen Zustand zu initiieren. Sobald das geschieht, wird der Heilungsprozess durch die eigene innere Heilungsintelligenz des Klienten begleitet. Die Aufgabe der Facilitatoren ist es, zu unterstützen, was passiert. Dieser Vorgang aktiviert automatisch unbewusstes Material mit starker emotionaler Ladung, das nahe genug an der Bewusstseinsschwelle liegt, um für eine Verarbeitung am Tag der Sitzung zugänglich zu sein.
In holotropen Zuständen manifestieren die Psyche und der Körper ihre Fähigkeit, als ein integrales Selbstorganisations- und Selbstheilungssystem zu funktionieren. Therapeuten und Facilitatoren werden dadurch der hoffnungslosen Aufgabe enthoben, bestimmen zu müssen, was im Prozess des Klienten emotionell «relevant» und was von peripherer Bedeutung ist. Sie unterstützen, was von Augenblick zu Augenblick spontan auftaucht, im Vertrauen darauf, dass der innere Prozess des Klienten von einer Intelligenz geleitet wird, die das intellektuelle Verständnis übersteigt. Die Klienten und Teilnehmer an Workshops und Trainingsmodulen benutzen oft Begriffe wie COEX-Systeme, BPMs, Archetypen und so weiter, aber diese Termini spiegeln ihre direkte Erfahrung mit dem wider, was im Prozess spontan auftritt, und sind nicht Resultate irgendwelcher Interpretationen.

6. Die Rolle der Spiritualität in unserem Leben

Die führende Philosophie westlicher Wissenschaft war der monistische Materialismus. Verschiedene wissenschaftliche Disziplinen haben die Geschichte des Universums als eine Geschichte der Entwicklung von Materie beschrieben und seit Galileo wurde nur als real akzeptiert, was gemessen und gewogen werden kann. Leben, Bewusstsein und Intelligenz werden dann als mehr oder weniger zufällige Nebenprodukte materieller Prozesse angesehen. Physiker, Biologen und Chemiker anerkennen die Existenz von Dimensionen der Wirklichkeit, die für unsere Sinne nicht zugänglich sind, aber eben nur jene, die physikalischer Natur sind und mit Hilfe von Apparaten wie Mikroskopen, Teleskopen und speziellen Aufnahmegeräten oder Laborexperimenten aufgezeigt und erforscht werden können.
Diese Art von Universum hat keinen Platz für jede Art von Spiritualität. Die Existenz Gottes, das Konzept unsichtbarer Dimensionen der Wirklichkeit, von immateriellen Wesen bewohnt, die Möglichkeit des Überlebens des Bewusstseins nach dem Tod und das Konzept der Reinkarnation und des Karmas werden in die Welt von Märchen oder psychotischer Phänomene verbannt. Vom Standpunkt heutiger Psychiatrie aus bedeutet diese Phänomene ernst zu nehmen Ignoranz und Unkenntnis in Bezug auf Entdeckungen der materialistischen Wissenschaft, Aberglaube, und primitives magisches Denken. Wenn intelligente Menschen an einen Gott oder eine Göttin glauben, heisst das, dass sie sich nicht von den infantilen Bildern ihrer Eltern als allmächtige Wesen befreit haben und projizieren diese Vorstellungen ins Jenseits. Und direkte Erfahrungen mit spirituellen Wirklichkeiten, inklusive Begegnungen mit mythologischen Wesen und Besuchen in archetypischen Bereichen, gelten als Manifestationen schwerer psychischen Erkrankungen – Psychosen.
Die Erforschung holotroper Zustände hat neues Licht auf die Problematik von Spiritualität und Religion geworfen. Der Schlüssel zu diesem neuen Verständnis ist die Entdeckung, dass es in diesen perinatalen und transpersonalen Erfahrungen möglich ist, eine breites Spektrum von Phänomenen zu erleben, die sehr ähnlich derjenigen sind, die die grossen Religionen der Welt inspiriert hatten – Visionen von Gott und verschiedener göttlicher und dämonischer Wesen, Begegnungen mit körperlosen Wesenheiten, Episoden psychospirituellen Todes und der Wiedergeburt, Besuche des Himmels, der Hölle, des Paradieses und des Fegefeuers, Erinnerungen an frühere Inkarnationen und vieles anderes mehr. Die moderne Bewusstseinsforschung hat ohne jeden Zweifel gezeigt, dass diese Erfahrungen nicht Produkte menschlicher Phantasie oder eines pathologischen Gehirnprozesses sind, wie sie die heutige Psychiatrie interpretiert. Es handelt sich vielmehr um Inhalte aus dem kollektiven Unbewussten und damit um authentische und wesentliche Bestandteile der menschlichen Psyche. Obwohl diese mythologischen Elemente in einem Prozess erlebnisorientierter Selbsterforschung und Selbstwahrnehmung intrapsychisch zugänglich sind, können sie auch ontologisch real sein, objektive Existenz besitzen. Um authentische transpersonale Erfahrungen von imaginären Erscheinungen der individuellen menschlichen Phantasie oder Psychopathologie zu unterscheiden, bezeichnen die Jungianer diesen Bereich als «imaginal».
Der französische Gelehrte, Philosoph und Mystiker Henri Corbin, der als erster den Begriff mundus imaginalisverwendet hat, verdankt die Inspiration dieses Konzepts dem Studium der islamischen mystischen Literatur (Corbin 2000). Islamische Theosophen nennen die imaginale Welt – wo alles, was in der materiellen Welt existiert, seine Analogie hat –, alam al-mithal oder «der achte Himmelsstrich», um sie von den «sieben Himmelsstrichen» oder Regionen der traditionellen islamischen Geographie zu unterscheiden. Die imaginale Welt besitzt räumliche und zeitliche Dimensionen, Formen und Farben, aber diese sind für unsere Sinne nicht wahrnehmbar wie materielle Objekte. Doch dieser Bereich ist in jeder Hinsicht genauso ontologisch völlig real wie die materielle Welt, die wir durch unsere Sinnesorgane wahrnehmen, und er kann durch konsensuelle Überprüfung von anderen Menschen verifiziert werden. Die ontologische Realität transpersonaler Erfahrungen und Ereignisse wird auch von Theorien unterstützt, die ihren partizipativen Charakter erkennen und betonen (Ferrer 2002, Tarnas 1993 und 2006).
In Anbetracht dieser Beobachtungen erscheinen die erbitterten Kämpfe zwischen Religion und Wissenschaft im Laufe der letzten drei Jahrhunderte lächerlich und völlig unnötig. Echte Wissenschaft und authentische Religion konkurrieren nicht um dasselbe Gebiet; sie repräsentieren zwei verschiedene Ansätze, die komplementär, nicht kompetitiv sind. Die Wissenschaft studiert Phänomene in der materiellen Welt, im Bereich des Messbaren und Wägbaren, während echte Spiritualität und wahre Religion ihre Inspiration aus erfahrungsbezogener Erkenntnis der imaginalen Welt ziehen, wie sie sich in holotropen Bewusstseinszuständen manifestieren.
Der Konflikt, der zwischen Religion und Wissenschaft zu existieren scheint, spiegelt ein grundlegendes Missverständnis beider Disziplinen wieder. Wie Ken Wilber darauf hingewiesen hat, kann es keinen Konflikt zwischen Wissenschaft und Religion geben, solange beide richtig verstanden und praktiziert werden. Wenn ein Konflikt aufzutauchen scheint, handelt es sich wahrscheinlich um «Pseudowissenschaft» und «Pseudoreligion» (Wilber 1982). Die scheinbare Unvereinbarkeit rührt daher, dass jede Seite die Position der anderen ernsthaft missversteht und sehr wahrscheinlich auch eine fragwürdige Version der eigenen Disziplin vertritt.
Wirklich relevante und gültige Urteile über spirituelle Probleme kann nur das Studium holotroper Zustände liefern, weil sein fundiertes Verständnis von Spiritualität, Religion und Mystizismus eine gründliche Kenntnis der imaginalen Welt erfordert. Aldous Huxley hat in seinem bahnbrechenden Buch Himmel und Hölle vorgeschlagen, dass Himmel und Hölle intrapsychische Realitäten sind, die man auf eine sehr überzeugende Weise während aussergewöhnlicher Bewusstseinszuständen erfahren kann, die durch psychedelische Substanzen wie LSD und Meskalin oder verschiedenen wirkungsvollen nicht-pharmakologischen Techniken hervorgerufen werden können (Huxley 1959). Der scheinbare Konflikt zwischen Wissenschaft und Religion stammt von dem jahrhundertealten Irrglauben, dass sich die Bereiche des Jenseits im physischen Universum befänden – der Himmel im unendlichen kosmischen Raum, das Paradies irgendwo in einem versteckten Bereich auf der Oberfläche unseres Planeten und die Hölle im Inneren der Erde.
Astronomen haben äusserst exakte Messgeräte wie das Hubble Weltraumteleskop entwickelt. Sie haben sorgfältig das gesamte Himmelsgewölbe erforscht und kartiert. Die Ergebnisse dieser Untersuchungen, die natürlich nicht Gott, Heilige und harfenspielende Engel entdeckt haben, dienten als Nachweis, dass solche spirituelle Realitäten nicht existieren. Bei der akribischen Katalogisierung und Kartierung der Oberfläche unseres Planeten haben Forscher und Geographen viele aussergewöhnlich schöne Landschaften gefunden, aber keine von ihnen entsprach den Beschreibungen der Paradiese in den spirituellen Schriften der verschiedenen Religionen. Geologen haben herausgefunden, dass unser Planet aus Schichten von festem und geschmolzenen Nickel und Eisen besteht und dass die Temperatur des Erdkerns die der Oberfläche der Sonne übersteigt – wohl kaum ein sehr glaubwürdiger Ort für die Höhlen Satans.
Inzwischen haben moderne Studien holotroper Zustände überzeugende Beweise für Huxleys Einsichten erbracht. Sie haben gezeigt, dass Himmel, Paradies und Hölle ontologisch real sind und deutliche und wichtige Erfahrungen aus dem kollektiven Unbewussten darstellen, die alle Menschen unter bestimmten Umständen erleben können. Himmlische, paradiesische und höllische Visionen sind Teil des Erlebnisspektrums bei psychedelischen inneren Reisen, Nahtod-Erfahrungen, mystischen Zuständen sowie bei schamanischen Initiationen und anderen Arten von «spirituellen Krisen». Patienten berichten ihren Psychiatern oft über Erfahrungen von Gott, Himmel, Hölle, archetypischen göttlichen und dämonischen Wesen und über psychospirituelle Tod- und Wiedergeburtserlebnisse. Aufgrund ihres unangemessenen oberflächlichen Modells der Psyche betrachten materialistisch orientierte Psychiater diese Erfahrungen als Manifestationen schwerer psychischer Erkrankungen. Sie erkennen nicht, dass Matrizen für diese Erfahrungen in den Untiefen der kollektiven unbewussten Psyche existieren.
Ein erstaunlicher Aspekt transpersonaler Erfahrungen während unterschiedlicher Arten holotroper Zustände ist, dass ihre Inhalte aus den Mythologien aller Kulturen der Welt stammen können, einschliesslich solcher, über die die betreffende Person keine intellektuelle Kenntnis hat. C. G. Jung hat diese aussergewöhnliche Tatsache entdeckt, als er die mythologischen Motive untersuchte, die in den Träumen und psychotischen Erfahrungen seiner Patienten auftraten. Aufgrund seiner Beobachtungen ist er zum Schluss gekommen, dass die menschliche Psyche nicht nur das Freudsche individuelle Unbewusste umfasst, sondern auch ein kollektives Unbewusstes, das das gesamte kulturelle Erbe der Menschheit beinhaltet (Jung 1956, 1959). Umfassende Kenntnis vergleichender Mythologie ist also mehr als eine Sache persönlichen Interesses oder akademischer Bildung. Sie dient als wichtiger und nützlicher Leitfaden jener Personen, die sich in erfahrungsorientierter Psychotherapie und Selbsterforschung engagieren, und sie stellt ein unverzichtbares Instrument für diejenigen dar, die sie auf ihren Reisen unterstützen und begleiten (Grof 2006).
Die Erfahrungen, die ihren Ursprung in tieferen Ebenen der Psyche haben – in den perinatalen oder transpersonalen Bereichen des Unbewussten – haben eine gewisse Eigenschaft, die Jung als «Numinosität» bezeichnet. Das Wort «numinos», das Jung von Rudolf Otto entlehnte, ist relativ neu und neutral und um damit Begriffe wie zum Beispiel religiös, mystisch, spirituell, geistlich, magisch oder heilig vorzuziehen, die oft in problematischen Zusammenhängen und mit verschiedenen Bedeutungen benutzt werden und leicht irreführend sind. Der Begriff Numinosität, angewendet auf transpersonale Erfahrungen, bezieht sich auf direkte Wahrnehmung ihrer aussergewöhnlichen Eigenschaft, die Otto mit den Bezeichnungen wie mysterium tremendum et fascinansund das «ganz Andere» beschrieben hat. Das ist eine Eigenschaft, die man im alltäglichen Bewussseinszustand in der Regel nicht erfahren kann. Die Numinosität, die mit transpersonalen Erfahrungen verbunden ist, vermittelt ein sehr überzeugendes Gefühl, dass diese einer höheren Ordnung der Wirklichkeit angehören, einem Bereich, der heilig und der materiellen Wirklichkeit übergeordnet ist.
In Anbetracht der ontologischen Realität der imaginalen Welt, ist Spiritualität eine sehr wichtige und natürliche Dimension der menschlichen Psyche und des Kosmos, und die spirituelle Suche stellt ein legitimes menschliches Streben dar. Ich möchte betonen, dass ich damit echte, auf persönlichen Erfahrungen basierte Spiritualität meine und keine Unterstützung für Ideologien und Dogmen institutionalisierter Religionen bieten möchte. Um Missverständnissen und Verwirrungen auszuweichen, die viele ähnliche Diskussionen in der Vergangenheit geprägt haben, müssen wir eine klare Unterscheidung treffen zwischen Spiritualität und Religion.
Spiritualität umfasst eine besondere Art von Beziehung zwischen Individuum und Kosmos und ist im Wesentlichen eine persönliche Angelegenheit. Im Vergleich dazu ist die institutionalisierte Religion eine Gruppenaktivität, die an einem bestimmten Ort, in einem Tempel oder einer Kirche stattfindet und auch eine hierarchische Organisation von Personen miteinbezieht, die in der Regel keine persönlichen Erfahrungen der spirituellen Wirklichkeiten erlebt haben. Sobald eine Religion organisiert ist, verliert sie oft die ursprüngliche Verbindung mit ihrer geistigen Quelle und wird zu einer säkularen Institution, die die spirituellen Bedürfnisse ihrer Mitglieder ausnutzt, ohne sie zu befriedigen.
Institutionalisierte Religionen neigen dazu, hierarchische Systeme zu schaffen, die sich auf Macht, Kontrolle, Politik, Geld, Besitz und andere weltliche Anliegen fokussieren. Unter diesen Umständen neigt die religiöse Hierarchie dazu unmittelbare mystische Erfahrungen ihrer Anhänger abzulehnen, da diese ihre Unabhängigkeit fördert und sie weniger stark kontrolliert werden können. Echtes spirituelles Leben spielt sich dann meist nur in den mystischen Gruppen, monastischen Orden und ekstatischen Sekten dieser Religionen ab. Personen, die Erfahrungen des immanenten oder transzendenten Göttlichen erlebt haben, zeigen eine gewisse Offenheit gegenüber der Spiritualität, die man in den mystischen Untergruppen grosser Religionen der Welt oder in ihren Mönchsorden pflegt, nicht aber gegenüber den idiosynkratischen Dogmen ihrer offiziellen Lehren. Tiefe mystische Erfahrungen lassen oft vielmehr die Grenzen zwischen den Religionen verschwinden und offenbaren tiefe Verbindungen zwischen ihnen, während der Dogmatismus der organisierten Religionen dazu neigt, Unterschiede zwischen ihren Theologien zu betonen und damit Widerstreit und Feindseligkeit zu erzeugen.
Es besteht kein Zweifel, dass die Dogmen institutionalisierter Religionen, wenn sie wörtlich interpretiert werden, in einem grundlegenden Konflikt mit der Wissenschaft stehen, da diese Wissenschaft das mechanistisch-materialistische Modell verwendet oder in einem neuen Paradigma verankert ist. Das Bild ändert sich aber erheblich beim authentischen Mystizismus, der auf persönlichen spirituellen Erfahrungen basiert. Die grossen mystischen Traditionen haben im Laufe vieler Jahrhunderte umfangreiches Wissen über das Bewusstsein, die Psyche und die spirituellen Bereiche zusammengetragen. Dieses Vorgehen ähnelt dem kritischen Ansatz, den Wissenschaftler beim Aneignen von Kenntnissen über die materielle Welt folgen. Dazu gehören Methoden zum Hervorrufen transpersonaler Erfahrungen, systematisches Sammlung von Daten, und intersubjektive Überprüfung.
Wie jeder andere Aspekt der Wirklichkeit, können auch spirituelle Erfahrungen sorgfältiger wissenschaftlicher Forschung unterzogen werden. Nur eine objektive und rigorose Untersuchung der transpersonalen Phänomene und der Herausforderungen, die sie für ein materialistisches Verständnis der Welt darstellen, kann die kritische Frage nach deren ontologischem Status beantworten: Können mystische Erfahrungen tiefe Wahrheiten über wichtige grundlegende Aspekte des Daseins offenbaren – oder sind sie Produkte von Aberglauben, magischem Denken, von Phantasie oder Geisteskrankheit, wie sie die westliche materialistische Wissenschaft sieht?
Die moderne Psychiatrie unterscheidet nicht zwischen mystischen Erfahrungen und psychotischen Schüben und sieht beide Phänomene als Manifestationen psychischer Krankheiten an – als Psychosen. In ihrer Ablehnung der Religion macht sie auch keinen Unterschied zwischen primitivem Volksglauben und den fundamentalistischen wörtlichen Auslegungen religiöser Schriften auf der einen und den anspruchsvollen mystischen Traditionen oder den grossen östlichen spirituellen Philosophien auf der anderen Seite. Es scheint nicht von Belang, dass diese uralten Traditionen auf Jahrhunderten systematischer introspektiver Erforschung der Psyche basieren. Die moderne Bewusstseinsforschung hat überzeugende Beweise für die objektive Existenz verborgener Dimensionen des Daseins erbracht und damit die metaphysischen Grundannahmen der mystischen Weltsicht, der östlichen spirituellen Philosophien und sogar bestimmter Überzeugungen alter Stammeskulturen verifiziert.

7. Die Bedeutung der archetypischen Astrologie für die Psychologie

Die grösste Überraschung, die ich während meiner mehr als fünfzig Jahre Bewusstseinsforschung erlebt habe, war die Entdeckung des aussergewöhnlichen voraussagenden Potenzials der archetypischen Astrologie. Wegen meiner umfangreichen wissenschaftlichen Ausbildung war ich zunächst sehr skeptisch gegenüber der Astrologie. Die Vorstellung, dass die Planeten und Fixsterne etwas mit Bewusstseinszuständen zu tun haben könnten, geschweige denn mit den Ereignissen in der Welt, schien zu absurd und bizarr, um ernst genommen zu werden. Es dauerte Jahre und benötigte Tausende von überzeugenden Beobachtungen, bevor ich imstande war, dies zu akzeptieren. Die Verschiebung meines Weltbilds erforderte nichts weniger als eine radikale Korrektur meiner metaphysischen Grundannahmen über die Beschaffenheit der Wirklichkeit, die ich durch mein Universitätsstudium erworben hatte. Angesichts der Kontroverse, die mit diesem Thema verbunden ist, würde ich Astrologie hier nicht erwähnen, hätte nicht Richard Tarnas drei bemerkenswerte Bücher über seine akribische bahnbrechende Forschung veröffentlicht: Passion of the Western MindPrometheus the Awakener, und Cosmos and Psyche (Tarnas 1993, 1995 und 2006).
In den letzten dreissig Jahren haben Rick und ich gemeinsam astrologische Verknüpfungen holotroper Zustände untersucht. Meine Hauptaufgabe war es, interessante klinische Beobachtungen aus psychedelischen Sitzungen, Erfahrungen der Teilnehmer in unseren Workshops und Trainings mit holotropem Atmen, mystischen Zuständen, «spirituellen Krisen» und psychotischen Zusammenbrüchen zu sammeln. Ricks Hauptaugenmerk war auf die astrologischen Aspekte der holotropen Zustände gerichtet. Diese Zusammenarbeit hat überzeugende Beweise erbracht für systematische Korrelationen zwischen der Art, dem Zeitpunkt und dem Inhalt holotroper Zustände und den planetaren Transiten der beteiligten Personen erbracht.
Das erste Anzeichen, dass eine aussergewöhnliche Verbindungen zwischen Astrologie und meiner Forschung holotroper Zustände existieren könnte, war die Erkenntnis, dass meine Beschreibung der Phänomenologie der vier basalen perinatalen Matrizen (BPM) – mit den Stufen der biologischen Geburt assoziierten erlebnisorientierten Mustern – erstaunliche Ähnlichkeit mit vier wichtigen Archetypen zeigten, die Astrologen mit den vier äusseren Planeten des Sonnensystems verbinden: BPM mit Neptun, BPM II mit Saturn, BPM III mit Pluto, und BPM IV mit Uranus. Ich muss betonen, dass meine Beschreibung der Phänomenologie der BPM ausschliesslich aufgrund klinischer Beobachtungen formuliert wurde, viele Jahre bevor ich irgendetwas über Astrologie wusste.
Noch erstaunlicher war die Entdeckung, dass in holotropen Zuständen die erlebnismässige Konfrontation mit diesen Matrizen immer dann auftritt, wenn die betreffenden Personen wichtige Transite der entsprechenden Planeten aufweisen. Im Laufe der Jahre konnten wir diese Tatsache durch Tausende spezifischer Beobachtungen bestätigen und viele weitere astrologische Korrelationen für andere Formen holotroper Zustände entdecken. Aufgrund dieser überraschend präzisen Korrelationen, hat sich Astrologie – vor allem die Transit-Astrologie – als ein wertvolles Instrument für die Bewusstseinsforschung erwiesen.
Dies ist ein grosses und äusserst wichtiges Thema, dem ich im Rahmen dieses Artikels nicht gerecht werden kann. Interessierte Leser können weitere Informationen in meinen zwei Artikeln über holotrope Zustände und archetypische Astrologie finden (Grof 2009 und Grof 2013). Eine angemessene Erörterung dieser bemerkenswerten Ergebnisse erfordert eine separate, von einem professionellen Astrologen verfasste Abhandlung. Aber ich habe in den letzten dreissig Jahren genug Beweise gesammelt, um hier einige Worte über mein gegenwärtiges Verständnis der Beziehung zwischen dem Zeitpunkt und Inhalt der spontanen oder induzierten holotropen Zustände und der Transit-Astrologie zu sagen.
Wir haben wiederholt gesehen, dass das Bewusstsein von Menschen während holotroper Bewusstseinszustände, unter den Einfluss der archetypischen Felder transierender Planeten geraten, die zu diesem Zeitpunkt wichtige anguläre Positionen mit den Planeten ihres Geburtshoroskops bilden (Konjunktion, Sextil, Quadrat, Trigonum, oder Opposition). Dies aktiviert selektiv das COEX-System mit den entsprechenden archetypischen Qualitäten. Dieser COEX regelt die inneren Erfahrungen sowie die Wahrnehmung der äusseren Umgebung. Das auftauchende unbewusste Material besteht aus biografischen, perinatalen, und transpersonalen Elementen, und die Interaktion dieser archetypischen Energien ist oft sehr kreativ, humorvoll und spielerisch. Die Tiefe und Intensität dieser Vorgänge hängen von der Intensität der archetypischen Energien und der Anzahl vorheriger Erfahrungen mit holotropen Zuständen ab. Obwohl ich mir bewusst bin, dass diese kurze Schilderung unserer astrologischen Beobachtungen Lesern ohne astrologische Kenntnisse wenig sagen wird, hoffe ich, dass sie erfahrene Astrologen inspirieren wird, sie ihrerseits zu erforschen um sie zu bestätigen oder zu widerlegen.
Zurzeit erleben wir eine aussergewöhnliche Renaissance der psychedelischen Forschung, nachdem mehrere berühmte amerikanische Universitäten (Harvard, UCLA, Johns Hopkins, SUNY u.a.) entsprechende Studien durchführen. Workshops, die holotropes Atmen anbieten, finden in vielen Ländern der Welt statt und spontane Erlebnisse holotroper Zustände ereignen sich zuhauf. Lesende, die die Schlussfolgerungen dieses Artikels prüfen oder widerlegen wollen, steht also genügend Forschungsmaterial zur Verfügung.
Nach meiner Auffassung ist die archetypische Astrologie der lang gesuchte Rosettastein der Bewusstseinsforschung. Sie bietet einen Schlüssel zum Verständnis von Form, Zeit und Inhalt spontaner und induzierter holotroper Zustände in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Es ist wichtig zu betonen, dass astrologische Prophezeiungen, obwohl sie aussergewöhnlich präzis sind, archetypisch voraussagend und nicht konkret voraussagend sind. Gemäss den Forschungen von Richard Tarnas ist eine der auffallendsten Eigenschaften der Archetypen ihre komplexe Vieldeutigkeit. Jeder Archetyp und jede archetypische Kombination besitzen ein reiches Spektrum an Bedeutungen, und bleiben gleichzeitig ihrer eigenen spezifischen Natur treu. Obwohl zum Beispiel Saturn und Neptun eine grosse Auswahl an Bedeutungen haben, würde ein erfahrener Astrologe keine dieser Bedeutungen jeweils untereinander verwechseln.
Die in diesem Artikel beschriebene Revision der Psychologie basiert auf mehr als fünfzig Jahren Bewusstseinsforschung. Sie bringt theoretische Klarheit in die Welt der Tiefenpsychologie und hilft, die unterschiedlichen Positionen konkurrierender Schulen miteinander in Einklang zu bringen. Sie bietet ausserdem einen radikal anderen Ansatz im Hinblick auf die verwirrende Vielzahl psychotherapeutischer Techniken – die Selbstheilung und die selbstorganisierende Intelligenz der Psyche der Klienten. Wenn der Paradigmenwechsel in der westlichen Wissenschaft erfolgreich abgeschlossen sein wird, könnte die verantwortungsvolle Arbeit mit holotropen Zuständen mit Hilfe der archetypischen Astrologie eine der vielversprechendsten Entwicklungen in der Psychiatrie, Psychologie und Psychotherapie sein.

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Übersetzung: Hans Peter Weidinger | Lektorat: Dieter Hagenbach

© Stanislav Grof 2012, 2014

Drogenmythen

Von Markus Berger

Drogenmythen gibt es viele. Wir kennen sie alle. Es gibt aber diese Evergreens, die Klassiker, die ultimativen Tiefschläger, die sich einfach nicht ausräumen lassen, und von denen manche selbst in der Hanfszene und auch in der Welt der Psychonauten noch immer kursieren. Hier die 10 Skurrilsten.

Mythos 1: Drogen sind gefährlich

Wer behauptet, Drogen seien gefährlich, der weiss nicht, was er redet. Dieses Pferd kann man nun wirklich von allen möglichen Seiten aufzäumen – es wird und wird kein Sinn dabei herauskommen. Erörtern wir zunächst die Frage: Was sind eigentlich Drogen? Im Ursprung leitet sich der Begriff Droge vom holländischen Terminus droog ab, was trocken bedeutet. Im eigentlichen Sinne werden damit die getrockneten Pflanzenteile pharmakologisch aktiver Pflanzen, deren Produkte und Zubereitungen bezeichnet – meist Blätter, Blüten, Früchte, Wurzeln und/oder Harze –, die zur Zubereitung von Arzneien dienen. Bis vor wenigen Jahren wurden in der Tat sämtliche Arzneistoffe als Drogen bezeichnet. Heutzutage und durch die gnadenlose Getriebenheit der Prohibition bedingt, sind mit der Sammelbezeichnung Drogen ausschliesslich illegalisierte Rauschmittel gemeint. So werden in den meisten Kulturkreisen der westlichen, sogenannten zivilisierten Welt z. B. Alkohol und Tabak/Nikotin nicht als Drogen bezeichnet, Cannabis und LSD hingegen sehr wohl. Schon hier zeigt sich also die Unsinnigkeit des Diktums «Drogen sind gefährlich». Weiter: Nehmen wir einige der giftigsten Stoffe, die wir überhaupt kennen, beispielsweise das Aconitin des Eisenhuts, das Tetrodotoxin des Fugu-Kugelfischs und das chemische Element Arsen. Selbst die Einnahme dieser extrem potenten Giftstoffe verläuft nicht in jedem Falle tödlich. Im Gegenteil: In der Hand des Pharmakologen werden diese Stoffe zu wertvollen Heilmitteln. Denn allein die Dosis macht einen Stoff zum Gift. Wenn die Gesetzgebung also behauptet, sie verbiete zum Beispiel den Hanf, das LSD, das Meskalin, das Kokain usw., um uns vor den Auswirkungen derer Gefahren zu schützen, dann wäre die logische Konsequenz, dass er auch das Wasser illegalisiert. Immerhin sind in Wasser schon Millionen Menschen ertrunken oder gar an der Nichtverfügbarkeit desselben gestorben. Eine teuflische Substanz? So gefährlich es sein kann, mit dem herzwirksamen Fingerhut, der Digitalispflanze, zu hantieren, so überlebenswichtig ist der enthaltene Giftstoff, das Digitoxin, für akut Herzerkrankte. Vergessen wir also diesen ersten Mythos.

Mythos 2: Cannabis ist eine Einstiegsdroge

Wenn überhaupt etwas in dieser unserer Gesellschaft als Einstiegsdroge bezeichnet werden kann, dann eine der beiden Drogen, die unsere Kinder von morgens bis abends vorkonsumiert bekommen: Alkohol oder der Tabak. Vermutlich sind es beide, die unserer Jugend als Einstiegsdrogen gelten müssen. Das sind immerhin die Substanzen bzw. Produkte, die Tag und Nacht verfügbar sind, deren Konsum als schick gilt (im Falle der Zigaretten mittlerweile nicht mehr so ganz) und die zum guten Ton gehören. Einzig und allein die Tatsache, dass Alkohol und Tabak nicht als Drogen bezeichnet werden (siehe Mythos 1), trägt dafür Sorge, dass immer wieder Cannabis eine Einstiegs-«Droge» genannt wird. Stellt euch folgendes Szenario vor: Ein Opiatabhängiger sitzt beim Arzt. Der fragt für seine Erhebung: «Welche Droge haben Sie denn als erstes im Leben konsumiert?» Der Opiatabhängige antwortet: «Zigaretten.» «Nein, nein, welche DROGEN sie genommen haben, will ich wissen», sagt der Arzt und meint lediglich die illegalisierten Substanzen. Ein reines Problem der Begrifflichkeiten, wie wir sehen. Und da nun mal häufig Cannabis die erste illegalisierte Substanz ist, die Jugendliche probieren, tritt damit die vermeintliche Erkenntnis zu Tage: Cannabis ist eine Einstiegsdroge. Der Mythos ist entlarvt.

Mythos 3: Bier auf Wein, dass lass sein – Wein auf Bier, das lob ich mir

Eine Weisheit, die unter Freunden des gepflegten Alkoholgenusses weit verbreitet ist. In Wahrheit hat dieser Spruch weder Gültigkeit noch ist er pharmakologisch nachvollziehbar. Die Reihenfolge, in der wir alkoholische Getränke zu uns nehmen, ist grundsätzlich zunächst egal. Selbstverständlich gilt für jede Regel auch immer mindestens eine Ausnahme. Denn was zu berechnen ist, ist der Faktor Mensch. Natürlich wird es Menschen geben, die dem Spruch, unserem Mythos 3, voll und ganz zustimmen. Sie haben es selbst schon probiert – umgekehrt geht gar nicht. Aber stimmt das auch, oder ist das eine rein subjektive Empfindung? Beeinflussung? Wahnidee? Nicht ganz. Denn natürlich reagieren Menschen auf verschiedene Darreichungsformen psychoaktiver Substanzen unterschiedlich. Es gibt ja sogar Leute, die vertragen keinen Schnaps. Oder keinen Wein. Oder was auch immer. Es ist nicht anders als beim Cannabis. Raucht man zuerst einen Joint oder gleich die Bong? Variiert man und raucht beides? Wie ist die Kombination Pfeife – Vaporizer? Und in welcher Reihenfolge? Fragen, die allgemeingültig nicht beantwortet werden können. Grundsätzlich ist es den Rezeptoren völlig einerlei, ob die psychoaktiven Moleküle aus einer Pfeife kommen oder aus dem Verdampfer. Ob sie aus einem Bierglas kommen oder aus dem Römer. Absolut egal.

Mythos 4: Schokoloade macht glücklich, weil sie Serotonin enthält

Eins vorweg: Schokolade macht tatsächlich glücklich. Und sie enthält tatsächlich das Glückshormon Serotonin. Dennoch ist der Mythos falsch, dass Schokolade glücklich macht, weil Serotonin darin enthalten ist. Zwar ist Serotonin tatsächlich in der Kakaobohne enthalten, genauso wie das körpereigene Kreativitätshormon Dopamin. Beide Substanzen haben jedoch bei oraler Einnahme keinerlei Wirkung zufolge. Denn sie passieren die Blut-Hirn-Schranke nicht und können damit das Gehirn nicht erreichen. Zudem sind die beiden Transmitter nur in sehr geringer Konzentration im Kakao enthalten. Kakao enthält aber so manche andere psychoaktive Substanz, die durchaus in der Lage ist, die Blut-Hirn-Schranke zu passieren: zum Beispiel Koffein, Theobromin und das Cannabinoid-Analog Anandamid (das der Mensch in seinem Körper bildet, das körpereigene Cannabinoid). Das Koffein ist für die stimulierende Wirkung des Kakaos verantwortlich, dem Theobromin und Anandamid schreibt man hingegen die Glück und Wohlbefinden erzeugende Komponente des Kakaos zu.

Mythos 5: Bananenschalen sind psychoaktiv

Die Legende, gerauchte Bananenschale wirke psychotrop, hält sich hartnäckig und wird auch in diversen Publikationen immer wieder zum besten gegeben. In Wahrheit ist dieser Mythos die 1967 entstandene scherzhafte Antwort einiger US-amerikanischer Psychonauten aus San Francisco auf die Drogenprohibition. Zwar kommen in der Banane eine grosse Zahl psychoaktiver Verbindungen vor. Jedoch stets nur in Spuren oder nicht nennenswerten Konzentrationen. Bananen enthalten sogar körpereigene Transmitter des Menschen, zum Beispiel Dopamin, Noradrenalin, Serotonin und viele mehr. Diese Substanzen passieren die Blut-Hirn-Schranke jedoch nicht (siehe Mythos 4) und können auch nicht geraucht werden. Die Banane macht definitiv nicht high – sie kann nicht als Psychoaktivum verwendet werden.

Mythos 6: Mohnbrötchen machen high

Stimmt genau so wenig, wie die Geschichte mit den Bananen. Mohnbrötchen und Mohnkuchen und dergleichen enthalten Mohnsamen, das ist in der Tat die originäre Opiumpflanze Papaver somniferum, der Schlafmohn. Allerdings werden erstens heutzutage kastrierte Zuchtformen verwendet, die psychoaktive Alkaloide lediglich unterhalb der Nachweisgrenze enthalten. Zweitens enthalten die Samen des originären, unkastrierten Schlafmohns auch nicht mehr als etwa 0,005 Prozent Morphin, sodass eine psychoaktive Wirkung auch nach dem Genuss von 30 Mohnbrötchen oder eines ganzen Mohnkuchens nicht zu erwarten ist. Aber Vorsicht! Etwas tricky ist die Sache: Denn obwohl Mohnsamen nur so wenig Morphin enthalten, werden sie im Drogenscreening auf Opiate ein positives Ergebnis zur Folge haben, sprich: Im Drogentest ist jemand, der kurz zuvor Speisemohn ass, aller Wahrscheinlichkeit nach opiatpositiv!

Mythos 7: Heroin und Crack machen ab dem ersten Konsum abhängig

Ein Mythos, der zu meiner Schulzeit noch von den Lehrern erzählt wurde. Das ist heutzutage hoffentlich anders. Auch wenn ein Heroinkick möglicherweise solch glückselige Momente beschert, dass der Konsument danach dürstet, sofort den nächsten Hit zu haben: Fakt ist, es gibt keine psychoaktive Droge, die nach dem ersten Konsum sofort eine körperliche Abhängigkeit zurfolge hat.

Mythos 8: Man kann für immer auf einem Trip hängen bleiben

Der ewige Bad Trip – davor haben viele grosse Angst. Aber es gibt ihn nicht. Natürlich bergen psychedelische, entheogene, halluzinogene Substanzen stets die Gefahr, eine latent, also versteckt vorhandene und nicht ausgebrochene Psychose zu aktivieren. Es gibt Menschen, die tragen eine Psychose mit sich rum und wissen gar nichts davon. Das ist auch nicht zuletzt deshalb schwierig zu bemerken, weil es keine grundsätzliche Definition der Psychose gibt. Sicherlich existiert eine klinische Diagnostik. Die kann sich aber immer nur an den Symptomen und inneren Vorgängen des einzelnen Patienten orientieren. Kurz gesagt: Eine Psychose kann sich bei jeder und jedem auf andere Weise bemerkbar machen. Und wenn ein solcher Mensch, der eine latente Psychose mit sich herumträgt, an Psychedelika gelangt und tief in sein Bewusstsein und damit in sein Unterbewusstsein eintaucht, dann kann das eine spontane Heilung genauso zufolge haben, wie die Aktivierung einer latent vorhandenen Psychose. Nämlich vornehmlich dann, wenn die Konsumentin oder der Konsument mit Angst vor Kontrollverlust und mangelnder Fähigkeit zum Loslassen ausgestattet ist. Eine solche Psychose kann dann rasch der klinischen Behandlung bedürfen. Andere erleben ganz ohne psychotische Symptomatik einfach einen Bad Trip, der möglicherweise schlimm ist, aber von vorübergehender Natur. Dass jemand «auf dem Trip hängen bleibt», also nie wieder im Leben vom Trip runterkommt, ist unmöglich. Ich kenne Leute, die würden so einen Trip sicher kaufen.

Mythos 9: Natur ist immer gesünder als Chemie

Das ist so ziemlich der dümmste Mythos von allen, denn er hält sich auch in der Psychonautenszene bedenklich hartnäckig. Selbst jene, die den synthetischen Substanzen in keiner Weise abgeneigt sind, verfallen in die Sitte zu behaupten: pflanzlich ist gesünder. Zunächst mal gibt es in der Pharmakologie weder ein pflanzlich noch ein synthetisch. Auch in Pflanzen und Pilzen kommen chemische Verbindungen vor, die pharmakologische Wirkung aufweisen. Unserem Körper ist es nun reichlich egal, ob die Substanz aus einem Organismus stammt oder aus dem Reagenzglas. Dabei beinhaltet dieses Statement nicht die Diskussion um pflanzliche Wirkstoffmixe versus einzelne Synthetika. Wer jemals Dronabinol, also reines, halbsynthetisch hergestelltes THC, mit dem Cannabinoidmix in der Hanfpflanze verglichen hat, der versteht, was ich meine. Trotzdem: Es gibt nicht die böse Chemie und die gute Pflanzenarznei. Letztlich handelt es sich beim einen wie beim anderen um Bausätze aus Molekülen, die in unserem Zentralnervensystem etwas bewirken. Ob das DMT nun aus dem Rohrglanzgras Phalaris ins Hirn gelangt oder aus dem gerauchten Kristall: Spielt das eine Rolle? Antworten nehme ich über die Redaktion gern entgegen. Ansonsten siehe Mythos 3.

Apropos DMT: Interessant in diesem Zusammenhang ist, dass es zwei Substanzen gibt, die einst als Synthesepharmaka par excellence galten: nämlich eben DMT und das Benzodiazepin Diazepam, besser bekannt unter seinem berühmten Markennamen Valium. Beide Stoffe wurden im Labor designt – und später als Naturstoffe entdeckt! Welch Sensation! DMT kommt nicht nur in unzähligen Pflanzen und Pilzen vor, sondern gar in Tier und Mensch selbst! Und Valium ist ein Naturstoff, der zum Beispiel im Reis, im Mais und in der Kartoffel nachweisbar ist! Interessant auch, dass erst kürzlich das ebenfalls bisher nur als synthetisch bekannte Opioid Tramadol in einer afrikanischen Baumart (Nauclea latifolia) nachgewiesen wurde. Und noch eine Anekdote: Es gibt ja Menschen, die lehnen die Behandlung mit Antibiotika ab. Die Medien haben die Antibiotika nämlich in den vergangenen Jahren zum Pharmateufel erklärt – mit Erfolg, die Leute glauben alles. Ich kenne solche Menschen, und einmal sagte jemand zu mir: «Ich nehme keine Antibiotika. Das ist nur Scheisse aus der Schulmedizin und deshalb gefährlich. Ich nehme nur Naturstoffe.» Ich musste lachen. Und erklärte dem Freund, dass Antibiotika Naturstoffe sind. Nehmen wir das Penicillin. Das ist der antibiotisch wirksame Inhaltsstoff eines Penicillium-Schimmelpilzes. Nichts weiter. Ich erklärte weiter, dass es keine bösen Substanzen gibt, dass es immer und ausschliesslich auf den richtigen Gebrauch ankommt. Und dass es Naturstoffe gibt, Pflanzengifte zum Beispiel, die extrem giftig und gefährlich sind und dagegen synthetische Pharmaka, die nur sehr geringe Risiken bergen. Also auch Mythos 9: vergessen!

Mythos 10: Drogenverbote schützen die Menschen

Oh ja, das wird uns immer gesagt. Und es ist gelogen. In Wahrheit schaffen die Drogenverbote deutlich mehr Unheil und Leid, als jede Droge dieser Welt es vermochte. Die verquere Drogenpolitik zerstört mit ihren menschenverachtenden Gesetzen massenhaft Existenzen, weil Menschen sich möglicherweise entschieden haben, ein willkürlich illegalisiertes Genussmittel oder Medikament zu gebrauchen. Menschen, die niemandem schaden, die keinem etwas antun, werden eingesperrt und/oder ausgegrenzt, nur weil sie sich mit illegalisierten psychoaktiven Substanzen beschäftigen und diese konsumieren. Auch ist inzwischen hinlänglich bewiesen, dass die repressive Drogenpolitik, die Drogenprohibition, keinerlei Erfolge verbuchen kann. Der weltweite Drogenhandel, -besitz und -konsum ist nicht weniger geworden, das genaue Gegenteil ist der Fall. Dabei sind Verordnungen wie das Betäubungsmittelgesetz verfassungswidrig. Denn nach unserer Verfassung haben wir das sogenannte «Recht auf Selbstbeschädigung», auch wenn wir uns mit einer Feierabendtüte wohl nicht wirklich beschädigen, da sind wir uns einig. So dürfen wir uns zwar gesetzlich abgesichert das Leben nehmen. Uns mit psychoaktiven Drogen selber «schädigen» dürfen wir aber nicht. Das entbehrt jeder Logik. Das Drogenverbot schädigt die Menschen und letztlich die gesamte Gesellschaft. Es kostet nur Geld, verschlingt Ressourcen, vernichtet Existenzen und bringt am Ende doch einfach nur überhaupt gar nichts. Entlassen wir also diesen zehnten Mythos in das Reich der skurrilen Drogenlegenden.

© 2014 Markus Berger

Über die Jahre

Philosophischer Ausblick 2014
Von Christina Kessler

Wenn ich sage, 2014 wird das Jahr der Manifestation werden – der Manifestation eines neuen Paradigmas, einer neuen Denke, eines neuen kollektiven Bewusstseins – dann werde ich bestimmt erklären müssen, warum.

Nun, wer sich vorwiegend mit Wandlungsprozessen beschäftigt, weiss, dass Wandel nicht einfach irgendwie geschieht. Wandel folgt ganz bestimmten Gesetzmässigkeiten. Wandel besitzt eine innere Dynamik.

Dass wir uns in einem tiefgreifenden, ja epochalen und globalen Wandel befinden, daran dürfte wohl niemand mehr einen Zweifel haben, allenfalls jene, die diese Tatsache nicht wahrhaben wollen. Längst hat es sich auch herumgesprochen, dass wir alle dazu aufgefordert sind, konstruktiv bei der Gestaltung des Neuen mitzuwirken. Veränderung mag ohne uns geschehen, aber wird sie auch in eine Richtung führen, die wir uns wirklich wünschen? Und wer, wenn nicht wir selbst, kann uns herausholen aus dem, was wir auf keinen Fall mehr wollen – weil es uns und dem Leben nicht mehr dient, weil es lebensfeindlich geworden ist, weil es einfach keinen Sinn mehr macht.

2012 – Zusammenbruch

Die meisten erinnern sich noch lebhaft an das magisch heraufbeschworene 2012 – an das esoterische Riesen-Event «Zeitenwende», assoziiert mit dem Ende des Maya– Kalenders. Der Untergang, wie ihn sich viele vorstellten, blieb aus; Gott sei Dank. Der Zirkus hatte sich bald erschöpft; zum Glück. Eines war aber plötzlich nicht mehr vom Tisch zu wischen: die Tatsache nämlich, dass es nicht mehr so weitergehen kann: dass wir uns verfahren haben; dass unser vermeintlich – ach, so starkes – System im Kollabieren begriffen ist; dass wir mit Lügen abgespeist und nach Strich und Faden manipuliert werden. Dass das Leben an Qualität eingebüsst hat, weil Druck, Stress, Geschwindigkeit, Erwartungen und Anforderungen, Egoismus und Profitgier, Verblendung und Unverantwortlichkeit übermässig geworden sind. 2012 hat uns auf breiter Ebene vor Augen geführt: Der Tempel der westlichen Zivilisation hat nicht nur Risse bekommen. Die Risse sind so tief, dass sie nicht mehr gekittet werden können. Das Gebäude kracht in sich zusammen – Wirtschaft, Politik, Gesellschaft, Technologie, Konsum, Bildung, Medizin …

2013 – Durchbruch

Doch haben Risse und Löcher auch ihr Gutes. Wo verfestigte, starr gewordene Weltbilder zusammenbrechen, bricht der Mensch durch zur Einsicht in das innere Wesen der Wirklichkeit, zur Erkenntnis universellen Wissens von zeitloser Gültigkeit, zum eigentlich Wesentlichen, zum Sein.

2013 bescherte der Welt die unwiderlegbare Erkenntnis: es gibt eine äussere Wirklichkeit und eine innere Wirklichkeit. Will Leben gelingen, wollen kulturelle Systeme nachhaltig sein, müssen beide Sphären beachtet werden. Keine Seite der Wirklichkeit darf vernachlässigt, keine überbetont und zu dominant werden.

Aussen, das bedeutet materielle Wirklichkeit, Unterschiedlichkeit, dingliche Wahrnehmung, Faktenwissen, Objektivität, Individualität, Trennung.

Innen das Gegenteil. Innen finden wir das Unsichtbare, die geistige Wirklichkeit und ihre innere Ordnung, den Urgrund, Einheit/Ganzheit, prozesshafte Wahrnehmung, Orientierungswissen, Subjektivität, Universalität.

Während früher auf Kongressen und Symposien stets ganze Paletten an Alternativ-Möglichkeiten vorgestellt wurden, herrscht heute tiefes Einverständnis darüber, wie das Neue ausschaut: «Unity in Diversity», «Zurückeroberung der verlorenen Innenräume», «Begegnung von Wissenschaft und Weisheit», «Hochzeit von Intuition und Intellekt». Ebenso einig ist man sich darüber, dass das Neue eigentlich gar nicht so neu ist, sondern es bei diesem Neuen um Einsichten handelt, die der Mensch im Laufe der Geschichte immer wieder gewann. Einsichten, die ihm immer wieder halfen, sich aus Krisen zu befreien und kulturelle Blütezeiten herbeizuführen.

2013, so empfand ich es zumindest, brachte den Durchbruch zu universellem Lebenswissen, das sich bisher hinter den Mauern von unterschiedlichsten Religionen und Weltanschauungen versteckt hielt.

2014 – Manifestation

Dieses universelle Lebenswissen liegt nun vor uns wie weites Land – unbegrenzt, unverbaut, unbefleckt, ohne den leisesten Geschmack von Ideologie, Dogmatik, Konfession, wild, ungezähmt – und möchte von uns besiedelt werden. Ein frischer Wind weht, wie eine Einladung: «Mensch, werde wesentlich. Erinnere dich daran, was Leben wirklich bedeutet, was du wirklich leben willst. Lass dich nicht einlullen und narkotisieren von Konsum und Manipulation. Wach auf und geh deinen Weg. Mach deine Berufung zu Deinem Beruf. Verwirkliche Deine inneren Träume von Geborgenheit, Gemeinschaft, Wertschätzung, Respekt und Vertrauen. Von einem Leben, das sich zu leben lohnt und anderes Leben leben lässt. Fange damit bei dir selbst an und warte nicht, bis dir die gefüllte Gans serviert wird. Sei mutig und horche auf Dein Herz. Denke wild, gib Intuition und Kreativität einen Platz in deinem Leben. Erlaube dir zu fühlen, mitzufühlen. Liebe. Ja, trau Dich endlich wieder zu lieben, dich selbst und andere, das Leben und die Welt. Hemmungslos. Bedingungslos. Und vor allem: Komme dir nicht mehr blöd vor, wenn du dein Herz sprechen lässt. «Man sieht nur mit dem Herzen gut», heisst es im «Kleinen Prinzen» von Antoine de Saint– Exupéry.

2014 steht ganz unter dem Motto «Finde dich selbst und verändere die Welt». Der kollektive Drang zur Manifestation ist dabei Rückenwind für die persönliche Verwirklichung. Wer im kommenden Jahr umsetzt, was er schon immer machen wollte, kann mit einem enormen Kraftschub rechnen. Alles, was in die richtige Richtung strebt, wird leichter gehen als sonst. Widerstände werden geringer werden. Dafür wird im Miteinander wie von selbst die Tendenz zu Kooperation, Zusammenhalt und Commitment – Verbindlichlichkeit aus freien Stücken – entstehen. Die Zeit der einsamen Wölfe ist vorbei. WIR sind diejenigen, auf die wir immer gewartet haben. Alphatier-Gehabe ist out, wenn WIR unsere eigene Autorität zurückgewinnen. Haie werden bald gänzlich auf soziale Anerkennung verzichten müssen.

Der neue Typ ist der Tiger – im indotibetischen Kulturkreis seit jeher Symbol für Lebensmeisterschaft, Weisheit, Selbstverwirklichung, Zivilcourage und soziales Engagement. «Ich, der Weise, bin der Tiger unter den Menschen» heisst es bei Milarepa, dem grossen literarischen Helden des Alten Tibet. Gelebte Weisheit wird 2014 IN sein. Denn Weisheit bedeutet: Einblick in die unsichtbare Zusammenhänge der Wirklichkeit und daraus folgende ausserordentliche Handlungskompetenz. Gelebte Herzensqualitäten werden die Weichen für eine neue Wirklichkeit stellen, weil sie uns andere, klügere, bessere, schönere und liebenswertere Entscheidungen treffen lassen.

«Wir sind der Wandel, den wir in dieser Welt erleben wollen». Wie oft wurde dieser Satz von Mahatma Gandhi bereits zitiert! Jetzt ist es soweit, dass wir ihn endlich begreifen.

© 2013 Christina Kessler

Dr. Christina Kessler ist Ethnologin, Philosophin, Soziologin und interkulturelle Mediatorin, seit vielen Jahren spezialisiert auf Wandlungsprozesse und deren innere Dynamik, Autorin diverser Bücher – www.christinakessler.com

Triff das Leben, wo es ist

Von Lioba Schneemann

Das Leben findet im Jetzt statt. Wir handeln und denken weder im Gestern noch im Morgen. Darum der Rat: Sei da, wo du eh schon bist. Wer dies täglich übt, wird dauerhaft glücklich.

Der Mensch will glücklich sein. Das ist das höchste Ziel eines jeden, egal ob reich oder arm, schwarz oder weiss, klein oder gross. Die Glücksformel, die uns spirituelle Lehrer seit Jahrtausenden raten, tönt banal: Lebe im Jetzt. Denn das ist die Grundlage allen Glücks. Dann gewinnst du die totale Freiheit.
«Wir müssen lernen dort zu sein, wo das Leben stattfindet. Und das ist genau hier. Das «Jetzt» ist der einzige Moment, den wir haben. Er ist so flüchtig und doch so kostbar. Deshalb sollten wir ihm unsere volle Aufmerksamkeit schenken», betont Fred von Allmen, buddhistischer Meditationslehrer und Buchautor.
Das Dasein bestehe aus einzelnen Momenten, einem Bruchteil von Zeit. «Es ist eine sehr feine Linie, zwischen der Vergangenheit, die restlos verschwunden ist und einer Zukunft, die noch nicht begonnen hat.» Diese Linie sei so fein, dass wir sie kaum wahrnehmen. Die Frage sei nur: Können wir uns dieser Tatsache öffnen?

Die Zukunft gibt es nicht

Im Moment leben, achtsam sein, ist ein alte Weisheit. Nun wird, glücklicherweise, dieses Wissen wieder neu «entdeckt». So schrieb schon der Mystiker Meister Eckhart: Die wichtigste Stunde ist immer die Gegenwart, der bedeutendste Mensch ist immer der, der dir gerade gegenübersteht, das notwendigste Werk ist stets die Liebe.
Der Weg zum Lebensglück tönt so simpel, dass man es kaum glauben mag. Wie schwer es jedoch fällt, im gegenwärtigen Moment zu verweilen – ohne zu urteilen, ohne sich in Gedanken oder einer Tätigkeit zu verlieren und ohne sich abzulenken – kann jeder sofort ausprobieren.
Setzen Sie sich auf einen Stuhl und schliessen Sie die Augen. Achten Sie für einige Minuten nur auf ihren Atem. Spüren Sie, wie er kommt und geht, ein kalter Luftzug in der Kehle, das Auf und Ab der Bauchdecke. Lassen Sie aufkommende Gedanken, Bilder, Empfindungen kommen und gehen, lassen Sie sie wie Wolken am Himmel vorbeiziehen.
Hand auf’s Herz – wie lange schaffen Sie das, ohne wieder einem neuen Gedanken nachzuhängen? Eine Sekunde, eine Minute?
Die Arbeit mit dem Atem wird in vielen traditioneller Meditationstechniken geübt. Man schult damit seine Konzentration und die Sammlung des Geistes. Einzig der Atem dient als Anker zum Zurückkommen ins Jetzt.
Warum fällt das nur so schwer? Unser Geist schlägt seine Kapriolen, genannt «Denken». Es geht zu wie in einem Affengehege, laut und geschäftig. Fortlaufend will sich der Geist Erinnern, Planen, Wünschen, Bewerten. Dies verursacht jedoch unser ganzes Leiden.
Eckhart Tolle, bekannter Fachmann des «Jetzt», rät uns darum, der Vergangenheit und Zukunft nur kurze Besuche abzustatten, nur soweit, wie es die praktischen Dinge des Lebens erfordern. Das dauernde Erschaffen der Zeit sei menschlicher Wahnsinn. Man könne nicht in der Vergangenheit oder in der Zukunft leben, denn sie existiere gar nicht: Nichts ist je in der Vergangenheit geschehen – es geschah im Jetzt. Nichts wird je in der Zukunft geschehen, es wird im Jetzt geschehen.
Klar formuliert Tolle diese Tatsachen: «Was du mit Vergangenheit bezeichnest, ist eine in deinem Verstand aufbewahrte Erinnerung an das frühere Jetzt. Die Zukunft ist eine Projektion des Verstandes.»

Denken – eine Illusion

Denken ist nicht schlecht. Kein spiritueller Lehrer rät dazu, den Versuch zu unternehmen, es abzustellen. Unser Gedankenstrom reisst uns jedoch mehr mit, als wir es wahrhaben wollen. Und wir glauben irrwitzigerweise, wir hätten unser Denken unter Kontrolle. «Die Gedanken denken uns», stellt vielmehr Eckhart Tolle fest.
Dass wir in der Lage sind, etwas zu tun, dabei an etwas ganz anderes zu denken, ist zwar ein grosser Vorteil. Dadurch sind wir sehr effizient. Wir können Szenarien entwickeln, Gefahren erkennen, in Varianten denken, uns um etwas sorgen und gezielt planen. «Weil wir ständig mit Denken beschäftigt sind, laufen wir aber Gefahr, nicht mehr wahrzunehmen, was gerade geschieht», erklärt Stephan Ebner, MBSR-Lehrer in Basel.
«Und dass wir drei Dinge gleichzeitig machen können, wird zunehmend zum Fluch».
Die Ereignisse erleben wir also nicht so wie sie sind, sondern werden gefiltert. Gedanken verbinden sich mit Erinnerungen, wir bewerten und vergleichen. Unsere vorgefertigten Meinungen werden einfach reproduziert. Oder wir projizieren etwas in andere Menschen hinein, das wir zu sehen glauben.
Unsere Energie verpufft im Planen unserer Zukunft oder im Ausmalen, was wäre, wenn dies oder jenes eintreffen wird. Diese innere Geschäftigkeit artet rasch in Stress und Unruhe aus.
Die Momente des Lebens – das Leben – bekommen wir gar nicht mehr richtig mit. So kommt es vor, dass wir bei einem Sonnenuntergang sitzen, aber nach kurzer Zeit des Staunens schon wieder vergleichen, ob der vom letzten Jahr nicht doch schöner war. Und als Tourist befinden wir uns vor lauter «Knipsen» der Sehenswürdigkeit gar nicht richtig am Ort des Geschehens.
Was wir tun können, ist, sich von den Gedanken zu distanzieren. Das gelingt, indem wir eine gewisse Beobachterrolle einnehmen, uns innerlich distanzieren. Immer wieder versuchen, im Geiste einen Schritt zurückgehen und sich selbst, seine Gedanken, Gefühle und Empfindungen einfach nur anzuschauen, ohne ihnen Energie zu geben.

Den Anfängergeist schulen

Den einzelnen Moment achtsam und ohne zu urteilen wahrnehmen, führt dazu, dass man sich mehr mit sich selber befasst. Man lernt, sich zu spüren, wahrzunehmen, was innerlich vor sich geht. Man kann herausfinden, warum man auf etwas in einer bestimmten Art und Weise reagiert und was einen wirklich antreibt. Das hat weitreichende positive Konsequenzen im Umgang mit anderen und mit sich selbst. Nur wer sich kennt, kann seine Grenzen einschätzen, überfordert sich nicht und kann auf seine Bedürfnisse Rücksicht nehmen, «brennt nicht aus».
Im Alltag sind wir uns unserer Reaktionen oft nur wenig bewusst. Wie würden wir aber reagieren, wenn wir fühlten, dass hinter unserem Nörgeln die Fürsorge um den Sohn steckt und kein diffuser Ärger? Wie sähe die Diskussion beim Zubett-Gehen zwischen Mutter und Tochter aus, würden beide sich ihrer wahren Beweggründe bewusst sein?
Ein achtsamerer Umgang bewahrt uns davor, immer wieder in die gleichen Muster zu verfallen. Das meinen spirituelle Lehrer, wenn sie von Freiheit sprechen. Stephan Ebner: «Wenn ich achtsam bin, kann ich in schwierigen Situationen freier wählen, wie ich mich verhalten kann. Ich bin nicht mehr in Gedankenschlaufen oder automatischem Reagieren gefangen. Ich kann mich innerlich in positiver Weise ausrichten.»

Jede Sekunde üben

Der Prozess des inneren Wachstums verlangt viel Engagement für sich selbst. Fred von Allmen betont: «Einfach nur im «Jetzt» sein, reicht nicht. Vielmehr muss man lernen und begreifen, wie sein Geist funktioniert, und wie er das eigene Leiden verursacht. Erst dann ändert sich wirklich etwas.» Die Achtsamkeit, so sagte einst Buddha, ist nur soweit gut, wie sie der Erkenntnis dient. Das Einüben von Achtsamkeit verlangt stetes Bemühen, Willen und Disziplin im Alltag. Manchmal sei es aber auch nur eine Frage des Sich-Erinnerns.
Achtsam-Sein übt man am einfachsten, indem man beobachtet, in welchen Situationen man unachtsam ist. Und, indem man es vermeidet. Wir sind unachtsam, wenn wir mehrere Dinge gleichzeitig tun oder automatisch, wenn wir vergleichen und bewerten. Wir sind unachtsam, wenn wir Grübeln oder beim Tun bereits gedanklich am Ziel sind.
«Den Anfängergeist schulen», rät Stephan Ebner. «Wenn ich esse, etwas erlebe, als wäre es das erste Mal, werde ich mit der Zeit genügsamer.» Einfache Dinge erlebt man zunehmend als erfüllende Erlebnisse. Die Erwartung auf etwas Neues hält uns wach. Wachsam sind wir auch dann, wenn wir einen «gesunden Respekt vor Unsicherheit» haben. Viele gehen dafür an ihre Grenzen, erklimmen die Eiger-Nordwand oder springen in die Tiefe. Unnötig für das Leben im Jetzt. Denn das lässt sich jede Sekunde üben. Jetzt.

© 2013 Lioba Schneemann – Dieser Artikel ist zuerst im Zeitpunkt 128erschienen, Abdruck mit freundlicher Genehmigung

Der Somnambule Salon

Von Micky Remann und Ulrich Holbein

Im Rahmenprogramm des Internationalen Symposiums zum 100. Geburtstag von Albert Hofmann LSD – Sorgenkind und Wunderdroge, im Januar 2006 in Basel, präsentierten der Schriftsteller Ulrich Holbein und der Medienkünstler und Kulturschaffende Micky Remann einen thematisch freien, von Tages- und Nachtzeit unabhängigen Dialog. Ein Jahrsiebt danach legen die beiden nun eine leicht bearbeitete Mitschrift des Mitschnitts von damals vor.

Micky Remann
What about the Argentinian broadcasting team – are you ready?

Argentinischer Kameramann
All right, ready!

Micky Remann
Danke, das war das Zeichen der argentinischen TV-Regie, dass wir jetzt live auf Sendung sind. Buenos Aires sitzt versammelt vor den Fernsehschirmen, jeder winkt noch einmal Tante Juanita und Onkel Juan zu, die es kaum erwarten können, heute zugegen zu sein, wenn der Somnambule Salon seine Pforten öffnet, die Pforten der Wahrnehmung, von denen wir schon so viel gehört haben.

Es freut uns, dass zusätzlich zu den Menschen, die hier sichtbar auf ihren Stühlen sitzen, mindestens eben so viele anwesend sind, die wir nicht sehen, weil sie sich entschieden haben, den Somnambulen Salon im unphysischen Zustand zu erleben. Was der Somnambule Salon beinhaltet und wofür er gut ist, werden wir aber erst im Laufe des Somnambulen Salons erfahren.

Ulrich Holbein ist der eine Somnambulist, der andere bin ich, das heisst, wir sind zu zweit und wir machen das Gegenteil von Stand-Up-Comedy, nämlich Sit-Down-Comedy. Ihr könnt euch, während ihr lacht, getrost hinsetzen und dann beim Lachen einschlafen, das gehört zu den Charakteristika des Somnambulen Salons.

Noch eine gute Nachricht: während ihr schlaft, braucht ihr noch nicht einmal zu lachen. Sollte es lustig werden im Sinne von funny ha ha, hätten wir das Thema verfehlt. Das ist eine ernsthafte, Ernst zu nehmende Veranstaltung, zu der wir qualifiziert sind, weil wir als erste und zweite Vorsitzende der Schweizer Sektion der Internationalen Deutschen Vereinigung anerkannter Scharlatane zu euch sprechen. In dieser Funktion sind wir befugt, alles, was an diesem Kongress wesentlich oder unwesentlich ist, auf die Spitze zu treiben gemäss unserem jeweiligen Lebensmotto.

Ulrich Holbein hat sein Motto mitgebracht und ich meins. Ich verrate mein Motto zu erst, es lautet: Erst übertreiben, dann langsam steigern!’ Das ist die eine Hälfte der hier versammelten Wahrheitsverkündung, die andere Hälfte sitzt somnambul, körperlich, physisch, mystisch, seelisch neben mir, in Gestalt von Ulrich Holbein, der ein grossartiges Motto in den Ring wirft, welches da heisst, ich darf zitieren: ‘Abweichen, egal wovon!’ Oder als Imperativ: ‘Weiche ab, egal wovon!’?

Ulrich Holbein
Nein.

Micky Remann
Entschuldige, möchtest du Wortlaut oder Sinngehalt deines Mottos selbst erläutern?

Ulrich Holbein
Es war ein bisschen falsch zitiert. Es heisst nicht: ‘Weiche ab’, sondern ‘Weich ab.’

Micky Remann
Weich ab?

Ulrich Holbein
‘Weich ab, egal wovon!’ Damit nicht ‘e’ und ‘a’ aufeinander stossen, weil das einen sogenannten Hiatus ergäbe. Zwei Vokale dürfen nicht aufeinander stossen. ‘Weiche ab’ – nein, so soll es nicht heissen. Richtig ist: ‘Weich ab, egal wovon!’

Micky Remann
Wenn du dazu aufrufst, abzuweichen, egal wovon, möchte ich hiermit von der Hiatus-Regel abweichen, die das Aufeinanderstossen zweier Vokale verbietet. Also weiche ich ab – nicht: ‘weich ich’ ab – von dieser weichlichen Phonetik und sage: ‘Weiche ab!’

Ulrich Holbein
Tue dies, und …

Micky Remann
Nicht: ‘tu dies’?

Ulrich Holbein
Nein, ‘dies’ fängt doch nicht mit einem Vokal an.

Micky Remann
Aber ‘dies’ hat vorne ein weiches ‘t’, das entfällt nach der 3. Lautverschiebung, die in ungefähr 300 Jahren zu erwarten ist. Dann liegen die Vokale vorne und hinten blank und es wird heissen: ‘Tu ies’ – also wie das Reiseunternehmen, nein, wie der Plural von mehreren gleich lautenden Reiseunternehmen. Das heisst, in Zukunft reisen wir viel und die Hiatus-Regel wird entkräftet.

Möglicherweise ist nicht allen Versammelten klar, warum sie hier versammelt sind. Das hängt mit der Natur des somnambulen Zustandes zusammen, der sich dadurch auszeichnet, dass alles, was ihr hier erlebt, in der Innenwelt einer gemeinsamen Traumprojektion geschieht. Diejenigen, die denken, sie seien wach, träumen eben dieses. Diejenigen, die im Traum denken, sie seien im Traum erwacht, träumen, dass sie im Traum erwacht seien, übersehen aber, dass es nicht stimmt. In der luziden Traumforschung ist dieses Phänomen als ‘falsches Erwachen’ bekannt und berüchtigt. Wie oft liegen wir schlafend, träumend im Bett, wachen auf und denken: ‘Scheisse, ich muss auf Toilette!’ Aber irgendwie wird nichts draus, man kommt nicht hoch und ausserdem kommen Menschen durch die Projektion gelatscht …

(eine Dame läuft vor dem Videobeamer vorbei, ihr Schatten verdeckt die den Dialog begleitenden psychedelischen Farblichtspiele)

… dann wird der Traum vom Thema abgelenkt und das Thema vom Traum und plötzlich bin ich in einem ganz anderen Feld gelandet und denke: irgendetwas ist faul hier, ich muss immer noch pinkeln, komme aber weder aus meinen Schlafzustand heraus, noch aufs Klo, und dann gibt es den Moment der Erkenntnis, in dem wir feststellen: ‘Aha! Ich komme deswegen nicht aus dem Bett, weil ich immer noch im Traum bin und nur geträumt habe, aufgewacht zu sein.’

Das ist der typische Fall des falschen Erwachens und in Anlehnung an Adorno können wir konstatieren: Es gibt kein richtiges Erwachen im Falschen! Schon gar nicht im Somnambulen Salon, wo wir zwischen falschem und richtigem Erwachen prinzipiell nicht unterscheiden. Falls es ein Erwachen gibt, ist dieses falsch. Punkt. Richtig ist derjenige Zustand, welcher mit traumhafter Sicherheit im Schlafwandel verbleibt. Wir sind Protagonisten und Exponenten der Philosophie der Wiedervereinigung von Wandel und Schlafwandel, denn dort gehen beide in einer Gesamtsphäre auf, aus der es kein Entrinnen gibt. Jeglichem Wachzustand gegenüber sind wir skeptisch eingestellt.

Diejenigen von euch, die nun meinen: ‚Meine Güte, was labern die für’n Scheiss!’, und wollen aufstehen und schnell rüber zum Konzert mit dem Starsounds Orchestra, können dies gerne tun, oder können zumindest so tun, als ob sie es täten. Die werden aber feststellen, dass, während sie drüben im Saal zu wummernden Gongs und Bässen abtanzen, ein Teil von Ihnen immer noch hier auf dem Stuhl sitzt und weiter träumt. Denn das Erwachen, das sie zum Starsounds Orchestra hat bringen wollen, war ein falsches Erwachen, wohingegen das Weiterschlafen auf diesen Stühlen real ist.

(Applaus)

Wir sind auch überzeugt, dass alle scheinbar unbesetzten Plätze hier im Auditorium in Wahrheit voll besetzt sind, sogar überbesetzt. Es war ja klar, dass dieser Kongress mehr Leute anziehen würde, als in ganz Basel Platz haben und Betten finden können. Ähnlich ist es mit dem Somnambulen Salon. Ihr, die ihr hier sitzt, seid eine auserwählte, proto-erleuchtete Minderheit, die die seltene Chance bekommen hat, sich mit den eigenen, körperlichen Ärschen auf die freien Stühle zu setzen. Ihr könnt euch gar nicht vorstellen, wie viele disinkarnierte, ausserkörperliche Wesenheiten sich in der Warteschlange vor den nicht besetzten Plätzen drängeln und schupsen, weil sie mit dabei sein wollen, weil auch sie im Zustand des falschen Erwachens schlafend hören wollen, was hier passiert.

In manchen Kongressbeiträgen wird ja behauptet, LSD sei ein Wunderheilmittel gegen illuminative Impotenz, das Viagra für unter Erleuchtungsmangel Leidende. Dieses Phänomen wollen wir näher untersuchen, weil es tagelang zu kurz gekommen ist und wir Somnambulisten das Sprachrohr aller zu kurz gekommenen Themen sind. Im Schlaf kommen ja meist die Themen zu kurz, die am Tag zu lang gekommen sind und umgekehrt. Und jedem von uns geht es doch so wie mir – nein, stimmt eigentlich nicht, oder vielleicht doch, aber wenn man drei Tage lang in jedem fünften Satz LSD hört, braucht man Drogen, um wieder runter zukommen.

Als ein mit allen Weihwassern vollgesogener Gehirnschwamm ist eine geradezu heroische Erkenntnisenergie erforderlich, um den ganzen Weisheitskram somnambul wieder auszuquetschen und abzusondern. Für die Umsetzung dieses Vorhabens haben sich Ulrich und ich zur Verfügung gestellt, wobei unser Ansatz im Somnambulen Salon lautet: wenn wir schon unsere psychedelisch aufgeladenen Gehirnschwämme und Gehirnzitronen ausquetschen, dann tun wir das nicht alleine, sondern in Gesellschaft. Euer Schicksal ist es nun, diese Gesellschaft zu sein und im Traum dieses Dialogs das Gesagte mitzuerleben. Ist aber das Phänomen des Erlebens eines, von dem wir feststellen dürfen, dass es wirklich stattfindet? Ulrich, was sagst du dazu?

Ulrich Holbein
Also, als ein mit dem Wort LSD in diesen Tagen Überschütteter, gleichzeitig meinem Motto: ‘Weich ab, egal wovon’ Getreuer und als Vegetarier gerne um falsche Hasen herum Kreisender, interessiert mich das falsche Aufwachen, welches du ins Spiel gebracht hast, überaus. Unter diesem falschen Erwachen, um es vielleicht noch zu toppen, würde ich eine Art Fehl-Initiation verstehen: die falsche Tür öffnen, irgendwo entlang laufen, durch die nächste falsche Tür gehen, wieder nicht zum Ziel kommen, und immer so weiter. Aber das Bündel des von dir Gesprochenen war so gross, zumal ja auch die spirituelle Impotenz darin vorkam, die mir ganz besonders attraktiv vorkommt. Also nicht das Phänomen, spirituell impotent zu sein, das würde ich gern hinter mir lassen, aber bei dem Thema würde ich gern noch ein bisschen einhaken.

Micky Remann
Wichtig beim Somnambulen Salon ist die fabulatorische Freiheit, dass unmittelbar auf einander folgende Beiträge keinerlei Bezug zueinander haben müssen. Wie oft träumen wir doch von etwas, das absolut nichts mit dem zu tun hat, was wir kurz davor geträumt haben. Das Schöne am Traum ist ja, dass da niemand auf sequenzielle Logik achtet, auf regelkonforme Anordnung von Subjekt, Prädikat, Objekt, Indikativ, Konjunktiv, usw. Gerade die unverbundene, unbewachte Bezugslosigkeit der somnambulen Dialogbeiträge stellt Verbindungen her, die einen Sinn stiften, den es vorher nicht gab. In diesem Sinne vermeide ich den Bezug zu der Frage, die du gestellt hast, weil ich die inzwischen auch schon vergessen habe.

Ulrich Holbein
Behauptest du denn, dass ich an deine vorherigen Ausführungen nicht angeknüpft bzw. keinen Bezug darauf genommen hätte? Ich habe doch alle deine Begriffe aufgegriffen. Es kam mir so vor, als hätte ich einen Dialogbeitrag geliefert.

Micky Remann
Danke, das wäre aber gar nicht nötig gewesen.

Ulrich Holbein
Hm.

Micky Remann
Aber du sprichst etwas an, das mich an meine Jugend erinnert. Wer erinnert sich nicht an meine Jugend? Wahrscheinlich die meisten. Wieder geht es ums falsche Erwachen. Damals hatte ich als ungefähr Fünfjähriger im Schlaf einen spürbaren Blasendruck …

Ulrich Holbein
Ja, das …

Micky Remann
… denn zu den populärsten somnambulen Vorkommnissen gehört es, im Traum zu hoffen, man könne sich eines unerträglichen Blasendrucks entledigen, ohne aufzuwachen.

Allerdings schaffen es die Wenigsten, ihre Blase innerhalb des Traums auf psychosomatisch glaubhafte Weise zu entleeren, in dem Sinne, dass sie halluzinativ oder illuminativ davon überzeugt sind, den Blasendruck losgeworden zu sein, ohne in Echt gepinkelt zu haben. Das falsche Erwachen kann sich nun darin äussern, das man mit Blasendruck aufwacht, träumt, man gehe zur Toilette, träumt, man pinkele, träumt, man gehe erleichtert zurück ins Bett, weiterschläft, nur um in der nächsten Traumsequenz festzustellen, dass man schon wieder pinkeln muss. Dann geht alles wieder von vorne los, Sisyphus wälzt seine Blase den Berg hoch, schafft es nicht, muss sich die nächste Kloszene zusammen träumen, das karmische Rad des Leidens dreht sich weiter und immer weiter, weil man merkt: ‘Scheisse, ich muss pinkeln!’

Ulrich Holbein
Hm.

Micky Remann
Das ist ein Dilemma von grosser erkenntnistheoretischer Tragweite und hat nichts mit Auskünften auf die Frage zu tun: wo ist hier im Kongresszentrum bitte die Toilette? Wo ist der Mensch? Wo ist der Schrank? Ich bin damals in meiner Jugend nämlich schlafwandelnd in einen Schrank gestiegen …

Ulrich Holbein
Hm hm.

Micky Remann
… 
und fand mich zwischen dunklen, müffelnden Mänteln wieder.

Ulrich Holbein
Da hinten hängen welche zur Auswahl.

Micky Remann
Ich fühle ich mich die ganze Zeit schon leicht traumatisiert von den Vibes …

Ulrich Holbein
Ja?

Micky Remann
… die da aus der Garderobe kommen.

Ulrich Holbein
Entscheidend ist doch die Frage, ob es überhaupt ein Erwachen gibt?

Micky Remann
Landläufig wird darunter das Ankommen in einer oberen Wirklichkeit verstanden, heller und realer als die untere, dunkle Schlafebene, in der man vorüber gehend anwesend war, um sie mit dem Erwachen hinter sich zu lassen. Wichtige Denker der letzten 30 Millionen Jahre haben aber immer wieder die Idee hierarchisch gegliederter Realitätsebenen in Frage gestellt. Das ist alles ein Trugschluss, sagen sie, Erwachen bedeutet lediglich das Wechseln zwischen gleichwertigen, sozusagen ebenerdig gelegenen Parallelzuständen. Nein, bekräftigen sie, kein Realitätskontinuum kann ein Herrschaftsrecht über das andere beanspruchen, und nein, was das Traumbewusstsein erlebt, ist kein Illusionsmüll, nichts Zweitrangiges, sondern sind Begebenheiten einer Bewusstseinsmodalität, die genauso real und konsistent ist, wie die Wachwelt, in der wir so selbstgewiss herumstolzieren, als gäbe es nichts anderes weit und breit.

Ulrich Holbein
Ich nehme diese Ausführungen mal so direkt wie möglich zu Kopfe. Ich habe einmal ein Traumtagebuch begonnen, in das ich alle Träume, die mir morgens noch einfielen, notierte. Das Traumbuch trägt den Titel ‘Ich und eine Fledermaus, fliegen nur bei Vollmond aus’. Nein, ich korrigiere: ‘Ich und eine Fledermaus, fliegen oft bei Vollmond aus’, so muss es heissen. Nun habe ich später gemerkt, dass man die Träume in zwei Gruppen einteilen kann. Also mein Kopf möchte am liebsten lauter edle, metaphysische Erleuchtungsträume bekommen, aber das geschieht sehr selten, viel zu selten, vielleicht alle drei Jahre einmal hat man einen Traum dieser Kategorie. Nach meiner Beobachtung, und ich bin mir fast sicher, dass sich die mit der Beobachtung aller Anwesenden sowie deiner eigenen Selbstbeobachtung deckt, sind die meisten Träume der zweiten Gruppe zuzuordnen, also wo man ein Klo sucht, weil ein banaler Blasendruck es so will. Diese Träume sind dermassen in der Überzahl, dass es irgendwann wirklich lästig und peinlich wird. Diese Einsicht lässt sich auch in meinem Traumtagebuch nachweisen. Denn jedes Mal, wenn ich im Traum ein Klo suche, weiss eigentlich mein spirituelles Grosshirn schon, dass ich da gleich wieder durch die falsche Tür gehen werde. Mein Geist will jetzt nicht aufs Klo, der will den Traum der Güteklasse 1 A. Aber nein, die durch den Blasendruck ausgelöste Imagination schickt mich trotzdem immer wieder dorthin.

So öffne ich in meinem Traumleben konsequent falsche Türen. Nicht jede Nacht, aber sagen wir mal, jede fünfte, bin ich dringend auf Klosuche. Obwohl ich ja eigentlich das Erwachen, das grundsätzliche Erwachen aus der Dumpfheit und der Traumverwobenheit meiner gesamten Existenz anstrebe, lande ich doch immer nur wieder vor dem Pinkelbecken, oder vor irgendwelchen Gängen, wo ich ein Klo vermute, auch in Hauseingängen, dann träume ich sogar, ich würde mich pinkelnd erleichtern, und merke, ich habe es geträumt. Ich könnte, sollte zwar erleichtert sein, bin es aber nicht, denn schon im nächsten Traum, der sofort folgt, ohne zwischendurch aufgewacht zu sein, merke ich, dass immer noch Blasendruck besteht.

Wann soll ich jemals im Himmel oder in irgendeiner ersehnten Transzendenz ankommen, wenn ich doch …

Micky Remann
‘Flasche neben das Bett’ wird aus dem Publikum vorgeschlagen.

Ulrich Holbein
Wie?

Micky Remann
Ich habe geträumt, jemand taucht auf und macht den Vorschlag: Stell dir eine Flasche neben das Bett.

Ulrich Holbein
Hilft uns das aus dem Dilemma?

Micky Remann
Es gibt so viele Flaschen im Bett, da kann auch ruhig mal eine Flasche neben dem Bett stehen.

Interessant scheint mir ein von dir nicht ausgesprochenes Argument zu sein, welches ich trotzdem habe mitschwingen hören, um somit wieder den Bezug zur Bezugslosigkeit aufzuwärmen, nämlich die Frage der suggestopädisch-hypnotischen Induktion. Es bleibt nicht aus, dass wenn man eine ganze Nacht lang vom …

(Menschen bewegen sich durch den Salon)

Ulrich Holbein
Du, die gehen weg, das ist denen zu hoch!

Micky Remann
Nein, nein, die gehen pinkeln! Also die denken, dass sie rausgehen, das wissen wir ja inzwischen. Die Leute selbst bleiben aber auf den Plätzen, zumindest ihre Blase. Das werden die spätestens merken, wenn sie mit ihrem Traumkörper auf dem Klo sind und es kommt nichts raus. Also die anderen: bitte nicht auf die freien Plätze setzen, sonst würden die da aufjaulen.

Ulrich Holbein
Ob die das merken?

Micky Remann
Jeder merkt, wenn er aufjault.

Ulrich Holbein
Wenn er aufjault …

Micky Remann
Aufjault, ja …

Ulrich Holbein
Nein, lass uns vielleicht bei der Blase nicht stehen bleiben. Jeder spürt ja, dass wir eigentlich aus dem Lebenstraum aufwachen wollen. Wahrscheinlich zeigst du mir noch, wie ich das mache, denn du hast mir vorhin den Schwarzen Peter zugeschoben, dass ich mich in einem Traum befinde, in welchem ich eigentlich gar nicht sein will.

Micky Remann
Richtig.

Ulrich Holbein
Ich will raus aus dem Traum.

Micky Remann
Du hast zwei wichtige Aspekte in die Debatte geworfen: ‘Schwarzer Peter’ und ‘Metaphysik’. Darüber hat Aristoteles ein Buch geschrieben.

Ulrich Holbein
Du, wenn du noch einmal Aristoteles sagst, springen drei Weitere auf und gehen weg, fürchte ich.

Micky Remann
Was gibt es da zu befürchten? Mich begeistert die Vielzahl des nicht erschienenen Publikums. Ob da drei wegbleiben, um für Aristoteles und andere vergangene Seelen Platz zu machen, was spielt das für eine Rolle? Und wenn wir von Metaphysik reden, sollten wir vom Orakel nicht schweigen.

Ulrich Holbein
Die Gefahr ist, dass wir mit deinem Orakel, welches du jetzt schon versuchst, anzubringen …

Micky Remann
Während du versuchst, deine Gefahren anzubringen. Dauernd warnst du vor Gefahren, das ist dein Leib- und Magenthema. Und die Gefahren …

(Luc Sala geht mit einer Videokamera auf die Bühne zu)

Ah, jetzt kommt das holländische Fernsehen! Hello Luc! Erstaunlicherweise steht das holländische Fernsehen jetzt dem argentinischen Fernsehen im Weg, und auch die Zuschauer in Buenos Aires sehen live, wie das holländische Fernsehen eine Sendung überträgt, die in Südamerika schon für Strassenunruhen sorgt. Die Leute auf der Südhalbkugel in Argentinien sind natürlich längst eingeschlafen, mitten auf der Hauptverkehrstrasse von Buenos Aires verspüren sie einen unglaublichen Pinkeldrang, weil sie die Vorstellung haben, sie müssten irgendwo auf der Nordhalbkugel im Schlaf dringend auf Toilette.

Da du schon vor der Gefahr warnst, dass ich das Orakel hervorziehe, möchte ich deine Befürchtung bestätigen. Es kommt zum Äussersten, ich riskiere die Einbeziehung eines orakulösen Hilfsmittels, das uns aus unserem Dilemma vielleicht befreit.

Ulrich Holbein
Vielleicht auch nicht.

Micky Remann
Als Regisseur eines luziden Traum lässt sich der Inhalt des Dilemmas wunschgemäss beeinflussen, z.B., indem man einen desinteressiert vor sich hinguckenden Ulrich Holbein zu einem feurigen Tiger macht, der fauchend zum Sprung ansetzt, damit man im Gegenzug seine somnambulen Tai Chi Kenntnisse an ihm erproben kann.

Das geht alles, solange man nicht falsch erwacht und denkt, es wäre eine Sit-Down-Comedy beim LSD Symposium in Basel.

(Micky Remann wendet sich Luc Sala mit der holländischen Videokamera zu)

Luc, you realize that we speak all kinds of languages. Probably no language will truely be understood unless you are in a deep dreaming state, as you know. I don’t know if you speak German, but I know that …

Luc Sala
Ich kann deutsch sprechen.

Micky Remann Ja, you can deutsch speaken, but probably you can’t understand what we say in our deutsch! Because we are here to speak some sort of not understandable German. We make an effort to be not understood in the language that we have learned to speak. It’s an exercise in applied neologism, you know, creating new words out of nothing. Why do we need new words? Because they represent new experiences for which there exist no words yet. We have to invent words to describe the undescribable, which then allows us to experience something totally new, by hearing that word, that neologism. Once we’ve described the undescribable, we have created a language to describe nonexistent realms that no one understands.

Luc Sala
In the middle ages there was once a discussion about to be or not to be. We are the students of not to be!

Micky Remann
Ja, und da kann ich meinen Lieblingsdichter Paul Scheerbart zitieren, der schon im bahnbrechenden Roman Ich liebe dich von 1897 sagt: Die Kunst der Zukunft wird das Verstandenwerdenwollen längst überwunden haben!

Das Handicap der Künstler und Mystiker ist doch dieses leidige Verstandenwerdenwollen. Jeder der, bevor er etwas sagt, sich vornimmt, verstanden werden zu wollen, hat sich schon ins Abseits manövriert, hat sich von den Verständnishorizonten seines Publikums vorab einsperren, verkümmern, hypnotisieren lassen, weil er sich nur das zu sagen traut, wovon er meint, dass es die anderen verstehen würden, wobei längst nicht gesagt ist, dass das der Fall ist, oftmals ja eben nicht, wie wir wissen, während die jenseits solcher Beschränkungen zu formulierenden grossartigen Erleuchtungssätze wegen des Unverständnisvorbehalts unausgesprochen bleiben. Was nun aber nicht heisst, der gezielten Miss- oder Unverständlichkeit Bahn und … Bahn und … weiss jemand ein anderes Wort für …

Matthias Bröckers (ruft aus dem Publikum)
… Tor!

Micky Remann
Danke … Bahn und Tor zu öffnen! Sehr gut! Fussball Weltmeisterschaft, der Eröffnungstreffer! Matthias Bröckers sagt Tor! und öffnet Bahn und Zug, so dass wir dort landen, wo wir immer schon waren, nämlich im somnambulen Sackbahnhof oder auch Kopfbahnhof, von dem Ulrich Holbein mit zunehmender Unzufriedenheit geneigt ist, abzuwandeln oder abzuweichen.

Ulrich Holbein
Weil er aufwachen möchte.

Micky Remann
Aufstehen?

Ulrich Holbein
Aufwachen.

Micky Remann
Aufwachen!

Ulrich Holbein
An dem Punkt waren wir stehen geblieben.

Micky Remann
Das wäre das Gegenteil von in Bewegung bleiben.

Ulrich Holbein
Hm.

Micky Remann
Und dieser ewige Aufwachwunsch ist doch so kindergottesdiensthaft naiv, wie der Wunsch, verstanden werden zu wollen.

Ulrich Holbein
Ach so, eben hat es sich noch so angehört, als stünde es uns bevor, dass wir aus dem Wachsein aufwachen. Das wäre ja mal etwas Neues.

Micky Remann
Der Zustand der Antizipation ist an sich ja kein schlechter.

Ulrich Holbein
Ach!

Micky Remann
Zum Beispiel das Warten aufs Glück. Das ist eine kostbare Zeit, die besonders für diejenigen glücklich ist, die schon während sie aufs Glück warten, glücklich sind. Wenn dann das Glück kommt, ist das so banal wie das fahrplanmässige Eintreffen des Zuges auf Gleis soundso. Warten auf den Zug kannst du nur solange, wie er nicht kommt. In freudiger Antizipation schwelgen kannst du nur unter der Bedingung des Nichteingetroffenseins des Zuges. Ähnlich verhält es sich mit dem Glück und eines der grössten Manki … gibt’s das? Manki als Plural von Manko?

Ulrich Holbein
Ach, weisst du was, gerade habe ich etwas ganz anderes verstanden. Weil du eben mit dem Holländer englisch gesprochen hast verstand ich ‘Manki’ wie Affe, ‘monkey’ und dachte, was kannst du jetzt wohl damit meinen?

Micky Remann
Ja, das stimmt, der englische Singular von Affe, ‘monkey’, ist zugleich der Plural von Manko, ‘Manki’.

Ulrich Holbein
Hm.

Micky Remann
Früher, im Altprotohebräischen waren ‘Affe’ und ‘Manko’ ein und dasselbe und es gab sie im Paradies nur im Singular. Erst als sich später alles pluralisierte, wurden aus vielen Affen viele Manki. Ich weiss nicht, ob schon einmal versucht wurde, aus Manko einen Plural zu bilden. Aber selbst wenn wir damit scheitern, wäre das wurscht, weil die Freiheit, ein sprachliches Nicht-Gelingen öffentlich zu zelebrieren, beweist, dass der Versuch, nicht verstanden werden zu wollen, zum Erfolg geführt hat. Nur so entstehen im Ozean des Niedagewesenen neue Verständnisinseln und Verständniskommunen!

Damals, als die ersten, schwer behaarten Neandertaler an ihren Säbelzahntigerkeulen nagend ums Feuer sassen und Orgien feierten mit Asche, Verbranntem und Gegrilltem, also wenn die gut drauf waren, haben die sich auf die Schenkel geklopft und aus fetttriefenden Mündern begeisterte Töne von sich gegeben, um ihren Gefühlen über die Geschmacksvarianten der gegrillten Säbelzahntigerkeule Ausdruck zu verleihen. Vielleicht waren die noch nicht so artikuliert, wie wir es heute zu sein scheinen. Sie konnten sich trotzdem verständigen, aber eben nur mit Neologismen. Es gab kein Lexikon, aus dem sie sich hätten bedienen können. Jedes Gequäke und Gegrunze ihrer archaischen Stimmbänder war eine aus der Situation geborene Wortneuschöpfung, ein Präzedenzfall ohne Vorgeschichte aber mit Nachwirkungen für die gesamte Menschheit. Dieser Prozess hat nie aufgehört und geht natürlich immer weiter. Was man in 100 oder 1.000 Jahren über uns berichtet, wenn man denn über uns berichtet, wird sich etymologisch von dem unterscheiden, was wir heute mit der Absicht auf Verständigung stammeln, grunzen und quäken, so dass wir am besten jetzt schon anfangen, es einzuüben.

Ulrich Holbein
Also die Überdifferenziertheit deiner Suada, wenn ich in die von dir beschworene Zukunft weiterdenke, könnte auch in Verballhornung enden. Wenn man in 100 oder 1.000 Jahren an dich denken möchte, könnte es dir blühen, dass du versimpelt wirst. Die Botschaften, die du hier ausbreitest, könnten sich plötzlich ganz doof und primitiv anhören.

(Man hört Matthias Bröckers auffallend laut lachen)

Micky Remann
Ja, das kommt …

Ulrich Holbein
Wie beugen wir dem vor, dass die Erinnerung missverstanden wird?

Micky Remann

Also zum einen sichern wir uns ab, indem wir gleich das Orakel konsultieren, hier ist das Orakel der Zukunft, welches Lösungen zu Problemen kennt, die es noch gar nicht gibt.

(hebt die 63 Karten der Auerworld Argumente hoch)

Zum anderen, indem ich dich auffordere, aus dem Wort ‘Suada’ einen Plural zu bilden.

Ulrich Holbein
Suada?

Micky Remann
Suadi?

Ulrich Holbein
Das klingt sofort indisch, finde ich: Suadi!

Micky Remann
Die Suaden stammen ursprünglich aus den Upanisuaden, das waren die Suadis der Sadhus.

Ulrich Holbein
Hm hm – die Suadhus!

Micky Remann
Die Upanischwadis waren die geschwafelten Suaden der ihre illuminative Impotenz überwunden habenden Suadhus …

Ulrich Holbein
Hm.

Micky Remann
… die mit ihren Orakeln in Erkenntnisbereiche vorgedrungen waren, die zu übertreffen selbst uns schwer fallen wird.

Ulrich Holbein
Könntest du nicht dein Orakel, das dringend zu Wort kommen möchte, noch einmal ungefähr viereinhalb Minuten zurückdrängen zu Gunsten einer Einhakung auf diese spirituelle Impotenz?

Also angenommen, ich bin spirituell impotent, obwohl ich mir extra zur Steigerung meiner Kopfkapazität einen Hut aufgesetzt habe. Wir wissen ja seit gestern, wie ich dem Vortrag von Wolf-Dieter Storl entnommen habe, dass das Hirn, und meines, fürchte ich, meines ist davon besonders betroffen, jederzeit schier platzen möchte vor dem Ansturm der ungeheuren Denkkapazitäten, die da ab und zu in dieser Schädelkapsel aufwallen und anschwellen und die ich so deutlich spüre, dass ich sie mit diesem Hut im Zaum halten möchte, aber auch gleichzeitig die Kapazitätserweiterung durch Hut zu erlangen hoffe. Den habe ich extra für diesen Dialog aufgesetzt, um dir rhetorisch standhalten zu können.

Aber nun sag mir doch …, ich merke, dass wir immer an dieser Stelle stehen … – nein, wir bleiben ja nicht stehen, wir bewegen uns weiter, habe ich gelernt -, aber sag mir doch, bezogen auf die spirituellen Impotenz … Du kannst es ruhig auf dem Knie behalten, das Orakel. Das läuft ja nicht weg.

Micky Remann
Doch!

Ulrich Holbein
Also sag mir doch mal …, gesetzt, ich würde mich spirituell impotent fühlen, was du mir suggestopädisch eben eingetrichtert hast. Wie kann ich bitteschön aus dem Aufwachen aufwachen? Das sag mir doch mal!

Laut den eleusinischen Mysterien, von denen wir hier viel hören durften, verhält es sich doch so: wenn man da eingeweiht wird, sieht man ein Licht, gegen das der jetzige Tag wie dunkle Nacht wirken muss. Dieses Mysterienlicht strahlt doppelt so hell wie das berühmte weisse Licht, welches man bei einer LSD-Einnahme mitten in den Blick, nein, nicht in den Blick, sondern …, also irgendwo hinbekommt.

Sag mir doch mal, kann ich aus meinem scheinbaren Wachzustand aufwachen?

Micky Remann
Eine der verfänglichsten Übungen in der Behandlung der illuminativen Impotenz ist die Erwartung einer Erleuchtung, die sich in Wattzahlen bemisst. Wenn du jetzt wissen willst, wie hell das Licht der tatsächlich alles Licht durchdringenden Erleuchtung ist …

Ulrich Holbein
Das wollte ich verhindern!

Micky Remann
… dann ist das eine Frage, die wir an Kraftwerksingenieure weiterleiten müssen. Ich behaupte, du hast deine Mütze aus ganz anderen Gründen auf.

Ulrich Holbein
Ja?

Micky Remann
Weil du einen Austausch mit deinem Kronenchakra pflegst, und du dich entschieden hast, dieses subtile Energiezentrum gut zu behüten. In der Evolution der Fortpflanzungsgegebenheiten weiss man ja um die Relation zwischen der Grösse des menschlichen Gehirns und dem Schambein der Frau, durch welches sämtliche Schädel erst einmal durchschlüpfen müssen bei der Geburt. Möglicherweise hat die Anatomie dieses Nadelöhrs unseren Schädelumfang auf ein bestimmtes Mass festgezurrt. Materialistische Knochenkundler verzweifeln daran, weil sie denken, nun ist Schluss, mehr als das, was ist, geht nicht. Illuminative-Viagra-zu-sich-Nehmer hingegen sagen: Na und? Das Gehirn, egal in welchem Knochengehäuse, bietet unendlich viele Verschaltungsmöglichkeiten, die das schwache Schimmern unserer derzeitigen 2-Watt-Neuro-Funzel im Kopf weit überstrahlen. Freuen wir uns auf die Entfaltung des Synapsenpotentials, auf funkelnde Neuro-Feuerwerke und Wunderkerzenwerke, die wir bei gleich bleibendem Knochengerüst zünden können, dass es nur so kracht.

Ulrich Holbein
Können wir?

Micky Remann
Ja, und dann nützt dir auch dein Chakra-Hut nichts, weil der jetzt schon zu strahlen anfängt, von innen! Da wir im Traum sind, sehen wir alle, wie die wabernde Aura um Ulrichs Zauberhaupt und -hut sich auszudehnen beginnt, pulsierend, heller als tausend Wonnen und wie der Druck des Lichts von innen die Schädeldecke hebt.

Ulrich Holbein
Die persischen Derwische ziehen sich extra einen Turban über den Kopf, um auf diese Weise die Dinge beieinander zu halten. Aber das Leuchten vermisse ich. Der Leuchteffekt, wo ist er denn wirklich? Dieser Hut zum Beispiel leuchtet nicht. Ich sehe auch keine Aura, keinen Nimbus, keine ausbrechende Korona um dein Haupt schweben. Statt dieses höheren Lichts hast du die banale Wattleistung namhaft gemacht und das erinnert mich an den Ausspruch des Volksmundes: ‘Wo viel Licht, da auch eine hohe Stromrechnung’. Nun sacken wir von der metaphysischen Höhe wieder zurück auf Elektrizitätswerke-Niveau.

Micky Remann
Das ist das Problem, dass du immer denkst …

Ulrich Holbein
Richtig, immer!

Micky Remann
… du müsstest etwas transzendieren, dabei aber schon voraus ahnst, dass du das Transzendieren dann doch lieber bleiben lassen willst.

Ulrich Holbein
Ja, ich will doch!

Micky Remann
Behauptest du. Aber dieser emphatisch vorgetragene Wunsch, zu wollen, was du nicht tust, obwohl du es könntest, kommt mir so vor, wie auf Schlittenfahrt gehen zu wollen, aber augenblicklich zu bremsen, wenn es tatsächlich den Abhang runter geht. Einerseits willst du mit Karacho den Berg runter rodeln, andrerseits aber dem Ausmass der Geschwindigkeit dich tapfer widersetzen wollen. Otto Hahn hat einmal gesagt: ‘Ein Schneeball ist auch nur eine Lawine, die ihr Potenzial unterschätzt hat.’

Ulrich Holbein
Hm.

Micky Remann
Moment, habe ich das richtig zitiert? Ihr lacht, dabei ist das völlig falsch, es muss heissen: ‘Eine Lawine ist ein Schneeball, der seine Fähigkeiten unterschätzt hat!’

Ulrich Holbein
Hm hm.

Micky Remann
Wenn wir uns dieser lawinösen, orakulösen, illuminösen Schlittendynamik anvertrauen, wenn die Transformation des Schneeballs zur Lawine eine psychosomatisch erlebbare Schwingungsbewegung entfaltet, was …

Ulrich Holbein
Also ich würde ja sehr gern einen Schlitten besteigen, der …

Micky Remann
Einen Schinken?

Ulrich Holbein
… einen Schlitten, der aufwärts fährt, in der derselben Geschwindigkeit, in der er eigentlich abwärts fahren würde.

Micky Remann
Das kennt man hier in der Schweiz als Skilift.

Ulrich Holbein
Wirklich?

Micky Remann
Ja!

Ulrich Holbein
Na ja, da bleibt dann …

Micky Remann
Der Skilift verbraucht mindestens so viel Strom, wie das, was unter deinem Glühhirn glüht.

Ulrich Holbein
Denkleistungen verbrauchen aber nur wenig Energie. Wenn ich diesen Armmuskel anspanne, verpuffen da, was weiss ich, vielleicht 30 Kalorien. Hingegen wenn ich an Kant und Hegel denke, kommen viel geringere Werte zustande, also der Verbrauch ist minimal, glaube ich.

Micky Remann
Das kommt, weil Schlafwandler eine optimale Energiebilanz aufweisen. Selbst der geringste Input kann einen Output erregen, der hundert Mal stärker ist, als das, was über den Stromzähler abgerechnet wird.

Ulrich Holbein
Du, die zwei Leute da oben haben eben etwas über uns geflüstert. Könnte man denen ein Mikrofon geben? Mich würde interessieren, was die da sagen, um diese Immanenz, in der wir uns drehen …

Micky Remann
… zu transzendieren?

Ulrich Holbein
… versuchsweise.

Tontechniker
Microphone is disconnected

Micky Remann
Disconnected! Das ist die systemische Lage. Wir sind Zusammengehörige in einer disconnected community.

Ulrich Holbein
Das ist mein Leiden, weisst du.

Micky Remann
Dein Leiden?

Ulrich Holbein
Ich stehe immer noch auf dem Schlitten und er fährt auch abwärts.

Micky Remann
Auf dem Schlitten zu stehen ist nicht ratsam.

Ulrich Holbein
Na gut, ich sitze.

Micky Remann
Auf dem Ständer schlittern …

Ulrich Holbein
Ich schlitter auf dem Ständer?

Micky Remann
Nein, du schlitterst nicht auf dem Ständer, aber dein innerer Skilift treibt dich einerseits zur Aufwärtsbewegung, uplifting den Berg hinan, das ewige empor, empor zum Licht! Dies aber zugleich kombiniert mit einer schlitternden Abwärtsfahrt, welche du bremst, so dass du über der Zerrissenheit dieser gegenläufigen Up- and Down-Bewegungen zerbirst … zerbirst?

Jemand aus dem Publikum
Zerbarst!

Micky Remann
Zerburst?

Ulrich Holbein
Diese Zusammenfügung antagonistischer Widersprüche bekomme ich nicht hin, weil ich charakterlich anders strukturiert bin als du. Offenbar bin ich zu wenig …

Micky Remann
… abgewichen?

Ulrich Holbein
Nun versetze ich mich aus irgendeinem Grund ausnahmsweise mal in dich und versuche zu beschreiben, wie deine Schlittenfahrt aussieht.

Du kommst mir vor …, du kommst mir vor, als würdest du schon bald angekommen sein, wo ich mich erst hinbewegen will. Also immer wenn ich auf Transzendenz zu sprechen komme, zeigst du ein überlegenes Lächeln, als würdest du dich da auskennen, wo ich noch nicht hingekommen bin.

Micky Remann
Tu es! Und achte auf den Konflikt zwischen Vokal und Konsonant.

Ulrich Holbein
Meinst du?

Micky Remann
Es entsteht der Eindruck, dass du den angekündigten viereinhalbminütigen Aufschub vor der Ziehung der Orakelkarte bei Weitem überschreiten wolltest. Was beweist, wie geschickt du Zeit und Raum zu transzendieren verstehst. Mit dem Zeitmass von viereinhalb Minuten hat es ja eine besondere Bewandtnis, die uns zu denken gibt. Wie oft schauen wir beim Frühstück nervös auf die Uhr und denken: nach viereinhalb Minuten müssen die Eier aus dem Topf, bloss nicht verpassen, viereinhalb Minuten! Aber dann kochen die vor sich hin, Jahre später sind wir gereift und gealtert, aus den Eiern ist nichts geworden, ausser hart gekochtem Schlitten. Im Traum passiert das häufig. Wie oft schon habe ich im Traum Eier auf den Herd gesetzt, um festzustellen: nach genau viereinhalb Minuten muss ich auf Toilette!

Ulrich Holbein
Tja, das ist mir null Mal passiert, weil ich als Nicht-Karnivore falsche Hasen bevorzuge.

Micky Remann
Falsche Hasen?

Ulrich Holbein
Falsches Aufwaschen …

Micky Reman
Aufwaschen?

Ulrich Holbein
Aufwachen! Nein, also ‘Wachen’ und ‘Waschen’ hängen jetzt aber bitte mal nicht zusammen, finde ich. Oder?

Micky Remann
Doch, doch, beide Male geht es ums ‘Wischen’.

Ulrich Holbein
Ah ja?

Micky Remann
Yes, because LSD brings you a lot of ‘vision’. We are all here on a ‘Wischen-Quest!’

(Aufjaulen im Publikum)

Ulrich Holbein
Angenommen, das Träumen wäre ein einziges, paranormales Wischi Waschi. Dann wäre das Aufwachen gleichbedeutend mit dem Entkommen aus dem Wischi Waschi.

Micky Remann
Wischi Waschi ist die altdeutsche Bezeichnung für Yin und Yang. Das lässt sich ohne Eingriff in die Metaphysik festhalten.

Ulrich Holbein
Vielleicht mit Tohuwabohu zusammenwerfbar?

Micky Remann
Absolut.

Ulrich Holbein
Hickhack ist aber wieder etwas anderes? Und Heckmeck?

Micky Remann
Ähnlich, aber vergleichbar. Gott kennt viele Wege zum Wischi Waschi. Warum einen geringer achten als den anderen?

Ulrich Holbein
Ping und Pong …

Micky Remann
… die beiden.

Ulrich Holbein
Also Ping stellen wir nicht über Pong?

Micky Remann
Korrekt, sie sind im ebenbürtigen dialektischen Austausch begriffen.

Ulrich Holbein
Viele Mystiker sehnen qualvoll vor sich hin, stehen in irgendeiner Wüste herum, dürsten nach dem richtigen Erwachen und nicht nach falschen Hasen.

Micky Remann
Das ist die Falle! Zwischen richtigem und falschem Erwachen unterscheiden zu wollen ist Teil des falschen Erwachsens.

Ulrich Holbein
Ich greife doch nur deinen Terminus von vorhin auf.

Micky Remann
Macht es das etwa besser? Welches Argument du auch immer aufgreifst, kann doch nur als Aufforderung verstanden werden, von eben diesem abzuweichen!

Ulrich Holbein
Du bist wohl Mahajama-Buddhist, für den das Nichts und das Etwas dieselbe Grösse sind?

Micky Remann
In etwa so gross.

Ulrich Holbein
Du verfilzt alle Begriffe, also du bist …

Micky Remann
… eine begriffliche Verfilzung.

Ulrich Holbein
Hast du jemals Sehnsucht …

Micky Remann
Ja!

Ulrich Holbein
… nach weissem Licht?

Micky Remann
Das weiss ich nicht.

Ulrich Holbein
Hab’ doch mal!

Micky Remann
Hab’ doch mal! Weiche ab! Muss es nicht heissen: habe doch mal?

Ulrich Holbein
Hab’ doch mal …

Micky Remann
Schon wieder haben wir es mit einem ‘d’, zu tun, also dem weichen ‘t’, welches dereinst verschwinden wird. Irgendwann bleibt nur noch ‘Hab och mal’ übrig. Diesen Neologismus sollten wir sofort publizieren.

Ulrich Holbein
Hm.

Micky Remann
Und wenn wir bei ‘Hab och mal’, weitere Konsonanten entfernen, kommen wir zum ‘Haochal’. Das ist ein ganz neuer Begriff.

Ulrich Holbein
Oh!

Micky Remann
‘Haochal’ ist altprotosumerisch und beschreibt den Zustand eines sich selbst transzendierenden …

Ulrich Holbein
… Menetekels!

Micky Remann
Ja, wir sehen die Flammenzeichen am Matterhorn. ‘Haochal’ trägt mit dem markanten ‘ch’ schon den Schweizer Anklang in sich. Im Haochal ist die helvetisch-phonetische Sub-Schwingung enthalten, und es kann nicht mehr lange dauern, bis alle Lexika eingestampft werden, die unter dem Buchstaben ‘H’ nicht das Haochal verzeichnen, weil es sich unter Mystikern herumspricht, dass Haochal etwas ganz Besonderes ist, also das geht es feinstofflich voll ab, da fahren die Mankies mit dem Schlitten ins Tal, Haochal! Und der Begriff wird so oft wiederholt, bis auch in Buenos Aires an jeder Strassenecke gerufen wird: ‘Haochal! Haochal! Haochal!’ Ich denke, dem Gebot des Nichtverstandenwerdenwollens ist mit dem Haochal! absolut Genüge geleistet.

Dieter Hagenbach, findest du das auch?

(Kongressveranstalter Dieter Hagenbach läuft durch den Somnambulen Salon)

Dieter Hagenbach
Haochal!

Micky Remann
Haochal! Vom Veranstalter des Symposiums ‘LSD – Sorgenkind und Wunderdroge’ persönlich bestätigt: In Windeseile ist Haochal! zum Schlüsselbegriff des neuspätzeitlichen Mystik-Revivals geworden. Viele haben darauf gewartet, jetzt kann es niemand mehr rückgängig machen.

Ulrich Holbein
Also, wenn ich jetzt mal, weil du eben das Yin warst, nein umgekehrt: du warst das Yang …

Micky Remann
Ping!

Ulrich Holbein
Dann versuche ich jetzt mal …

Micky Remann
Waschi ?

Ulrich Holbein
Das Gegenstück, die andere Hälfte. Weil diese harten Kehllaute des Hachochal …

Micky Remann
Nein: Haochal!

Ulrich Holbein
Im Schweizerischen und Arabischen bin ich nicht so firm. Diese Kehl- und Rachenlaute, die wir wahrscheinlich nur unvollkommen nachahmen …

Micky Remann
Hör doch mal auf diese phonetische Erotik: ‘Haochal!’ das ist eine Orgie für den Kehllaut!

Ulrich Holbein
Ich höre da nur ein Rotzen, als ob zu versuchst, einen Schleimbatzen herauszuschleudern und …

Micky Remann
… ja, sogar als Abhusthilfe ist es geeignet! Haochal hat ein breites gesundheitliches Wirkungsspektrum, nicht nur …

Ulrich Holbein
Das ist erst die halbe Miete, die halbe Hälfte.

Micky Remann
Alle, die bald unter Vogelgrippe leiden, können mit Haochal schon mal husten üben. Mystische Erleuchtung durch prophylaktisches Abschleimen in einem Wurf, mit einem Wort, Haochal. Super! Wir müssen unbedingt eine Werbekampagne starten!

Ulrich Holbein
Ich bin ja nun so eine Mimose, so ein ungeheures Über-Sensibelchen, dass dieser Laut, wie ich finde, doch ein bisschen zu harrrt und männlich ist. Da ich mich eher als eine Frau mit Bart empfinde brauche ich andere, mehr schmeichelnde Worte, um diese Rachen aufreibenden Kehllaute des arabisch-schweizerischen Idioms zu kompensieren. Ich brauche Laute wie zum Beispiel ‘Jellalalabad’. Das ist wunderschön weich, und ich habe es noch viel zu hart gesprochen. ‘Jellalalabad!’ Sprich du das mal, ob das auch zu dir passt!

Micky Remann
Haochal!

Jemand aus dem Publikum
Das war gemein!

Ulrich Holbein
Oder, zum Beispiel ‘Jellaledin Rumi’, ist auch zauberhaft weich, Orlana Jellaledin Rumi, der kam ebenfalls mal in Jellalalabad vorbei. Versuch doch mal Jellalalabad zu sprechen! Ob das deiner Zunge gelingen mag.

Micky Remann
Diese Worte, die du hier in die Manege führst wie zahme Elefanten, sind im Altpersischen alle schwer mit Bedeutung beladen, wenn nicht gar überladen. Selbst diejenigen, die des Persischen unkundig sind und den Bedeutungsinhalt des Wortes Jellalalabad nicht kennen …

Ulrich Holbein
Du bist ja gut, das hätte ich nicht gedacht!

Micky Remann
… für die klingt ‘Jellalalabad’ sehr nach persischer Süssspeise. Und auch ich bin ein grosser Freund persischer Süssspeisen.

Ulrich Holbein
Kann es sein, dass wir hier in hohler Begrifflichkeit kreisen? Als einer, der sich eben noch als Transzendentalist mit hohem Hut zeigen wollte, habe ich die Befürchtung, dass wir im Traum dieser Tiraden auf der Stelle treten.

Micky Remann
Ja.

Ulrich Holbein
Wenn diese Tiraden den Kokon aus Worten und Begriffen nicht durchbrechen, wie kommen wir dann raus aus dem Hamsterrad?

Micky Remann
Indem wir deine Befürchtung des ewigen Drinbleibens noch verstärken. Du bist der Guru deiner Befürchtungen und eine erleuchtete Befürchtung wirkt mindestens so kathartisch wie eine nicht eingetretene Gefahr, vor der aber gewarnt werden muss!

Ulrich Holbein
Wovor muss gewarnt werden?

Micky Remann
Vor der Gefahr. Und vor der Befürchtung.

Ulrich Holbein
Meine grösste Befürchtung ist, dass ich erleuchtungsungeeignet bin und meine noch grössere Befürchtung ist, dass ich in einem Jahr sogar noch weniger erleuchtet sein werde, als jetzt schon nicht.

Micky Remann
Wir sind hier versammelt, um diese Befürchtungen zu verstärken.

Ulrich Holbein
Es wäre mir lieber, die Versammelten könnten die Kraft Ihrer Versammlung einsetzen, um die Erleuchtung zu befördern, besonders meine.

Micky Remann
Keine Befürchtung ist so gross, als dass sie durch die Warnung vor einer Gefahr nicht noch vergrössert werden könnte! Möglicherweise ist die Erlösung der Gefahr nur durch gesteigerte Befürchtungen zu erlangen.

Ulrich Holbein
Erlösung würde nichts bringen? Also ich möchte lieber erleuchtet, als erlöst werden.

Micky Remann
In deinem Falle hält aber gerade die Befürchtung genau das, was du dir irrtümlich von der Erleuchtung versprichst. Es ist wahr, wir schippern alle auf dem falschen Dampfer dem sicheren Hafen des falschen Erwachens entgegen.

Ulrich Holbein
Wie, jetzt sind auch meine Befürchtungen falsch? Nein, Moment …

Micky Remann
Die Gefahr liegt in der Befürchtung, sie könnte nicht mehr gesteigert werden.

Ulrich Holbein
Könnte das als oversophisticated empfunden werden?

Micky Remann
Matthias Bröckers verzieht sich schon genervt in die Garderobe. Oder er bestellt sich in der Space-Bar ein Aphrodisiakum.

Ulrich Holbein
Wenn das so ist …

Micky Remann
Wir haben vor der Sendung etwas vorbereitet …

Ulrich Holbein
Wir nicht und ich schon gar nicht!

Micky Remann
Stimmt. Wir sind bis jetzt ohne etwas Vorbereitetes ausgekommen, da wäre es ein Stilbruch, auf Fertigware zurückzugreifen. Würde uns eh kleiner glauben.

Aber das Orakel müssen wir noch befragen, das haben wir vor mehrfach vergangenen viereinhalb Minuten versprochen, besonders die Leute in Buenos Aires warten darauf.

Ulrich Holbein
Tu dies.

Micky Remann
Hier auf der Nordhalbkugel ist es gerade ziemlich düsterer Winter, mehr Licht und Sonne gibt es auf Südhalbkugel der Erde. In Australien und Argentinien sind sie der Erleuchtung viel näher, da ist jetzt praller Sommer, da liegen die Leute in Bikinis am Strand und orakulieren.

Ulrich Holbein
Orakulieren.

Micky Remann
Und eine Orakelkarte dieser 63 Auerworld Argumente wird jetzt präzise zusammenfassen, was bisher gesagt wurde, bzw. was zum Thema noch gesagt werden muss.

Ulrich Holbein
Das glaube ich dir aufs Wort.

Micky Remann
In dieser einen zu ziehenden Orakelkarte, das kann ich jetzt schon versprechen, steckt so viel Weisheit …

Ulrich Holbein
Das kann ich jetzt schon bestreiten!

Micky Remann
… dass selbst die Bestreitbarkeit der Weisheit vom orakulösen Gehalt der Karte noch übertrumpft wird. Deswegen bitte ich jetzt, dass eine unbelastete Person aus dem Auditorium vortritt und eine Karte aus dem Packen zieht …

Aus den Publikum
Ja! Ja!

Micky Remann
Ihr sagt ‚Ja’, aber manche denken ‚Nein’ und trauen sich nicht vor. Wo bleibt die Courage? Psychedelische Drogen zu nehmen, erfordert mindestens den Mut, sie zu nehmen; zu erleben, was dann passiert, manchmal auch. Aber Nehmen ist jetzt seliger als Geben. Wer greift mutig zur Orakelkarte?

Und da kommt schon, wie durch ein Wunder, die Kandidatin, die Orakel-Fee. Herzlich Willkommen! Wir bitten um tosenden Applaus, und wink bitte gleich in die Kamera nach Argentinien, in die Sonne der Südhalbkugel.

Kandidatin, die aus dem Publikum zur Bühne gekommen ist
Soll ich mich konzentrieren jetzt?

Micky Remann
Ganz stark konzentrieren bitte, die Karte, die du ziehst, ist die Quintessenz der ganzen Veranstaltung.

Kandidatin
Soll ich an etwas denken oder gar nichts?

Micky Remann
Beides!

(Die Kandidatin zieht eine Orakelkarte)

Micky Remann
Vielen Dank! Das Orakel hat entschieden, sich uns gegenüber mit dieser Karte hier zu offenbaren. Es hätte auch eine andere aus dem 63 Karten umfassenden Stapel sein können. Aber nur diese ist für die somnambule Situation hier und jetzt gültig. Danke, Orakel-Fee, danke meine Damen und Herren, dass Sie bis jetzt ausgeharrt haben, um zu vernehmen, was das Orakel verkündet. Der Spruch auf dieser Karte besagt, das steht hier, das kann jeder überprüfen:

Der lang ausschlafende Wurm entkommt dem früh aufgestandenen Vogel

Ulrich Holbein
Das heisst, ich werde wieder nicht erlöst. Na ja, ist jetzt auch egal.

Micky Remann
Mit diesem Orakel kann nun jeder in sich zu gehen und entscheiden: bin ich Wurm oder bin ich Vogel? Bin ich der Frühaufsteher, der gleich bei Tagesanbruch von vogelgrippeverseuchten Amseln, Drosseln, Finken und Staren gefressen wird, oder bin ich der verpennte, teil-erleuchtete Wurm, dessen Verweilen im Somnambulen Salon die beste Lebensversicherung gegen hungrige Realitätsvögel ist. Das Orakel bestätigt, was wir immer behauptet haben: Schlafen lohnt sich, Erwachen ist falsch!

Ulrich Holbein
Der Verarschte ist aber der Vogel, der ergebnislos in der Gegend pickt, und nicht begreift, warum kein Wurm sich regt. Eigentlich sind alle verarscht, der Vogel, wie auch der Wurm, einschliesslich Mensch, jede Wette! Der Wurm weiss ja nicht, dass er auch ein Vogel sein könnte, jetzt mal transpersonal gedacht. Und ich darf nicht aufwachen, das habe ich deinen Worten subkutan entnommen. Ich darf auch nicht aus meinem Wachsein aufwachen.

Es kommt mir so vor, als hättest du mich zum Wurmdasein verurteilt.

Micky Remann
Wunderbar, endlich kann der erleuchtete Wurm durchschlafen, weil er den Wunsch aufzuwachen aufgegeben hat …

Ulrich Holbein
Das finde ich tragisch, du findest es lustig …

Micky Reman
… er findet es tragisch, ist aber erleuchtet!

Ulrich Holbein
Nö, nö.

Micky Remann
Wie viele Würmer verpassen ihre Erleuchtung, weil sie vorzeitig ihr Bett verlassen? Das grösste Unheil der Menschheit kommt von zu früh aufgestandenen Würmern!

(Applaus, Gejohle)

Ulrich Holbein
Ich stehe doch jede Nacht auf, im Schlaf, suche verzweifelt das Klo, finde es mal, finde es mal nicht. Ich habe nicht den Eindruck, dass ich dadurch aufgewacht bin.

Micky Remann
Sag ich ja!

Ulrich Holbein
Oder, dass ich weiter geschlafen hätte.

Micky Remann
Sag ich ja auch! Weil die Klo- und Pinkelträume, die deine nicht stattfindenden Erleuchtungsträume majorisieren, dich immer wieder auf die alles entscheidende Yoga-Übung hinweisen wollen: Lerne den Schliessmuskel im Traum zu öffnen, ohne ins Bett zu machen!

Ulrich Holbein
Aber soll ich auf ewig in dieser Tretmühle bleiben, so buddhistisch-mahajanistisch, also das gefällt mir nicht. Na gut, es macht auch ein bisschen Spass.

Micky Remann
Den Begriff der Tretmühle für einen Wurm zu verwenden, der gar keine Füsse zum Treten hat, finde ich bemüht.

Ulrich Holbein
Ja, ja, das finde ich ja gerade so Scheisse.

Micky Remann
Aber der luzide Wurm hat stets die Möglichkeit, sich die Füsse zu erträumen, die er gar nicht hat. Je virtueller der Wurm träumt, desto näher ist er dem Tausendfüssler.

Ulrich Holbein
Findest du, dass der Tausendfüssler mehr Beine hat als ein Wurm? Das ist auch nur Schein.

Micky Remann
Im Traum zählt kein Wurm nach, wie viele Füsse er hat. Er reicht ihm, dass er welche haben könnte, egal, wofür er die dann verwendet.

Ulrich Holbein
Man weiss seit Tschuang Zhi, 600 vor Christus, dass, sobald der Tausendfüssler daran denkt, seine Beine nachzuzählen, was er aber mangels Gehirn gar nicht kann, denn er hat ja als Nervenzentrum nur den Oberschlundganglion zur Verfügung, wenn er also mit diesem Oberschlundganglion anfangen würde, seine Beine zählen zu wollen, käme er auf NULL, weil er keinen Begriff von Zahl und Vielzahl hat. Er kann nicht einmal bis EINS zählen, als Tausendfüssler.

Micky Remann
Ich bin gerührt, wie jetzt in diesem Moment, da fast jeglicher Zusammenhang in unserem Dialog verloren zu sein scheint, hier ein frappierender Bezug auftaucht. Aufmerksamen Schlafwandlern ist die Erinnerung an das Thema Metaphysik geblieben.

Ulrich Holbein
Da denke ich ständig dran, aber …

Micky Remann
Wenn wir nun das Wort Metaphysik in seine Teilbegriffe zerlegen, kommen wir auf ein Mittelstück namens ‘phys’. Von diesem ‘phys’ ist es nur ein ganz kurzer Weg zum gleichlautenden Mittelteil ‘füss’ beim Tausendfüssler. Wir erkennen einen inhaltlichen Bezug zwischen MetaPHYSik und TausendFÜssler!

Ulrich Holbein
Wahrlich, wahrlich, red du nur – ja na und, was jetzt?

Micky Remann
Jetzt kannst du meinetwegen aufwachen, um dich vom erstbesten Vogel fressen zu lassen!

Ulrich Holbein
Nee, nee.

Jemand aus dem Publikum
Absurd …

Ulrich Holbein
Der vom Vogel halbverdaute Wurm … und so weiter.

Micky Remann
Also …

Ulrich Holbein
Mir kam es eben kurz so vor, als hätten wir uns sekundenweise verstanden.

Micky Remann
Gut, dass wir von dieser Illusion erlöst sind!

Ulrich Holbein
Ist ja klar …

Micky Remann
Hoachal!

Ulrich Holbein
Jellalalabad!

Ende

Januar 2013

Albert Hofmann, 11. Januar 1906 – 29. April 2008

Ein Nachruf von Lucius Werthmüller und Dieter Hagenbach

Im Alter von 102 Jahren ist Albert Hofmann am frühen Morgen des 29. April 2008 in seinem Haus auf der Rittimatte bei Burg im Leimental gestorben. Noch am Wochenende zuvor sprachen wir mit ihm, und er freute sich über die blühenden Pflanzen und das frische Grün der Bäume und Wiesen. Seine Lebensfreunde, seine Lebenskraft, und sein wacher Geist haben ihn bis zu seinem letzten Atemzug begleitet.

Er gilt als einer der bedeutendsten Chemiker unserer Zeit und ist der Entdecker von LSD, in dem er bis heute ebenso eine «Wunderdroge» wie ein «Sorgenkind» sieht. Darüber hinaus leistete er Pionierarbeit in der Erforschung anderer psychoaktiver Substanzen sowie der Wirkstoffe wichtiger Arzneipflanzen und Pilze. Unter dem Eindruck des bewusstseinserweiternden Potenzials des LSD wandelte sich der Wissenschaftler zunehmend zum Naturphilosophen und kulturkritischen Visionär.

Bis zuletzt war Albert Hofmann aktiv: Er korrespondierte mit Fachleuten aus aller Welt, gab Interviews und nahm regen Anteil am Weltgeschehen. Dies obwohl er schon vor mehreren Jahren beschlossen hatte, sich aus dem öffentlichen Leben zurück zu ziehen. Dennoch hat er bis zuletzt Besucher aus aller Welt auf der Rittimatte empfangen und öffnete sogar am späten Abend unangemeldeten Besuchern die Tür. Noch vor wenigen Tagen lud er Freunde zu einem Harfenkonzert zu sich nach Hause ein.

Bis zuletzt hat er sich eine fast kindliche Neugier für die Wunder der Natur und der Schöpfung erhalten können. In seinem «Paradies» –  wie er sein Haus auf der Rittimatte zu bezeichnen pflegte – genoss er die Nähe zur Natur, besonders den Pflanzen. Bei einem unserer letzten Besuche auf der Rittimatte sagte er uns mit leuchtenden Augen: «Die Rittimatte ist meine zweitgrösste Entdeckung.» Es war immer ein besonderes Erlebnis mit ihm über seine Wiese zu gehen und seine Freude an allem Lebendigen mit zu erleben.

Dankbar und in Liebe trauern um einen grossen Wissenschaftler, einen bedeutenden Philosophen, einen engen und lieben Freund, und unseren Stiftungsrat. Wir werden ihn in dankbarer und ehrender Erinnerung behalten.

Geboren wurde Albert Hofmann am 11. Januar 1906 in der beschaulichen Schweizer Kleinstadt Baden, als ältestes von vier Kindern. Sein Vater ist Werkzeugmacher in einer Fabrik, in der er Alberts spätere Mutter kennenlernt; als er schwer erkrankt, muss Albert, als Ältester, für den Unterhalt der Familie sorgen. Deshalb absolviert er eine kaufmännische Lehre. Nebenher büffelt er Latein und andere Sprachen; denn er will die Matura ablegen, was ihm an einer Privatschule gelingt. Den Unterricht bezahlte ihm ein Taufpate.

1926, mit zwanzig, nimmt Albert Hofmann an der Universität Zürich ein Chemiestudium auf. Vier Jahre später promoviert er dort mit Auszeichnung. Anschliessend ist er in den pharmazeutisch-chemischen Forschungslaboratorien der Firma Sandoz in Basel tätig, der er mehr als vier Jahrzehnte ununterbrochen die Treue hält. Dort befasst er sich vor allem mit Arzneimittelpflanzen und Pilzen. Besonders interessieren ihn die Alkaloide (Stickstoffverbindungen) des Getreidepilzes Mutterkorn. 1938 isoliert er den Grundbaustein aller therapeutisch bedeutsamen Mutterkornalkaloide, die Lysergsäure; diese versetzt er mit einer Reihe von Chemikalien. Die so gewonnenen Lysergsäure-Derivate testet er dann auf kreislauf- und atmungsanregende Wirkungen – unter anderem das LSD-25 (Lysergsäurediäthylamid). Weil die beobachteten Effekte hinter den Erwartungen zurückbleiben, verlieren die Pharmakologen von Sandoz jedoch rasch das Interesse daran.

Einer «merkwürdigen Ahnung» folgend, wendet sich Albert Hofmann fünf Jahre später dem LSD-25 erneut zu. Am 16. April 1943, während des Synthetisierens, überkommen ihn plötzlich sonderbare Empfindungen – «eine merkwürdige Unruhe, verbunden mit einem leichten Schwindelgefühl» –, die ihn veranlassen, die Laborarbeit zu unterbrechen. Zu Hause «legte ich mich nieder und versank in einen nicht unangenehmen rauschartigen Zustand, der sich durch äusserst angeregte Phantasie kennzeichnete. Im Dämmerzustand bei geschlossenen Augen – das Tageslicht empfand ich als unangenehm grell – drangen ununterbrochen phantastische Bilder von ausserordentlicher Plastizität und mit intensivem, kaleidoskopartigem Farbenspiel auf mich ein. Nach etwa zwei Stunden verflüchtigte sich dieser Zustand.»

Drei Tage später, am 19. April 1943, begibt sich Hofmann auf den ersten freiwilligen LSD-Trip der Menschheitsgeschichte. Weil er die enorme Wirksamkeit der Droge noch nicht einschätzen kann, nimmt er um 16.20 Uhr mit 250 Mikrogramm eine unerwartet hohe Dosis ein – und lernt die halluzinogene Macht der Substanz intensiv kennen.
Mit der Entdeckung des LSD hat Albert Hofmann einen Schneeball ins Rollen gebracht, der im Nu zu einer Lawine anschwillt. Sie beeinflusst das ausgehende zweite Jahrtausend, zumindest in der westlichen Welt, in einem Masse, das nur noch mit der «Pille» vergleichbar ist. Von einer «Atombombe des Geistes» sprachen Bewusstseinsforscher ehrfürchtig.

Zur Forschung, die nun weltweit einsetzt, trägt Albert Hofmann mit eigenen Studien wesentlich bei. So gelingt es ihm 1958 als erstem, aus den mexikanischen Zauberpilzen (Psilocybe mexicana) die psychoaktiven Wirkstoffe Psilocybin und Psilocin zu isolieren; in Ololiuqui, den Samen einer Trichterwinde, findet er Inhaltsstoffe, die dem LSD verwandt sind. Er isoliert und synthetisiert die Wirkstoffe bedeutender Arzneipflanzen, um deren Wirkung zu untersuchen. Seine Grundlagenforschung beschert Sandoz mehrere erfolgreiche Arzneimittel: so das Geriatrikum Hydergin, das Kreislaufmittel Hydergot und das in der Gynäkologie eingesetzte Methergin.

Bis zu seiner Pensionierung 1971 bleibt Hofmann bei Sandoz tätig, zuletzt als Leiter der Forschungsabteilung für Naturheilmittel. Danach widmet er sich verstärkt dem Schreiben und Vortragen. Für seine wissenschaftlichen Pionierarbeiten findet er zunehmend Anerkennung: Die Eidgenössische Technische Hochschule Zürich, die Universität Stockholm und die Freie Universität Berlin verleihen ihm Ehrendoktorwürden.

Ausgezeichnet wurden dabei herausragende Forschungsbeiträge – doch Albert Hofmanns Lebenswerk umfasst weitaus mehr. Von Anfang an begleitet er wohlwollend die Bemühungen von Ärzten und Psychotherapeuten, LSD in neue Ansätze zur Behandlung von vielerlei chronischen Krankheiten einzubeziehen. LSD nützt aber nicht nur bei speziellen Diagnosen – nach Hofmanns Überzeugung käme das «psychedelische» Potential der «Wunderdroge» jedem von uns zugute. In den veränderten Bewusstseinszuständen, die LSD auslöst, sieht sein Entdecker keineswegs bloss psychotische Wahnzustände eines chemisch manipulierten Gehirns, sondern Fenster zu einer höheren Wirklichkeit – wahrhaft spirituelle Erfahrungen, in denen sich ein gewöhnlich tief verschüttetes Potential unseres Geistes, die Göttlichkeit der Schöpfung, unsere Verbundenheit mit ihr offenbart. «Der einseitige Glaube an die naturwissenschaftliche Sicht des Lebens beruht auf einem folgenschweren Irrtum», schreibt Hofmann in Einsichten – Ausblicke. «Zwar ist alles wahr, was sie enthält – aber dies repräsentiert bloss die eine Hälfte der Wirklichkeit; nur deren materiellen, quantifizierbaren Teil. Ihr mangelt es an all jenen spirituellen Dimensionen, die nicht in physikalischen oder chemischen Begriffen beschrieben werden können; und gerade diese schliessen die wichtigsten Charakteristika alles Lebens ein.»

Von einer Chemikalie, welche diese Aspekte der Welt erkennen hilft, profitiert nicht nur der einzelne Konsument; für Hofmann könnte sie Defizite heilen helfen, an denen die westliche Welt chronisch krankt: «Materialismus, Entfremdung von der Natur (…), Mangel an beruflicher Erfüllung in einer mechanisierten, leblosen Arbeitswelt, Langeweile und Ziellosigkeit in einer wohlhabenden, saturierten Gesellschaft, das Fehlen einer sinnstiftenden philosophischen Grundlegung des Lebens». Von Erfahrungen ausgehend, wie LSD sie vermittelt, könnten wir «ein neues Bewusstsein der Wirklichkeit entwickeln», das «zur Grundlage einer Spiritualität werden könnte, die nicht auf den Dogmen bestehender Religionen beruht, sondern auf Einsichten in einen höheren und tieferen Sinn» – darauf, dass «wir die Enthüllungen ‚im Buch, das der Finger Gottes schrieb’, erkennen, lesen und verstehen». Wenn solche Einsichten «Eingang in unser kollektives Bewusstsein finden, könnte sich daraus ergeben, dass die naturwissenschaftliche Forschung und die bisherigen Zerstörer der Natur – Technologie und Industrie –, dazu dienen werden, unsere Welt in das zurückzuverwandeln, was sie einst war: in einen irdischen Garten Eden.»

Mit dieser Botschaft wird aus dem genialen Chemiker ein tiefsinniger Naturphilosoph und kulturkritischer Visionär. Die kritische Distanz zur LSD-Euphorie von Hippie- und Flower Power-Bewegten hat Albert Hofmann allerdings nie aufgegeben; dass er ein «Sorgenkind» in die Welt gesetzt hat, betont er schon im Titel seines bekanntesten Werks. Stets weist er auf die Risiken eines unkontrollierten Konsums hin. Andererseits wird er nicht müde zu betonen, was LSD von den meisten anderen Drogen grundlegend unterscheidet: Auch bei wiederholtem Gebrauch macht es nicht abhängig; es schränkt das Bewusstsein nicht ein; in üblicher Dosis ist es völlig ungiftig. Die pauschale Verteufelung von Psychedelika, die Massenmedien und konservative Regierungen von den sechziger Jahren an betrieben, konnte er nie nachvollziehen; für ihn spricht nichts dagegen, dass psychisch stabile Persönlichkeiten in ausgeglichener Stimmungslage und angenehmer Umgebung LSD zu sich nehmen. Um so enttäuschter war Albert Hofmann, als er miterleben musste, wie der Gebrauch von LSD seit den ausgehenden sechziger Jahren weltweit kriminalisiert und verboten wurde – sogar zu therapeutischen und Forschungszwecken.

Die Anstösse zu einer Kehrtwende, die vom internationalen Symposium «LSD – Sorgenkind und Wunderdroge» anlässlich seines hundertsten Geburtstags ausgegangen sind, empfand er als schönstes Geburtstagsgeschenk. Mit bald 102 Jahren nahm er mit grosser Freude zur Kenntnis, dass nach einem Unterbruch von rund 35 Jahren, im Dezember 2007 in der Schweiz eine Studie zur therapeutischen Anwendung des LSD vom BAG bewilligt wurde.
Sein Leben im Alter ist für viele Menschen zu einem Idealbild geworden dafür, wie wir in geistiger und körperlicher Frische ein hohes Alter erreichen können, wenn wir uns die kindliche Neugier zu bewahren vermögen.

Er drückte mehrfach seine Überzeugung aus, dass seine mystischen Erfahrungen und Reisen in andere Welten des Bewusstseins, die er als Kind spontan und später in seinen Experimenten mit psychedelischen Substanzen erlebt hatte, die beste Vorbereitung auf die letzte Reise seien, die jeder am Ende seines Lebens anzutreten hat. Er hat sich die Neugier selbst für seine letzte Reise bewahren können.
30 Apr 08

Das verbotene Gehirn

von Bruno Martin

Intelligenz kann Fäden kreativen Potenzials mit verfügbaren Ressourcen und Umständen verknüpfen.
Anthony Blake

Ist das Bewusstsein nun vom Gehirn abhängig oder das Gehirn vom Bewusstsein? Wir haben es hier mit einer klassischen Paradoxie zu tun. Ein Gehirn, das über sich selbst reflektieren kann, ist ein logisches Problem ähnlich dem Bild von M.C. Escher, in dem zwei Hände sich selbst malen. Für das reale Ich-Bewusstsein ist es kein Problem – es ist nur ein Problem für die Logik.(1)
Im normalen Leben ist man daran gewohnt, dass es oft nicht logisch zugeht. Die Möglichkeit der Selbstbezüglichkeit und der Selbstreflexion innerhalb des Gehirns lässt sich kausal mit unterschiedlichen Ebenen der Informationsverarbeitung erklären, z.B. dass Erinnerungen, auf die wir bei einem aktuellen Denkprozess zugreifen können, an anderer Stelle abgelegt sind, als die momentane Wahrnehmungsverarbeitung. Darüber hinaus gibt es unterschiedliche Schaltkreise für die Abarbeitung unterschiedlicher Aufgaben, die grösstenteils unterhalb der Bewusstheitsschwelle vor sich gehen.
Es muss eine Art «Quantensprung» in eine höhere Ebene geben, damit wir eine individuellen Bewusstheit und Selbstwahrnehmung mit einem Bewusstsein verbinden können, das nicht an das Gehirn gebunden ist. Die Selbstbewusstheit im Gehirn ist Schaltstation und Schnittstelle zugleich, vergleichbar mit der eigenartigen Verbindung der Gliazellen und Nervenzellen. Diese Schnittstelle verbindet und verschränkt uns im Bewusstseinsfeld mit allen anderen Konzentrationen oder im übertragenen Sinne «Molekülen» von Bewusstseinsquanten.
Auf der tieferen Ebene der verwickelten Hierarchie zeigt das Gebiet der Psycho-Neuro-Immunologie die vielfältigen und beinahe unfassbar komplexen Verbindungen zwischen Gehirn und Immunsystem auf. Nervensystem und Immunsystem kommunizieren eindeutig miteinander. So können körpereigene, schmerzstillende (und Lust erzeugende) Neurotransmitter wie Endorphine die Aktivität der Lymphozyten verändern. Es wird auch angenommen, dass Emotionen das Gehirn veranlassen, entsprechende Botenstoffe auszuschütten, um die Immunabwehr anzustossen. Die chemischen Botenstoffe wandern entweder zu den Zellen, wo sie gebraucht werden, oder es werden die dafür notwendigen Gene direkt angeschaltet, so dass die Neurotransmitter an Ort und Stelle produziert werden. Umgekehrt können die Gene auch abgeschaltet werden, falls sie zuviel von irgendwelchen Stoffen im unpassenden Moment herstellen.(2)
Es wird vermutet, dass Zellen zu Krebszellen entarten, wenn die Informationssteuerung und Selbstreparaturfähigkeit von Zellverbänden versagt. Ebenso sind Allergien «Autoimmunkrankheiten», weil bestimmte Informationen im Körper zu überschiessenden Reaktionen führen. Man weiss inzwischen sehr viel über das Immunsystem, das ebenso wie andere Teile des Körpers offenbar ein eigenes «Bewusstsein» besitzt. Und es funktioniert im Normalfall ausserordentlich effizient.
Mit verschiedenen Botenstoffen kann sich das Gehirn sogar selbst in unterschiedliche Bewusstseinszustände bringen. Es produziert schmerzstillende und anregende Botenstoffe, kann Reize verstärken oder blockieren, je nach Bedarf. Ausserdem hat es Rezeptoren für eine Vielfalt von endogenen (innen entstehenden) wie exogenen (von aussen kommenden) bewusstseinsverändernden Substanzen wie Opiate, Nikotin, THC, Alkaloide, Phenethylaminen und Tryptaminen. Das System ist so offen angelegt, dass biochemische Substanzen von aussen dieselben Rezeptoren an den Synapsen belegen können, die auch von endogenen Botenstoffen aufgesucht werden.(3)
Wenn die Stoffe nach dem Schlüssel-Schloss-Prinzip nicht genau passen, werden indirekte Funktionen eingeschaltet. Erstaunlicherweise hat die Evolution für die meisten psychoaktiven Substanzen entsprechende Rezeptoren geschaffen, es gibt sogar ein eigenes «Cannabinoidsystem», also eine Menge Rezeptoren für den Wirkstoff von Cannabis. Warum wohl? Wusste die Intelligenz der Evolution schon immer, dass manche Menschen gerne einen Joint rauchen? Für Alkohol gibt es nebenbei gesagt auch viele Rezeptoren. Und da das Gehirn ökonomisch effizient arbeitet, hört es auf, bestimmte endogene Substanzen zu produzieren, wenn diese regelmässig von aussen zugeführt werden. Daher sind einige – aber nicht alle – psychoaktiven Substanzen suchtbildend.
Die körperlich nicht süchtig machenden psychoaktiven Tryptamine wie Psilocybin, DMT und LSD wirken hauptsächlich auf das körpereigene Serotoninsystem des Gehirns ein. Es wird vermutet, dass die Substanzen die Wirkungen des Serotonins «imitieren», in anderen Fällen auch unterbinden. Es gibt ungefähr zwanzig verschiedene Typen von Serotoninrezeptoren im Gehirn. Das ist eine Anzahl, die sonst nicht für andere Botenstoffe gebraucht werden. Das hängt damit zusammen, dass diese vielfachen Andockstätten für Serotonin sich in hohen Konzentrationen auf den Nervenzellen der Gehirnregionen befinden, die eine Vielzahl wichtiger psychischer und physischer Prozesse steuern: Herz- und Kreislaufsystem, Hormonsystem, Regelung der Körpertemperatur, Schlaf und Nahrungsaufnahme, Stimmungen, Wahrnehmung und motorische Kontrolle.(4)
Ich erwähne diese besonderen Eigenschaften des Serotoninsystems im Zusammenhang mit psychoaktiven Substanzen deshalb, weil es uns auf die Spur der Schnittstelle zum Bewusstseinsfeld bringen kann.
Ein Beleg dafür ist für mich, dass die Einnahme von psychoaktiven Substanzen, insbesondere der psychedelischen wie LSD, nach neuesten Erkenntnissen (5) die äussere Konzentrationsfähigkeit wesentlich absenkt, dafür aber die innere Bewusstheit und innere Aufmerksamkeit wesentlich erhöht. Ausserdem wird die Wahrnehmungsfähigkeit aller Sinne vertieft und erweitert. Die seriösen Forscher weisen auch deutlich darauf hin, dass diese Erfahrungen keine «Halluzinationen» sind. Meistens geht das Erleben mit diesen Substanzen einher mit einem aufregenden Gefühl der Ganzheit, einer Intensivierung der visuellen und akustischen Wahrnehmungen und Veränderungen des Zeitempfindens. Ein geübter Konsument kann ganz genau unterscheiden zwischen «Einbildung» und tatsächlicher Bewusstseinssteigerung oder Intensität des Erlebens. Er ist sogar in der Lage, diese Erfahrung selbst zu beeinflussen. EEG-Messungen des Gehirns während eines LSD-Trips zeigen, dass der Proband kohärente Gehirnwellenmuster erzeugen kann, wenn er die Absicht dazu hat.(6)
Das einzige Problem ist, wenn ein junger, ungefestigter Mensch durch eine solche Substanz mit einer grossen Menge von Eindrücken überschwemmt wird und noch nicht ausreichend das eigene Bewusstsein «trainiert» hat, um damit zurechtzukommen. Deshalb spielen «Set» und «Setting» und eine kundige Anleitung eine grosse Rolle. Auch Bewusstseinsveränderung muss trainiert werden. Schamanen, die pflanzliche Bewusstseinstränke nehmen, müssen zuerst eine längere Ausbildung dafür machen. Aus diesem Grund führt die Illegalität solcher bewusstseinsverändernden Substanzen eher zu Problemen als zu einer vernünftigen Lösung. Für die Evolution des menschlichen Bewusstseins sollten alle nicht süchtig machenden Substanzen legalisiert werden, so dass jeder erwachsene Mensch die Möglichkeit bekommt, die Welten des Bewusstseins intensiver zu erkunden. Aber vielleicht haben die Politiker mehr Interesse daran, grölende und literweise Bier saufende Menschen mit eingeschläfertem Bewusstsein zu regieren, die ihnen unkritisch folgen?
Die Chemie der Wirkungen vieler dieser Substanzen ist recht gut erforscht. Die körpereigenen Dopamin- und Serotoninsysteme sind massgeblich daran beteiligt. Aus politischen Gründen ist jedoch noch sehr wenig darüber erforscht, wie die Veränderungen der Gehirnchemie direkt mit dem subjektiven und inneren Erleben in Verbindung stehen. «Wir spüren nicht, dass ein Serotoninrezeptor blockiert wird, sondern verspüren Ekstase. Wir sehen die Aktivierung des Stirnlappens nicht, sondern nehmen ‚Engel oder Dämonen’ wahr… Psychedelische Substanzen wirken auf alle geistig-seelischen Aktivitäten ein: auf die Wahrnehmung, die Gefühle, das Denken, die Körperwahrnehmung und unser Empfinden von unserem Selbst.»(7)
Ich stelle wieder einmal die «Warum-Frage»: Warum haben wir im Alltagsbewusstsein nicht diese intensiven Wahrnehmungen, wenn das körpereigene System die Möglichkeit dafür vorgesehen hat? Das Gehirn kommt normalerweise ganz gut mit der alltäglichen Reizüberflutung klar, und die Reizüberflutung bei Einnahme der Psychedelika ist in dieser Hinsicht sicherlich auch nicht grösser, nur anders und braucht deshalb eine gewisse Zeit der Übung, damit sich das Bewusstsein darauf einstellen kann.
Es gibt eine Reihe Methoden ohne die Einnahme von Substanzen, um veränderte Bewusstseinszustände zu erreichen. Meditation, Trance, Tanz sind die bekanntesten. Bei diesen Aktivitäten wird verstärkt Dopamin hergestellt. «Wer unter Depressionen leidet und sich dennoch zu einem Dauerlauf oder zu einem spontan-wilden Tanz entschliessen kann, wird die stimmungshebende Wirkung von Noradrenalin (mobilisiert durch Laufen) und Dopamin (mobilisiert durch Tanzen) angenehm spüren.»(8)
Messungen unter Verwendung bildgebender Verfahren haben ergeben, dass bei geübten Probanden in tiefer Meditation, die ihre Erfahrung hinterher als «mystisch» eingestuft haben, dieselben Gehirnareale aktiviert werden wie bei der Verabreichung von LSD. Offenbar aktivieren beide Methoden dieselbe Schnittstelle im Gehirn. Meditationstechniken, die zusammen mit Klängen, Bildern oder Visualisationsübungen durchgeführt werden, lassen besondere Wellenmuster im Gehirn entstehen, dessen Felder eine Resonanz auslösen. Diese Felder wiederum versetzen vielfache Systeme in eine Schwingung; der ganze Körper kommt in Resonanz mit der Schwingung, die durch einen veränderten Bewusstseinszustand entsteht. Bei bestimmten Klangfrequenzen oder inneren Schwingungen schwingt auch die Zirbeldrüse mit und setzt ihre Stoffe frei.
Man kann also nicht sagen, dass ein veränderter Bewusstseinszustand von der Substanz verursacht wird, sondern dass diese genauso wie eine selbstinduzierte Bewusstseinsveränderung eine Möglichkeit eröffnet, eine Verbindung mit dem Bewusstseinsfeld herzustellen. Diese Schnittstelle ist offenbar die bereits erwähnte Zirbeldrüse.(9)
«Die allgemeine Hypothese lautet, dass die Zirbeldrüse an aussergewöhnlichen Zeitpunkten unseres Lebens DMT [ein Tryptamin, chemisch verwandt mit dem LSD und dem Botenstoff Serotonin] in psychedelisch wirksamen Mengen bildet. Die Produktion von DMT in der Zirbeldrüse ist die physische Entsprechung nichtmaterieller oder energetischer Prozesse. Sie eröffnet uns einen Weg, auf dem wir die Bewegung unserer Lebenskraft in ihren extremsten Manifestationen bewusst erleben. Spezifische Beispiele für dieses Phänomen sind folgende: Wenn unsere individuelle Lebenskraft in unseren embryonalen Körper eintritt, also in dem Augenblick, in dem wir wirklich zu Menschen werden, geht sie durch die Zirbeldrüse hindurch und löst den ersten, uranfänglichen Schwall von DMT aus. Später, bei der Geburt, schüttet die Zirbeldrüse weiteres DMT aus. Einigen von uns vermittelt DMT aus der Zirbeldrüse im Zustand tiefer Meditation, in der Psychose oder bei Nahtoderfahrungen zentrale Erfahrungen. Wenn wir sterben, verlässt die Lebenskraft den Körper durch die Zirbeldrüse und setzt einen weiteren Schwall dieses psychedelischen Bewusstseinsmoleküls frei.» (10)
Die Zirbeldrüse enthält auch die notwendigen Grundbausteine zur Herstellung von DMT, sie hat die höchsten Konzentrationen von Serotonin im ganzen Körper. Sie kann dieses sogar in Tryptamin umwandeln. Die einzigartigen Enzyme, die Serotonin, Melatonin oder Tryptamin in psychedelische Verbindungen umwandeln, sind ebenfalls in aussergewöhnlich hoher Konzentration in der Zirbeldrüse vorhanden. Sie produziert auch noch andere wichtige Substanzen wie die Beta-Carboline, die den Abbau von DMT verhindern, die körpereigenen MAO (Monoaminoxidasen). Das Pflanzengebräu Ayahuasca, das von Schamanen am Amazonas als bewusstseinserweiterndes und heilendes Getränk benutzt wird, setzt sich zusammen aus DMT und MAO, wobei der MAO-Hemmer verhindert, dass DMT zu schnell abgebaut wird.
Die ekstatischen, euphorischen Gefühle, die bei der Anwendung von Tryptaminen entstehen, beruhen auf Wechselwirkungen mit dem Hypothalamus, der Schaltstelle des Limbischen Systems und der Hormonzentrale des Gehirns. «Weil dem Hypothalamus bei der Regelung der Gehirnsysteme eine so wichtige Rolle zufällt, wird er oft als das Gehirn des Gehirns bezeichnet. … Der Hypothalamus steuert auch die Hirnanhangdrüse (Hypophyse), ein lebenswichtiges Organ, das alle wichtigen Drüsen des Körpers beeinflusst. Diese Systeme aktivieren wiederum Mandelkern und Hirnstamm, die das sympathische Nervensystem anregen.»(11)
Die Gehirnforscher betonen, dass der grösste Hersteller und Konsument von psychoaktiv wirkenden Substanzen das menschliche Gehirn ist. Sollen wir deshalb das Gehirn für illegal erklären? Es gibt mindestens 60 Neuropeptide, die aus den einfachen Aminosäurenbausteinen in der Zelle hergestellt werden. Die Neuropeptide sind vergleichbar mit den Photonen und erfüllen ebenfalls eine Doppelfunktion: Im Gehirn wirken sie als Neurotransmitter und im Körper als Hormone. Die Neuropeptid-Rezeptoren sind im ganzen Körper verteilt und vorhanden und so möglicherweise die physiologische Basis des Bewusstseins. «Ich glaube», sagt die grosse Erforscherin der Neuropetide, Candace Pert, «dass wir anfangen müssen, darüber nachzudenken, wie Geist und Bewusstsein in den verschiedenen Regionen des Körpers funktionieren und wie sie dort hinkommen.»(12)
Die Evolution ist schon sehr schlau gewesen. Sie benutzt dieselben aktiven Proteine als Hormone im Körper und als Neurotransmitter im Gehirn. Je nach dem wo eines dieser Peptide gebraucht wird, wird es von den Genen erzeugt. «Bei der Vernetzung und Komplexität von neuronalen und endokrinen Interaktionen ist es grundsätzlich schwierig, mit linearen Methoden befriedigende Antworten zu erhalten. Sowohl mehrere Einflussfaktoren, z. B. andere Transmitter und Modulatoren oder Situationsvariablen wie Stress als auch Rückkoppelungseffekte müssen immer gleichzeitig berücksichtigt werden.»(13) Die verwickelte Vernetzung von Körpersystemen und Gehirnsystemen ist so ausserordentlich komplex, dass nicht nur selbstbezügliche Schleifen die Organisation übernehmen können. Deshalb ist meine Hypothese von der zeitlosen Informationsübertragung mit Hilfe intelligent operierender Bewusstseinsquanten eine mögliche Antwort.

 

Anmerkungen

(1) Thomas Görnitz: Quanten sind anders, München 2006, S. 282

(2) Der Nobelpreis für Medizin 2006 ging an die US-amerikanischen Forscher Craig C. Mello und Andrew Z. Fire, die herausfanden, wie Gene regelrecht durch einen bestimmten Zellvorgang stillgelegt werden können.

(3) Ausführlich zu diesem Thema siehe: Josef Zehentbauer: Körpereigene Drogen, München und Zürich 1992

(4) ausführlich in: Dr. Rick Strassman: DMT, Baden 2004. S. 64ff

(5) Vorträge von Dr. med. Torsten Passie von der Medizinischen Hochschule Hannover und Dr. med. Franz X. Vollenweider, Psychiatrische Universitätslinik Zürich, auf dem Symposium «LSD-Sorgenkind und Wunderdroge» in Basel vom 13.-15. Januar 2006

(6) Persönliche Mitteilung eines Forschers.

(7) Strassman, a.a.O. S. 65

(8) J. Zehentbauer, a.a.O., S. 57

(9) Zirbeldrüse – siehe Kapitel 4

(10) Dr. Rick Strassman: DMT, Baden 2004, S. 104

(11) John Ratey, Das menschliche Gehirn – Eine Gebrauchsanweisung, Düsseldorf 2001, S. 207

(12) zitiert in Johannes Holler: Das neue Gehirn, Südergellersen 1991, S. 83, leider ohne Quellenangabe.

(13) Holler, a.a.O., S. 83

Aus: Bruno Martin, Intelligente Evolution, München 2007. Mit freundlicher Genehmigung

Auf der Suche nach dem Sinn des Lebens: unterwegs in höhere Wirklichkeiten

Mystische Erfahrungen im Alltag – vom LSD zur holotropen Atmung
von Reinhard Eichelbeck

Um phantastische Visionen zu erleben, in andere Wirklichkeiten zu schauen und einen tieferen Sinn ihrer Existenz zu erfahren, haben die Menschen sich schon seit Jahrtausenden verschiedener psychoaktiver Drogen bedient – die wohl potenteste darunter: das LSD. Als Wunderdroge wurde es in den 60er Jahren verherrlicht, in den 70ern dann verteufelt und verboten. Heute wird es nach langjährigem Dornröschenschlaf von der Psychologie wiederentdeckt – während sein Entdecker Albert Hofmann gerade seinen hundertsten Geburtstag feiern durfte.

Während der Basler Psi-Tage im November 2005 hatte ich die Gelegenheit, einen liebenswürdigen alten Herrn kennen zu lernen, über 99 Jahre alt, geistig ganz auf der Höhe, und so freundlich und bescheiden, dass man nicht ohne weiteres vermuten würde, dass es sich hier um einen weltberühmten Wissenschaftler handelt. Es war Dr. Albert Hofmann, ein Schweizer Chemiker, der vor mehr als 60 Jahre die stärkste psychoaktive Substanz entwickelt hat, die wir kennen – das LSD. Im Januar 2006 wurde er hundert Jahre alt, und man feierte seinen Geburtstag mit einer grossen Veranstaltung in Basel, zu der zahlreiche Künstler und Wissenschaftler aus aller Welt angereist waren.
Albert Hofmann ist in Baden aufgewachsen, einem kleinen Ort in der Nähe von Zürich, und er hat als Kind viel Zeit in der freien Natur verbracht. Bei einem Waldspaziergang hatte er eines Tages eines jener kosmischen «Einheitserlebnisse», die seit Jahrtausenden schon von den Mystikern aller Kulturen immer wieder beschrieben wurden.
«Auf einmal erschien mir alles in einem wunderbaren, neuen Licht», erzählte er in einem Interview. «Es ist so schwierig dies in Worte zu fassen. Alles erschien mir wunderbar. Es war ein Erkennen und das Gefühl bisher blind gewesen zu sein. Dieses Einssein war ein ungeheures Erlebnis, das ich nicht einmal zu erzählen wagte. Ich bewahrte es aber als grossen Schatz in mir. Es gab mir das Gefühl, dass ich die Wahrheit gesehen habe und die Sicherheit, dass eine wunderbare, ungeheuer tiefe Wirklichkeit hinter dem Alltagserleben existiert. Es ist ein Einssein, ein kosmisches Gefühl. Das hat mein Leben geprägt. Normalerweise ahnen wir höchstens, dass unsere Welt kein Zufallsprodukt sein kann und dass eine geistige Kraft dahinter stehenmuss.»
Um diese geistige Kraft und die Art und Weise, wie sie unsere Welt gestaltet, besser zu verstehen, beschloss Hofmann, Chemiker zu werden. Er studierte an der ETH Zürich, promovierte mit Auszeichnung und ging 1929 als Forschungschemiker zum Schweizer Pharmakonzern Sandoz nach Basel. Bis 1971 war er dort mit der Untersuchung von Heilpflanzen und Pilzen beschäftigt und bemüht, ihre medizinisch wirksamen Bestandteile zu entdecken und zu isolieren. Dass Albert Hofmann dabei das LSD entdeckte, könnte man als einen seltsamen Zufall ansehen – er selbst allerdings meinte: «Ich habe das LSD nicht entdeckt – das LSD ist zu mir gekommen. Das LSD hat sich gemeldet vorher bei mir, es ist zu mir gekommen, es hat gesagt: vergiss mich nicht, ich bin da.»
Am Nachmittag des 16. April 1943 arbeitete Dr. Hofmann wie gewohnt in seinem Labor, als er plötzlich «von einer merkwürdigen Unruhe, verbunden mit einem leichten Schwindelgefühl» befallen wurde. Er brach seine Arbeit ab und fuhr zurück in seine Wohnung.
«Zu Hause», so schrieb er in einem späteren Bericht, «legte ich mich nieder und versank in einen nicht unangenehmen rauschartigen Zustand, der sich durch eine äusserst angeregte Phantasie kennzeichnete. Im Dämmerzustand bei geschlossenen Augen – das Tageslicht empfand ich als unangenehm grell – drangen ohne Unterbruch phantastische Bilder von ausserordentlicher Plastizität und mit intensivem, kaleidoskopartigen Farbenspiel auf mich ein. Nach etwa zwei Stunden verflüchtigte sich dieser Zustand.»
Hofmann überlegte, was diesen seltsamen Zustand hervorgerufen haben könnte. Er hatte an diesem Nachmittag mit Lysergsäurediäthylamid gearbeitet, einer Substanz, die er fünf Jahre zuvor entwickelt hatte. Sein besonderes Interesse galt damals dem Mutterkorn, einem auf Getreideähren, insbesondere auf Roggen schmarotzenden Schlauchpilz, der schon seit Jahrhunderten bei der Geburtshilfe eingesetzt wurde, weil er eine wehenfördende und blutstillende Wirkung hatte. 1938 war es ihm gelungen, den Hauptwirkstoff des Mutterkorn, die Lysergsäure, zu isolieren und er verband sie dann mit verschiedenen Stoffen, unter anderem mit Diäthylamin. Er hoffte, dadurch ein Medikament mit kreislaufanregender Wirkung zu bekommen. Als das Lysergsäurediäthylamid – abgekürzt LSD – dann im Tierversuch getestet wurde, zeigte sich allerdings keine nennenswerte Reaktion, und die scheinbar wirkungslose Substanz verschwand in der Schublade, beziehungsweise im Laborschrank.
Fünf Jahre später holte Hofmann sie dann, einer «merkwürdigen Ahnung» folgend, wieder hervor, um weiter damit zu experimentieren. Und weil er an jenem 16. April nur mit dem Lysergsäurediäthylamid gearbeitet hatte, kam er zu der Schlussfolgerung, dass hierin die Ursache für seine seltsamen Gefühle und Visionen zu finden sei. Um sicher zu gehen entschloss er sich zu eine Selbstversuch, und schluckte drei Tage später 0,25 Milligramm – eine winzige Menge – aber, wie spätere Erfahrungen zeigten, bereits das zehnfache einer wirksamen Dosis. Und damit begab sich Albert Hofmann, ohne es zu wissen, auf den ersten LSD-Trip der Weltgeschichte. Eine gute halbe Stunde später spürte er wieder «leichtes Schwindelgefühl, Unruhe, Gedanken nur schwer zu konzentrieren, Sehstörungen, Lachreiz», und er beschloss, nach Hause zu fahren. Da er mit dem Fahrrad gekommen war, bat er vorsichtshalber seine Laborantin, ihn zu begleiten.
«Schon auf dem Heimweg per Rad zeigte sich, dass alle Symptome stärker waren, als das erste Mal», schrieb Hofmann später. «Ich hatte bereits grösste Mühe, klar zu sprechen und mein Gesichtsfeld schwankte und war verzerrt wie ein Bild in einem verkrümmten Spiegel. Auch hatte ich das Gefühl, nicht vom Fleck zu kommen, während mir nachher meine Laborantin sagte, dass wir ein scharfes Tempo gefahren seien.»
Zu Hause angekommen verschlechterte sich Hofmanns Zustand zusehends. «Alles im Raum drehte sich, die vertrauten Gegenstände und Möbelstücke nahmen groteske, meist bedrohliche Formen an. Sie waren in dauernder Bewegung, wie von innerer Unruhe erfüllt … Schlimmer als die Verwandlungen der Aussenwelt ins Groteske waren die Veränderungen, die ich in mir selbst, an meinem innersten Wesen, verspürte. Alle Anstrengungen meines Willens, den Zerfall der äusseren Welt und die Auflösung meines Ichs aufzuhalten, schienen vergeblich. Ein Dämon war in mich eingedrungen und hatte von meinem Körper, von meinen Sinnen und meiner Seele Besitz ergriffen. Eine furchtbare Angst, wahnsinnig geworden zu sein, packte mich. Ich war in eine andere Welt geraten, in andere Räume, in eine andere Zeit …»
Hofmann rief seinen Hausarzt zur Hilfe, der aber keine besonderen Symptome feststellen konnte, abgesehen von stark erweiterten Pupillen und einem etwas schwachen Puls. Die Diagnose beruhigte Hofmann und sein Zustand besserte sich langsam.
«Der Schrecken wich allmählich und machte einem Gefühl des Glücks und der Dankbarkeit Platz, je mehr normales Fühlen und Denken zurückkehrte und die Gewissheit wuchs, dass ich der Gefahr des Wahnsinns endgültig entronnen war. Jetzt begann ich allmählich das unerhörte Farben- und Formenspiel zu geniessen, das hinter meinen geschlossenen Augen andauerte. Kaleidoskopartig sich verändernd drangen bunte, phantastische Bilder auf mich ein, in Kreisen und Spiralen sich öffnend und schliessend, in Farbfontänen zersprühend, sich neu ordnend und kreuzend, in ständigem Fluss. Besonders merkwürdig war, wie alle akustischen Wahrnehmungen, etwa das Geräusch einer Türklinke oder eines vorbeifahrenden Autos, sich in optische Empfindungen verwandelten. Jeder Laut erzeugt in Form und Farbe entsprechendes, lebendig wechselndes Bild …»
Erschöpft schlief Hofmann schliesslich ein und erwachte, zu seinem eigenen Erstaunen, am nächsten Morgen erfrischt und mit klarem Kopf, wenn auch körperlich noch etwas müde. Er konnte sich an alle Einzelheiten seines «Trips» erinnern und fühlte sich wohl, von irgendwelchen Nachwirkungen, einem Kater oder ähnlichem verspürte er nichts.
«Ein Gefühl von Wohlbehagen und neuem Leben durchströmte mich. Als ich später in den Garten hinaustrat, in dem nach einem Frühlingsregen nun die Sonne schien, glitzerte und glänzte alles in einem frischen Licht. Die Welt war wie neu erschaffen. Alle meine Sinne schwangen in einem Zustand höchster Empfindlichkeit, der noch den ganzen Tag anhielt.»
Albert Hofmann hat auch später noch einige Male LSD genommen, unter anderem zusammen mit dem Schriftsteller Ernst Jünger, mit dem er viele Jahre befreundet war. «Die Drogen sind Schlüssel», kommentierte Jünger seine LSD-Erfahrung. «Sie werden freilich nicht mehr erschliessen, als unser Inneres verbirgt. Doch führen sie vielleicht in Tiefen, die sonst verriegelt sind.»
Indem er, vor mehr als 60 Jahren, Lysergsäure und Diäthylamin miteinander verband, hatte Albert Hofmann, ohne es zu wissen und zu wollen, eine der potentesten psychoaktiven Substanzen geschaffen, die wir heute kennen. Und die Folgen waren so weitreichend, dass man sie mit der Erfindung der Antibabypille verglichen, oder die Droge gar als «das spirituelle Äquivalent der Wasserstoffbombe» bezeichnet hat. In den ersten Jahren war die Entwicklung allerdings wenig spektakulär. Fast zwei Jahrzehnte lang war LSD eine ausschliesslich in der Fachwelt bekannte Substanz.
Psychiater und Psychologen fanden, dass die von Hofmann beschriebenen Symptome grossen Ähnlichkeit mit bekannten Geistesstörungen hatten, insbesondere mit der Schizophrenie, und sie ergriffen die Möglichkeit, mit Hilfe von LSD «experimentelle Psychosen» zu erzeugen, um dadurch die abnormen Entgleisungen des menschlichen Geistes besser zu verstehen. Der Göttinger Psychiater und Neurologe Hanscarl Leuner beobachtete im Verlauf von fünf Jahren über tausend Einzelsitzungen, in denen er Versuchspersonen LSD verabreichte, und stellte eine Liste charakteristischer Wirkungen auf. Unter anderem: motorische Störungen, wie unsichere Gehweise oder Sprachschwierigkeiten; eine Veränderung der optischen Wahrnehmung bis hin zu Halluzinationen; Veränderungen der Körperempfindung, wie Vergrösserung oder Verkleinerung der Gliedmassen, gelegentlich auch das Gefühl, sich ausserhalb des Körpers zu befinden; Veränderung des Zeit- und Raumerlebens; Verstärkung erotischer und sexueller Empfindungen; und teilweise auch kosmisch-mystische Einheits- oder Erleuchtungsempfindungen. Leuner betrachtete all diese Phänomene etwas eingeengt unter dem psychopathologischen Gesichtspunkt – er sprach beispielsweise von «LSD-Psychose» – aber er erkannte auch, dass alles, was dabei erlebt wurde, «unmittelbaren Bezug zur Persönlichkeit des Berauschten hat und grosse psychotherapeutische Wirkung zeigt.»
1949 brachte Sandoz das LSD auf den Markt – in Form kleiner blauer Pillen und unter dem Namen «Delysid». Im Beipackzettel wurde darauf hingewiesen, dass es nützlich sei «zur seelischen Auflockerung bei analytischer Psychotherapie, insbesondere bei Angst- und Zwangsneurosen», sowie für «experimentelle Untersuchungen über das Wesen der Psychosen: Delysid vermittelt dem Arzt im Selbstversuch einen Einblick in die Ideenwelt der Geisteskranken und ermöglicht durch kurze Modellpsychosen bei normalen Versuchspersonen das Studium pathogenetischer Probleme …»
Ohne dass die Öffentlichkeit das gross zur Kenntnis nahm, gingen in den 50er Jahren zahlreiche Psychiater und ihre Patienten auf den LSD-Trip. Einer, der davon profitierte, war der Filmschauspieler Cary Grant, der 1959 in einem Interview mit dem amerikanischen Magazin Look bekannte, dass er im Rahmen einer Psychotherapie LSD genommen habe und dadurch zu einem neuen, psychisch gefestigten Menschen geworden sei. Er bezeichnete die LSD-Erfahrung als eine der wichtigsten seines ganzen Lebens, und empfahl allen Politikern, es ebenfalls zu nehmen.
In den 50er Jahren wurden noch weitere «psychedelische» (das heisst: «seelenöffnende») Drogen entdeckt, oder besser gesagt: wiederentdeckt. Denn diese Substanzen waren zum Teil schon seit Jahrtausenden in Gebrauch. 1953 nahm der englische Schriftsteller Aldous Huxley eine Prise Meskalin, das aus dem mexikanischen Peyotekaktus gewonnen wird, und ganz ähnliche Wirkungen erzeugt, wie LSD, obwohl es eine andere chemische Struktur hat. Die alten Azteken benutzen es schon vor über tausend Jahren, um Kontakt zu ihren «Göttern» aufzunehmen. In seinem Essay «Die Pforten der Wahrnehmung» beschreibt Huxley eindrucksvoll, wie er unter dem Einfluss der Droge seine Umwelt völlig neu entdeckte, und einfache Gegenstände eine geradezu göttliche Qualität bekamen. Die Falten seiner Hose und ein Blumenstrauss wurden für ihn zu einer «Apokalypse von Blumen oder Flanell» und ein Liegestuhl erschien ihm wie das «Jüngste Gericht». Seine Meskalinerfahrung brachte ihn zu der Auffassung, dass unser Gehirn eine Art «Reduktionsventil» ist, das von der unglaublichen Vielfalt kosmischer Erscheinungen, die uns umgeben, nur einen winzigen Bruchteil in unser Bewusstsein gelangen lässt. Durch die psychedelischen Drogen, aber auch durch Fasten, Reizentzug oder bestimmte Atemübungen, wird die einschränkende Ventilwirkung unseres Gehirns aufgehoben oder zumindest verringert, sodass wir dann die Wirklichkeit so sehen können, wie sie wirklich ist. Und er fand, wie zehn Jahre später nahezu eine ganze Generation, dass diese Sicht der Dinge unsere Lebensauffassung erheblich verändert: «Wenn wir uns als die alleinigen Erben des Weltalls fühlen, wenn das Meer in unseren Adern fliesst und die Sterne unsere Schmuckstücke sind, wenn alle Dinge als unendlich und heilig wahrgenommen werden, welchen Beweggrund können wir da zu Begehrlichkeit oder Selbstüberhebung haben, zu einem Streben nach Macht oder der Sucht nach noch öderen Formen des Vergnügens?»
Es zeigte sich in diesen Jahren, dass die Erfahrungen verschiedener Menschen mit den psychedelischen Substanzen ganz verschiedenen waren, entsprechend ihrer individuellen Einstellung. Während Aldous Huxley dem Meskalin ein mystisches Einheitserlebnis verdankte, empfand sein französischer Kollege Henri Michaux nach Einnahme derselben Droge hauptsächlich Verwirrung, Leere, Verlorenheit und «klägliche Wunder». Ein Professor für asiatische Philosophie und Religion in Oxford, der Huxleys Ansichten ablehnte, lachte auf seinem Meskalin-Trip fast dauernd und hatte keinerlei mystische Erfahrungen. Für ihn waren «alle Dinge eins in dem Sinne, dass im Höhepunkt meines manischen Zustandes alle gleich komisch waren: die Eigenschaft der Komik und Ungereimtheit hatte alle anderen verschlungen.» Es bestätigte sich hier wieder einmal, was der Philosoph Paul Feyerabend so formulierte: «Es kommt ganz darauf an, wer das Universum hinterfragt. Fragt ein Materialist, antworten Atome und Quarks. Fragt ein Metaphysiker, antworten ihm die Götter.»
1955 nahm der Börsenmakler und Hobbyethnologe Gordon Wasson in Mexiko an einer Zeremonie mit der Schamanin Maria Sabina teil, bei der «heilige Pilze» verzehrt wurden, die ebenfalls eine psychedelische und dem LSD ähnliche Wirkung hatten. Dieser Pilzkult, der in den Jahrhunderten nach der spanischen Eroberung im Untergrund lebte, ist vermutlich mehr als 3000 Jahre alt. Die Pilze wurden «Teonanacatl» genannt – «göttliches Fleisch» und in Ritualen verwendet, die dem christlichen Abendmahl gleichen. Diese Pilze gehören zur Gattung Psilocybe, die mindesten 150 Arten umfasst und in der ganzen Welt vorkommt, unter anderem auch in Deutschland. Wasson schickte die Pilze nach Basel, und Albert Hofmann isolierte aus ihnen die wirksamen Substanzen Psilocybin und Psilocin, deren Wirkung dem LSD entspricht, allerdings von kürzerer Dauer ist. Als LSD 1966 verboten wurde, brachte Sandoz Psilocybin unter dem Namen «Indocybin» auf den Markt, und es wurde einige Zeit in der Psychotherapie als LSD-Ersatz eingesetzt, dann aber ebenfalls verboten und vom Markt genommen.
Die 60er Jahre waren die Zeit, in der LSD, ausgehend von den USA, seine grösste Popularität erlangte und Millionen junger Menschen zu aussergewöhnlichen Erfahrungen und zu einer Weltsicht verhalf, die sich von der ihrer Eltern ganz erheblich unterschied. Der Frust über den platten Materialismus ihrer Väter, der Drang zu Abenteuern ausserhalb der langweilig-bürgerlichen Normalität, die Suche nach einem tieferen Sinn des Lebens als Geld verdienen, Haus bauen und Familie gründen, hatte die Jugend schon Ende der 50er Jahre in Unruhe versetzt. Sie betrachteten die amerikanische Gesellschaft als einen «Ameisenhaufen mit Klimaanlage» und begannen, alternative Gesellschaftsformen zu erproben, deren Grundlage «Love and Peace» sein sollte, anstatt Besitzdenken und Konkurrenzkampf. Es entstand das, was man später die Hippie-Bewegung nannte. «Bewusstseinserweiterung» war das Schlagwort, und LSD erschien als das ideale Mittel, sie zu erreichen, denn im Gegensatz zu den klassischen Meditationsmethoden wirkte es sofort und ohne lange Vorbereitung: instant ecstasy.
Prophet und Märtyrer dieser Bewegung wurde Timothy Leary, Professor für klinische Psychologie an der Harvard-Universität. Seine Experimente mit LSD und anderen psychedelischen Drogen vermittelten ihm tief religiöse Erfahrungen und eine neue Sicht der Dinge, die er mit seinen Studenten teilen wollte. Als sich aus den Testserien regelrechte LSD-Parties entwickelten, wurde Leary von der Universität entlassen. Zusammen mit Gleichgesinnten gründete er die «Internationale Vereinigung für Innere Freiheit», und propagierte LSD als «das Yoga des Westens». Sein Slogan «turn on, tune in, drop out» («schalt dich an, stimm dich ein, steig aus»), wurde so etwas wie ein Glaubensbekenntnis der Hippie-Bewegung.
Angeführt von den Künstlern, Malern und Musikern vor allem, gingen immer mehr Menschen auf die Reise nach Innen, und LSD wurde ihr bevorzugtes Transportmittel. Auch die Beatles nahmen es, änderten ihren Stil, ihre Einstellung und ihre Haartracht und setzten dem LSD mit «Lucy in the Sky with Diamonds» ein musikalisches Denkmal. Paul McCartney sagte in einem Interview: «Gott ist in allem. Gott ist in dem Raum zwischen uns. Gott ist in dem Tisch vor dir. Gott ist alles und überall und jedermann. Rein zufällig ist mir all das durch LSD klar geworden, aber es hätte auch durch etwas anderes geschehen können. Es ist wirklich nicht wichtig, wie ich darauf gekommen bin – das Endresultat ist alles, was zählt.»
Das christliche Establishment war entsetzt über solche «unchristlichen» Äusserungen, die konservativen Politiker waren beunruhigt, weil neben der erstarkenden Bürgerrechtsbewegung und den Protesten gegen den Vietnamkrieg nun Leute wie Leary den «american way of life» insgesamt radikal in Frage stellten. Leary hatte sogar eine neue «Unabhängigkeitserklärung» verfasst, in der es heisst: «Wir, gottliebende, friedliebende, lebensliebende, spassliebende Männer und Frauen, die wir den obersten Richter des Universums als Zeugen für die Redlichkeit unserer Absichten anrufen, geben daher bekannt und erklären im Namen und kraft aller fühlenden Wesen, die sich sanft auf diesem Planeten entwickeln wollen, dass wir frei und unabhängig sind, und dass wir losgesprochen sind von jeder Untertanentreue gegenüber der Regierung der Vereinigten Staaten und allen Regierungen, die von Männern in den Wechseljahren beherrscht werden …»
Weil man die wahre Ursache all dieser gesellschaftlichen Gährungsprozesse nicht sehen wollte, suchte man nach einem Sündenbock, und da bot sich das LSD an. Für die konservativen Psychiater war es ohnehin nur ein Mittel zur Erzeugung «experimenteller Psychosen» gewesen, und es fanden sich genügend promovierte Gegner der Droge, die gerne bestätigten, das sie aus «wissenschaftlicher» Sicht höchst gefährlich sei und verboten werden müsse. 1966 wurde LSD als «Schedule 1»-Droge mit höchstem Missbrauchspotential eingestuft, und Besitz und Anwendung unter Strafe gestellt – Minimum: zehn Jahre Gefängnis. Obwohl über zwanzigjährige Erfahrungen gezeigt hatten, dass LSD – im Gegensatz zu den «harmlosen und gesellschaftlich akzeptierten Drogen Alkohol und Nikotin» – weder süchtig macht, noch körperliche Schäden verursacht, setzte es auch die UNO wenig später auf die Liste der «besonders gefährlichen Drogen» – was theoretisch einem weltweiten Totalverbot von LSD für Therapie, Wissenschaft und Privatkonsum gleichkam.
In der Praxis allerdings gab es Ausnahmen. Der Psychiater Stanislav Grof beispielsweise leitete noch bis in die 1970er Jahre hinein ein Forschungsprojekt am Spring Grove State Hospital in Maryland, bei dem Krebskranke im Endstadium einer LSD-Therapie unterzogen wurden. Grof, der etwa 4000 Therapiesitzungen mit LSD durchgeführt hat, berichtet in seinem Buch «Die Begegnung mit dem Tod» von verschiedenen Grunderfahrungen, die seine Patienten im Verlauf dieser Sitzungen gemacht haben. Neben dem schon erwähnten optisch ästhetischen Aspekt, den sie gelegentlich als «Orgien des Schauens» oder «Netzhaut-Zirkus» bezeichneten, erlebten die Patienten sehr plastische Erinnerungen aus ihrem gegenwärtigen Leben. Zum Teil als komplette «Lebensrückschau», wie sie auch aus den sogenannten «Nahtoderfahrungen» bekannt ist, bis hin zu Ereignissen während der Geburt oder im Mutterleib, oder sogar Szenen, die sie als Erinnerung an frühere Inkarnationen interpretierten. Darüber hinaus tauchten auch Bilder von Naturkatastrophen auf, von apokalyptischen Kriegsszenen, mit Folterung, Verstümmelung oder Vergewaltigung. Qualvolle Szenen, wo sie zerstückelt oder von Ungeheuern verschlungen wurden, Szenen, wie sie in den Schreckensvisionen der Renaissancemaler Hieronymus Bosch und Pieter Bruegel zu finden sind, kulminierten in einem Todeserlebnis der Patienten, dem dann ein Gefühl der Befreiung und Läuterung folgte, oft begleitet von einem warmen, liebevollen Licht, gelegentlich als Vereinigung mit Gott empfunden, und dem Bewusstsein der eigenen Unsterblichkeit. Sie gingen sozusagen «durch die Hölle in den Himmel».
Wenn man Grofs Berichte liest, wird verständlich, warum etliche, die unvorbereitet, am falschen Ort und ohne kundige Begleitung LSD «eingeworfen» haben, derart alptraumhafte «bad trips» erlebten, dass sie psychisch gestört aus dieser Erfahrung hervorgingen. Nicht umsonst betonte Albert Hofmann: «Es ist gefährlich, einfach LSD zu nehmen und zu denken, man werde dann weise. Man gerät in eine andere Wirklichkeit, und dies kann sehr erschreckend sein. Deswegen ist die meditative Vorbereitung, die Wahl der richtigen Umgebung und der Begleitpersonen so wichtig, damit dieses andere Erleben integriert werden kann und man nicht erschrickt.»
Stanislav Grof bezeichnete LSD als eine Art «Mikroskop oder Teleskop der Psychiatrie», und ebenso, wie diese Instrumente den Gegenstand, den sie zeigen, nicht erzeugen, sondern nur sichtbar machen, so erzeugt auch das LSD die psychedelischen Erfahrungen nicht, sondern zieht nur den Vorhang beiseite, der das im eigenen Inneren Vorhandene verbirgt. Man begegnet immer nur sich selbst, wie in einem Spiegel. Aber es ist ein magischer Spiegel, der nicht nur das Sichtbare und Bekannte zeigt, sondern auch das Unsichtbare und Unbekannte: vergessene, verdrängte, verleugnete Aspekte der eigenen Persönlichkeit – eingebunden in die karmischen Erbteile unserer eigenen kosmischen Vergangenheit, und der aller anderen Lebewesen.
Für die Krebskranken, die am Spring-Grove-Projekt teilnahmen, war die LSD-Therapie ausgesprochen hilfreich. Sie konnten sich nicht nur mit ihrer Krankheit abfinden, sondern verloren auch die Angst vor dem Tod, der ihnen ja unmittelbar und unvermeidlich bevorstand. Das Erlebnis von Tod und Wiedergeburt in den LSD-Sitzungen vermittelte ihnen die Überzeugung, dass ihre Seele unsterblich ist und die zu erwartende Zerstörung des Körpers überleben wird. Trotz des Erfolges wurde das Projekt aber Mitte der 1970er Jahre eingestellt und das LSD endgültig aus der Psychotherapie verbannt.
Heute allerdings scheint sich eine Änderung abzuzeichnen. Eine ganze Reihe von Wissenschaftlern in den USA und in Europa haben Sondergenehmigungen beantragt, um wieder mit LSD arbeiten zu können – und sie auch bekommen. Professor Franz Vollenweider von der Universität Zürich untersucht zum Beispiel die Wirkung von LSD auf das Gehirn mit Hilfe der Computertomographie. Und das amerikanische Wissenschaftsmagazin New Scientist schrieb kürzlich: «Psychedelic research is back» – die Psychedelika-Forschung kommt wieder in Gang.
Dass LSD solange ausgegrenzt war, hatte allerdings auch seine guten Seiten. Denn dadurch war man gezwungen, Auswege und Alternativen zu finden. Albert Hofmann und zahlreiche LSD-Therapeuten wie Stanislav Grof und Hanscarl Leuner, ja sogar der LSD-Apostel Timothy Leary, haben immer wieder darauf hingewiesen, dass sich die kosmisch-mystischen Erfahrungen, die von den psychedelischen Drogen angeregt werden, auch auf andere Weise erreichen lassen – allerdings mit etwas mehr Aufwand. Zum Beispiel durch ekstatisches Tanzen, asketischen Schlafentzug, Fasten, Reizentzug oder Reizüberflutung, konzentrative Meditation, Selbsthypnose oder bestimmte Atemtechniken.
Leuner entwickelte beispielsweise das «katathyme Bilderleben», wo in einer tiefen Entspannung mit Hilfe der eigenen Vorstellungskraft innere Bilder wachgerufen werden, und Grof ersetzte das LSD durch eine besondere Atemtechnik, die er «holotropes Atmen» nannte. Hierbei werden die auf einer Liege ausgestreckten Klienten dazu angehalten, immer schneller und tiefer zu atmen («Hyperventilation»). Sie kommen dadurch in einen veränderten Bewusstseinszustand, in dem sie über dabei auftauchende Gefühle und Empfindungen zu inneren Bildern und Erlebnissen geführt werden, die vielleicht weniger intensiv, aber inhaltlich den LSD-Erfahrungen sehr ähnlich sind. Auch hier finden Kindheitserinnerungen statt, Geburtserlebnisse, Szenen aus früheren Inkarnationen, Todes- und Wiedergeburtsvisionen oder mystische Einheitserlebnisse.
Der genaue Mechanismus ihrer Wirkung ist zwar noch nicht völlig aufgeklärt, aber man geht heute davon aus, dass die psychedelischen Substanzen in unseren Gehirnstoffwechsel eingreifen und die Konzentration bestimmter Botenstoffe verändern. LSD hemmt offenbar den Einfluss von Serotonin (wirkt ausgleichend und beruhigend) und verstärkt massiv die Konzentration von Noradrenalin (macht wach und aktiviert), und Dopamin (stimuliert Phantasie und Kreativität) im Blut. Auch ohne äussere Hilfe können wir lernen, diese «körpereigenen Drogen» selbst zu beeinflussen und die entsprechenden Wirkungen zu erzielen – durch Meditation, Selbsthypnose oder entsprechende Atemtechnik. Und wenn wir mit offenen Augen, offenem Herzen und kindlichem Gemüt durch die Natur gehen, wird uns die mystische Erfahrung unter Umständen einfach als Geschenk zuteil.
So wie Albert Hofmann beispielsweise, der, wie eingangs geschildert, das kosmisch-mystische Einheitsgefühl, das er unter LSD erlebte, bereits als Kind während eines Waldspaziergangs erfahren hatte, wodurch ihm klar wurde, «dass unsere Welt kein Zufallsprodukt sein kann und dass eine geistige Kraft dahinterstehen muss.»
Zu dieser Erkenntnis, die auch Paul McCartney meinte, als er sagte: «Gott ist alles und überall und jedermann», führen uns aber nicht nur Erleuchtungserlebnisse oder LSD, sondern auch einfache logische Überlegungen.
Wir können davon ausgehen, dass im Kosmos – worauf schon der Name hinweist – Ordnung herrscht. Die Atome sind geordnete Gebilde, und auch ihre Beziehung zueinander, wie sie sich im periodischen System der Elemente zeigt, unterliegt einer klar erkennbaren Ordnung. Auch das Sonnensystem ist ein geordnetes Gebilde, in dem die Planeten sich gesetzmässig und berechenbar bewegen, den mathematischen Prinzipien folgend, die von Newton, Kepler und anderen entdeckt wurden.
Wenn irgendwo Ordnung herrscht – das sagt uns sowohl die Logik, wie auch die Erfahrung – dann gibt es dahinter ein ordnendes Prinzip, das sie erzeugt hat. Das ordnende Prinzip muss aber selbst geordnet sein, denn sonst könnte es keine Ordnung schaffen, und erfordert so selbst wieder ein höheres ordnendes Prinzip, dem es seine Ordnung verdankt. Dieses verlangt wieder ein höheres ordnendes Prinzip, und dieses auch wieder ein weiteres, und immer so weiter, bis man schliesslich an ein höchstes ordnendes Prinzip kommt, das nicht mehr geordnet zu werden braucht, weil es pure Ordnung ist. Als höchstes ordnendes Prinzip muss es unendlich sein, denn wenn es nicht unendlich wäre, wäre es auch nicht das höchste Prinzip, weil dann ja etwas anderes, noch höheres nach ihm kommen müsste. Wenn es unendlich ist, ist es auch unbegrenzt und hat weder Anfang und Ende – denn das sind Grenzen: es muss also ewig sein. Es muss auch allgegenwärtig sein, denn wenn es irgendwo nicht wäre, wäre es nicht mehr unendlich. Wenn es aber ein unendliches, ewiges, allgegenwärtiges Prinzip gibt, das aus purer Ordnung besteht, dann heisst das: alles ist geordnet. Es gibt keine Unordnung, kein Chaos im Kosmos, nur Ordnung.
Dieses höchste Ordnungsprinzip ist identisch mit dem, was wir als höchstes Wesen oder Gott bezeichnen. Und das wiederum bedeutet: alles, was auch immer irgendwie irgendwo existiert, ist in Gott, alles ist aus Gott, alles ist göttlich und ein geordneter Teil der göttlichen Ordnung. Elementarteilchen und Atome, Bakterien, Pflanzen Tiere und Menschen, Planeten, Sonnen und Galaxien und vieles andere mehr, was sich jenseits der Materie tummelt.
Jeder Mensch, egal ob gross oder klein, dick oder dünn, klug oder dumm, schön oder hässlich, reich oder arm – ist ein Aspekt des Göttlichen, das sich in diesem Menschen in dieser ganz besonderen Art und Weise zum Ausdruck bringt. Und weil jede Erscheinungsform des Lebens göttlich ist, hat sie das göttliche Recht, so zu sein, wie sie ist, und sich in ihrer ganz eigenen Eigenart zu entfalten. Und darin liegt, meiner Meinung nach, der primäre Sinn unseres Lebens. Der Dichter Oscar Wilde schrieb: «Ziel unseres Lebens ist Selbstentwicklung. Das eigene Wesen völlig zur Entfaltung zu bringen, das ist unsere Bestimmung.»
Jeder Mensch ist in Ordnung so wie er ist und hat ein Recht auf Selbstentfaltung in seinem individuellen Sein. Jeder Mensch ist ein einzigartiges Individuum, das für sich allein besteht, wie eine Insel im Ozean. Aber wie alle Inseln unter Wasser durch den Meeresboden miteinander verbunden sind, so sind auch alle Menschen unterschwellig miteinander verbunden und Teil eines grösseren Ganzen, in dem jeder seinen Sinn und seine Aufgabe hat. Und nicht nur wir Menschen sind auf diese Weise miteinander verbunden, sondern alle Lebewesen, alles was irgendwo, irgendwie existiert. Und deshalb haben wir nicht nur die Verantwortung für uns selbst, sondern auch für das Ganze – in dem Masse, wie es durch unser individuelles Wesen bestimmt ist.
Werde was du bist, entfalte, was in dir angelegt ist, wachse, blühe und verwirkliche dich, deiner Art gemäss, so gut du kannst – das ist das erste und wichtigste Ziel. Danach aber kommt das zweite, das ebenso wichtig ist: spiele deine Rolle im Rahmen des Ganzen, von dem du ein Teil bist, erfülle deine Aufgabe, leiste deinen Beitrag zu jenem gewaltigen Werk, das wir Evolution nennen oder Schöpfung, oder einfach Leben auf der Erde. Denn unser Planet in seiner heutigen Form ist ein Produkt der Lebewesen – das Ergebnis ihrer Milliarden Jahre langen Arbeit. Aber die Evolution ist noch keineswegs zu Ende, und wir wirken daran mit. Und um hier unsere Aufgabe zu erfüllen, brauchen wir keine wie auch immer gearteten Drogen uns von aussen zuzuführen – dazu brauchen wir nur uns selbst und das, was von Natur aus in uns steckt. Alles was lebt – Menschen, Tiere, Pflanzen – ist miteinander verbunden. Deshalb haben wir nicht nur die Verantwortung für uns selbst, sondern auch für das Ganze, von dem wir ein Teil sind, und das ein Teil von uns ist.

Buchempfehlungen
Albert Hofmann, LSD – mein Sorgenkind
Ulli Olvedi, LSD-Report
Stanislav Grof, Geburt, Tod und Transzendenz
Stanislav Grof / Joan Halifax, Die Begegnung mit dem Tod
Timothy Leary, Politik der Ekstase
Broeckers / Liggenstorfer, Albert Hofmann und die Entdeckung des LSD
Josef Zehentbauer, Körpereigene Drogen

Reinhard Eichelbeck, geboren am 4 März 1945, lebt heute als freier Journalist, Schriftsteller und Photograph in der Nähe von München.
Nach dem Studium der Psychologie, Germanistik, Kunstgeschichte und Theaterwissenschaft ist er seit 1968 hauptsächlich als Autor und Regisseur für Hörfunk und Fernsehen tätig. Dabei hat er eine Reihe von Hörspielen veröffentlicht, und mehr als hundert Fernsehfilme realisiert.
Von 1976 bis 1985 war er festangestellter Fernsehredakteur im Familienprogramm des NDR, wo er zuerst verschiedene Kinder- und Jugendprogramme betreute, später dann Dokumentarfilme und Dokumentarserien, darunter «Die Erde, der Himmel und die Dinge dazwischen» (über Psi-Phänomene). 1985 wechselte er in die Hauptredaktion Kultur und Wissenschaft des ZDF, wo er bis 1987 für die Sendereihe «Einblick» verantwortlich war.
www.reinhard-eichelbeck.de

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