juli 2019 – goodnews editorial

Fake News
Der gemeinsame Nenner der meisten Fake News ist ihre Negativität: Kinderporno-Ring in der Pizzeria, Sommerzeit fördert globale Erwärmung, Papst unterstützt Trump; Soros steckt hinter Flüchtlingsströmen; Merkel will zwölf Millionen Einwanderer; EU hat ihre Wurzeln in Nazi Deutschland… Deshalb schlage ich vor, dass wir stattdessen folgende Gerüchte verbreiten: Sultan von Brunei eröffnet Zufluchtsort für misshandelte LGTBI-Menschen in Seri Begawan; Ku Klux Klan finanziert Schulen für benachteiligte schwarze Kinder in Alabama; die Präsidenten Putin, Xi und Erdogan kündigen gemeinsam neue Gesetze zur freien Meinungsäusserung in ihren Ländern an; Präsident Trump unterschreibt Gesetz zur Schaffung von zwölf neuen Nationalparks in ehemaligen Bergbaugebieten und schickt Flüchtlingskinder nach Hause; Australien schliesst seine Konzentrationslager auf Nauru und Manus, Kim Jong-un öffnet die Grenze zu Südkorea, Israel und Palästina rufen bedingungslosen Frieden aus und, nicht zuletzt, weltweit wird der gesamte öffentliche Verkehr ab dem 1. September 2019 gratis!

Zuversichtlich Ihre,
Susanne G. Seiler


Apropos Herr Goselmann

Also, ich bin seine Katze, zur
Blutdrucksenkung den Ägyptern
Schon bekannt, und
Als der Alte wusste
Wie es um seine Seelenruhe stand
Entzog er sich
Zunächst den Schlaf
Dann hat das Schlitzohr
Mich in einer Flasche aus
Halluzinogen verquicktem
Zuckerglas in den Fluss
Gesteckt. Ich leckte brav
Substanz – der Effekt
War: Darwin
Biss mir meine Krallen ab
In der Tat
Herrn Goselmanns Blutdruck sank und
Unterdessen trank ich, fand
Mich, mit der Auflösung
Der Flaschenwand
In seiner ruhigen Hand – seither
Schnurre ich, wenn man mich
Aus dem Wasser fischt

Daria-Maria Cojocaru

juni 2019 – goodnews editorial

Vor kurzem hörte ich Jeremy Narby über Psychedelische Pflanzenlehrer sprechen; es war eine hervorragende Präsentation. So kam ich dazu, meine eigene Verbindung zur Natur zu überdenken. Leider ist meine Beziehung zur natürlichen Welt eher theoretisch als praktisch: Abgesehen von meinen Besuchen in den Parks, am See und entlang den Flüssen, die durch die Stadt fliessen, in der ich lebe, und dem Himmel über mir, ist die «echte» Natur etwas, das ich nur ausnahmsweise erlebe. So ist es für die meisten Stadtbewohner. Deshalb erstaunt es mich nicht, dass wir sie um so mehr als unsere Mutter verehren, je mehr wir den Kontakt zur Natur verlieren, einschliesslich unserer eigenen Natur. Dafür hat unsere Naturliebe eine quasi religiöse Form angenommen, vergleichbar mit der Liebe zu fernen Göttern oder Göttinnen, die wir um so besser bewundern können, da sie uns fremd bleiben. Wird diese Liebe ausreichen, um die natürliche Welt, wie wir sie kennen, zu retten und uns selbst damit?

Natürlich Ihre,
Susanne G. Seiler

P.S. Viele aktuelle goodnews finden Sie auch auf unserer Facebook Seite  und auch unser YouTube Kanal ist immer einen Besuch wert.


aus dem naturkundemuseum weiss ich

aus dem naturkundemuseum weiss ich:
zerreibe ich sand zwischen meinen
fingern, erde und kohle, ziert das die
rebe nicht, der eber reizt sich, zeigt sich,
schert zeit um sich. wie sind diese
bäume zu verstehen. und machen die
haare auf meinem körper schon eine
wiese. am einfachsten liebt es sich
rückwärts. nimmt man beim singen
einen vogel hinzu, kann man den
pfeifton weglassen. aus dem naturkunde-
museum weiss ich nicht: ist das mein
wald oder deiner. und ein rückstoss der
sich in den gräsern zeigt, wie ein
geräusch, in einer esche grau, eine
scherge auch, einen sucher, schauer, eine
ursache aus. wohin mit dem schorf.

Ronya Othmann

mai 2019 – goodnews editorial

In den letzten Wochen und Monaten habe ich mit Lucius Werthmüller, dem Präsidenten der Gaia Media Stiftung, an der Entwicklung unserer Ideen für die Gaia Mediathek gearbeitet. Als erstes habe ich letzten Herbst das Material vorsortiert, siebenundsechzig Kisten voller Bücher ohne das Archiv des Sphinx Verlags! Meine Wohnung ist voller Bücher, die bald in das Lager zurückkehren sollen, wo sie herkommen und dereinst in unserer Gaia-Lounge stehen sollen. Wir wollen sie katalogisieren und diesen Katalog online verfügbar machen, damit alle Interessierten sich daran erfreuen, Mitglied werden und unsere Bücher einsehen können, wenn auch nicht Online, denn das bedarf der Zustimmung eines jeden einzelnen Autors. Die wichtigsten Themen sind Psychedlika, Schamanismus, Bewusstsein, Ökologie. Natürlich wird das Archiv des Sphinx Verlags auch katalogisiert. Ausserdem haben wir viele Bücher zu «verwandten Themen», die wir mit der Zeit ebenfalls aufnehmen wollen. Unser Freund PJ Wassermann hat uns dazu die von ihm entwickelte Software Museum Pro zur Verfügung gestellt, ein ausgezeichnetes Werkzeug für Sammler. Eine Reihe von Titeln wurde bereits eingegeben. Mit etwas Glück können im Herbst erste Ergebnisse eingesehen werden.

Ihr Bücherwurm
Susanne G. Seiler


Nachthonig

Immer kreuzen unsere Bienenlinien
Warum halten diese Lichter
Auch nicht still
Da kommt der kleine Bär
Und da der grosse
Über den Hügel
Über den Berg
Die räuberischen Sterne fallen
Über unsere süssen Träume her

Mara-Daria Cojocaru

april 2019 – goodnews editorial

Zum Tod von Ralph Metzner

Mit dem Psychologen, Forscher und Autor Ralph Metzner ist nach Timothy Leary der zweite im Dreierbund der alten Harvard-Crew abgetreten. Wir verdanken ihm unzählige Einsichten und wunderbare Schriften zu einer breiten Palette an Themen, die vom Schamanismus bis zu den grossen Fragen unserer Zeit reichen. Die Lücke, die er hinterlässt, fühlen wir bis hier. Ich habe Ralph nicht sehr gut gekannt, war allerdings einmal bei ihm zu Gast in Tiburon, wo seine Frau meinem Sohn Brötchen schmierte und ich ihn zu seinem jüngsten Buch befragte, Das war vor über dreissig Jahren. Ralph Metzner war ein Vielschreiber. Deutschsprachigen Lesern ist er wegen der Lanze bekannt, die er für die Mythologie seines Herkunftslands brach, als er die alten nordischen Götter aus der rechten Ecke holte. Wie hat er sich in Todtmoos begeistert, wie sehr auf seinen ersten Vortrag in deutscher Sprache hin gefiebert!
Lieber Ralph, alle die dich kannten und lesen werden dich vermissen.

Traurig Ihre,
Susanne G. Seiler

Würdigung von Matthias Bröckers


Ichsoerso

erso: ichso
blablabla
sieso: hä
und ichso: jaaa

ichso: duso
erso: ichso

ichso: ichso
ist eins a
erso: siehst
und ichso: klar

erso: duso
ichso: ichso

ichso: ichso
hahaha
erso: pah
und ichso: tja

Arno Rautenberg

märz 2019 – goodnews editorial

Die Guten gegen die Bösen

Gerne würde ich erfahren, wie man im Leben die Spreu vom Weizen trennt, die Guten von den Bösen? Ich meine damit nicht Caligula, den Ku Klux Klan oder Hitler. Es geht um uns Psychonauten. Sind die Unterschiede wirklich so gross zwischen den guten, weil seriösen und wissenschaftlich ausgerichteten “Forschern” und den unverantwortlichen, illegalen, hedonistischen Konsumenten, den Freaks oder “Stoners” unter uns – mal abgesehen von Extremfällen? Ich möchte jedenfalls hier ein für allemal festhalten, dass wir alle Konsumenten sind oder waren, sonst wüssten wir nicht, wovon wir reden. Überdies schliesst das eine das andere nicht aus: Es wird nur so getan, als hätte nicht jede/r einen Ruf zu verlieren, Natürlich ist in den Sechzigern und Siebzigern des letzten Jahrhunderts viel Porzellan in die Brüche gegangen, als Drogen erstmals leicht erhältlich waren, doch ohne die ausgeflippte, grelle Alternativkultur der Achtundsechziger wäre die steife patriarchale Mentalität der damaligen Zeit nicht aufgebrochen, was genau so nötig war, wie es heute nötig ist, uns von alten Ängsten und Vorurteilen zu befreien. Ich glaube nicht, dass die Geschichte sich wiederholt. Im Gegenteil: Drogenkonsum erregt heute eher zu wenig öffentliches Interesse. Wir können uns deshalb getrost mehr auf einander einlassen, öfters miteinander kommunizieren und unsere Gemeinsamkeiten pflegen.

In Freundschaft,
Susanne G. Seiler


Ich sitze des öftern

Ich sitze des öftern
neben mir
und tu
als wär ich
gegenwärtig hier.

Monika Minder

februar 2019 – goodnews editorial

Liebe Freundinnen und Freunde
Als erstes Projekt veranstaltete der neue Stiftungsrat der Gaia Media Stiftung zusammen mit dem Nachtschatten Verlag und der Schweizerischen Ärztegesellschaft für Psycholytische Therapie (SÄPT), am 19. April 2018 in Münchenstein bei Basel, das Symposium 75 Jahre LSD: Wohin geht die Reise? Albert Hofmann, der das LSD entdeckte, war bis zu seinem Tod Stiftungsrat unserer Stiftung, deren Ziele er loyal unterstützte.
Die Tagung war restlos ausverkauft; weshalb ein Live stream eingerichtet wurde. Informationen dazu, Mitschnitte sowie ein Pressespiegel finden sich auf der Website 75-jahre-lsd.ch. Für den 19. April 2020 planen wir wiederum eine Tagung zum Themenbereich Psychedelik. Eigentlich wollten wir schon am Bicycle Day 2019 wieder loslegen, bekamen jedoch von vielen der angefragten ReferentInnen für dieses Datum –  Karfreitag – eine Absage, weshalb wir den Anlass um ein Jahr verschoben haben.
Ab Juni 2019 bietet die Gaia Media Stiftung in Zusammenarbeit mit der SÄPT neu einen psychologisch-psychiatrischen Beratungsservice an – rund um veränderte Bewusstseinszustände, psychedelische Integration und Krisenintervention. Alle, die Probleme mit psychoaktiven Substanzen aufarbeiten möchten oder im Nachhall einer Erfahrung psychologische Unterstützung benötigen, finden bei geschulten, erfahrenen Beratern Rat und Hilfe, sei es im persönlichen Austausch oder per Telefon bzw. Skype. Das Angebot wird von der Gaia Media Stiftung finanziert. Nähere Informationen finden Sie ab Mai 2019 auf gaiamedia.org.
Es freut uns sehr, dass die Nutzung unserer Angebote weiter auf reges Interesse stösst. Allein unser YouTube-Kanal mit über hundert eigenen und Dutzenden weiteren Videos inspiriert über 5‘000 Abonnenten.
Die umfangreiche Mediathek der Stiftung ist seit der Aufgabe der Gaia Lounge eingelagert. Susanne G. Seiler sichtet die Bestände seit letztem Herbst, und wir prüfen, zumindest einen Teil davon digital zugänglich zu machen. Weiter wollen wir wieder einen physischen Treffpunkt schaffen, ähnlich der früheren Gaia Lounge, in der sowohl das Beratungsprojekt als auch die Mediathek eine Heimat finden und wo Interessierte sich austauschen können. Weitere Projekte sind in Planung, unter anderem eine Reihe von Abendveranstaltungen. Wir halten Sie in den gaimedia goodnews über diese Projekte auf dem Laufenden.
Mein Dank geht an die Stiftungsräte Pierre Joset und Kerim Seiler. Weiter danke ich Susanne G. Seiler für die inhaltliche Betreuung der goodnews und für ihr Engagement, Therese Hartmann dafür, dass sie sich um die Formatierung und den Versand des Newsletters kümmert und die Stiftung organisatorisch betreut, sowie David York Münster für den Unterhalt der aktuellen Webseite. Vor allem aber danke ich allen Gönnerinnen und Gönnern und allen anderen Personen, die die Stiftung von aussen unterstützen. Für unsere zukünftigen Aktivitäten sind wir mehr denn je auf Sie angewiesen. Wir bitten Sie deshalb, Gönner zu werden oder Ihre Mitgliedschaft zu erneuern. Die Beiträge bleiben auch im 2019 unverändert. Informationen zur Gönnerschaft finden Sie hier.
Auch Spenden sind mehr als willkommen. Danke!

Mit den besten Wünschen und herzlichen Grüssen
Lucius Werthmüller
Präsident der Gaia Media Stiftung



Regeln

Die Meisterregeln lernt beizeiten
dass sie getreulich euch geleiten
und helfen wohl bewahren
was in der Jugend Jahren
in holdem Triebe
Lenz und Liebe
euch unbewusst ans Herz gelegt
dass ihr das unverhohlen hegt.

Richard Wagner

januar 2019 – goodnews editorial

Müssen wir uns schuldig fühlen, weil wir «alles kaputt machen», allem voran das Klima und die Natur? Weil der Mensch alles Natürliche gnadenlos ausbeutet? Weil wir alle konsumieren und ausbeuten? Weil wir das Politische immer noch nicht zu unserer Privatsache gemacht haben und als menschliches Kollektiv keine wesentlichen Massnahmen ergreifen, um unseren Lebensstil endlich der planetarische Wirklichkeit anzupassen? Wir können uns gegenwärtig nur damit trösten, dass aus Schlechtem oft Gutes entsteht und dass es auch so etwas wie eine «glückliche Schuld» oder felix culpa gibt. Der katholische Begriff will heissen, dass negative Umstände zu positiven Ergebnissen führen können und wir so unsere Schuld transformieren. Und dass es – wie auch im Daoismus – das Bessere ohne das Schlechte nicht gäbe. Handeln müssen wir, damit es im neuen Jahr besser gelingt, uns den Bedürfnissen von Mutter Erde anzupassen.

Viel Erfolg dabei und ein glückliches Neues Jahr wünscht,
Susanne G. Seiler


Zinsverbot

Da hat doch schon wieder jemand die Milch in der Kuh verkauft.
Die Zukunft steht prinzipiell offen. Moment, das ist mein Euter!
Ihr sollt die Milch nicht im Euter verkaufen. Futures, Terminhandel:
auch das nicht. Und ihr sollt nicht mit unreifen Früchtchen handeln.
Ihr sollt warten, bis die Reize eine angemessene Grösse haben,
gross genug, um damit für Tiernahrung oder Mietwägen zu werben.
Ja, das dauert. Stichwort: Volatilität! Auch sollt ihr die Wolle nicht
auf dem Rücken der Tiere verkaufen. Nicht einmal das. Und Zins
sollt ihr nicht nehmen! Wie? Zins nicht! Ihr habt schon verstanden.
Wenn man euch versehentlich Gelder als Zinsguthaben übereignet,
werdet ihr die präzise atomisieren, zugunsten insolventer Besteller.
Das wäre es, in etwa. Mehr braucht ihr dazu gar nicht zu wissen.
Und es wird euch wohlergehen auf Erden. Ja, ich meine es ernst.

Monika Rinck

dezember 2018 – goodnews editorial

So viele Dinge sind uns heilig: Es beginnt mit Gewohnheiten, gefolgt von Kühen, Glocken, Blech und Einfalt. Wieder andere finden das Heilige in der Natur. Grundsätzlich zuständig für das Sakrale aber sind Gott und seine himmlischen und irdischen Helfer, die Engel und die Heiligen. Leider soll es auf der Welt auch Scheinheilige geben. Die meisten von uns wären aber selbst gerne ein wenig heilig, da die Worte «heilig» und «heil» Kusinen sind. Bis auf ein paar Freigeister, die sich lieber auf allerlei Unheiliges berufen. Heilig sein kann man nicht lernen und der Ganzheit kann man sich der nur annähern, denn wann ist sie erreicht? Das können wir nur an uns selbst ablesen, eine Lebensaufgabe

Eine besinnliche Adventszeit wünscht Ihnen
Susanne G. Seiler


[Das ist der Winter]

Das ist der Winter.
Jeder Baum ein Schneegesteck.
Jeder Ast eine Korallenhand.
Ein Blatt wie ein Löwenkopf
dreht sich leicht um ein Vogelnest.
Der Löwe lauert seinem Sternbild auf.
Ein Ast fährt die Krallen aus.
Schnee liegt auf allem.
Wind geht durch die Korallen.

Kerstin Preiwuss

november 2018 – goodnews editorial

Jeder hat sich wahrscheinlich schon gefragt, woraus Glück und Freude bestehen. Ebenso, was uns dazu bringt, das Leben trotz aller Widrigkeiten zu bejahen. Glücklicherweise haben wir unsere täglichen kleinen Freuden, unsere Errungenschaften und Erfolge, um uns bei der Stange zu halten. Unsere Familien, Freunde und Lieben mögen uns unterstützen, aber es gibt auch eine zwingende innere Kraft, unseren Lebenstrieb, der uns in Bewegung hält. Darüber hinaus leben wir von unseren Erinnerungen an das Schöne und Erhabene wie an alle unsere guten Zeiten. Sie zeichnen sich in der Regel stärker aus als das nicht so Gute, was uns passiert ist. Wir können also froh sein, denn alle diese Faktoren tragen zu unserem Glück und unserer Zufriedenheit bei. Das Wetter ist auch ein entscheidendes Element dabei, ob wir uns gut oder schlecht fühlen, und fördert unsere Lebensfreude. (Wir erleben dieses Jahr einen goldenen Herbst, zumindest in dem Teil Europas, in dem unsere goodnews zu Hause sind.) Doch letztlich zählt unsere Einstellung am meisten. Bleiben wir also positiv!

Zuversichtlich Ihre
Susanne G. Seiler


Novembertag

Nebel hängt wie Rauch ums Haus,
Drängt die Welt nach innen.
Ohne Not geht niemand aus,
Alles fällt in Sinnen.
Leiser wird die Hand, der Mund,
Stiller die Gebärde.
Heimlich, wie auf Meeresgrund
Träumen Mensch und Erde.

Christian Morgenstern 

oktober 2018 – goodnews editorial

Sind Sie schon alt? (Wie alt ist alt?) Noch jung? Unter dreissig? Und wie fühlt es sich an? Versuchen Sie sich zu verbessern oder sind Sie froh, wenn alles an Ihnen über die Jahre einigermassen so bleibt, wie es ist? Wenn Sie an Optimierung glauben, gibt es viel zu tun, und es gibt viele Wege, den Körper zu verschönern und zu stärken, während Sie immer achtsamer und intelligenter werden, gepaart mit einer wohlwollenden Haltung gegenüber dem Rest der Welt. Dass davon ganze Industrien leben, wissen wir alle, dennoch können wir es uns nicht verkneifen, an uns zu «arbeiten», um an allen Fronten zur Höchstform aufzulaufen. Der Herbst ist da und mit ihm die Jahreszeit, in der es schwieriger ist, ohne maschinelle Hilfsmittel fit zu bleiben. Ich plädiere deshalb für mehr Gemütlichkeit, weniger Anstrengung und viel Herzlichkeit. Kommt bald der Tag an dem wir gar keine Schwächen mehr haben dürfen?

Behaglich,
Susanne G. Seiler


quittenpastete

wenn sie der oktober ins astwerk hängte,
ausgebeulte lampions, war es zeit: wir
pflückten quitten, wuchteten körbeweise
gelb in die küche

unters wasser. apfel und birne reiften
ihrem namen zu, einer schlichten süsse –
anders als die quitte an ihrem baum im
hintersten winkel

meines alphabets, im latein des gartens,
hart und fremd in ihrem arom. wir schnitten,
viertelten, entkernten das fleisch (vier grosse
hände, zwei kleine),

schemenhaft im dampf des entsafters, gaben
zucker, hitze, mühe zu etwas, das sich
roh dem mund versagte. wer konnte, wollte
quitten begreifen,

ihr gelee, in bauchigen gläsern für die
dunklen tage in den regalen aufge-
reiht, in einem keller von tagen, wo sie
leuchteten, leuchten.

Jan Wagner

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