april 2021 – goodnews editorial

Lehrgeld

Lernen meint den absichtlichen oder beiläufigen Prozess der Aneignung neuer Einsichten, Kenntnisse, Verhaltensweisen, Fähigkeiten, Werte, Einstellungen und Vorlieben, sagt Wikipedia. Menschen, Tiere, aber auch Pflanzen, Pilze, Bakterien, Viren und bestimmte Maschinen bzw. deren Software sind in der Lage zu lernen.

Das Wort lernen stammt von «lehren», «List» und «Leistung» ab. Es verleiht uns viele Vorteile: Wissen ist Macht. Auch das Wort «Spur» ist mit lernen verwandt, weil das gotische Wort lais, «ich weiss» eigentlich «ich habe nachgespürt» hiess. Man sagt, durch Schaden wird man klug, was teures Lehrgeld ist. Das kommt daher, dass ein Lehrling früher dafür zahlte, ausgebildet zu werden. Bräuchte es den Schaden, um klug zu werden, könnte man wohl nicht genug dafür ausgeben. Glücklicherweise machen wir uns, von der Wiege bis zur Bahre und vielleicht sogar darüber hinaus, auf körperlicher, intellektueller, emotionaler oder charakterlicher Ebene neues Wissen zu eigen, denn wir müssen uns unseren Gegebenheiten anpassen oder untergehen. Dabei ist spielerisches Lernen nicht nur Kindern vorbehalten, auch Erwachsene kommen in dessen Genuss. Übung macht hier den Meister, viele Fähigkeiten und Kenntnisse sammeln sich durch Wiederholung und Erfahrung an. Manche Einstellungen werden auf einen Schlag zu einem Teil von uns, in der Wissenschaft als One-shot-learning bekannt, ein evolutionärer Mechanismus, der nicht nur in der Computerwelt Anwendung findet. Zum Beispiel lernen junge Delfine, keine Menschen anzugreifen, indem sie mit der mütterlichen Flosse einmalig eins übergezogen kriegen. Eine heisse Herdplatte anfassen, gehört ebenfalls in dieses Kapitel – ein (hoffentlich nur leicht) verbranntes Kind wird denselben Fehler kein zweites Mal machen. Ausserdem gibt es bei allem Lernen eine Lernkurve, die aussagt, wie wir lernen. Oft sieht sie wie eine Glocke aus, wir legen los, steigern uns und erreichen ein Plateau, wonach die Lernfähigkeit wieder abnimmt; ebenso oft lernt man am Anfang am meisten und danach nicht mehr viel, was z.B. bei der Einnahme von Medikamenten der Fall sein kann, wo der Körper zunächst gut, später aber nur noch träge reagiert. Nun hatten wir alle in letzter Zeit die Gelegenheit, einige neue Verhaltensweisen zu erlernen, die nicht gerade Begeisterung auslösten, aber wir bleiben dran, weil wir auf Bestätigung oder Belohnung hoffen, der Kern allen Lernens.

Herzlich Ihre

Susanne G. Seiler


Irgendwann

irgendwann stand hier mal ein tisch
und irgendwann sass man hier auf stühlen,
wurden worte angeordnet für den morgen,
faltete man träume für den späteren gebrauch
bei dunkelheit und/oder nacht. hantierten finger
mit dem guten herend, reflektierten hohe fenster
ihre menschen und das licht, das sie umgab.
galt es, sich die schuhe auszuziehen
und die hände gut zu waschen – die hände
gut zu waschen! – vor dem essen. das heisse wasser
auf der roten haut und harz unter den nägeln,
von irgendeinem baum im freien.

Levin Westermann

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