juli 2021 – goodnews editorial

Critical Mass

Wie viele Schweizer braucht es, um eine Glühbirne auszuwechseln? (Bei uns wurde bekanntlich kürzlich das CO2-Gesetz abgeschossen, das wenigstens im Ansatz an unsere Bringschuld an die Umwelt hätte beitragen sollen.) Wie viele aktive Bürger müssen es sein, damit sich eine Gesellschaft ändert? Reichen sechs Prozent wirklich? Wie viele müssen aufs Fahrrad steigen, auf die Strasse gehen, demonstrieren, marschieren, Spruchbänder hochhalten und nach internationaler Solidarität rufen, bis sie ihre Forderungen konkretisieren können? Wie viele müssen sich einig sein? Und können sie sich überhaupt einigen? (Treffen sich zwei Konservative, freuen sie sich, treffen sich zwei Linke oder Grüne, ist der eine dem anderen nicht links oder grün genug.) Und falls sie sich doch einigen sollten, können sie sich durchsetzen? Das Klima sorgt bei allen für rote Köpfe. Küstenstädte, Bergdörfer und Trockengebiete wappnen sich, Klimaflüchtlinge kämpfen um ihr Überleben. Hausbesitzer sind in Sorge, Unwetter jagt Unwetter, Hitzewelle, Hitzewelle, Feuersbrunst, Feuersbrunst, Überschwemmung, Überschwemmung, Felssturz, Felssturz, Vulkanausbruch, Vulkanausbruch, Erdbeben, Erdbeben und noch immer geht kein Ruck durch unsere Gesellschaft. Ich fahr mit dem Zug in die Ferien (fliegen ist jetzt noch ineffektiver) und versuche auch sonst, leise zu treten, was Natur um Umwelt anbelangt, aber es ist nicht genug, auch wenn Hunderttausende von uns sich so verhalten. Veränderung drängt nicht nur von unten nach oben, sie muss auch aus der Industrie, der Regierung, den Betrieben, Werkstätten und Höfen kommen. Ist das Klima vielleicht nicht sexy genug? Wie kritisch ist die Masse? Wo und wie lässt sie sich umstimmen? Wo sind die Werber und Public Relationisten, die dem Kampf für das Klima und gegen das Artensterben ein gewinnendes Image verpassen? Eines, das in uns ein drängendes Verlangen entstehen lässt, viel Geld in die Umwelt zu investieren und an diesem lohnenden Vorhaben gut zu verdienen. Ich sehe das Plakat schon vor mir: Mein Wetter, mein Klima, meine Welt!

Erhitzt, Ihre
Susanne G. Seiler


was brauchst du

was brauchst du? einen Baum ein Haus zu
ermessen wie gross wie klein das Leben als Mensch
wie gross wie klein wenn du aufblickst zur Krone
dich verlierst in grüner üppiger Schönheit
wie gross wie klein bedenkst du wie kurz
dein Leben vergleichst du es mit dem Leben der Bäume
du brauchst einen Baum du brauchst ein Haus
keines für dich allein nur einen Winkel ein Dach
zu sitzen zu denken zu schlafen zu träumen
zu schreiben zu schweigen zu sehen den Freund
die Gestirne das Gras die Blume den Himmel

Friederike Mayröcker

juni 2021 – goodnews editorial

Orthorexia nervosa

Nebst Anorexie und Bulimie gibt es neuerdings eine dritte offiziell anerkannte Essstörung, habe ich kürzlich gelesen. Es kann sein, dass Sie sie schon kennen. Bei der Orthorexie geht es um die Besessenheit mit gesundem Essen, heute ein relativ verbreitetes Leiden, auch wenn es oft unerkannt bleibts. Die meisten von uns hätten gerne Nahrung auf dem Teller, die uns guttut. Dagegen ist nichts einzuwenden, wobei die Meinungen dazu, was gut für uns ist, auseinanderklaffen. Für die einen geht es nicht ohne Fleisch, Fisch und Milchprodukte, für die anderen geht es nicht oder nur beschränkt mit. Was vegan heisst, brauche ich Ihnen nicht zu erklären. Früher waren die Menschen vom Essen besessen, weil sie nicht genug davon hatten, heute leiden wir unter einem Überangebot, wovon vieles unter fragwürdigen Umständen produziert wird. Für mich ist gesundes Essen das, was bei uns wächst (mit «uns» meine ich Westeuropa), nicht aus Massentierhaltung stammt und möglichst naturbelassen ist. Ich esse kein Tier, das nur auf die Welt gekommen ist, um zu sterben – für mich! Zucker versuch ich zu meiden, auch wenn ich eigentlich ein Schleckmaul bin. Ich trinke nicht immer genug, dafür nur mässig Alkohol. Meine psychoaktiven Gewohnheiten habe ich meistens im Griff. Ungesund wird das Gesunde, wenn man sich bei jedem Biss erst inquisitorisch vergewissern muss, dass einem ja nichts «Schlechtes» zwischen die Zähne kommt. Wenn alles nur noch aus biologischem Anbau sein darf und man die Krise kriegt, wenn man bei Freunden essen soll, die es damit nicht so genau nehmen. Weil bio zu sehr auf ihr Portemonnaie schlägt? Das kann ich nachvollziehen, denn auch ich kann es mir nicht leisten, jeden Bissen Essen zu vergolden. Ausser bei den Eiern und beim Fisch, da bin ich wegen des Tierleids unerbittlich, also nur in Demeter-Qualität bzw. aus Schweizer Seen, dafür weniger oft. Isst man im Allgemeinen gesund, kann man sich ab und zu ruhig etwas Abwechslung gönnen. Schon Rudolf Steiner sagte, es sei ist besser, ein Glas Wein zu trinken, als ständig daran zu denken. Mein Motto: Das Geheimnis einer guten Gesundheit liegt nicht in dem was man isst, sondern in dem, was man nicht isst. Ausnahmen bestätigen die Regel. Zu meinen, man könne seine Gesundheit nur über die Ernährung steuern, scheint mir zu kurz gegriffen. Genuss bleibt wichtig und richtig, Bewegung und ein gutes Beziehungsnetz sowieso.

Gut ernährt, Ihre
Susanne G. Seiler


Sommer

Ihr singt von schönen Frühlingstagen
Von Blütenduft und Sonnenschein
Ich will nicht nach dem Frühling fragen
Nein Sommer, Sommer muss es sein.

Wo alles drängt und sich bereite
Auf einen goldnen Erntetag
Wo jede Frucht sich schwellt und weitet
Und schenkt, was Süsses in ihr lag.

Auch ich bin eine herbe, harte
Bin eine Frucht, die langsam reift
O Glut des Sommers, komm! Ich warte,
Dass mich dein heisser Atem streift.

Gustav Falke

mai 2021 – goodnews editorial

Konformität und Individualität

Wir leben in gleichgeschalteten Zeiten, für Anderssein ist wenig Platz, nicht mal in den eigenen vier Wänden. In der Stadt sieht man es am deutlichsten, denn jedes Grüppchen und jede Gruppierung hat ihre eigene Uniform. Was man halt so am Leib hat, wenn man dazugehören will. Zu den Jungen, den Hipstern, den Erfolgreichen, den schmächtigen Nerds, den guten Müttern, zur eleganten Gesellschaft, zu den Asis am Fluss. Auch zu Hause stehen wir in der Pflicht unserer gewählten Lebensmodelle – sie könnten uns ohne die richtigen Accessoires, Ernährung, Lektüre, Serien oder Musik abhandenkommen. Sicherheit ist uns wichtig, ob wohl es sie kaum gibt. Wir wollen dazu gehören, damit wir uns gegenseitig versichern können, dass wir nicht irren, den richtigen Lebensweg gewählt haben, unser Leben selbst bestimmen, dass es vorwärts geht mit uns, geistig, emotional, körperlich, materiell. Unsere Fluchtpunkte heissen Land und Ausland. Auf dem Land sind die Menschen zwar konservativer, doch gleichzeitig ist mehr Platz für Eigenheit. Es sind aber nicht die Menschen, die das Landleben attraktiv machen, sondern die Zugänglichkeit der Natur. Sie umgibt uns, fängt uns auf und schenkt uns Kraft. Im Ausland sind wir zahlende Gäste, unsere Gastgeber üben Nachsicht und halten ein Auge auf uns. Wir geniessen Vogel- oder auch Narrenfreiheit und können wenigstens der äusseren Konformität ein paar Tage oder Wochen entkommen. Es gab noch nie so viel Individualität, so wenig Individualismus wie heute. Einer, der sich nicht nach Mode und Zeitgeist richtete, seinen Weg ging und sich nicht darum scherte, wer das gut fand und wer nicht, der sich selbst auch dann treu blieb, als sein Lebensmodell vom Rand in die Mitte rückte, war Lucius Werthmüller, an den ich immer wieder in Freundschaft und mit tiefem Bedauern denke. Er ist durch seinen unerwarteten Tod anfangs Monat zu einem Vorbild für mich geworden. Wäre er nur wie früher einfach der Luci, denn er fehlt uns sehr.

Traurig, Ihre
Susanne G. Seiler


Neige dich zu deinen Toten

Neige dich zu deinen Toten
sie hören
sie schauen
sie sprechen dir zu

weisst du?
sie leben dir zu…

Ich hab Leben gewählt
mit dem ganzen Ballast
die Füsse sind schwer
es versagt mir die Stimme

der Spiegel zerbricht
Sicht wird frei
ich gehe
ohne Ballast

Ilana Shmueli

Nachruf auf Lucius Werthmüller

Lucius Werthmüller † 22.5.1958 – 9.4.2021

Tief betroffen teilen wir Euch mit, dass unser Freund und Weggefährte, Luci Werthmüller, völlig unerwartet am 9. April von uns gegangen ist.

Es ist für uns kaum zu fassen. Eben noch, zwei Tage zuvor, waren wir noch im email-Kontakt, herzlich wie immer, verbindlich, authentisch, schnörkellos. Wir trauern mit seiner Familie und seinen Freunden.

Luci hinterlässt eine nicht zu füllende Lücke, auch als Präsident unserer Stiftung, die er seit Dieter Hagenbach‘s Tod vor bald fünf Jahren umsichtig und kompetent geführt hat.

In den vergangenen fast 30 Jahren haben wir Luci in zahlreichen Projekten als wahren Freund, Visionär und Wegbegleiter kennen und schätzen gelernt. Es war eine unglaubliche Chance, mit ihm zusammen zu arbeiten, in seiner freundlich-wohlwollenden, immer hilfsbereiten und uneigennützigen Art, mit seinem verschmitzten Humor, mit seiner fundierten Sachkenntnis und mit -last but not least- seiner immer spürbaren Verbindung zur geistigen Welt.

Als Stiftungsratpräsident hat Lucius Werthmüller viel Liebe und Energie in die Projekte der Gaia Media investiert. Die gaiamedia goodnews erscheinen monatlich. Die Psychedelika-Beratung in Zusammenarbeit mit der Schweizerischen Ärztegesellschaft für Psycholytische Therapie (SÄPT), die ihm sehr am Herzen lag, findet seit September 2019 regen Zuspruch und hat mit der in den vergangenen Jahren intensivierten wissenschaftlichen Erforschung des therapeutischen Potentials von bewusstseinserweiternden Substanzen eine unerwartete Aufwertung und Aktualität erfahren.

Mit der Eröffnung der gaialounge samt ethnobotanika-Laden im September 2020 legte Luci den Grundstein für den Auftrag unserer Stiftung, einen Treffpunkt zu schaffen für den Austausch im Bereich von Bewusstsein, Ökologie, Spiritualität und der Erforschung bewusstseinserweiternder Substanzen. Es war sein tiefes Anliegen, ein neues Naturverständnis in unseren Kulturkreis einzubringen, das nun seinen Ausdruck findet in unserer gaiamediathek und in den geplanten Workshops, Vorträgen und Kulturveranstaltungen.

Mit der gaialounge findet ein Kern-Anliegen von Luci seine Erfüllung und wir fühlen uns geehrt, dieses Anliegen weiter in die Welt zu tragen.

Danke für Deine Liebe zur Sache, Dein Engagement, Deine Beharrlichkeit, Deine Geduld.

Wir werden Dich unendlich vermissen.

Für den Stiftungsrat:
Dr. Pierre Joset
Kerim Seiler

april 2021 – goodnews editorial

Lehrgeld

Lernen meint den absichtlichen oder beiläufigen Prozess der Aneignung neuer Einsichten, Kenntnisse, Verhaltensweisen, Fähigkeiten, Werte, Einstellungen und Vorlieben, sagt Wikipedia. Menschen, Tiere, aber auch Pflanzen, Pilze, Bakterien, Viren und bestimmte Maschinen bzw. deren Software sind in der Lage zu lernen.

Das Wort lernen stammt von «lehren», «List» und «Leistung» ab. Es verleiht uns viele Vorteile: Wissen ist Macht. Auch das Wort «Spur» ist mit lernen verwandt, weil das gotische Wort lais, «ich weiss» eigentlich «ich habe nachgespürt» hiess. Man sagt, durch Schaden wird man klug, was teures Lehrgeld ist. Das kommt daher, dass ein Lehrling früher dafür zahlte, ausgebildet zu werden. Bräuchte es den Schaden, um klug zu werden, könnte man wohl nicht genug dafür ausgeben. Glücklicherweise machen wir uns, von der Wiege bis zur Bahre und vielleicht sogar darüber hinaus, auf körperlicher, intellektueller, emotionaler oder charakterlicher Ebene neues Wissen zu eigen, denn wir müssen uns unseren Gegebenheiten anpassen oder untergehen. Dabei ist spielerisches Lernen nicht nur Kindern vorbehalten, auch Erwachsene kommen in dessen Genuss. Übung macht hier den Meister, viele Fähigkeiten und Kenntnisse sammeln sich durch Wiederholung und Erfahrung an. Manche Einstellungen werden auf einen Schlag zu einem Teil von uns, in der Wissenschaft als One-shot-learning bekannt, ein evolutionärer Mechanismus, der nicht nur in der Computerwelt Anwendung findet. Zum Beispiel lernen junge Delfine, keine Menschen anzugreifen, indem sie mit der mütterlichen Flosse einmalig eins übergezogen kriegen. Eine heisse Herdplatte anfassen, gehört ebenfalls in dieses Kapitel – ein (hoffentlich nur leicht) verbranntes Kind wird denselben Fehler kein zweites Mal machen. Ausserdem gibt es bei allem Lernen eine Lernkurve, die aussagt, wie wir lernen. Oft sieht sie wie eine Glocke aus, wir legen los, steigern uns und erreichen ein Plateau, wonach die Lernfähigkeit wieder abnimmt; ebenso oft lernt man am Anfang am meisten und danach nicht mehr viel, was z.B. bei der Einnahme von Medikamenten der Fall sein kann, wo der Körper zunächst gut, später aber nur noch träge reagiert. Nun hatten wir alle in letzter Zeit die Gelegenheit, einige neue Verhaltensweisen zu erlernen, die nicht gerade Begeisterung auslösten, aber wir bleiben dran, weil wir auf Bestätigung oder Belohnung hoffen, der Kern allen Lernens.

Herzlich Ihre

Susanne G. Seiler


Irgendwann

irgendwann stand hier mal ein tisch
und irgendwann sass man hier auf stühlen,
wurden worte angeordnet für den morgen,
faltete man träume für den späteren gebrauch
bei dunkelheit und/oder nacht. hantierten finger
mit dem guten herend, reflektierten hohe fenster
ihre menschen und das licht, das sie umgab.
galt es, sich die schuhe auszuziehen
und die hände gut zu waschen – die hände
gut zu waschen! – vor dem essen. das heisse wasser
auf der roten haut und harz unter den nägeln,
von irgendeinem baum im freien.

Levin Westermann

märz 2021 – goodnews editorial

Spiritualität

Für mich bedeutet Spiritualität in erster Linie, gewisse ethische Standards einzuhalten: wahrhaftig zu sein, in Frieden zu gehen, mein Wort nicht zu brechen und für andere da zu sein. Das gelingt natürlich nicht immer. Spirituell sein, heisst, sich mit Fragen des Geistes zu befassen. Das kann erst einmal alles Mögliche sein und fängt damit an, dass man sich für Dinge interessiert, die über die eigene Person und unmittelbare Lebenslage hinausgehen. In diesem Sinn sind Kinder zutiefst spirituell, sie sehen das Lebendige in allen Dingen. Die Sorge zur Umwelt gehört auch dazu, die Welt in ihrer gesamten Materialität als Erweiterung seiner Selbst zu verstehen und behutsam mit ihr umzugehen. Auch über sich und die Welt nachdenken sowie die Auseinandersetzung mit dem Göttlichen, Kosmischen oder Universellen sind Schritte auf dem Weg zur Vergeistigung. Die alten Griechen orientierten sich in ihrer Geisteshaltung am Schönen und Guten. Das können Dinge, Werte oder Einstellungen sein wie die Suche nach Wahrheit, nach Befreiung und dem richtigen Mass in allen Dingen. Es gibt viele Menschen, die ihre Spiritualität aus ihrem religiösen Glauben beziehen. Andere richten sich nach einer allgemein gültigen, ewigen Philosophie, der Weisheit der Völker. Die meisten Menschen wollen nicht töten, sondern in Frieden leben, ihre Eltern und Familien ehren, einer sinnvollen Beschäftigung nachgehen und in Würde alt werden, sofern es ihnen gegeben sei. Meiner Erfahrung nach sind die Menschen überall gleich, es herrschen bloss unterschiedliche Sitten. Was Spiritualität für mich aber keinesfalls sein kann, ist anderen durch Gebote oder Dogmen zu sagen, was oder wie sie glauben müssen oder welche Gefühle erlaubt und welche tabu sind. Nicht in Praktiken wie Meditation, Achtsamkeit oder Kontemplation zeigt sich wahre Spiritualität, sondern im Alltag. Gute Taten reichen nicht aus, auf die Gesinnung kommt es an. Und auch wenn man sich mit Gleichgesinnten austauscht, spirituell ist jeder und jede für sich allein.

Mit Frühlingsgruss, Ihre
Susanne G. Seiler


kein worte
für das Licht
das mich streifte

Michael Denhoff

februar 2021 – goodnews editorial

Diesen Monat stimmen wir, das Schweizer Volk, darüber ab, ob Burkas hier verboten werden sollen. Wir müssen bereits mit dem unnötigen Verbot von neuen Moscheen leben, unserem ersten „Scheingesetz“. Als friedliche und freiheitsliebende Bürgerin mag ich es nicht, anderen Menschen vorzuschreiben, was sie zu tun haben, solange sie dabei keinen Zwang ausüben. Ich stelle mir vor, dass Frauen „unter den Schleier gezwungen“ werden, wie manche in unserem Kulturkreis früher ins Kloster bugsiert wurden. Es sind wenige, und unsere Gesetze müssen ausreichen, um sie – und uns alle – vor solchen Übergriffen zu schützen. Wenn eine Frau das Haus nicht verlassen kann, weil sie nur vollverschleiert nach draussen gehen darf, wird sie kaum eine Möglichkeit finden, sich zur Wehr zu setzen. Ich habe hier bisher nur eine vollverschleierte Frau gesehen, ausser auf Fotos von Touristinnen, und fand diese verhüllte Person ein wenig befremdlich. Aber hat sie mir etwas angetan? Vielmehr machte sie den Eindruck, als würde sie sich gerne unter ihrer Burka verstecken, so viel war an ihren Bewegungen zu erkennen. Wie jeder weiss, bietet eine Verhüllung oder Verkleidung ein gewisses Mass an Narrenfreiheit. Was an der Fasnacht nicht stört: Dass man nicht sieht, wer sich unter dem Kostüm versteckt. Wir wollen abschätzen können, ob jemand Böses im Schild führt, das ist unser Recht. Aber ist die feige Islamophobie, die sich hinter diesem Pseudo-Gesetz versteckt, auch unser Recht? Verkleidungen gibt es viele, der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt. Terroristen tun so, als seien sie Normalos. Werden die gefühlten dreissig Burka-Trägerinnen in der Schweiz mein Sicherheitsgefühl erschüttern können? Hass darf nicht geschürt werden, wo kommen wir da hin!

Herzlich
Susanne G. Seiler


Winter

Der Fjord mit seinen Inseln liegt
wie eine Kreidezeichnung da;
die Wälder träumen schnee-umschmiegt,
und alles scheint so traulich nah.
So heimlich ward die ganze Welt…
als dämpfte selbst das herbste Weh
aus stillem, tiefem Wolkenzelt
geliebter, weicher, leiser Schnee.

Christian Morgenstern

januar 2021 – goodnews editorial

Es liegt eine Angst, eine Art Beklemmung in der Luft. Niemand weiss, wie es mit dem Virus weitergeht, dessen Ausbreitung wir dieser Tage vielleicht wieder einigermassen in den Griff bekommen oder auch nicht. Hilflos hoffen immer wieder auf eine bessere Welt, vielleicht im Frühjahr? Vielleicht im Sommer? Oder sind wir auf unbestimmte Zeit giftig füreinander geworden? Und während Erfolge verzeichnet werden, sind Rückschritte genauso real. Wir bewegen uns vorwärts wie Krabben, zwei Schritte vorwärts, einen Schritt zurück. Was ist zu tun? Die einzige Lösung, die mir einfällt, ist, unser Leben auf Hochtouren zu begrünen. Holen Sie sich so oft wie möglich eine neue Pflanze und machen Sie Ihre Wohnung so grün wie möglich! Es sei denn, sie ist es bereits, dann Hut ab! Die Glücklichen unter uns haben einen Garten oder ein Stückchen Hof, die sie begrünen können, oder zumindest einen Balkon oder eine – vergrösserte – Fensterbank, und sie werden bald damit beginnen, das vorzubereiten, was später, oder in diesen Jahren eher früher, in die Erde kommt. Die Tage werden bald spürbar länger. Lassen Sie uns den Winter, der gerade erst begonnen hat, draussen geniessen, wo wir einen sicheren Abstand zueinander halten können – vorerst! Bald werden wir mehr wissen.

Ich wünsche Ihnen ein glückliches & erfolgreiches 2021!
Susanne G. Seiler


Vielleicht ist es noch nicht zu spät,

Vielleicht ist es noch nicht zu spät,
in einer Welt, die sich zerstört,
dass eine gute Saat aufgeht
in Deiner Seele, die sich wehrt,
und Dich ein Glücksgefühl erreicht
„Die frohe Botschaft“ …ja, vielleicht…

Judith von Essen

dezember 2020 – goodnews editorial

Wir trauern um den bekannten Mykologen und Autor Dr. Jochen Gartz, der Mitte Oktober gestorben ist. Sterben ist ein natürlicher Prozess, heisst es immer wieder, und doch wird über den Tod meist klinisch und unpersönlich berichtet, als etwas, das anderen passiert. Es scheint grosse Angst davor zu herrschen, dass die Konfrontation mit dem Tod ihn irgendwie anziehen könnte, eine seltsame Form magischen Denkens, da wir schliesslich alle sterben werden, wenn unsere Zeit gekommen ist, was jederzeit möglich ist. Hinzu kommt, dass der Prozess des Sterbens irrationale Gefühle weckt, die als privat eingestuft und lieber unter Verschluss gehalten werden. Man hört auch, dass gegen das Sterben an sich nichts einzuwenden sei. Und was spricht dafür? Sind die Menschen, die das Sterben anderer aus der Ferne kommentieren, selbst bereit zu gehen? Freuen sie sich so sehr auf ein «besseres Leben» und ein „Wiedersehen im Jenseits“ als Belohnung für ihre diesseitige Mühen und Plagen, dass ihnen der eigene Tod nichts ausmachen würde? Wir wollen das Leid nicht vergessen, das in den vergangenen Wochen und Monaten über unzählige Familien und ihre Lieben gekommen ist und werden an sie denken, wenn wir mit der Wintersonnenwende die Ankunft eines neuen, besseren Jahres feiern.

Ich wünsche Ihnen Frohe Festtage!
Susanne G. Seiler


Gedicht

dann, gegen mittag, kommen die ersten von Nico Bleutge

november 2020 – goodnews editorial

Wir leben in unlustigen Zeiten, und wenn ich mir die weltweiten Fallzahlen der mikroskopischen Heimsuchung in unserer Mitte zu Gemüte führe, hätte ich die grösste Lust, mich unter meinem Bett zu verkriechen. Den Teufel werde ich das aber tun! Lieber auf die Zähne beissen? Mitnichten. Obwohl ich tiefes Mitgefühl empfinde für das viele Leiden auf der ganzen Welt , das wie immer die Ärmsten am härtesten trifft, schraube ich die Musik oft hoch und tanz mich aus, suche in der Virtualität die witzigsten Sketches und Filme raus und lach mit, erzähle den Freund*innen in meinem Bubble Schwänke aus meinem Leben, wie sie mich mit ihren Stories unterhalten. Ich heb mein Glas auf das Leben, esse gelegentlich was Winziges, um zu sehen, ob ich dadurch grösser oder kleiner werde, sing und summ vor mich hin und freue mich über mein Glück, es zu Hause so gut zu haben. Und ich etikettiere die ersten Bücher, DVDs und andere Objekte unserer Mediathek, die Sie bei uns an der Hochstrasse 70 in Basel einsehen können. Bald auch virtuell. Nehmen wir also weiterhin brav unsere Vitamine, bleiben wir dran und Sie bitte gesund!

Empathisch Ihre
Susanne G. Seiler

P.S  Das würde (mir so) passen…


treue seele

es ist november deine sprache
auf meiner verdrossenen so klar
das angebot des flusses sicht bis
auf den grund unter irrendem
wasser jeder stein dem andern
naher freund in kalter zeit

Lisa Elsässer

Posts navigation

1 2 3 4 5
Scroll to top