märz 2022 – goodnews editorial

Krieg

Ich bin heute morgen traurig aufgestanden, weil auf europäischem Boden Krieg herrscht, und bitte unsere aussereuropäischen Freunde gleich vorweg um Entschuldigung, wenn das in ihren Ohren hohl klingt. In manchen Ländern bedeutet jeder Tag Krieg, oft nur anders genannt. Diese Konflikte finden anderswo statt und beschäftigen uns hier deshalb weniger. So dumm und einfach ist das. Der Schrecken der Lage in der Ukraine verunsichert mich. Dass unschuldigen Menschen Leid zugefügt wird, tut mir weh. Die Geschichte wiederholt sich. Die erste bittere Pille, die wir Europäer schlucken mussten, war der tragische Fall Ex-Jugoslawiens im ausgehenden zwanzigsten Jahrhundert. Und jetzt das. Wieder werden Flüchtlinge kommen, vor allem traumatisierte Frauen, Kinder und Alte. Wieder werden Menschen ihr Zuhause verloren haben, die heimkehren wollen. Wieder werden wir uns aufrappeln und spenden und helfen und doch ratlos daneben stehen. Wieder werden wir uns danach schwören: «Nie wieder!». Die Welt zerbricht in «wir» und «sie». «Sie» sind immer die anderen. Auch wenn das Pendel irgendwann zurückschwingt, am liebsten würde ich weinen. Bin ich ein lächerlicher Softie, eine sentimentale Heulsuse, die der Realität nicht mehr entgegenzusetzen hat als ein paar billige Tränen? Fünfundneunzig Prozent aller Europäer, vom Atlantik bis zum Ural, sind mit diesem Krieg nicht einverstanden. Wir müssen auch jetzt das Beste aus der Situation machen, ob es uns passt oder nicht. und wollen zuversichtlich bleiben. Wir nützen wir den Ukrainern am meisten, wenn wir an sie glauben und unsere Energie darauf konzentrieren! Die Ukraine erhält international breite Rückendeckung und weltweite Solidaritätsbekundungen. Länder, die noch nie Flüchtlinge aufgenommen haben, wollen Ukrainer willkommen heissen.Elon Musk sorgt via Starlink für den Internetzugang, welcher der Regierung den Kontakt zur Aussenwelt sichert und den Menschen Mut macht. Wirksamere Wirtschaftssanktionen als bisher schaden vermehrt den richtigen Leuten. Bevölkerung und Armee wehren sich und haben viele strategische Vorteile. Es läuft alles etwas anders, als es der Aggressor erwartete. Vielleicht nützen unsere Forderungen, Gebete und Wünsche und die Gerechtigkeit obsiegt? Allgemein gute Nachrichten: Wir werden unsere Lounge bald neu eröffnen, Restriktionen gibt es keine mehr. Ich freu ich mich, dass ich mich nicht mehr ständig fragen muss, wo meine Maske ist. Dass ich in den Läden die Gesichter der Mitarbeitenden wieder sehe und ich mich näher an den Menschen fühle.
Es wird auch unter traurigen Umständen Frühling.
Nachdenklich, Ihre

Susanne G. Seiler


Die Sehnsucht ist grün

Die Sehnsucht ist grün.
Wenn Blüten noch taugen
ihr Götter
dann lässt sie wachsen
bis sie grösser sind als die Angst
damit sie uns wieder und wieder
die Tür öffnet.

Und paar sie mit Vertrauen
damit wir
selbst schutzlos
unverletzt  bleiben.

Barbara Stützel, aus Poesie in Gemeinschaften

februar 2022 – goodnews editorial

Lob der Langeweile

In den beiden letzten Jahren wurden wir vermehrt auf uns selbst zurückgeworfen, ob wir allein leben oder nicht. Unser Innenleben hat eine neue Bedeutung erlangt, ob wir uns als spirituell bezeichneten oder einem eher extrovertierten Lebensstil anhingen. Wir mussten uns näher mit uns selbst anfreunden, denn wir sassen kollektiv zu Hause, sahen weniger andere Menschen, schliefen mehr, liebten mehr –  oder weniger – und sahen wie durch ein Vergrösserungsglas, was unser individuelles Leben ausmacht. Bildschirm. Familie. Sex. Bewegung. Einkaufen. Kochen. Essen. Unterhalt. Die Konfrontation mit der Essenz unserer inneren Landschaft, unserer eigenen Natur, ist nicht immer angenehm. Nicht nur, weil wir vielleicht Seiten an uns entdecken, für die wir uns schämen, oder weil wir Verhaltensweisen ändern möchten, die wir nur schwer ablegen können. Wir sind uns gewöhnt, so produktiv wie möglich zu sein, selbst Innenschau heisst ‘etwas tun’. Vielleicht liegt es in unserer Natur und wir können gar nicht anders, als nach einem Mehrwert oder Lustgewinn streben, wären wir doch mit ein wenig Langeweile so gut bedient. Auch Langeweile ist mehr als nichts tun. Wir könnten viele schöne geistige Abenteuer erleben, würde wir sie uns nur ab und zu zugestehen! Löcher in die Luft starren, unsere Gedanken kreisen lassen um die Idee, dass wir nicht wissen, was mit uns anfangen. Loslassen, die Gedanken treiben lassen, den Wolken beim Vorbeiziehen zusehen. Den trivialen, wie auch die bedeutenden Überlegungen, die uns durch den Sinn gehen, freien Lauf lassen, bis auch sie langweilig werden. Dann denken wir an nichts mehr und sind herrlich unproduktiv. Doch nur zu schnell regt sich der nächste Impuls und schlängelt sich in unser Bewusstsein. Bald kommt der Frühling und Gedanken werden zu Taten.
Sehnsüchtig Ihre,

Susanne G. Seiler


Alle meine Schiffe

Alle meine Schiffe
haben die Häfen vergessen
und meine Füsse den Weg.
Es wird nicht gesät und nicht geerntet
denn es ist keine Vergangenheit
und keine Zukunft,
kaum eine Bühne im Tag.
Nur der kleine
zärtliche Abstand
zwischen dir und mir,
den du nicht verminderst.

Hilde Domin

januar 2022 – goodnews editorial

Wie woke sind Sie?

Was wir als informierte Bürger oder nichtbürgerlich Informierte alles – besser –wissen und kennen müssen, um ein Wörtchen mitreden zu können: von Matriarchat und Patriarchat, Antike und Moderne, Kolonialzeit und Industrialisierung, Sklaverei und Rassismus, von Waffengesetzen und Genoziden, Parallelmonden und Weltraumissionen, Verantwortung und Freiheit, Seuchen und Morden, Geschlecht und Gender, grünender Hoffnung und Nachhaltigkeit, Zukunft und Massensterben. Die Schlüsse, die wir aus diesem Wissen ziehen, führen zu mehr als einer Wirklichkeit. Es gibt eine Fülle von Lebensmodellen innerhalb und ausserhalb des Mainstreams, die sich kreuzen, überschneiden und parallel verlaufen, sich angleichen, bekämpfen und vereinen. Brauchen wir deshalb zu allem eine fertige Meinung? Um sie vor uns hinzuhalten wie ein Schild? Wie viel Macht gebe ich anderen über meine Gedanken? Wie sehr bin ich beeinflusst von dem, was ich – selektiv – lese, höre oder sehe? Brauche ich äussere Mittler, um zu wissen, was falsch und was richtig ist für mich? Für die Gesellschaft, in der ich lebe? Ich traue mir zu, Gut und Böse voneinander unterscheiden zu können, Wahrheit und Lüge. Aber was ist mit meinem Gegenüber, was mit den anderen? Um etwas zu erfahren über die Befindlichkeit der Welt, in der ich lebe, muss ich meine Meinungen mit fremden Einsichten vergleichen. Das ist die Praxis. Hinzu kommen Bibliotheken voller Theorie. Wir wollen miteinander im Gespräch bleiben, damit wir offen und effektiv Verantwortung übernehmen können für die Welt, in der wir leben.

Ein gesegnetes, gesundes und friedliches 2022 wünscht
Susanne G. Seiler


Wir schiffern durch die Tage

Wir schiffern so durch die Tage,
wie das Wetter und fragen:
Was sind das für Zeiten?
Was sind Vergangenheiten?

M.B. Hermann

dezember 2021 – goodnews editorial

Legalize it II – Deutschland und Österreich

Die Kelten bauten in unseren Breitengraden bereits Cannabis an. Es erlebt im 17. Jahrhundert eine Blütezeit, als europäische Schiffe mit ihren Takelagen aus Hanf in alle Welt fahren und neue Genussmittel nach Europa bringen. Durch die aufkeimende chemische Industrie verliert der Cannabis-Anbau seither an Bedeutung. Nach dem zweiten Weltkrieg ist zwar wieder ein gewisser Aufschwung zu verzeichnen, doch 1982 wird in Deutschland der Anbau von Cannabis vollumfänglich verboten. Die Prohibition dauert bis 1996, als Hanf als Nutzpflanze wieder gezüchtet werden darf. Als Genussmittel erfährt Cannabis schon früh gewisse Einschränkungen und ist bis heute illegal. Doch das soll sich jetzt ändern, denn die neue Ampelkoalition hat sich die Entkriminalisierung von Hanf auf die Fahne geschrieben und verspricht sich von der kontrollierten Abgabe von Cannabis an Erwachsene zu Genusszwecken, in lizenzierten Geschäften, einen wirtschaftlichen Aufschwung. Als Medizin ist Cannabis in Deutschland bereits seit 2016 zugelassen und auch in Österreich ist es als Medizin legal. Allerdings ist bei unserem östlichen Nachbarn der Anbau erst dann strafbar, wenn man ein ‘Suchtmittel’ daraus gewinnen will. Jede/r kann Hanf anpflanzen, solange die Pflanzen keine weiblichen, THC-haltigen Blüten treiben. Sonst werden Anbau, Verarbeitung, Erwerb, Besitz, Konsum, Weitergeben und Transport nach wie vor geahndet. In Deutschland möchte man nun auf Cannabisprodukte setzen, und zwar nicht nur auf die harzhaltigen Blüten, sondern auf eine breite Palette, wie sie in der Schweiz in den Neunziger Jahren auf dem Markt waren: nicht nur um Hanfbier, Hanfkleidung oder Hanf im Badezusatz, sondern Hanfpapier, Hanf als Isolation für den Häuserbau, als Bonbons oder Lutscher, Hanfsamen, Hanftee oder Hanfkekse. Hanffasern wurden und werden nach wie vor gewerblich produziert, was nicht verboten war oder ist, wenn der THC-Wert nicht ein bestimmtes Mass überschreitet. Hanf war in aller Munde, doch die entsprechenden Abstimmungen dazu wurden abgeschmettert, wohl auch, weil man zu viel auf einmal erreichen wollte, Die Palette an Hanfprodukten wurde wieder schmäler. Die Zeit von Cannabis als Genussmittel war damals offensichtlich noch nicht gekommen. Im Herbst werden wir erfahren, ob sich das auch in Deutschland geändert hat. In Österreich besteht ebenfalls eine Koalition der Willigen, was die Legalisierung von Cannabis anbelangt; CBD-haltiger Cannabis ist ebenso populär wie in der Schweiz und in Deutschland, doch ob man dem deutschen Vorbild allenfalls folgen wird (müssen), bleibt abzuwarten. Für viele Konsumentinnen heisst es weiterhin– Sie wissen schon – legal, illegal, sch**ssegal!

Ich wünsche Ihnen – mit oder ohne Cannabis – von Herzen schöne Feiertage!
Ihre
Susanne G. Seiler


Es gibt so wunderweisse Nächte

s gibt so wunderweisse Nächte,
drin alle Dinge Silber sind.
Da schimmert mancher Stern so lind,
als ob er fromme Hirten brächte
zu einem neuen Jesuskind.

Weit wie mit dichtem Demantstaube
bestreut, erscheinen Flur und Flut,
und in die Herzen, traumgemut,
steigt ein kapellenloser Glaube,
der leise seine Wunder tut.

   Rainer Maria Rilke

november 2021 – goodnews editorial

Legalize it!

Die Schweiz will Cannabis legalisieren. In einem Pilotprojekt dürfen ausgewählte Apotheken und CBD-Läden über einen Zeitraum von drei bis fünf Jahren Cannabis in verschiedenen Stärken an eine schweizweite Kohorte Versuchspersonen verkaufen, damit „… ein regulierter Markt für den Anbau, die Produktion, den Handel und den Konsum von Cannabis geschaffen wird“. Ein Drittel der erwachsenen Schweizer hat schon mindestens einmal Cannabis konsumiert. Eine Mehrheit möchte es wie Alkohol geregelt sehen. Luxemburg erlaubt seiner Bevölkerung den Anbau von bis zu vier Marihuana-Pflanzen pro Haushalt. Saatgut ist frei käuflich und wird besteuert. Aktivisten in Ländern wie Spanien (Katalonien) oder Italien haben mit Growers’ Clubs experimentiert, eine weitere vernünftige Ergänzung zur Befreiung einer Pflanze, die auf der ganzen Welt zu Hause ist. In Kanada müssen Käufer einen Altersnachweis erbringen, wenn sie Cannabis kaufen. Die kanadische Regierung schätzt, dass die Legalisierung zu einem Rückgang des illegalen Cannabismarktes um zwei Drittel geführt hat. Ein ähnliches Modell ist für die Schweiz vorgesehen. Nicht vorgesehen ist, dass Konsumenten eigene Pflanzen anbauen. Insgesamt ist eine Regulierung des Verkaufs nur schon aus Qualitätsgründen zu begrüssen. Der Schweizerische Bauernverband hat sich dafür verwendet, dass im kommenden Pilotprojekt ausschliesslich Schweizer Bio-Hanf verkauft wird. Alles legale Cannabis soll im Freien angebaut werden, ein Wunschtraum. Wie lange es wohl dauern wird, bis zumindest eine gewisse Normalisierung bei den Psychedelika erreicht ist? Auf diesem Gebiet versucht die Pharmaindustrie gerade einen grossen Coup zu landen. Wenn der gelingt, dürfen z.B. nur noch lizenzierte Therapeuten gentechnisch verändertes und patentiertes Psilocybin verabreichen, wozu sie sich eines markengeschützten Sets und Settings bedienen, was ‘Replizierbarkeit’ ermöglichen soll. Was kann da schon schief gehen? Mexiko will die traditionelle Nutzung von Pflanzen reglementieren. Individuen und Gruppen, die spirituelle Interessen verfolgen, werden kontrolliert, hausgemachte Offenbarungen aktiv unterdrückt. Verglichen mit einer Stadt wie Seattle, wo Psychedelika vollumfänglich legal sind, haben wir noch einen langen Weg vor uns.

Besorgt und mit herbstlichen Grüssen,
Susanne G. Seiler


Hanf im Glück

„Unterdrückt und unterschätzt
war die Pflanze Hanf bis jetzt.
Zehntausend Jahre unentbehrlich,
gilt sie bei uns heut als gefährlich!
In einem Topf mit harten Drogen:
Das ist nun wirklich glatt gelogen.
Hanf ward zum Unkraut degradiert,
sein Nutzen wurde ignoriert,
obwohl als Rohstoff unvergleichlich,
und vom Ertrag her wirklich reichlich.
Holen wir ihn uns zurück,
dann ist er wieder Hanf im Glück!“

Matthias Bröckers 

oktober 2021 – goodnews editorial

Sprachgrenzen überschreiten

Wir sind ein einig Volk von Sprachpolizisten! Von Anfang an wachen wir peinlich darüber, dass gerade die Schwächsten in unserer Gesellschat nicht über ein gewisses sprachliches Level hinauskommen. Es braucht mehr Unterricht für den scheuen Surprise-Verkäufer vor der Migros, der keine umgangssprachliche Übung mit Eingeborenen wie mich hat. Er wollte mich warnen, mein Veloständer sei nicht hochgeklappt. Sehr aufmerksam. Meine Freundin Brigitte, die vor über vierzig Jahre in die Schweiz eingewandert ist und längst den roten Pass besitzt, klagt, sie werde bis heute immer wieder wegen ihrer Sprache angemacht. Ihr Schweizerdeutsch sei nicht Schweizerdeutsch, ihr Deutsch nicht Deutsch genug. Wo sie denn sie herkäme, in Deutschland? Eine ziemliche Frechheit, natürlich ‘nicht bös gemeint’. Auch ohne Amt oder Gesetz, das über die schweizerdeutschen Dialekte wacht, müssen Deutsche und Österreicher ein peinliches Protokoll befolgen, wenn sie bei uns heimisch werden wollen. Schweizerdeutsch ist tabu! Bitte nur verstehen, nicht sprechen, weil, ihr könnt es ja sowieso nicht, dass kann kaum einer, die nicht hier aufgewachsen ist. Es gibt eine der Höflichkeit geschuldete Karenzzeit für deutschsprachige Ausländer, die nicht gleich bei uns an der Grenze leben. Dass dabei die schweizerischen Arbeitskolleginnen unter sich immer wieder in ihren Dialekt zurückfallen, statt sich der Schriftsprache zu bedienen, gehört dazu. Wir wollen unseren zugewanderten deutschsprachigen Nachbarn unser Hochdeutsch aber nicht über das Notwendige hinaus zumuten. Was meinen die eigentlich, fragte mich Brigitte echauffiert. Ihr Deutsch sei derart gut? Unseren neuen Mitbürgern aus dem Norden und Osten ist längst ein sprachliches Licht aufgegangen. Sie verstehen uns gut. Warum also die Schriftsprache noch länger strapazieren? Während sie uns mit ihrer eigenen Sprache erfreuen, sprechen wir die unsere und eröffnen ihnen damit eine bessere Integration. Und als Bonus stehen wir selbst etwas bescheidener da. Oder wir sprechen alle englisch, noch so ein Kapitel. Sprachen lernen lohnt sich. Es sei denn, man lebt in der Schweiz, wo alle erst einmal denken, sie könnten sowieso alles besser als du. Bitzeli Päch, das.

Nicht minder herzlich, Ihre
Susanne G. Seiler


Sprachlicher Rückstand

Immer noch
sagen wir dem
was am Morgen geschieht
die Sonne geht auf
obwohl seit Kopernikus klar ist
die Sonne bleibt stehn
und
die Welt geht unter.

Franz Hohler

september 2021 – goodnews editorial

Weisse Vorrechte

Im ganzen Abteil meines verspäteten ICE wurden ab Badischer Bahnhof lediglich zwei Ausländer kontrolliert. Sie sassen auf der anderen Seite des Gangs, gleich neben mir, zwei in Deutschland lebende Libanesen, die nach Luzern wollten. Die beiden vierschrötigen Schweizer Grenzpolizisten gaben sich zufrieden, weil sie etwas Deutsch sprachen, doch die beiden Herren machten sich Sorgen wegen ihres Anschlusses. Ich konnte sie nicht überzeugen, dass sie den nächstbesten Zug nehmen durften. «Die Schweiz ist sehr streng», meinte der Mann, der mir am nächsten sass, «wir kaufen besser eine neue Fahrkarte.» Zum Glück kam in Basel SBB die Schweizer Kontrolleurin an Bord und konnte ihnen weiterhelfen. Vor den Kopf gestossen, wie sicher ich mir meiner Rechte war, während die beiden Fremden lieber gleich kuschten, stieg ich aus. Mir wurde wieder einmal peinlich bewusst, dass ich keine Angst haben muss vor den Behörden, vor der Polizei oder irgendwen sonst, dass ich als Einheimische ganz selbstverständlich dazu gehöre und mir jederzeit Gehör verschaffen kann. Ich muss nicht leisetreten, innerlich auf den Zehenspitzen gehen, mich zusammennehmen, sobald ich den öffentlichen Raum betrete. Mir sind die Skrupel meiner Freunde fremd, die hier als Secondos leben. Ich stehe nicht in der Schuld der Schweiz, brauche nicht mehr leisten als andere, um meine Dankbarkeit zu beweisen. Und dabei bloss nicht auffallen. Lieber unterschreiben die meisten Zugewanderten keine Petitionen oder andere Quartiervorstösse. An den Schulfesten meiner Enkel, die im Multikulti-Kreis 4 in Zürich stattfinden (Ausländeranteil: 50%), essen wir köstliche Gerichte, die Eltern aus dreissig Nationen für uns gekocht haben. Getrennt und doch gemeinsam, essen wir, nach Ethnien versammelt, freund- und nachbarschaftlich an langen Tischen. Wir Schweizerinnen wissen, dass wir jederzeit bei unseren Nachbarn anklopfen können, sollten wir etwas brauchen, eine Tasse Mehl, ein Ei, das Handy. Für «die anderen» ist es nicht so einfach. Ich freue mich auf das nächste Fest, das bald stattfinden wird, nach langer Pause, und rede auch dort mit Fremden und mit meinen Nachbarn, gleich woher sie kommen. Sie haben es schwerer als wir.

Mit städtischen Grüssen ins Land,
Susanne G. Seiler


Leichte Süsse

Leichte Süsse wippt sich in die Fäden.
Die Sonne rollt die Knie ein, wie wenn
sie sich ins Bett verziehen möchte.
Derweil wirbeln Blätter wie auf Rädern
durch Strassen und zeigen, wo’s lang,
und was bald zu Ende geht.

M.B. Hermann

august 2021 – goodnews editorial

Motivation – woher stehlen, wenn nicht nehmen

Mein Freund Max, in seiner Freizeit Philosoph, meint, wir müssten, um uns zu motivieren, nur die innere Sau rauslassen. Motivation, sagt Wikipedia, ist das, was erklärt, warum Menschen oder Tiere ein bestimmtes Verhalten zu einem bestimmten Zeitpunkt einleiten, fortsetzen oder beenden. Triebe wie Hunger, Durst und Fortpflanzung definieren unsere Bedürfnishierachie, was bedeutet, dass wir gewisse Gefühle prioritär behandeln. Motivation ist eine Mischung aus uns innewohnendem und triebhaftem Verhalten, ein Impuls instinktiver, genetischer und geistiger Natur. Es gibt zwei Arten von Motivation, die Wissenschaft nennt sie intrinsisch und extrinsisch. Extrinsisch ist alles, was von aussen kommt, und ich nur deshalb tue, weil ich etwas dafür bekomme, in unserem Fall Geld, Liebe oder Status. Motivation ist hier Begierde und führt in die Versklavung. Ich mache mich abhängig von der erwarteten Belohnung und verlerne oder vergesse das zu tun, was mir Freude macht. Selbstverständlich kann man leidenschaftlich an einem sinnvollen Projekt arbeiten und dafür einen Lohn beziehen; wir müssen alle von etwas leben. Das wäre ein Motiv. Man kann aber auch ein bestimmtes Pensum an einfacher Sklaverei in Kauf nehmen und dafür ausserhalb der Arbeit unbelastet eigene Interessen verfolgen. Das Herz, dieser einsame Jäger, sucht die wahre oder intrinsische Motivation, die Schaffenslust, den kreativen Impuls, der uns von innen her dazu drängt, das zu tun, was uns erfreut, befriedigt und befreit. Doch was ist, wenn ich mich nicht anstrengen mag? Schon die alten Griechen wussten, dass der Mensch das sucht, was ihn erfreut und meidet, was ihm Mühe macht. Dank der engen Beziehung zwischen Motivation und Gefühl können Musik, Bewegung, Tanz und ästhetischer Genuss erweckend wirken, indem sie einen Stimmungs-Anreiz liefern. Doch auch dieser kommt von aussen und so sind wir wieder, wo wir waren. Es zeigt sich, dass die Wissenschaft keine hinreichenden Antworten auf die Frage hat, was uns ausserhalb der erwähnten Belohnungs-Schemata antreibt. Das Unterbewusste und seine Beweggründe lassen sich nicht entschlüsseln, auf die Absicht kommt es an, soweit der aktuelle Stand. Absicht führt zu Selbstregulierung und hilft uns dabei, unseren Willen zu entwickeln, was zu grösserer Kompetenz führt. Aber erst mal die innere Sau rauslassen!

Tapfer, Ihre
Susanne G. Seiler


felder, offen für jedes licht

als würden sie ihre eigenen ränder
wieder und wieder nachziehen
sich ihrer lage vergewissern
als wäre da nichts als die lage
die gelassenheit, in der sich die farben sammeln
in streifen, zacken, angeschrägten kästen
ohne tiefe
wie etwas vorübergehendes
lack, den du mit einem nagel abkratzt
das bild, das wir voneinander behalten
ohne zu verstehen.

Anja Kampmann

juli 2021 – goodnews editorial

Critical Mass

Wie viele Schweizer braucht es, um eine Glühbirne auszuwechseln? (Bei uns wurde bekanntlich kürzlich das CO2-Gesetz abgeschossen, das wenigstens im Ansatz an unsere Bringschuld an die Umwelt hätte beitragen sollen.) Wie viele aktive Bürger müssen es sein, damit sich eine Gesellschaft ändert? Reichen sechs Prozent wirklich? Wie viele müssen aufs Fahrrad steigen, auf die Strasse gehen, demonstrieren, marschieren, Spruchbänder hochhalten und nach internationaler Solidarität rufen, bis sie ihre Forderungen konkretisieren können? Wie viele müssen sich einig sein? Und können sie sich überhaupt einigen? (Treffen sich zwei Konservative, freuen sie sich, treffen sich zwei Linke oder Grüne, ist der eine dem anderen nicht links oder grün genug.) Und falls sie sich doch einigen sollten, können sie sich durchsetzen? Das Klima sorgt bei allen für rote Köpfe. Küstenstädte, Bergdörfer und Trockengebiete wappnen sich, Klimaflüchtlinge kämpfen um ihr Überleben. Hausbesitzer sind in Sorge, Unwetter jagt Unwetter, Hitzewelle, Hitzewelle, Feuersbrunst, Feuersbrunst, Überschwemmung, Überschwemmung, Felssturz, Felssturz, Vulkanausbruch, Vulkanausbruch, Erdbeben, Erdbeben und noch immer geht kein Ruck durch unsere Gesellschaft. Ich fahr mit dem Zug in die Ferien (fliegen ist jetzt noch ineffektiver) und versuche auch sonst, leise zu treten, was Natur um Umwelt anbelangt, aber es ist nicht genug, auch wenn Hunderttausende von uns sich so verhalten. Veränderung drängt nicht nur von unten nach oben, sie muss auch aus der Industrie, der Regierung, den Betrieben, Werkstätten und Höfen kommen. Ist das Klima vielleicht nicht sexy genug? Wie kritisch ist die Masse? Wo und wie lässt sie sich umstimmen? Wo sind die Werber und Public Relationisten, die dem Kampf für das Klima und gegen das Artensterben ein gewinnendes Image verpassen? Eines, das in uns ein drängendes Verlangen entstehen lässt, viel Geld in die Umwelt zu investieren und an diesem lohnenden Vorhaben gut zu verdienen. Ich sehe das Plakat schon vor mir: Mein Wetter, mein Klima, meine Welt!

Erhitzt, Ihre
Susanne G. Seiler


was brauchst du

was brauchst du? einen Baum ein Haus zu
ermessen wie gross wie klein das Leben als Mensch
wie gross wie klein wenn du aufblickst zur Krone
dich verlierst in grüner üppiger Schönheit
wie gross wie klein bedenkst du wie kurz
dein Leben vergleichst du es mit dem Leben der Bäume
du brauchst einen Baum du brauchst ein Haus
keines für dich allein nur einen Winkel ein Dach
zu sitzen zu denken zu schlafen zu träumen
zu schreiben zu schweigen zu sehen den Freund
die Gestirne das Gras die Blume den Himmel

Friederike Mayröcker

juni 2021 – goodnews editorial

Orthorexia nervosa

Nebst Anorexie und Bulimie gibt es neuerdings eine dritte offiziell anerkannte Essstörung, habe ich kürzlich gelesen. Es kann sein, dass Sie sie schon kennen. Bei der Orthorexie geht es um die Besessenheit mit gesundem Essen, heute ein relativ verbreitetes Leiden, auch wenn es oft unerkannt bleibts. Die meisten von uns hätten gerne Nahrung auf dem Teller, die uns guttut. Dagegen ist nichts einzuwenden, wobei die Meinungen dazu, was gut für uns ist, auseinanderklaffen. Für die einen geht es nicht ohne Fleisch, Fisch und Milchprodukte, für die anderen geht es nicht oder nur beschränkt mit. Was vegan heisst, brauche ich Ihnen nicht zu erklären. Früher waren die Menschen vom Essen besessen, weil sie nicht genug davon hatten, heute leiden wir unter einem Überangebot, wovon vieles unter fragwürdigen Umständen produziert wird. Für mich ist gesundes Essen das, was bei uns wächst (mit «uns» meine ich Westeuropa), nicht aus Massentierhaltung stammt und möglichst naturbelassen ist. Ich esse kein Tier, das nur auf die Welt gekommen ist, um zu sterben – für mich! Zucker versuch ich zu meiden, auch wenn ich eigentlich ein Schleckmaul bin. Ich trinke nicht immer genug, dafür nur mässig Alkohol. Meine psychoaktiven Gewohnheiten habe ich meistens im Griff. Ungesund wird das Gesunde, wenn man sich bei jedem Biss erst inquisitorisch vergewissern muss, dass einem ja nichts «Schlechtes» zwischen die Zähne kommt. Wenn alles nur noch aus biologischem Anbau sein darf und man die Krise kriegt, wenn man bei Freunden essen soll, die es damit nicht so genau nehmen. Weil bio zu sehr auf ihr Portemonnaie schlägt? Das kann ich nachvollziehen, denn auch ich kann es mir nicht leisten, jeden Bissen Essen zu vergolden. Ausser bei den Eiern und beim Fisch, da bin ich wegen des Tierleids unerbittlich, also nur in Demeter-Qualität bzw. aus Schweizer Seen, dafür weniger oft. Isst man im Allgemeinen gesund, kann man sich ab und zu ruhig etwas Abwechslung gönnen. Schon Rudolf Steiner sagte, es sei ist besser, ein Glas Wein zu trinken, als ständig daran zu denken. Mein Motto: Das Geheimnis einer guten Gesundheit liegt nicht in dem was man isst, sondern in dem, was man nicht isst. Ausnahmen bestätigen die Regel. Zu meinen, man könne seine Gesundheit nur über die Ernährung steuern, scheint mir zu kurz gegriffen. Genuss bleibt wichtig und richtig, Bewegung und ein gutes Beziehungsnetz sowieso.

Gut ernährt, Ihre
Susanne G. Seiler


Sommer

Ihr singt von schönen Frühlingstagen
Von Blütenduft und Sonnenschein
Ich will nicht nach dem Frühling fragen
Nein Sommer, Sommer muss es sein.

Wo alles drängt und sich bereite
Auf einen goldnen Erntetag
Wo jede Frucht sich schwellt und weitet
Und schenkt, was Süsses in ihr lag.

Auch ich bin eine herbe, harte
Bin eine Frucht, die langsam reift
O Glut des Sommers, komm! Ich warte,
Dass mich dein heisser Atem streift.

Gustav Falke

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