{"id":544,"date":"2016-08-17T23:48:54","date_gmt":"2016-08-17T21:48:54","guid":{"rendered":"http:\/\/2018.gaiamedia.org\/deutsch\/?p=544"},"modified":"2021-04-14T15:15:22","modified_gmt":"2021-04-14T13:15:22","slug":"nachruf-auf-dieter-hagenbach","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gaiamedia.org\/deutsch\/2016\/08\/17\/nachruf-auf-dieter-hagenbach\/","title":{"rendered":"Nachruf auf Dieter Hagenbach"},"content":{"rendered":"<div class=\"post-inner article\">\n<div class=\"postcontent\">\n<p>von Lucius Werthm\u00fcller<\/p>\n<p><strong><em>Am Mittwoch, 17. August ist mein Freund Dieter Hagenbach \u2013 Verleger, Buchh\u00e4ndler, Autor und Gr\u00fcnder des wegweisenden Sphinx Verlags \u2013 nach kurzer schwerer Krankheit im Alter von 73 Jahren in Basel gestorben.<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Dieter Hagenbach wurde 1943 in Basel geboren. Er wuchs hier auf und blieb der Stadt zeitlebens verbunden. Nach dem Abschluss des Gymnasiums studierte er Kunst und Architektur an der Hochschule f\u00fcr Bildende K\u00fcnste in D\u00fcsseldorf. Eine Studienreise f\u00fchrte ihn nach Indien zu matriarchal lebenden St\u00e4mmen im Osten Assams sowie zu den Observatorien in Delhi, Jaipur und Varanasi; ein Studienaufenthalt nach London an das Centre for Arts and Cultural Enterprises. Mit J\u00fcrgen Rahn bildete er 1969 das Multimediateam \u00abCosmic Correspondence\u00bb mit Ausstellungen in den Kunsthallen Baden-Baden, Basel und D\u00fcsseldorf.<u><\/u><u><\/u><\/p>\n<p>Im Herbst 1975 gr\u00fcndete Dieter in Basel den Sphinx Verlag und er\u00f6ffnete die Buchhandlung Sphinx am Spalenberg, schr\u00e4g gegen\u00fcber der Buchhandlung Werthm\u00fcller, die mein Vater dort f\u00fchrte. Er pr\u00e4gte f\u00fcr den Verlag den Slogan:<\/p>\n<p align=\"center\"><em>Von alten Traditionen<br \/>\n\u00fcber das Hier und Jetzt<br \/>\nzu neuen Dimensionen<\/em><\/p>\n<p>Dieser gefiel mir so gut, dass ich ihn sp\u00e4ter mit seinem Einverst\u00e4ndnis f\u00fcr den Basler Psi-Verein \u00fcbernahm, da ich ihn auch f\u00fcr unsere Arbeit als treffend empfand.<u><\/u><u><\/u><\/p>\n<p>Mit dem Sphinx Verlag leistete Dieter wertvolle Pionierarbeit. Er verlegte u.a. das Gesamtwerk Georges Gurdjieffs, das\u00a0<em>Necronomicon<\/em>\u00a0und weitere Kunstb\u00fccher von HR Giger sowie Klassiker der Magie und Mythologie von Eliphas Levy und Aleister Crowley bis Joseph Campbell. Neben mehreren hundert weiteren Titeln publizierte er die New Age Bibel\u00a0<em>Die Sanfte Verschw\u00f6rung<\/em>\u00a0von Marilyn Ferguson, die\u00a0<em>Illuminatus<\/em>\u00a0Trilogie von Robert Anton Wilson sowie Titel von John Lilly und Timothy Leary, mit denen er gut befreundet war. So hatte er 1971 Leary eine Weile in Basel beherbergt, als dieser auf der Flucht vor der CIA in der Schweiz Asyl suchte. Dieter schrieb einen Brief an den damaligen Bundespr\u00e4sidenten Kurt Furgler und bat darum, Leary Asyl zu gew\u00e4hren.<u><\/u><u><\/u><\/p>\n<p>Von 1977-1986 war er Herausgeber des \u00abSphinx Magazin\u00bb und der deutschsprachigen Ausgabe des \u00abBrain-Mind Bulletin<em>\u00bb<\/em>. Mitte der 1970er Jahre lernte er Albert Hofmann kennen und blieb bis zu dessen Tod mit ihm befreundet. 1986 ver\u00f6ffentlichte er Hofmanns Essaysammlung\u00a0<em>Einsichten \u2013 Ausblicke<\/em>.<u><\/u><u><\/u><\/p>\n<p>1990 gr\u00fcndete Dieter in Basel eine literarische Agentur, die ab 2001 in Bern von seinem Partner Hans Bender weitergef\u00fchrt wurde.<u><\/u><u><\/u><\/p>\n<p>Wir sind uns in den 1980er Jahren erstmals begegnet, hatten damals aber nur losen Kontakt. Zu Beginn der 1990er Jahre sammelten wir Ideen und entwarfen Konzepte f\u00fcr eine gemeinsam veranstaltete Konferenz zum Themenkreis LSD und Psychedelika 1993 \u2013 zum 50. Jahrestag der Entdeckung des LSD. Allerdings wollte Albert Hofmann zu dieser Zeit keine \u00d6ffentlichkeit f\u00fcr sein \u00abSorgenkind\u00bb weshalb wir unsere Konzepte wieder in die Schublade legten, da eine Konferenz zu diesem Thema in Basel ohne Albert Hofmann doch erkl\u00e4rungsbed\u00fcrftig gewesen w\u00e4re.<u><\/u><u><\/u><\/p>\n<p>1993 war nicht nur der 50. Jahrestag der Entdeckung des LSD, sondern auch Dieters 50. Geburtstag. Beide sind im selben Jahr in diese Welt gekommen. F\u00fcr den neuen Lebensabschnitt wollte er ein neues Projekt starten \u2013 die Gaia Media Stiftung (<a href=\"https:\/\/www.gaiamedia.org\/deutsch\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">www.gaiamedia.org<\/a>). Die am 23. Juni 1993 in Basel gegr\u00fcndete gemeinn\u00fctzige Stiftung hat den Zweck Informationen zu vermitteln, die zu einem ganzheitlichen Verst\u00e4ndnis der Natur und des menschlichen Daseins beitragen.<\/p>\n<p>Er fragte mich ob ich ihn als Stiftungsrat unterst\u00fctzen w\u00fcrde, was ich gerne zusagte. Zu seinem runden Geburtstag bat er anstelle von Geschenken die neugegr\u00fcndete Stiftung zu unterst\u00fctzen. Das Geburtstagsfest war gleichzeitig die Gr\u00fcndungsfeier seines Herzensprojekts. Anwesend waren neben vielen anderen Freundinnen und Freunden Anita und Albert Hofmann, Claudia M\u00fcller Ebeling und Christian R\u00e4tsch, ebenso wie HR Giger mit dem Dieter gut bekannt war und dem ich an diesem Anlass zum ersten Mal begegnete.<u><\/u><u><\/u><\/p>\n<p>Die Gaia Media hatte bis 2009 ein Lokal an der Spalenvorstadt, wo sie in Zusammenarbeit mit Michael Gasser, der den Stiftungsrat erg\u00e4nzte, die Gaia Lounge und den Gaia Bazar betrieb: Ein beliebter Treffpunkt f\u00fcr Freunde psychedelischer, spiritueller und \u00f6kologischer Literatur und Musik, ausserdem mit einem grossen Angebot von ethnobotanischen Spezialit\u00e4ten. Dort fanden Vortr\u00e4ge statt, unter anderem mit Albert Hofmann, Sasha Shulgin, John Lilly, Christian R\u00e4tsch, Luisa Francia und vielen weiteren mehr. Die Stiftung gab einen Newsletter heraus, der bis 2006 in gedruckter Form erschien. Sp\u00e4ter gab Dieter den Newsletter monatlich elektronisch auf deutsch und englisch heraus. Er nannte ihn den \u00abgoodnewsletter\u00bb, er sollte ein Gegengewicht zu den die Medien beherrschenden schlechten Nachrichten bilden.<u><\/u><u><\/u><\/p>\n<p>Im Vorfeld des 100. Geburtstags von Albert Hofmann am 11. Januar 2006 holten wir unsere Konzepte aus den 90er Jahren wieder aus der Schublade und begannen gemeinsam Pl\u00e4ne zu schmieden f\u00fcr das Symposium \u00abLSD \u2013 Sorgenkind und Wunderdroge\u00bb (<a href=\"http:\/\/www.lsd.info\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">www.lsd.info<\/a>). Albert Hofmann war im Alter immer offener geworden, unterst\u00fctzte unser Projekt und freute sich darauf. Diese Planung f\u00fchrte dazu, dass wir sehr eng miteinander arbeiteten und fast t\u00e4glich Kontakt hatten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Gaia Media Stiftung organisierte am 11. Januar 2006 zu Hofmanns Ehren einen Festakt im Naturhistorischen Museum Basel, an dem der Jubilar unter anderen vom Basler Regierungsrat Christoph Eymann, dem Kunsth\u00e4ndler Ernst Beyeler, dem Schriftsteller Martin Suter und Paul Herrling, dem Forschungsleiter der Novartis, geehrt wurde. Das Symposium am folgenden Wochenende wurde zu einem riesigen Erfolg. Mehrere tausend Menschen aus allen Kontinenten und insgesamt 37 L\u00e4ndern nahmen daran teil, weiter rund 200 Journalisten aus aller Welt. Die Weltpresse, von der New York Times bis zum Guardian, berichtete dar\u00fcber. Das gr\u00f6sste Kompliment f\u00fcr uns war allerdings die Bemerkung Alberts an der Abschlussveranstaltung als er verk\u00fcndete: \u00abMit dieser Veranstaltung ist aus meinem Sorgenkind definitiv ein Wunderkind geworden.\u00bb<u><\/u><u><\/u><\/p>\n<p>Der enge Kontakt zwischen uns blieb bestehen, da wir nach der grossen Resonanz auf das Symposium einen weiteren gemeinsamen Kongress an Ostern 2008 planten, das World Psychedelic Forum (WPF,\u00a0<a href=\"http:\/\/www.psychedelik.info\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">www.psychedelik.info<\/a>) , als Kontrapunkt zum World Economic Forum (WEF) in Davos. Einen Monat nach der Veranstaltung starb Albert Hofmann, nur wenige Tage nachdem wir ihn noch ein letztes Mal auf seiner geliebten Rittimatte besucht hatten. Nach dem Tod unseres gemeinsamen Freundes wollten wir ihn mit einem kleinen Bildband und ein paar Texten ehren. Dieses Projekt ist w\u00e4hrend der Arbeit stetig gewachsen, so dass am Ende ein 400 Seiten starkes Werk entstand das 2011 im AT-Verlag erschien.\u00a0<em>Albert Hofmann und sein LSD<\/em>\u00a0(<a href=\"http:\/\/www.alberthofmannundseinlsd.ch\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">www.alberthofmannundseinlsd.ch<\/a>) ist die Biographie Albert Hofmanns, verwoben mit einer viele Aspekte umfassenden Geschichte des LSD und dessen Einfluss auf Kultur und Gesellschaft.<\/p>\n<p align=\"center\"><a href=\"https:\/\/www.gaiamedia.org\/deutsch\/deutsch\/wp-content\/uploads\/2016\/09\/Dieter-Hagenbach_Albert-Hofmann.jpg\"><img loading=\"lazy\" tabindex=\"0\" src=\"https:\/\/www.gaiamedia.org\/deutsch\/deutsch\/wp-content\/uploads\/2016\/09\/Dieter-Hagenbach_Albert-Hofmann.jpg\" alt=\"Dieter Hagenbach und Albert Hofmann\" width=\"450\" height=\"337\" border=\"0\" \/><\/a><u><\/u><u><\/u><\/p>\n<p align=\"center\"><em>Dieter Hagenbach mit Albert Hofmann im Herbst 2005<u><\/u><u><\/u><\/em><\/p>\n<p>W\u00e4hrend den zwei Jahren, in denen wir f\u00fcr das Buch recherchierten und daran arbeiteten waren wir in engem, fast t\u00e4glichen Kontakt, meist in unserem B\u00fcro an der Neuweilerstrasse. Diese Treffen sind wegen unseren Auseinandersetzungen um Detailfragen und dem Ringen um passende Formulierungen bei unseren Mitarbeitenden heute noch legend\u00e4r.<u><\/u><u><\/u><\/p>\n<p>Dieter und ich waren in vielem sehr unterschiedlich, haben uns aber auch gut erg\u00e4nzt. Unsere Auseinandersetzungen waren manchmal hitzig, allerdings nie geh\u00e4ssig. Er war detailverliebt, genau, geordnet, strukturiert und hatte ein unbestechliches Auge f\u00fcr grafische Feinheiten. Seine \u00e4ussere Erscheinung war stets gepflegt, in den letzten Jahren kleidete er sich ausschliesslich in weiss oder cremefarben. Er machte alles mit Stil, auf mich machte er zuweilen einen aristokratischen Eindruck.<u><\/u><u><\/u><\/p>\n<p>Nach der Publikation hielten wir gemeinsam mehrere Vortr\u00e4ge. Erfreulicherweise kaufte alsbald eine kalifornische Verlegerin die englischsprachigen Rechte. Dieter arbeitete auch an der \u00dcbersetzung intensiv mit und so reisten wir im April 2013 zur Lancierung der englischsprachigen Ausgabe\u00a0<em>Mystic Chemist<\/em>\u00a0nach Kalifornien, wo wir das Buch am 19. April 2013 \u2013 dem 60. Jahrestag der Entdeckung des LSD \u2013 an einer Konferenz von MAPS (Multidisciplinary Association for Psychedelic Studies,<a href=\"http:\/\/www.maps.org\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">www.maps.org<\/a>) in Oakland vorstellten. Speziell freute sich Dieter \u00fcber die Einladung, das Buch im legend\u00e4ren City Lights Bookshop in San Francisco vorzustellen, in dem avantgardistische Beat-Autoren wie Lawrence Ferlingetti, Alan Ginsberg, Gregory Corso B\u00fccher verlegt hatten und Lesungen gehalten haben.<\/p>\n<p>In den letzten drei Jahren publizierte Dieter vor allem den monatlichen Newsletter und pflegte seine weitverzweigten Kontakte auf der ganzen Welt. In dieser Zeit war unser Kontakt nicht mehr so intensiv. Er besuchte uns jede Woche an der Neuweilerstrasse um die Post der Gaia Media Stiftung zu holen, wechselte mit allen Anwesenden ein paar Worte und wir unterhielten uns \u00fcber Aktuelles, sei es die Stiftung betreffend oder Pers\u00f6nliches.<u><\/u><u><\/u><\/p>\n<p>Am 22. Juli 2016, zwei Tage vor seinem Geburtstag, erhielt er eine niederschmetternde Diagnose, die es ihm schwer machte, die am folgenden Sonntag aus aller Welt eintreffenden Gratulationen und Gl\u00fcckw\u00fcnsche zum Geburtstag entgegen zu nehmen. Am Morgen des 17. August erz\u00e4hlte er Asti Hagenbach, dass er in der vergangenen Nacht in der anderen Welt gewesen sei und dass es so wundersch\u00f6n gewesen sei, dass er gar nicht mehr zur\u00fcckkommen wollte. Am Abend um 23.40 nahm er in ihrer Gegenwart seinen letzten Atemzug.<u><\/u><u><\/u><\/p>\n<p>Wir haben uns mehrmals \u00fcber ein Leben nach dem Tod unterhalten. Dieter war \u00fcberzeugt, dass es in irgendeiner Form weitergehe, wollte sich aber keine Vorstellung dar\u00fcber machen. Der chinesische Kaiser Wu hat einmal den indischen Weisen Bodhidharma gefragt, welches der h\u00f6chste Sinn der Heiligen Wahrheit sei. Bodhidharmas Antwort lautete: \u00abOffene Weite, nichts von heilig\u00bb, eine Antwort die Dieters Weltanschauung ausdr\u00fcckt.<u><\/u><u><\/u><\/p>\n<p>Dieter, Ich danke Dir f\u00fcr die gemeinsam verbrachte Zeit und die gemeinsamen Projekte, von denen wir beide wussten, dass wir sie ohne den Anderen nie in dieser Form h\u00e4tten verwirklichen k\u00f6nnen.<u><\/u><u><\/u><\/p>\n<p align=\"center\"><a href=\"https:\/\/www.gaiamedia.org\/deutsch\/deutsch\/wp-content\/uploads\/2016\/09\/Dieter-Hagenbach_Lucius_Werthmueller.jpg\"><img loading=\"lazy\" tabindex=\"0\" src=\"https:\/\/www.gaiamedia.org\/deutsch\/deutsch\/wp-content\/uploads\/2016\/09\/Dieter-Hagenbach_Lucius_Werthmueller.jpg\" alt=\"Dieter Hagenbach und Lucius Werthmueller\" width=\"450\" height=\"299\" border=\"0\" \/><\/a><u><\/u><u><\/u><\/p>\n<p align=\"center\"><em>Dieter Hagenbach mit\u00a0Lucius\u00a0Werthm\u00fcller in Kalifornien im April 2013<\/em><\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"cleared\"><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Lucius Werthm\u00fcller Am Mittwoch, 17. 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