{"id":556,"date":"2008-04-30T00:04:19","date_gmt":"2008-04-29T22:04:19","guid":{"rendered":"http:\/\/2018.gaiamedia.org\/deutsch\/?p=556"},"modified":"2018-03-31T00:53:22","modified_gmt":"2018-03-30T22:53:22","slug":"albert-hofmann-11-januar-1906-29-april-2008","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gaiamedia.org\/deutsch\/2008\/04\/30\/albert-hofmann-11-januar-1906-29-april-2008\/","title":{"rendered":"Albert Hofmann, 11. Januar 1906 \u2013 29. April 2008"},"content":{"rendered":"<p>Ein Nachruf von <strong>Lucius Werthm\u00fcller<\/strong> und <strong>Dieter Hagenbach<\/strong><\/p>\n<p>Im Alter von 102 Jahren ist Albert Hofmann am fr\u00fchen Morgen des 29. April 2008 in seinem Haus auf der Rittimatte bei Burg im Leimental gestorben. Noch am Wochenende zuvor sprachen wir mit ihm, und er freute sich \u00fcber die bl\u00fchenden Pflanzen und das frische Gr\u00fcn der B\u00e4ume und Wiesen. Seine Lebensfreunde, seine Lebenskraft, und sein wacher Geist haben ihn bis zu seinem letzten Atemzug begleitet.<\/p>\n<p>Er gilt als einer der bedeutendsten Chemiker unserer Zeit und ist der Entdecker von LSD, in dem er bis heute ebenso eine \u00abWunderdroge\u00bb wie ein \u00abSorgenkind\u00bb sieht. Dar\u00fcber hinaus leistete er Pionierarbeit in der Erforschung anderer psychoaktiver Substanzen sowie der Wirkstoffe wichtiger Arzneipflanzen und Pilze. Unter dem Eindruck des bewusstseinserweiternden Potenzials des LSD wandelte sich der Wissenschaftler zunehmend zum Naturphilosophen und kulturkritischen Vision\u00e4r.<\/p>\n<p>Bis zuletzt war Albert Hofmann aktiv: Er korrespondierte mit Fachleuten aus aller Welt, gab Interviews und nahm regen Anteil am Weltgeschehen. Dies obwohl er schon vor mehreren Jahren beschlossen hatte, sich aus dem \u00f6ffentlichen Leben zur\u00fcck zu ziehen. Dennoch hat er bis zuletzt Besucher aus aller Welt auf der Rittimatte empfangen und \u00f6ffnete sogar am sp\u00e4ten Abend unangemeldeten Besuchern die T\u00fcr. Noch vor wenigen Tagen lud er Freunde zu einem Harfenkonzert zu sich nach Hause ein.<\/p>\n<p>Bis zuletzt hat er sich eine fast kindliche Neugier f\u00fcr die Wunder der Natur und der Sch\u00f6pfung erhalten k\u00f6nnen. In seinem \u00abParadies\u00bb \u2013\u00a0 wie er sein Haus auf der Rittimatte zu bezeichnen pflegte \u2013 genoss er die N\u00e4he zur Natur, besonders den Pflanzen. Bei einem unserer letzten Besuche auf der Rittimatte sagte er uns mit leuchtenden Augen: \u00abDie Rittimatte ist meine zweitgr\u00f6sste Entdeckung.\u00bb Es war immer ein besonderes Erlebnis mit ihm \u00fcber seine Wiese zu gehen und seine Freude an allem Lebendigen mit zu erleben.<\/p>\n<p>Dankbar und in Liebe trauern um einen grossen Wissenschaftler, einen bedeutenden Philosophen, einen engen und lieben Freund, und unseren Stiftungsrat. Wir werden ihn in dankbarer und ehrender Erinnerung behalten.<\/p>\n<p>Geboren wurde Albert Hofmann am 11. Januar 1906 in der beschaulichen Schweizer Kleinstadt Baden, als \u00e4ltestes von vier Kindern. Sein Vater ist Werkzeugmacher in einer Fabrik, in der er Alberts sp\u00e4tere Mutter kennenlernt; als er schwer erkrankt, muss Albert, als \u00c4ltester, f\u00fcr den Unterhalt der Familie sorgen. Deshalb absolviert er eine kaufm\u00e4nnische Lehre. Nebenher b\u00fcffelt er Latein und andere Sprachen; denn er will die Matura ablegen, was ihm an einer Privatschule gelingt. Den Unterricht bezahlte ihm ein Taufpate.<\/p>\n<p>1926, mit zwanzig, nimmt Albert Hofmann an der Universit\u00e4t Z\u00fcrich ein Chemiestudium auf. Vier Jahre sp\u00e4ter promoviert er dort mit Auszeichnung. Anschliessend ist er in den pharmazeutisch-chemischen Forschungslaboratorien der Firma Sandoz in Basel t\u00e4tig, der er mehr als vier Jahrzehnte ununterbrochen die Treue h\u00e4lt. Dort befasst er sich vor allem mit Arzneimittelpflanzen und Pilzen. Besonders interessieren ihn die Alkaloide (Stickstoffverbindungen) des Getreidepilzes Mutterkorn. 1938 isoliert er den Grundbaustein aller therapeutisch bedeutsamen Mutterkornalkaloide, die Lysergs\u00e4ure; diese versetzt er mit einer Reihe von Chemikalien. Die so gewonnenen Lysergs\u00e4ure-Derivate testet er dann auf kreislauf- und atmungsanregende Wirkungen \u2013 unter anderem das LSD-25 (Lysergs\u00e4uredi\u00e4thylamid). Weil die beobachteten Effekte hinter den Erwartungen zur\u00fcckbleiben, verlieren die Pharmakologen von Sandoz jedoch rasch das Interesse daran.<\/p>\n<p>Einer \u00abmerkw\u00fcrdigen Ahnung\u00bb folgend, wendet sich Albert Hofmann f\u00fcnf Jahre sp\u00e4ter dem LSD-25 erneut zu. Am 16. April 1943, w\u00e4hrend des Synthetisierens, \u00fcberkommen ihn pl\u00f6tzlich sonderbare Empfindungen \u2013 \u00abeine merkw\u00fcrdige Unruhe, verbunden mit einem leichten Schwindelgef\u00fchl\u00bb \u2013, die ihn veranlassen, die Laborarbeit zu unterbrechen. Zu Hause \u00ablegte ich mich nieder und versank in einen nicht unangenehmen rauschartigen Zustand, der sich durch \u00e4usserst angeregte Phantasie kennzeichnete. Im D\u00e4mmerzustand bei geschlossenen Augen \u2013 das Tageslicht empfand ich als unangenehm grell \u2013 drangen ununterbrochen phantastische Bilder von ausserordentlicher Plastizit\u00e4t und mit intensivem, kaleidoskopartigem Farbenspiel auf mich ein. Nach etwa zwei Stunden verfl\u00fcchtigte sich dieser Zustand.\u00bb<\/p>\n<p>Drei Tage sp\u00e4ter, am 19. April 1943, begibt sich Hofmann auf den ersten freiwilligen LSD-Trip der Menschheitsgeschichte. Weil er die enorme Wirksamkeit der Droge noch nicht einsch\u00e4tzen kann, nimmt er um 16.20 Uhr mit 250 Mikrogramm eine unerwartet hohe Dosis ein \u2013 und lernt die halluzinogene Macht der Substanz intensiv kennen.<br \/>\nMit der Entdeckung des LSD hat Albert Hofmann einen Schneeball ins Rollen gebracht, der im Nu zu einer Lawine anschwillt. Sie beeinflusst das ausgehende zweite Jahrtausend, zumindest in der westlichen Welt, in einem Masse, das nur noch mit der \u00abPille\u00bb vergleichbar ist. Von einer \u00abAtombombe des Geistes\u00bb sprachen Bewusstseinsforscher ehrf\u00fcrchtig.<\/p>\n<p>Zur Forschung, die nun weltweit einsetzt, tr\u00e4gt Albert Hofmann mit eigenen Studien wesentlich bei. So gelingt es ihm 1958 als erstem, aus den mexikanischen Zauberpilzen (Psilocybe mexicana) die psychoaktiven Wirkstoffe Psilocybin und Psilocin zu isolieren; in Ololiuqui, den Samen einer Trichterwinde, findet er Inhaltsstoffe, die dem LSD verwandt sind. Er isoliert und synthetisiert die Wirkstoffe bedeutender Arzneipflanzen, um deren Wirkung zu untersuchen. Seine Grundlagenforschung beschert Sandoz mehrere erfolgreiche Arzneimittel: so das Geriatrikum Hydergin, das Kreislaufmittel Hydergot und das in der Gyn\u00e4kologie eingesetzte Methergin.<\/p>\n<p>Bis zu seiner Pensionierung 1971 bleibt Hofmann bei Sandoz t\u00e4tig, zuletzt als Leiter der Forschungsabteilung f\u00fcr Naturheilmittel. Danach widmet er sich verst\u00e4rkt dem Schreiben und Vortragen. F\u00fcr seine wissenschaftlichen Pionierarbeiten findet er zunehmend Anerkennung: Die Eidgen\u00f6ssische Technische Hochschule Z\u00fcrich, die Universit\u00e4t Stockholm und die Freie Universit\u00e4t Berlin verleihen ihm Ehrendoktorw\u00fcrden.<\/p>\n<p>Ausgezeichnet wurden dabei herausragende Forschungsbeitr\u00e4ge \u2013 doch Albert Hofmanns Lebenswerk umfasst weitaus mehr. Von Anfang an begleitet er wohlwollend die Bem\u00fchungen von \u00c4rzten und Psychotherapeuten, LSD in neue Ans\u00e4tze zur Behandlung von vielerlei chronischen Krankheiten einzubeziehen. LSD n\u00fctzt aber nicht nur bei speziellen Diagnosen \u2013 nach Hofmanns \u00dcberzeugung k\u00e4me das \u00abpsychedelische\u00bb Potential der \u00abWunderdroge\u00bb jedem von uns zugute. In den ver\u00e4nderten Bewusstseinszust\u00e4nden, die LSD ausl\u00f6st, sieht sein Entdecker keineswegs bloss psychotische Wahnzust\u00e4nde eines chemisch manipulierten Gehirns, sondern Fenster zu einer h\u00f6heren Wirklichkeit \u2013 wahrhaft spirituelle Erfahrungen, in denen sich ein gew\u00f6hnlich tief versch\u00fcttetes Potential unseres Geistes, die G\u00f6ttlichkeit der Sch\u00f6pfung, unsere Verbundenheit mit ihr offenbart. \u00abDer einseitige Glaube an die naturwissenschaftliche Sicht des Lebens beruht auf einem folgenschweren Irrtum\u00bb, schreibt Hofmann in\u00a0<em>Einsichten \u2013 Ausblicke<\/em>. \u00abZwar ist alles wahr, was sie enth\u00e4lt \u2013 aber dies repr\u00e4sentiert bloss die eine H\u00e4lfte der Wirklichkeit; nur deren materiellen, quantifizierbaren Teil. Ihr mangelt es an all jenen spirituellen Dimensionen, die nicht in physikalischen oder chemischen Begriffen beschrieben werden k\u00f6nnen; und gerade diese schliessen die wichtigsten Charakteristika alles Lebens ein.\u00bb<\/p>\n<p>Von einer Chemikalie, welche diese Aspekte der Welt erkennen hilft, profitiert nicht nur der einzelne Konsument; f\u00fcr Hofmann k\u00f6nnte sie Defizite heilen helfen, an denen die westliche Welt chronisch krankt: \u00abMaterialismus, Entfremdung von der Natur (\u2026), Mangel an beruflicher Erf\u00fcllung in einer mechanisierten, leblosen Arbeitswelt, Langeweile und Ziellosigkeit in einer wohlhabenden, saturierten Gesellschaft, das Fehlen einer sinnstiftenden philosophischen Grundlegung des Lebens\u00bb. Von Erfahrungen ausgehend, wie LSD sie vermittelt, k\u00f6nnten wir \u00abein neues Bewusstsein der Wirklichkeit entwickeln\u00bb, das \u00abzur Grundlage einer Spiritualit\u00e4t werden k\u00f6nnte, die nicht auf den Dogmen bestehender Religionen beruht, sondern auf Einsichten in einen h\u00f6heren und tieferen Sinn\u00bb \u2013 darauf, dass \u00abwir die Enth\u00fcllungen \u201aim Buch, das der Finger Gottes schrieb\u2019, erkennen, lesen und verstehen\u00bb. Wenn solche Einsichten \u00abEingang in unser kollektives Bewusstsein finden, k\u00f6nnte sich daraus ergeben, dass die naturwissenschaftliche Forschung und die bisherigen Zerst\u00f6rer der Natur \u2013 Technologie und Industrie \u2013, dazu dienen werden, unsere Welt in das zur\u00fcckzuverwandeln, was sie einst war: in einen irdischen Garten Eden.\u00bb<\/p>\n<p>Mit dieser Botschaft wird aus dem genialen Chemiker ein tiefsinniger Naturphilosoph und kulturkritischer Vision\u00e4r. Die kritische Distanz zur LSD-Euphorie von Hippie- und Flower Power-Bewegten hat Albert Hofmann allerdings nie aufgegeben; dass er ein \u00abSorgenkind\u00bb in die Welt gesetzt hat, betont er schon im Titel seines bekanntesten Werks. Stets weist er auf die Risiken eines unkontrollierten Konsums hin. Andererseits wird er nicht m\u00fcde zu betonen, was LSD von den meisten anderen Drogen grundlegend unterscheidet: Auch bei wiederholtem Gebrauch macht es nicht abh\u00e4ngig; es schr\u00e4nkt das Bewusstsein nicht ein; in \u00fcblicher Dosis ist es v\u00f6llig ungiftig. Die pauschale Verteufelung von Psychedelika, die Massenmedien und konservative Regierungen von den sechziger Jahren an betrieben, konnte er nie nachvollziehen; f\u00fcr ihn spricht nichts dagegen, dass psychisch stabile Pers\u00f6nlichkeiten in ausgeglichener Stimmungslage und angenehmer Umgebung LSD zu sich nehmen. Um so entt\u00e4uschter war Albert Hofmann, als er miterleben musste, wie der Gebrauch von LSD seit den ausgehenden sechziger Jahren weltweit kriminalisiert und verboten wurde \u2013 sogar zu therapeutischen und Forschungszwecken.<\/p>\n<p>Die Anst\u00f6sse zu einer Kehrtwende, die vom internationalen Symposium \u00abLSD \u2013 Sorgenkind und Wunderdroge\u00bb anl\u00e4sslich seines hundertsten Geburtstags ausgegangen sind, empfand er als sch\u00f6nstes Geburtstagsgeschenk. Mit bald 102 Jahren nahm er mit grosser Freude zur Kenntnis, dass nach einem Unterbruch von rund 35 Jahren, im Dezember 2007 in der Schweiz eine Studie zur therapeutischen Anwendung des LSD vom BAG bewilligt wurde.<br \/>\nSein Leben im Alter ist f\u00fcr viele Menschen zu einem Idealbild geworden daf\u00fcr, wie wir in geistiger und k\u00f6rperlicher Frische ein hohes Alter erreichen k\u00f6nnen, wenn wir uns die kindliche Neugier zu bewahren verm\u00f6gen.<\/p>\n<p>Er dr\u00fcckte mehrfach seine \u00dcberzeugung aus, dass seine mystischen Erfahrungen und Reisen in andere Welten des Bewusstseins, die er als Kind spontan und sp\u00e4ter in seinen Experimenten mit psychedelischen Substanzen erlebt hatte, die beste Vorbereitung auf die letzte Reise seien, die jeder am Ende seines Lebens anzutreten hat. Er hat sich die Neugier selbst f\u00fcr seine letzte Reise bewahren k\u00f6nnen.<br \/>\n30 Apr 08<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Nachruf von Lucius Werthm\u00fcller und Dieter Hagenbach Im Alter von 102 Jahren ist Albert Hofmann am fr\u00fchen Morgen des 29. April 2008 in seinem Haus auf der Rittimatte bei Burg im Leimental gestorben. 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