{"id":561,"date":"2001-02-01T00:57:10","date_gmt":"2001-01-31T23:57:10","guid":{"rendered":"http:\/\/2018.gaiamedia.org\/deutsch\/?p=561"},"modified":"2018-02-11T01:00:36","modified_gmt":"2018-02-11T00:00:36","slug":"rupert-sheldrake-und-die-entstehung-der-arten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gaiamedia.org\/deutsch\/2001\/02\/01\/rupert-sheldrake-und-die-entstehung-der-arten\/","title":{"rendered":"Rupert Sheldrake und die Entstehung der Arten"},"content":{"rendered":"<p>Von Susanne G. Seiler<\/p>\n<p>Als der Biochemiker und Wissenschaftsphilosoph Rupert Sheldrake 1981 \u00abA New Science of Life\u00bb (\u00abDas sch\u00f6pferische Universum\u00bb) ver\u00f6ffentlichte, waren einige seiner Kollegen \u00fcber dessen Inhalt derart aufgebracht, dass sie die renommierte Zeitschrift Nature aufforderten, es \u00f6ffentlich zu verbrennen. Dennoch bleibt der unkonventionelle Brite seit Charles Darwin der einzige, der mit einer umfassenden Theorie zur Entstehung der Arten aufwartet, weshalb er ebenso popul\u00e4r wie umstritten und einer der meist zitierten Biologen \u00fcberhaupt ist.<br \/>\nSeine \u00abTheorie der morphogenetischen Felder\u00bb geht davon aus, dass wir uns nicht in einem luftleeren Raum entwickeln, sondern uns aus einem bereits organisierten System entfalten, dass er den morphogenetischen Keim nennt. Die Morphogenese ist biochemischer Natur und findet bereits im Kernplasma statt. Alles andere ist nicht so sehr Kampf als vielmehr Gewohnheit, wie Sheldrake argumentiert. Seine morphogenetischen Felder nennt er \u00abWahrscheinlichkeitsstrukturen\u00bb, eine Art sich selbst erf\u00fcllende Matrizen. Das heisst zwar nicht, dass jede Form in lebenden Organismen vorbestimmt ist, aber doch die meisten, denn sie unterliegen einem Einfluss aus der Vergangenheit, der sie einem Wiederholungsmuster ausliefert. Morphogenetische Felder zieht es zu einem Endpunkt hin, der auf undefinierbare Weise in ihnen angelegt ist: In der Eichel ist die zuk\u00fcnftige Eiche enthalten, aus einem Giraffenembryo erw\u00e4chst eine Giraffe usw.<br \/>\nAnalog zum magnetischen Feld ist die Idee morphogenetischer Felder von der Entstehungsbiologie durchaus gut aufgenommen worden, auch wenn niemand weiss, wie so ein Feld geartet ist. Sheldrake sieht darin R\u00e4ume einer der Physik noch unbekannten Art. Wie das kollektive Unterbewusste Jungs enthalten auch sie eine Art gemeinsames Ged\u00e4chtnis, aus dem jedes einzelne Wesen der Gattung sch\u00f6pfen kann und zu dessen weiteren Ausformung es selbst auch beitr\u00e4gt. Dieses Feld wirkt nicht durch die ewigen mathematischen Formeln eines fernen Deus ex machina, sondern durch die reellen Gestalten, die von fr\u00fcheren Mitgliedern ihrer Art angenommen wurden. Je \u00f6fter sich dieses Entwicklungsmuster wiederholt, desto gr\u00f6sser ist die Wahrscheinlichkeit, dass es sich auch in Zukunft wiederholen wird. In diesem Sinne sind die charakteristischen Z\u00fcge einer bestimmten Gattung Gewohnheiten, die sich nicht nur unter dem Einfluss von Feldern bilden, sondern auch von Feldern gespeichert und \u00fcber Felder vererbt werden.<br \/>\nNun ist das Wesentliche an einer neuen wissenschaftlichen Theorie bekanntlich, inwiefern sie den Wissensschatz bereits beantworteter Fragestellungen um weitere Erkl\u00e4rungen bereichern kann. In seinem zweiten Buch (\u00abDas Ged\u00e4chtnis der Natur\u00bb) nimmt der brillante Harvard- und Cambridge-Absolvent die unerkl\u00e4rten Widerspr\u00fcche seines Fachs aufs Korn. Ende der Sechzigerjahre, als er sein Studium aufnahm, begannen unsere Wissenschaftler gerade erst das Korsett viktorianischer Kausalit\u00e4t abzulegen. Aus heutiger Sicht befindet sich das Universum jedoch in einem Evolutionsprozess, was die einleuchtende Folgerung zul\u00e4sst, dass es zur Zeit des Urknalls noch keine physikalischen Gesetze gab. Diese konsolidierten sich erst mit dem langsamen Abk\u00fchlen der Ursuppe, als erste chemische und physikalische Prozesse ihren Anfang nahmen. Wie Sheldrake betont, m\u00fcssten sich in einem evolvierenden Universum auch die Organisationsprinzipien aller Systeme entwickelt haben. Das st\u00f6sst nat\u00fcrlich auf Widerstand, denn wissenschaftliche Materialisten argumentieren, gerade diese grundlegenden physikalischen Prinzipien h\u00e4tten es dem Kosmos erlaubt, in Erscheinung zu treten.<br \/>\nDer Gedanke, das Organisationsprinzip der Materie sei ein Feld, wurde in den zwanziger Jahren von den Biologen Hans Spemann, Alexander Gurwitsch und Paul Weiss aufgegriffen. Sie nennen es \u00abEntwicklungsfeld\u00bb, \u00abembryonales Feld\u00bb oder \u00abmorphogenetisches Feld\u00bb. In den Dreissigern postuliert C.D. Waddington \u00abIndividuationsfelder\u00bb, die der Mathematiker Ren\u00e9 Thom weiter entwickelt. Bei ihm nimmt die stabile Form, auf die ein System sich hin entwickelt, die Gestalt eines Attraktors oder eines Attraktionsbassins im morphischen Feld an. Sheldrake sieht darin etwas Animistisches, das sich durch einen von dem Systemtheoretiker Hans Driesch \u00abEntelechie\u00bb genannten Prozess aus sich selbst heraus entfaltet. Wie beim Urknall stellt sich auch durch dieses theoretische Ger\u00fcst die Frage nach der Initialz\u00fcndung, dem g\u00f6ttlichen Funken. Das grosse Mysterium bleibt bestehen.<br \/>\nF\u00fcr Sheldrake geht es vorrangig darum, die Wirkung seiner Theorie zu beweisen. Er nennt sie \u00abmorphische Resonanz\u00bb und untersucht sie am Beispiel von Kristallen und ihrer symmetrischen Entwicklung, an gewissen Faktoren innerhalb der biologischen Vererbungslehre und am instinktiven Verhalten der Tiere. Der Kristallisationsprozess vielerlei Arten von Kristallen ist detailliert beschrieben worden, doch niemand weiss, weshalb sie ihre unz\u00e4hligen Formen annehmen. Auch wissen wir wenig dar\u00fcber, wie ein Kristall als Ganzes w\u00e4chst. Ist dieses Wachstum nun vorgegeben oder zuf\u00e4llig? Sheldrake meint, wir k\u00f6nnen davon ausgehen, dass eine Resonanz zwischen den Feldern symmetrischer Strukturen besteht und dass diese Eigenresonanz f\u00fcr die Symmetrie von entscheidender Bedeutung ist. Speichern Kristalle, Pflanzen oder Tiere in ihren Zellen also Erinnerungen? Und wie ist das bei uns?<br \/>\nDem ber\u00fchmten Linguisten und Semantiker Noam Chomsky verdanken wir die Einsicht, dass Sprache im Bewusstsein w\u00e4chst, wie die physikalischen Systeme des K\u00f6rpers wachsen, was wir an den erstaunlichen sprachlichen Lernf\u00e4higkeiten unserer Kinder sehen k\u00f6nnen oder auch daran, dass wir mit der Sprache auch immer ein wenig die Pers\u00f6nlichkeit wechseln. Um diesen Entwicklungsprozess an der Hypothese der morphischen Resonanz zu \u00fcberpr\u00fcfen, schlug der Gewinner eines von der britischen Zeitschrift New Scientist ausgeschriebenen Wettbewerbs vor, englische Versuchspersonen sollten unter standardisierten Bedingungen zwei kurze t\u00fcrkische Kinderreime auswendig lernen. Einer davon war traditionell und Millionen T\u00fcrken bekannt, der zweite entstand durch Umstellung der Worte des ersten. Wurde das Auswendiglernen des echten Reims durch die morphische Resonanz von Millionen T\u00fcrken unterst\u00fctzt, m\u00fcsste er wesentlich einfacher auswendig zu lernen sein.<br \/>\nSchliesslich wurden japanische Verse gew\u00e4hlt, die der japanische Lyriker Shuntaro Tanikawa dem Wissenschaftler zur Verf\u00fcgung stellte. Zweiundsechzig Prozent der Versuchspersonen konnten sich eine halbe Stunde nach dem Einpr\u00e4gen am besten an den echten Vers erinnern, ein hoch signifikantes Resultat. Versuche mit Hebr\u00e4isch, Persisch und dem Morse-Alphabet folgten, ebenfalls mit ermutigenden Ergebnissen.<br \/>\nNach den Menschen wandte sich der findige Biologe den unbestechlichen Tieren zu. An einem solchen Versuch nahm sogar die offizielle Schweiz teil. Die Armee liess 1996 einen Taubenschlag nach Holland fliegen \u2013 damals, als sie als eine der letzten Armeen der Welt noch Tauben hielt. Man liess die patriotischen V\u00f6gel zusammen mit niederl\u00e4ndischen Artgenossen von Bord eines Schiffs aus fliegen, um zu sehen, ob und wie sie nach Hause fanden, obwohl sie das eigentlich nicht sollten. Nicht nur wurden die Schweizer Tauben absichtlich verwirrt: Woher wissen Tauben \u00fcberhaupt, wie sie nach Hause kommen? Und wie machen es die Zugv\u00f6gel? Die Wissenschaft gibt bisher keine \u00fcberzeugenden Antworten auf diese Fragen, doch unsere Tauben fanden heil zur\u00fcck.<br \/>\nNichts aber war spektakul\u00e4r oder popul\u00e4r genug, bis Sheldrake schliesslich auf den Hund kam. Tiere l\u00fcgen nicht. Sie k\u00f6nnen keine Forschungsergebnisse manipulieren und nur sehr begrenzt erw\u00fcnschtes Verhalten produzieren. Das Video von der Frau, deren Hund vor laufender Kamera bewies, dass er genau wusste, wann seine Herrin nach Hause fuhr, gleich welchen Heimweg und welches Verkehrsmittel sie w\u00e4hlte, ging um die Welt. Hundebesitzerin Pamela Smart wurde Rupert Sheldrakes erste Forschungsassistentin. Seither haben sich einige Tausend Laien und Fachleute \u2013 darunter viele Schulkinder \u2013 bem\u00fcht, ihm bei seinen Untersuchungen behilflich zu sein. Auch der Schweizer Tierschutz machte mit in Form eines detaillierten Fragebogens zu den telepathischen F\u00e4higkeiten von Haustieren. Die Teilnahme war \u00fcberw\u00e4ltigend.<br \/>\nEs wurde auch weiter \u00abam Menschen\u00bb geforscht, wie bei den \u00abStarrversuchen\u00bb, wo eine Versuchsperson anzugeben versucht, ob die zweite sie von hinter anstarrt oder nicht. Dabei sitzt man einfach in einigen Metern Abstand hintereinander (f\u00fcr den Hausgebrauch), aber auch mit Spiegeln oder durch geschlossene Fenster wird gearbeitet. Zwanzig Versuche pro Serie gen\u00fcgen. Leider wird es ohne weiteren Anreiz (wie z.B. Bezahlung) schnell langweilig. Beim ersten Mal sind die Resultate oft verbl\u00fcffend, vor allem bei Kindern, die spontaner antworten und weniger h\u00e4ufig den Umweg \u00fcber den (ver)urteilenden Intellekt w\u00e4hlen als Erwachsene.<br \/>\nWissen Sie, wer dran ist, wenn Ihr Telefon klingelt? Wachen Sie auf, ehe Ihr Wecker abgeht? Haben Sie oder Ihre Haustiere manchmal Vorahnungen (wegen Unf\u00e4lle, Geburten, R\u00fcckkehr von Reisen usw.)? Sind Sie eine stillende Frau, deren Milch anf\u00e4ngt auszulaufen, wenn es bald Zeit f\u00fcr Babys Mahlzeit ist? Originell wie immer, zeigt Sheldrake uns, dass wir unseren subtileren Wahrnehmungen Glauben schenken d\u00fcrfen. Die Ph\u00e4nomene, die er er\u00f6rtert, sind universell und tragen dazu bei, unsere Sicht von uns Selbst und der Welt zu erweitern. Dabei stehen Natur und Kosmos im Vordergrund, in deren Mitte jedoch der Mensch, verbunden mit allem, was ihm lieb und gewohnt ist.<\/p>\n<p>Rupert Sheldrake studierte Naturwissenschaften in Cambridge und als Frank Knox-Stipendiat Philosophie in Harvard. Er promovierte 1967 mit einem Ph.D. in Biochemie in Cambridge und war Fellow des Clare College, Cambridge, wo er bis 1973 als Direktor der Studien in Biochemie und Zellbiologie diente. Als Untersuchungsbeauftragter der Royal Society unternahm er Studien in Cambridge zur Entwicklung von Pflanzen und dem Alterungsprozess von Zellen. Von 1974 bis 1978 war er Oberster Pflanzenphysiologe am Principal Plant International Crops Research Institute for the Semi-Arid Tropics (ICRISAT) in Hyderabad in Indien, wo er an der Physiologie tropischer Gem\u00fcseernten arbeitete und bis 1985 Konsultierender Physiologe war. Er hat mehr als f\u00fcnfzig Arbeiten in wissenschaftlichen Zeitschriften publiziert.<br \/>\nSheldrake verbrachte anderthalb Jahre in Shantivanam, damals der Ashram von Pater Bede Griffiths in S\u00fcdindien, wo er \u00abA New Science of Life\u00bb schrieb. Sein Buch \u00abSieben Experimente, die die Welt ver\u00e4ndern k\u00f6nnten\u00bb wurde 1994 vom British Institute for Social Inventions zum Buch des Jahres gew\u00e4hlt. \u00abDer siebte Sinn der Tiere\u00bb machte ihn international bekannt; mit seinen Videos \u00fcber Hunde und Katzen, die wissen, wann ihre Besitzer nach Hause kommen, war er nicht nur zu Gast bei Oprah Winfrey sondern auch bei unserem Kurt Aeschbacher.<br \/>\nIn England gewann das Buch \u00abDer siebte Sinn der Tiere\u00bb 1996 den British Scientific and Medical Network Book of the Year Award. Im Juli 2000 residierte Sheldrake als H. Burr Steinbach Visiting scholar am Woods Hole Oceanographic Institution in Massachusetts. Er ist Fellow des Institute of Noetic Sciences in San Francisco, verheiratet mit der Musikerin Jill Purce, hat zwei S\u00f6hne und lebt in London. Mehr zu seiner Arbeit und Person finden Sie auf www.sheldrake.org englisch und deutsch.<\/p>\n<p>Wo nicht anders angegeben, sind Rupert Sheldrakes B\u00fccher beim Scherz Verlag, Frankfurt, erschienen.<br \/>\n\u00abDas sch\u00f6pferische Universum\u00bb, 1984 (Goldmann TB 11478); \u00abDas Ged\u00e4chtnis der Natur \u2013 Das Geheimnis der Entstehung der Formen in der Natur\u00bb, 1990; \u00abDie Wiedergeburt der Natur \u2013 Wissenschaftliche Grundlagen eines neuen Verst\u00e4ndnis der Lebendigkeit und Heiligkeit der Natur\u00bb, 1991; \u00abSieben Experimente, die die Welt ver\u00e4ndern k\u00f6nnten \u2013 Anstiftung zur Revolutionierung des wissenschaftlichen Denkens\u00bb, 1994; \u00abDer siebte Sinn der Tiere \u2013 Warum ihre Katze weiss, wann Sie nach Hause kommen, und andere unerkl\u00e4rte F\u00e4higkeiten der Tiere\u00bb, 1999; \u00abDer siebte Sinn des Menschen \u2013 Gedanken\u00fcbertragung, Vorahnungen und andere unerkl\u00e4rliche F\u00e4higkeiten\u00bb, 2003<br \/>\nH.P. D\u00fcerr und Th. Gottwald (Hrsg.), Rupert Sheldrake in der Diskussion. \u00abDas Wagnis einer neuen Wissenschaft des Lebens\u00bb, 1997.<br \/>\nMit dem Theologen Matthew Fox: \u00abEngel \u2013 Die kosmische Intelligenz\u00bb, K\u00f6sel, M\u00fcnchen 1998; \u00abDie Seele ist ein Feld \u2013 Der Dialog zwischen Wissenschaft und Natur\u00bb, O.W. Barth, M\u00fcnchen 1998.<br \/>\nMit dem Ethnobotaniker Terence McKenna und dem Mathematiker Ralph Abraham: \u00abDenken am Rande des Undenkbaren \u2013 \u00dcber Ordnung, Physik und Metaphysik, Ego und Weltenseele\u00bb, 1992, 1995 Serie Piper 1690; \u00abCybertalk \u2013 Mutige Anst\u00f6sse f\u00fcr die Vernetzung von wissenschaftlichem Fortschritt und Heilung der Erde\u00bb, 1998.<\/p>\n<p>Susanne G. Seiler studierte Soziologie und Linguistik. Sie lebt und arbeitet als Autorin, \u00dcbersetzerin und freie K\u00fcnstlerin in Z\u00fcrich. dakini@dakini.ch<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.sheldrake.org\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">www.sheldrake.org<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Susanne G. Seiler Als der Biochemiker und Wissenschaftsphilosoph Rupert Sheldrake 1981 \u00abA New Science of Life\u00bb (\u00abDas sch\u00f6pferische Universum\u00bb) ver\u00f6ffentlichte, waren einige seiner Kollegen \u00fcber dessen Inhalt derart aufgebracht, dass sie die renommierte Zeitschrift Nature aufforderten, es \u00f6ffentlich zu verbrennen. 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