{"id":941,"date":"2015-04-23T01:27:08","date_gmt":"2015-04-22T23:27:08","guid":{"rendered":"https:\/\/www.gaiamedia.org\/deutsch\/deutsch\/?p=941"},"modified":"2018-03-31T01:27:57","modified_gmt":"2018-03-30T23:27:57","slug":"mono-poly-beziehungen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gaiamedia.org\/deutsch\/2015\/04\/23\/mono-poly-beziehungen\/","title":{"rendered":"Mono-Poly-Beziehungen"},"content":{"rendered":"<p><strong>Von Dominique Zimmermann<br \/>\n<\/strong><br \/>\nWer seinen Lebenssinn in Beziehungen sucht, die auf romantische Kontinuit\u00e4t bauen, und auf jahrelanges Knistern hofft, kann hart auf dem Boden der Realit\u00e4t landen. Doch es gibt erf\u00fcllende Alternativen.<\/p>\n<p>Freundschaften und Liebesbeziehungen geben unserem Leben einen besonderen Sinn: Durch sie erleben wir, dass wir soziale Wesen sind und ein Bed\u00fcrfnis nach Austausch und sinnlicher N\u00e4he haben. Wie Beziehungen gestaltet werden, ist jedoch kulturell bedingt ganz verschieden.<\/p>\n<p>Wenn sich erotische Liebe nicht exklusiv auf eine einzige Person konzentriert, f\u00fchrt das, je nachdem, wo wir leben und in welcher Position wir uns befinden, zu Irritation, \u00c4chtung oder gar Bestrafung. Gleichzeitig machen immer mehr Menschen die Erfahrung, dass es schwieriger geworden ist, strikt monogam zu leben.<\/p>\n<p>Mittlerweile finden wir auch in seri\u00f6sen Frauenzeitschriften die scheue Aussage, dass Untreue nicht zwingend daneben sei und das Ende einer Beziehung bedeuten m\u00fcsse. Die Frage nach einem ad\u00e4quaten Beziehungs-, Liebes- und Sexleben musste sich fr\u00fcher oder sp\u00e4ter aufdr\u00e4ngen; heutige Lebensentw\u00fcrfe bauen nicht mehr wie einst auf Kontinuit\u00e4t. Unsere Biografien sind gepr\u00e4gt von steten Ver\u00e4nderungen und Entscheidungsvielfalt.<\/p>\n<p><strong>Romantische Ehe<br \/>\n<\/strong><br \/>\nIn der entflammten Polyamorie-Debatte wird diskutiert, wie sinnvoll und realistisch die in die Jahre gekommene Idee einer romantischen Zweierbeziehung heute noch ist. Die romantische Ehe, in Europa erstmals umgesetzt in der Oberschicht der Neuzeit, verspricht die Erf\u00fcllung einiger menschlicher Grundbed\u00fcrfnisse \u2013 etwa sich in einer \u00abgrossen Liebe\u00bb dauerbefriedigt in Sicherheit zu w\u00e4hnen.<\/p>\n<p>Neben den vielen t\u00e4glichen Entscheidungen, die wir f\u00e4llen m\u00fcssen, sind das Bed\u00fcrfnis nach Konstanz in Beziehungen und der Wunsch, mit all unseren Marotten geliebt zu werden, durchaus verst\u00e4ndlich. Die hohe Zahl an heimlich gef\u00fchrten Zweitbeziehungen, gescheiterten Ehen und \u00abserieller Monogamie\u00bb weist jedoch darauf hin, dass die Exklusivit\u00e4t in vielen F\u00e4llen nicht wie geplant gelingt. Die Realit\u00e4t des gelebten Romeo-und-Julia-Modells ist auch ohne vorzeitiges Ableben der Protagonisten oft von Zweifeln und N\u00f6ten begleitet. Ausgerechnet in dem Bereich, wo so viel Erf\u00fcllung gesucht wird, ist so viel Elend anzutreffen.<\/p>\n<p><strong>Maximal drei Jahre<br \/>\n<\/strong><br \/>\nUnz\u00e4hlige Paartherapie-Angebote versuchen, dem zur \u00d6dnis verkommenen Darkroom der Zweierkiste neues Leben einzuhauchen. Was hier kritischer hinterfragt werden k\u00f6nnte, ist die Annahme, dass sich zwei Menschen langfristig exklusiv begehren k\u00f6nnen und sollen. Wenn alles nichts hilft und vieles probiert wurde, dr\u00e4ngt sich bei den verzweifelten Romantikern die Vermutung auf, dass halt einfach doch noch nicht die passende Liebe gefunden wurde und eine andere Beziehung kein Gef\u00fchl der Ern\u00fcchterung entstehen liesse. Wie der Philosoph Richard David Precht in seinem Vortrag \u00abLiebe in Zeiten der Krise\u00bb betont, h\u00e4lt Verliebtheit jedoch maximal etwa drei Jahre an \u2013 danach sollte sie auch wieder abklingen, ansonsten w\u00fcrden wir verbl\u00f6den.<\/p>\n<p>Sexuelle Spielarten kultivieren und lieben kann man langfristig, wenn man liebesf\u00e4hig und lernbereit ist. Aber die Qualit\u00e4t von Liebe unterscheidet sich von jener der Verliebtheit. Auf \u00abWolke 7\u00bb wird, von Hormonsch\u00fcben gedopt, die Begehrens- und Projektionsmaschine angeworfen. Konservierbar sind diese Gef\u00fchle nicht. Die Unterstellung, dass Menschen von Natur aus monogam begehren und am besten unter geleistetem Schwur auf das Bed\u00fcrfnis nach erotischer N\u00e4he mit anderen verzichten, wird nicht in allen Kulturen gleichermassen vermittelt.<\/p>\n<p>Die Leere, die entsteht, wenn wir uns Lebendigkeit dort erhoffen, wo ein auferlegtes Verbot zur strikten Kanalisierung unserer Gef\u00fchle und unseres Begehrens zwingt, ist vernichtend und kann leicht in ein Suchtverhalten m\u00fcnden: Der wiederholte K(l)ick am Bildschirm oder die Abreaktion im Konsum von Pornos befriedigt das Bed\u00fcrfnis nach Begegnung \u00fcberhaupt nicht.<\/p>\n<p><strong>Alles oder nichts<br \/>\n<\/strong><br \/>\nObwohl Isolation und Gewalt in Intimbeziehungen keine Seltenheit sind, gelten Singles nach wie vor als einsam und Polys wecken mehr Skepsis als andere \u00abAbweichler\u00bb: Unverbindlichkeit, Egoismus oder Liebesunf\u00e4higkeit sind einige der Verd\u00e4chtigungen, die in der Annahme gipfeln, dass das doch sowieso nicht gut gehen kann. Wer sich jedoch in Standardwerken wie etwa \u00abSchlampen mit Moral\u00bb schlau macht, wird einsehen, dass gerade bei offen liebenden Menschen hohe ethische Anspr\u00fcche und die Bereitschaft anzutreffen sind, sich selber und die Beziehungen authentisch zu geniessen, zu reflektieren und falls n\u00f6tig zu ver\u00e4ndern. Diese Haltung wird weniger zu abrupten Wendungen f\u00fchren als bei einem Alles-oder-Nichts-Modell, da es um eine umfassendere, aber offene Form von Liebe geht, ohne Besitzanspr\u00fcche.<\/p>\n<p>Nicht nur f\u00fcr Sex, sondern f\u00fcr Beziehungen generell gilt: Wo ein Nein m\u00f6glich ist, kann es auch ein klares Ja geben. Inbegriff von Lebendigkeit sind nebst Lust und Erotik generell Begegnungen mit Menschen, die eine \u00e4hnliche Wellenl\u00e4nge haben \u2013 also Freundschaften oder gute Arbeits- und Freizeitbeziehungen. Erotische Energien sind nicht mechanisch erzeugbar, sondern bilden sich in einem komplexen Konglomerat von Stimulationen auf ganz verschiedenen Ebenen: geistig, emotional und physisch. Wie und ob diese Ebenen in Balance sind, h\u00e4ngt auch davon ab, was das Leben gerade an uns herantr\u00e4gt. Schliesslich sind wir immer Akteure in einem Film mit diversen Darstellern: Ob sich ein Thriller, ein erotischer Roadmovie oder eine oberfl\u00e4chliche Seifenoper ergibt, bestimmen wir zwar mit, aber nicht allein.<\/p>\n<p>Was schon im 20. Jahrhundert unter dem Stichwort \u00abfreie Liebe\u00bb diskutiert wurde, erf\u00e4hrt als Polyamorie neuerdings eine Pr\u00e4zisierung und Erweiterung, da es nicht nur um geteilte Sexualit\u00e4ten geht, sondern auch um Liebe und Achtsamkeit. Das monogame Menschenbild wird radikal hinterfragt, exklusive Beziehungen werden aber nicht durchwegs abgelehnt. Es geht um die Forderung, Beziehungsformen zu verhandeln, und nicht einfach an das, was uns das Kino und die Medien vermitteln, zu glauben.<\/p>\n<p><strong>Dann beginnt der Streit<br \/>\n<\/strong><br \/>\nIm Fokus ist eine verspielte Lebenshaltung, die sich auch auf unsere Arbeit und unsere Sorgsamkeit uns selber gegen\u00fcber \u00fcbertragen l\u00e4sst. Die an der Norm orientierten Beziehungen treffen oft keine Abmachungen, da davon ausgegangen wird, dass allen Beteiligten sowieso klar ist, was recht und schlecht ist. Erst wenn vermeintliche \u00dcbereink\u00fcnfte gest\u00f6rt werden, beginnt die Diskussion \u2013 und oft auch der Streit. Die Debatte fordert uns auf, in individuellen Varianten einen Konsens zu finden und unser Bed\u00fcrfnis nach Lebendigkeit und Offenheit nicht einer unrealistischen Beziehungsidee zu opfern.<\/p>\n<p>F\u00fcr Mehrfachbeziehungen gilt ebenso wie f\u00fcr das Leben generell: Manchmal scheitern wir, dann wieder gl\u00fcckt das, was wir f\u00fcr unm\u00f6glich hielten. Kein Leben ist immer sch\u00f6n, gut und lustig. Sinn erschliesst sich aus dem Erleben und Erlebten selbst und den daraus folgenden Lebensgeschichten. Der Protagonist in Robert Musils \u00abAmsel\u00bb sagt es so: \u00abWenn ich den Sinn w\u00fcsste, so br\u00e4uchte ich dir wohl nicht erst zu erz\u00e4hlen.\u00bb Sinn wird nicht einfach gefunden, sondern wird von uns und insbesondere von jenen, die den Mut zu revidierten Lebens- und Liebesentw\u00fcrfen aufbringen, immer wieder neu erzeugt.<\/p>\n<p><strong>Literatur<\/strong><\/p>\n<p>Dossie Easton, Janet W. Hardy, Schlampen mit Moral. Eine praktische Anleitung f\u00fcr Polyamorie, offene Beziehungen und andere Abenteuer, M\u00fcnchen 2014.<\/p>\n<p>Holger Lendt, Lisa Fischbach, Treue ist auch keine L\u00f6sung. Ein Pl\u00e4doyer f\u00fcr mehr Freiheit in der Liebe, M\u00fcnchen 2011.<\/p>\n<p>Adam Phillips, Monogamie \u2026 aber drei sind ein Paar, Frankfurt 1997.<\/p>\n<p>Peter Schellenbaum, Das Nein in der Liebe. Abgrenzung und Hingabe in der erotischen Beziehung, Stuttgart 1986.<\/p>\n<p>Erhard S\u00f6hner und B\u00e4rbel Schlender (Hrsg.), Ein Fr\u00fchst\u00fcck zu Dritt. Leben und lieben in Mehrfachbeziehungen, Wien, M\u00fcnchen 2006.<\/p>\n<p>Thomas Schroedter, Christina Vetter, Polyamory. Eine Erinnerung, Stuttgart 2010.<\/p>\n<p>Dominique Zimmermann, Imre Hofmann, Die andere Beziehung. Polyamorie und philosophische Praxis, Stuttgart 2012.<\/p>\n<p>Dominique Zimmermann, Das Mass der Liebe. Pl\u00e4doyer f\u00fcr ein subversives Nein. Mit Beitr\u00e4gen von Ayseg\u00fcl Sah Bozdogan, Stuttgart 2015.<br \/>\n<strong><br \/>\n<\/strong><br \/>\nDominique Zimmermann ist Philosophin und Autorin. Sie lebt und arbeitet in Basel. Seit 1999 f\u00fchrt sie die Philosophische Praxis \u00abchora\u00bb und arbeitet als Journalistin und Texterin. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Geschlechterforschung, Sexualit\u00e4t und Beziehungen.<\/p>\n<p>Dieser Artikel ist zuerst unter dem Titel \u00abIm Darkroom der exklusiven Liebe\u00bb in der TagesWoche erschienen \u2013 Abdruck mit freundlicher Genehmigung<\/p>\n<p>\u00a9 2012, 2015 Dominique Zimmermann<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Dominique Zimmermann Wer seinen Lebenssinn in Beziehungen sucht, die auf romantische Kontinuit\u00e4t bauen, und auf jahrelanges Knistern hofft, kann hart auf dem Boden der Realit\u00e4t landen. Doch es gibt erf\u00fcllende Alternativen. 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