{"id":952,"date":"2013-02-08T01:33:59","date_gmt":"2013-02-08T00:33:59","guid":{"rendered":"https:\/\/www.gaiamedia.org\/deutsch\/deutsch\/?p=952"},"modified":"2018-03-31T01:35:05","modified_gmt":"2018-03-30T23:35:05","slug":"der-somnambule-salon","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gaiamedia.org\/deutsch\/2013\/02\/08\/der-somnambule-salon\/","title":{"rendered":"Der Somnambule Salon"},"content":{"rendered":"<p><strong>Von Micky Remann und Ulrich Holbein<\/strong><\/p>\n<p>Im Rahmenprogramm des Internationalen Symposiums zum 100. Geburtstag von Albert Hofmann\u00a0<em>LSD \u2013 Sorgenkind und Wunderdroge<\/em>, im Januar 2006 in Basel, pr\u00e4sentierten der Schriftsteller Ulrich Holbein und der Medienk\u00fcnstler und Kulturschaffende Micky Remann einen thematisch freien, von Tages- und Nachtzeit unabh\u00e4ngigen Dialog. Ein Jahrsiebt danach legen die beiden nun eine leicht bearbeitete Mitschrift des Mitschnitts von damals vor.<br \/>\n<strong><br \/>\n<\/strong><strong>Micky Remann<br \/>\n<\/strong><em>What about the Argentinian broadcasting team \u2013 are you ready?<br \/>\n<\/em><br \/>\n<strong>Argentinischer Kameramann<\/strong><br \/>\n<em>All right, ready!<br \/>\n<\/em><br \/>\n<strong>Micky Remann<br \/>\n<\/strong>Danke, das war das Zeichen der argentinischen TV-Regie, dass wir jetzt live auf Sendung sind. Buenos Aires sitzt versammelt vor den Fernsehschirmen, jeder winkt noch einmal Tante Juanita und Onkel Juan zu, die es kaum erwarten k\u00f6nnen, heute zugegen zu sein, wenn der Somnambule Salon seine Pforten \u00f6ffnet, die Pforten der Wahrnehmung, von denen wir schon so viel geh\u00f6rt haben.<\/p>\n<p>Es freut uns, dass zus\u00e4tzlich zu den Menschen, die hier sichtbar auf ihren St\u00fchlen sitzen, mindestens eben so viele anwesend sind, die wir nicht sehen, weil sie sich entschieden haben, den Somnambulen Salon im unphysischen Zustand zu erleben. Was der Somnambule Salon beinhaltet und wof\u00fcr er gut ist, werden wir aber erst im Laufe des Somnambulen Salons erfahren.<\/p>\n<p>Ulrich Holbein ist der eine Somnambulist, der andere bin ich, das heisst, wir sind zu zweit und wir machen das Gegenteil von Stand-Up-Comedy, n\u00e4mlich Sit-Down-Comedy. Ihr k\u00f6nnt euch, w\u00e4hrend ihr lacht, getrost hinsetzen und dann beim Lachen einschlafen, das geh\u00f6rt zu den Charakteristika des Somnambulen Salons<strong>.<br \/>\n<\/strong><br \/>\nNoch eine gute Nachricht: w\u00e4hrend ihr schlaft, braucht ihr noch nicht einmal zu lachen. Sollte es lustig werden im Sinne von\u00a0<em>funny ha ha<\/em>, h\u00e4tten wir das Thema verfehlt. Das ist eine ernsthafte, Ernst zu nehmende Veranstaltung, zu der wir qualifiziert sind, weil wir als erste und zweite Vorsitzende der Schweizer Sektion der Internationalen Deutschen Vereinigung anerkannter Scharlatane zu euch sprechen. In dieser Funktion sind wir befugt, alles, was an diesem Kongress wesentlich oder unwesentlich ist, auf die Spitze zu treiben gem\u00e4ss unserem jeweiligen Lebensmotto.<\/p>\n<p>Ulrich Holbein hat sein Motto mitgebracht und ich meins. Ich verrate mein Motto zu erst, es lautet:\u00a0<strong>\u201a<\/strong>Erst \u00fcbertreiben, dann langsam steigern!\u2019 Das ist die eine H\u00e4lfte der hier versammelten Wahrheitsverk\u00fcndung, die andere H\u00e4lfte sitzt somnambul, k\u00f6rperlich, physisch, mystisch, seelisch neben mir, in Gestalt von Ulrich Holbein, der ein grossartiges Motto in den Ring wirft, welches da heisst, ich darf zitieren: \u2018Abweichen, egal wovon!\u2019 Oder als Imperativ: \u2018Weiche ab, egal wovon!\u2019?<\/p>\n<p><strong>Ulrich Holbein<\/strong><br \/>\nNein.<\/p>\n<p><strong>Micky Remann<br \/>\n<\/strong>Entschuldige, m\u00f6chtest du Wortlaut oder Sinngehalt deines Mottos selbst erl\u00e4utern?<\/p>\n<p><strong>Ulrich Holbein<br \/>\n<\/strong>Es war ein bisschen falsch zitiert. Es heisst nicht: \u2018Weiche ab\u2019, sondern \u2018Weich ab.\u2019<br \/>\n<strong><br \/>\nMicky Remann<br \/>\n<\/strong>Weich ab?<\/p>\n<p><strong>Ulrich Holbein<br \/>\n<\/strong>\u2018Weich ab, egal wovon!\u2019 Damit nicht \u2018e\u2019 und \u2018a\u2019 aufeinander stossen, weil das einen sogenannten Hiatus erg\u00e4be.<strong>\u00a0<\/strong>Zwei Vokale d\u00fcrfen nicht aufeinander stossen. \u2018Weiche ab\u2019 \u2013 nein, so soll es nicht heissen. Richtig ist: \u2018Weich ab, egal wovon!\u2019<\/p>\n<p><strong>Micky Remann<br \/>\n<\/strong>Wenn du dazu aufrufst, abzuweichen, egal wovon, m\u00f6chte ich hiermit von der Hiatus-Regel abweichen, die das Aufeinanderstossen zweier Vokale verbietet. Also weiche ich ab \u2013 nicht: \u2018weich ich\u2019 ab \u2013 von dieser weichlichen Phonetik und sage: \u2018Weiche ab!\u2019<\/p>\n<p><strong>Ulrich Holbein<br \/>\n<\/strong>Tue dies, und \u2026<\/p>\n<p><strong>Micky Remann<br \/>\n<\/strong>Nicht: \u2018tu dies\u2019?<\/p>\n<p><strong>Ulrich Holbein<br \/>\n<\/strong>Nein, \u2018dies\u2019 f\u00e4ngt doch nicht mit einem Vokal an.<\/p>\n<p><strong>Micky Remann<br \/>\n<\/strong>Aber \u2018dies\u2019 hat vorne ein weiches \u2018t\u2019, das entf\u00e4llt nach der 3. Lautverschiebung, die in ungef\u00e4hr 300 Jahren zu erwarten ist. Dann liegen die Vokale vorne und hinten blank und es wird heissen: \u2018Tu ies\u2019 \u2013 also wie das Reiseunternehmen, nein, wie der Plural von mehreren gleich lautenden Reiseunternehmen. Das heisst, in Zukunft reisen wir viel und die Hiatus-Regel wird entkr\u00e4ftet.<\/p>\n<p>M\u00f6glicherweise ist nicht allen Versammelten klar, warum sie hier versammelt sind. Das h\u00e4ngt mit der Natur des somnambulen Zustandes zusammen, der sich dadurch auszeichnet, dass alles, was ihr hier erlebt, in der Innenwelt einer gemeinsamen Traumprojektion geschieht. Diejenigen, die denken, sie seien wach, tr\u00e4umen eben dieses. Diejenigen, die im Traum denken, sie seien im Traum erwacht, tr\u00e4umen, dass sie im Traum erwacht seien, \u00fcbersehen aber, dass es nicht stimmt. In der luziden Traumforschung ist dieses Ph\u00e4nomen als \u2018falsches Erwachen\u2019 bekannt und ber\u00fcchtigt. Wie oft liegen wir schlafend, tr\u00e4umend im Bett, wachen auf und denken: \u2018Scheisse, ich muss auf Toilette!\u2019 Aber irgendwie wird nichts draus, man kommt nicht hoch und ausserdem kommen Menschen durch die Projektion gelatscht \u2026<\/p>\n<p>(<em>eine Dame l\u00e4uft vor dem Videobeamer vorbei, ihr Schatten verdeckt die den Dialog begleitenden psychedelischen Farblichtspiele<\/em>)<\/p>\n<p>\u2026 dann wird der Traum vom Thema abgelenkt und das Thema vom Traum und pl\u00f6tzlich bin ich in einem ganz anderen Feld gelandet und denke: irgendetwas ist faul hier, ich muss immer noch pinkeln, komme aber weder aus meinen Schlafzustand heraus, noch aufs Klo, und dann gibt es den Moment der Erkenntnis, in dem wir feststellen: \u2018Aha! Ich komme deswegen nicht aus dem Bett, weil ich immer noch im Traum bin und nur getr\u00e4umt habe, aufgewacht zu sein.\u2019<\/p>\n<p>Das ist der typische Fall des falschen Erwachens und in Anlehnung an Adorno k\u00f6nnen wir konstatieren: Es gibt kein richtiges Erwachen im Falschen! Schon gar nicht im Somnambulen Salon, wo wir zwischen falschem und richtigem Erwachen prinzipiell nicht unterscheiden. Falls es ein Erwachen gibt, ist dieses falsch. Punkt. Richtig ist derjenige Zustand, welcher mit traumhafter Sicherheit im Schlafwandel verbleibt. Wir sind Protagonisten und Exponenten der Philosophie der Wiedervereinigung von Wandel und Schlafwandel, denn dort gehen beide in einer Gesamtsph\u00e4re auf, aus der es kein Entrinnen gibt. Jeglichem Wachzustand gegen\u00fcber sind wir skeptisch eingestellt.<\/p>\n<p>Diejenigen von euch, die nun meinen: \u201aMeine G\u00fcte, was labern die f\u00fcr\u2019n Scheiss!\u2019, und wollen aufstehen und schnell r\u00fcber zum Konzert mit dem Starsounds Orchestra, k\u00f6nnen dies gerne tun, oder k\u00f6nnen zumindest so tun, als ob sie es t\u00e4ten. Die werden aber feststellen, dass, w\u00e4hrend sie dr\u00fcben im Saal zu wummernden Gongs und B\u00e4ssen abtanzen, ein Teil von Ihnen immer noch hier auf dem Stuhl sitzt und weiter tr\u00e4umt. Denn das Erwachen, das sie zum Starsounds Orchestra hat bringen wollen, war ein falsches Erwachen, wohingegen das Weiterschlafen auf diesen St\u00fchlen real ist.<\/p>\n<p><em>(Applaus)<br \/>\n<\/em><br \/>\nWir sind auch \u00fcberzeugt, dass alle scheinbar unbesetzten Pl\u00e4tze hier im Auditorium in Wahrheit voll besetzt sind, sogar \u00fcberbesetzt. Es war ja klar, dass dieser Kongress mehr Leute anziehen w\u00fcrde, als in ganz Basel Platz haben und Betten finden k\u00f6nnen. \u00c4hnlich ist es mit dem Somnambulen Salon. Ihr, die ihr hier sitzt, seid eine auserw\u00e4hlte, proto-erleuchtete Minderheit, die die seltene Chance bekommen hat, sich mit den eigenen, k\u00f6rperlichen \u00c4rschen auf die freien St\u00fchle zu setzen. Ihr k\u00f6nnt euch gar nicht vorstellen, wie viele disinkarnierte, ausserk\u00f6rperliche Wesenheiten sich in der Warteschlange vor den nicht besetzten Pl\u00e4tzen dr\u00e4ngeln und schupsen, weil sie mit dabei sein wollen, weil auch sie im Zustand des falschen Erwachens schlafend h\u00f6ren wollen, was hier passiert.<\/p>\n<p>In manchen Kongressbeitr\u00e4gen wird ja behauptet, LSD sei ein Wunderheilmittel gegen illuminative Impotenz, das Viagra f\u00fcr unter Erleuchtungsmangel Leidende. Dieses Ph\u00e4nomen wollen wir n\u00e4her untersuchen, weil es tagelang zu kurz gekommen ist und wir Somnambulisten das Sprachrohr aller zu kurz gekommenen Themen sind. Im Schlaf kommen ja meist die Themen zu kurz, die am Tag zu lang gekommen sind und umgekehrt. Und jedem von uns geht es doch so wie mir \u2013 nein, stimmt eigentlich nicht, oder vielleicht doch, aber wenn man drei Tage lang in jedem f\u00fcnften Satz LSD h\u00f6rt, braucht man Drogen, um wieder runter zukommen.<\/p>\n<p>Als ein mit allen Weihwassern vollgesogener Gehirnschwamm ist eine geradezu heroische Erkenntnisenergie erforderlich, um den ganzen Weisheitskram somnambul wieder auszuquetschen und abzusondern. F\u00fcr die Umsetzung dieses Vorhabens haben sich Ulrich und ich zur Verf\u00fcgung gestellt, wobei unser Ansatz im Somnambulen Salon lautet: wenn wir schon unsere psychedelisch aufgeladenen Gehirnschw\u00e4mme und Gehirnzitronen ausquetschen, dann tun wir das nicht alleine, sondern in Gesellschaft. Euer Schicksal ist es nun, diese Gesellschaft zu sein und im Traum dieses Dialogs das Gesagte mitzuerleben. Ist aber das Ph\u00e4nomen des Erlebens eines, von dem wir feststellen d\u00fcrfen, dass es wirklich stattfindet? Ulrich, was sagst du dazu?<\/p>\n<p><strong>Ulrich Holbein<br \/>\n<\/strong>Also, als ein mit dem Wort LSD in diesen Tagen \u00dcbersch\u00fctteter, gleichzeitig meinem Motto: \u2018Weich ab, egal wovon\u2019 Getreuer und als Vegetarier gerne um falsche Hasen herum Kreisender, interessiert mich das falsche Aufwachen, welches du ins Spiel gebracht hast, \u00fcberaus. Unter diesem falschen Erwachen, um es vielleicht noch zu toppen, w\u00fcrde ich eine Art Fehl-Initiation verstehen: die falsche T\u00fcr \u00f6ffnen, irgendwo entlang laufen, durch die n\u00e4chste falsche T\u00fcr gehen, wieder nicht zum Ziel kommen, und immer so weiter. Aber das B\u00fcndel des von dir Gesprochenen war so gross, zumal ja auch die spirituelle Impotenz darin vorkam, die mir ganz besonders attraktiv vorkommt. Also nicht das Ph\u00e4nomen, spirituell impotent zu sein, das w\u00fcrde ich gern hinter mir lassen, aber bei dem Thema w\u00fcrde ich gern noch ein bisschen einhaken.<\/p>\n<p><strong>Micky Remann<br \/>\n<\/strong>Wichtig beim Somnambulen Salon ist die fabulatorische Freiheit, dass unmittelbar auf einander folgende Beitr\u00e4ge keinerlei Bezug zueinander haben m\u00fcssen. Wie oft tr\u00e4umen wir doch von etwas, das absolut nichts mit dem zu tun hat, was wir kurz davor getr\u00e4umt haben. Das Sch\u00f6ne am Traum ist ja, dass da niemand auf sequenzielle Logik achtet, auf regelkonforme Anordnung von Subjekt, Pr\u00e4dikat, Objekt, Indikativ, Konjunktiv, usw. Gerade die unverbundene, unbewachte Bezugslosigkeit der somnambulen Dialogbeitr\u00e4ge stellt Verbindungen her, die einen Sinn stiften, den es vorher nicht gab. In diesem Sinne vermeide ich den Bezug zu der Frage, die du gestellt hast, weil ich die inzwischen auch schon vergessen habe.<\/p>\n<p><strong>Ulrich Holbein<br \/>\n<\/strong>Behauptest du denn, dass ich an deine vorherigen Ausf\u00fchrungen nicht angekn\u00fcpft bzw. keinen Bezug darauf genommen h\u00e4tte? Ich habe doch alle deine Begriffe aufgegriffen. Es kam mir so vor, als h\u00e4tte ich einen Dialogbeitrag geliefert.<\/p>\n<p><strong>Micky Remann<br \/>\n<\/strong>Danke, das w\u00e4re aber gar nicht n\u00f6tig gewesen.<\/p>\n<p><strong>Ulrich Holbein<br \/>\n<\/strong>Hm.<\/p>\n<p><strong>Micky Remann<br \/>\n<\/strong>Aber du sprichst etwas an, das mich an meine Jugend erinnert. Wer erinnert sich nicht an meine Jugend? Wahrscheinlich die meisten. Wieder geht es ums falsche Erwachen. Damals hatte ich als ungef\u00e4hr F\u00fcnfj\u00e4hriger im Schlaf einen sp\u00fcrbaren Blasendruck \u2026<\/p>\n<p><strong>Ulrich Holbein<br \/>\n<\/strong>Ja, das \u2026<\/p>\n<p><strong>Micky Remann<br \/>\n<\/strong>\u2026 denn zu den popul\u00e4rsten somnambulen Vorkommnissen geh\u00f6rt es, im Traum zu hoffen, man k\u00f6nne sich eines unertr\u00e4glichen Blasendrucks entledigen, ohne aufzuwachen.<\/p>\n<p>Allerdings schaffen es die Wenigsten, ihre Blase innerhalb des Traums auf psychosomatisch glaubhafte Weise zu entleeren, in dem Sinne, dass sie halluzinativ oder illuminativ davon \u00fcberzeugt sind, den Blasendruck losgeworden zu sein, ohne in Echt gepinkelt zu haben. Das falsche Erwachen kann sich nun darin \u00e4ussern, das man mit Blasendruck aufwacht, tr\u00e4umt, man gehe zur Toilette, tr\u00e4umt, man pinkele, tr\u00e4umt, man gehe erleichtert zur\u00fcck ins Bett, weiterschl\u00e4ft, nur um in der n\u00e4chsten Traumsequenz festzustellen, dass man schon wieder pinkeln muss. Dann geht alles wieder von vorne los, Sisyphus w\u00e4lzt seine Blase den Berg hoch, schafft es nicht, muss sich die n\u00e4chste Kloszene zusammen tr\u00e4umen, das karmische Rad des Leidens dreht sich weiter und immer weiter, weil man merkt: \u2018Scheisse, ich muss pinkeln!\u2019<\/p>\n<p><strong>Ulrich Holbein<br \/>\n<\/strong>Hm.<br \/>\n<strong><br \/>\nMicky Remann<br \/>\n<\/strong>Das ist ein Dilemma von grosser erkenntnistheoretischer Tragweite und hat nichts mit Ausk\u00fcnften auf die Frage zu tun: wo ist hier im Kongresszentrum bitte die Toilette? Wo ist der Mensch? Wo ist der Schrank? Ich bin damals in meiner Jugend n\u00e4mlich schlafwandelnd in einen Schrank gestiegen \u2026<\/p>\n<p><strong>Ulrich Holbein<br \/>\n<\/strong>Hm hm.<br \/>\n<strong><br \/>\nMicky Remann<br \/>\n\u2026\u00a0<\/strong>und fand mich zwischen dunklen, m\u00fcffelnden M\u00e4nteln wieder.<\/p>\n<p><strong>Ulrich Holbein<br \/>\n<\/strong>Da hinten h\u00e4ngen welche zur Auswahl.<\/p>\n<p><strong>Micky Remann<br \/>\n<\/strong>Ich f\u00fchle ich mich die ganze Zeit schon leicht traumatisiert von den Vibes \u2026<\/p>\n<p><strong>Ulrich Holbein<br \/>\n<\/strong>Ja?<\/p>\n<p><strong>Micky Remann<br \/>\n<\/strong>\u2026 die da aus der Garderobe kommen.<\/p>\n<p><strong>Ulrich Holbein<br \/>\n<\/strong>Entscheidend ist doch die Frage, ob es \u00fcberhaupt ein Erwachen gibt?<\/p>\n<p><strong>Micky Remann<br \/>\n<\/strong>Landl\u00e4ufig wird darunter das Ankommen in einer oberen Wirklichkeit verstanden, heller und realer als die untere, dunkle Schlafebene, in der man vor\u00fcber gehend anwesend war, um sie mit dem Erwachen hinter sich zu lassen. Wichtige Denker der letzten 30 Millionen Jahre haben aber immer wieder die Idee hierarchisch gegliederter Realit\u00e4tsebenen in Frage gestellt. Das ist alles ein Trugschluss, sagen sie, Erwachen bedeutet lediglich das Wechseln zwischen gleichwertigen, sozusagen ebenerdig gelegenen Parallelzust\u00e4nden. Nein, bekr\u00e4ftigen sie, kein Realit\u00e4tskontinuum kann ein Herrschaftsrecht \u00fcber das andere beanspruchen, und nein, was das Traumbewusstsein erlebt, ist kein Illusionsm\u00fcll, nichts Zweitrangiges, sondern sind Begebenheiten einer Bewusstseinsmodalit\u00e4t, die genauso real und konsistent ist, wie die Wachwelt, in der wir so selbstgewiss herumstolzieren, als g\u00e4be es nichts anderes weit und breit.<\/p>\n<p><strong>Ulrich Holbein<br \/>\n<\/strong>Ich nehme diese Ausf\u00fchrungen mal so direkt wie m\u00f6glich zu Kopfe. Ich habe einmal ein Traumtagebuch begonnen, in das ich alle Tr\u00e4ume, die mir morgens noch einfielen, notierte. Das Traumbuch tr\u00e4gt den Titel \u2018Ich und eine Fledermaus, fliegen nur bei Vollmond aus\u2019. Nein, ich korrigiere: \u2018Ich und eine Fledermaus, fliegen\u00a0<em>oft<\/em>\u00a0bei Vollmond aus\u2019, so muss es heissen. Nun habe ich sp\u00e4ter gemerkt, dass man die Tr\u00e4ume in zwei Gruppen einteilen kann. Also mein Kopf m\u00f6chte am liebsten lauter edle, metaphysische Erleuchtungstr\u00e4ume bekommen, aber das geschieht sehr selten, viel zu selten, vielleicht alle drei Jahre einmal hat man einen Traum dieser Kategorie. Nach meiner Beobachtung, und ich bin mir fast sicher, dass sich die mit der Beobachtung aller Anwesenden sowie deiner eigenen Selbstbeobachtung deckt, sind die meisten Tr\u00e4ume der zweiten Gruppe zuzuordnen, also wo man ein Klo sucht, weil ein banaler Blasendruck es so will. Diese Tr\u00e4ume sind dermassen in der \u00dcberzahl, dass es irgendwann wirklich l\u00e4stig und peinlich wird. Diese Einsicht l\u00e4sst sich auch in meinem Traumtagebuch nachweisen. Denn jedes Mal, wenn ich im Traum ein Klo suche, weiss eigentlich mein spirituelles Grosshirn schon, dass ich da gleich wieder durch die falsche T\u00fcr gehen werde. Mein Geist will jetzt nicht aufs Klo, der will den Traum der G\u00fcteklasse 1 A. Aber nein, die durch den Blasendruck ausgel\u00f6ste Imagination schickt mich trotzdem immer wieder dorthin.<\/p>\n<p>So \u00f6ffne ich in meinem Traumleben konsequent falsche T\u00fcren. Nicht jede Nacht, aber sagen wir mal, jede f\u00fcnfte, bin ich dringend auf Klosuche. Obwohl ich ja eigentlich das Erwachen, das grunds\u00e4tzliche Erwachen aus der Dumpfheit und der Traumverwobenheit meiner gesamten Existenz anstrebe, lande ich doch immer nur wieder vor dem Pinkelbecken, oder vor irgendwelchen G\u00e4ngen, wo ich ein Klo vermute, auch in Hauseing\u00e4ngen, dann tr\u00e4ume ich sogar, ich w\u00fcrde mich pinkelnd erleichtern, und merke, ich habe es getr\u00e4umt. Ich k\u00f6nnte, sollte zwar erleichtert sein, bin es aber nicht, denn schon im n\u00e4chsten Traum, der sofort folgt, ohne zwischendurch aufgewacht zu sein, merke ich, dass immer noch Blasendruck besteht.<\/p>\n<p>Wann soll ich jemals im Himmel oder in irgendeiner ersehnten Transzendenz ankommen, wenn ich doch \u2026<\/p>\n<p><strong>Micky Remann<br \/>\n<\/strong>\u2018Flasche neben das Bett\u2019 wird aus dem Publikum vorgeschlagen.<\/p>\n<p><strong>Ulrich Holbein<br \/>\n<\/strong>Wie?<\/p>\n<p><strong>Micky Remann<br \/>\n<\/strong>Ich habe getr\u00e4umt, jemand taucht auf und macht den Vorschlag: Stell dir eine Flasche neben das Bett.<\/p>\n<p><strong>Ulrich Holbein<br \/>\n<\/strong>Hilft uns das aus dem Dilemma?<br \/>\n<strong><br \/>\nMicky Remann<br \/>\n<\/strong>Es gibt so viele Flaschen im Bett, da kann auch ruhig mal eine Flasche neben dem Bett stehen.<\/p>\n<p>Interessant scheint mir ein von dir nicht ausgesprochenes Argument zu sein, welches ich trotzdem habe mitschwingen h\u00f6ren, um somit wieder den Bezug zur Bezugslosigkeit aufzuw\u00e4rmen, n\u00e4mlich die Frage der suggestop\u00e4disch-hypnotischen Induktion. Es bleibt nicht aus, dass wenn man eine ganze Nacht lang vom \u2026<\/p>\n<p><em>(Menschen bewegen sich durch den Salon)<br \/>\n<\/em><br \/>\n<strong>Ulrich Holbein<br \/>\n<\/strong>Du, die gehen weg, das ist denen zu hoch!<\/p>\n<p><strong>Micky Remann<br \/>\n<\/strong>Nein, nein, die gehen pinkeln! Also die denken, dass sie rausgehen, das wissen wir ja inzwischen. Die Leute selbst bleiben aber auf den Pl\u00e4tzen, zumindest ihre Blase. Das werden die sp\u00e4testens merken, wenn sie mit ihrem Traumk\u00f6rper auf dem Klo sind und es kommt nichts raus. Also die anderen: bitte nicht auf die freien Pl\u00e4tze setzen, sonst w\u00fcrden die da aufjaulen.<\/p>\n<p><strong>Ulrich Holbein<br \/>\n<\/strong>Ob die das merken?<\/p>\n<p><strong>Micky Remann<br \/>\n<\/strong>Jeder merkt, wenn er aufjault.<\/p>\n<p><strong>Ulrich Holbein<br \/>\n<\/strong>Wenn er aufjault \u2026<br \/>\n<strong><br \/>\nMicky Remann<br \/>\n<\/strong>Aufjault, ja \u2026<br \/>\n<strong><br \/>\nUlrich Holbein<br \/>\n<\/strong>Nein, lass uns vielleicht bei der Blase nicht stehen bleiben. Jeder sp\u00fcrt ja, dass wir eigentlich aus dem Lebenstraum aufwachen wollen. Wahrscheinlich zeigst du mir noch, wie ich das mache, denn du hast mir vorhin den Schwarzen Peter zugeschoben, dass ich mich in einem Traum befinde, in welchem ich eigentlich gar nicht sein will.<\/p>\n<p><strong>Micky Remann<br \/>\n<\/strong>Richtig.<\/p>\n<p><strong>Ulrich Holbein<br \/>\n<\/strong>Ich will raus aus dem Traum.<\/p>\n<p><strong>Micky Remann<br \/>\n<\/strong>Du hast zwei wichtige Aspekte in die Debatte geworfen: \u2018Schwarzer Peter\u2019 und \u2018Metaphysik\u2019. Dar\u00fcber hat Aristoteles ein Buch geschrieben.<\/p>\n<p><strong>Ulrich Holbein<br \/>\n<\/strong>Du, wenn du noch einmal Aristoteles sagst, springen drei Weitere auf und gehen weg, f\u00fcrchte ich.<\/p>\n<p><strong>Micky Remann<br \/>\n<\/strong>Was gibt es da zu bef\u00fcrchten? Mich begeistert die Vielzahl des nicht erschienenen Publikums. Ob da drei wegbleiben, um f\u00fcr Aristoteles und andere vergangene Seelen Platz zu machen, was spielt das f\u00fcr eine Rolle? Und wenn wir von Metaphysik reden, sollten wir vom Orakel nicht schweigen.<\/p>\n<p><strong>Ulrich Holbein<br \/>\n<\/strong>Die Gefahr ist, dass wir mit deinem Orakel, welches du jetzt schon versuchst, anzubringen \u2026<\/p>\n<p><strong>Micky Remann<br \/>\n<\/strong>W\u00e4hrend du versuchst, deine Gefahren anzubringen. Dauernd warnst du vor Gefahren, das ist dein Leib- und Magenthema. Und die Gefahren \u2026<\/p>\n<p><em>(Luc Sala geht mit einer Videokamera auf die B\u00fchne zu)<\/p>\n<p><\/em>Ah, jetzt kommt das holl\u00e4ndische Fernsehen! Hello Luc! Erstaunlicherweise steht das holl\u00e4ndische Fernsehen jetzt dem argentinischen Fernsehen im Weg, und auch die Zuschauer in Buenos Aires sehen live, wie das holl\u00e4ndische Fernsehen eine Sendung \u00fcbertr\u00e4gt, die in S\u00fcdamerika schon f\u00fcr Strassenunruhen sorgt. Die Leute auf der S\u00fcdhalbkugel in Argentinien sind nat\u00fcrlich l\u00e4ngst eingeschlafen, mitten auf der Hauptverkehrstrasse von Buenos Aires versp\u00fcren sie einen unglaublichen Pinkeldrang, weil sie die Vorstellung haben, sie m\u00fcssten irgendwo auf der Nordhalbkugel im Schlaf dringend auf Toilette.<\/p>\n<p>Da du schon vor der Gefahr warnst, dass ich das Orakel hervorziehe, m\u00f6chte ich deine Bef\u00fcrchtung best\u00e4tigen. Es kommt zum \u00c4ussersten, ich riskiere die Einbeziehung eines orakul\u00f6sen Hilfsmittels, das uns aus unserem Dilemma vielleicht befreit.<\/p>\n<p><strong>Ulrich Holbein<br \/>\n<\/strong>Vielleicht auch nicht.<\/p>\n<p><strong>Micky Remann<br \/>\n<\/strong>Als Regisseur eines luziden Traum l\u00e4sst sich der Inhalt des Dilemmas wunschgem\u00e4ss beeinflussen, z.B., indem man einen desinteressiert vor sich hinguckenden Ulrich Holbein zu einem feurigen Tiger macht, der fauchend zum Sprung ansetzt, damit man im Gegenzug seine somnambulen Tai Chi Kenntnisse an ihm erproben kann.<\/p>\n<p>Das geht alles, solange man nicht falsch erwacht und denkt, es w\u00e4re eine Sit-Down-Comedy beim LSD Symposium in Basel.<\/p>\n<p><em>(Micky Remann wendet sich Luc Sala mit der holl\u00e4ndischen Videokamera zu)<\/p>\n<p><\/em>Luc, you realize that we speak all kinds of languages. Probably no language will truely be understood unless you are in a deep dreaming state, as you know. I don\u2019t know if you speak German, but I know that \u2026<\/p>\n<p><strong>Luc Sala<br \/>\n<\/strong>Ich kann deutsch sprechen.<\/p>\n<p><strong>Micky Remann\u00a0<\/strong>Ja, you can deutsch speaken, but probably you can\u2019t understand what we say in our deutsch! Because we are here to speak some sort of not understandable German. We make an effort to be not understood in the language that we have learned to speak. It\u2019s an exercise in applied neologism, you know, creating new words out of nothing. Why do we need new words? Because they represent new experiences for which there exist no words yet. We have to invent words to describe the undescribable, which then allows us to experience something totally new, by hearing that word, that neologism. Once we\u2019ve described the undescribable, we have created a language to describe nonexistent realms that no one understands.<\/p>\n<p><strong>Luc Sala<\/strong><br \/>\nIn the middle ages there was once a discussion about to be or not to be. We are the students of not to be!<\/p>\n<p><strong>Micky Remann<br \/>\n<\/strong>Ja, und da kann ich meinen Lieblingsdichter Paul Scheerbart zitieren, der schon im bahnbrechenden Roman\u00a0<em>Ich liebe dich<\/em>\u00a0von 1897 sagt: Die Kunst der Zukunft wird das Verstandenwerdenwollen l\u00e4ngst \u00fcberwunden haben!<strong><\/p>\n<p><\/strong>Das Handicap der K\u00fcnstler und Mystiker ist doch dieses leidige Verstandenwerdenwollen. Jeder der, bevor er etwas sagt, sich vornimmt, verstanden werden zu wollen, hat sich schon ins Abseits man\u00f6vriert, hat sich von den Verst\u00e4ndnishorizonten seines Publikums vorab einsperren, verk\u00fcmmern, hypnotisieren lassen, weil er sich nur das zu sagen traut, wovon er meint, dass es die anderen verstehen w\u00fcrden, wobei l\u00e4ngst nicht gesagt ist, dass das der Fall ist, oftmals ja eben nicht, wie wir wissen, w\u00e4hrend die jenseits solcher Beschr\u00e4nkungen zu formulierenden grossartigen Erleuchtungss\u00e4tze wegen des Unverst\u00e4ndnisvorbehalts unausgesprochen bleiben. Was nun aber nicht heisst, der gezielten Miss- oder Unverst\u00e4ndlichkeit Bahn und \u2026 Bahn und \u2026 weiss jemand ein anderes Wort f\u00fcr \u2026<\/p>\n<p><strong>Matthias Br\u00f6ckers\u00a0<\/strong><em>(ruft aus dem Publikum)<br \/>\n<\/em>\u2026 Tor!<\/p>\n<p><strong>Micky Remann<br \/>\n<\/strong>Danke \u2026 Bahn und Tor zu \u00f6ffnen! Sehr gut! Fussball Weltmeisterschaft, der Er\u00f6ffnungstreffer! Matthias Br\u00f6ckers sagt Tor! und \u00f6ffnet Bahn und Zug, so dass wir dort landen, wo wir immer schon waren, n\u00e4mlich im somnambulen Sackbahnhof oder auch Kopfbahnhof, von dem Ulrich Holbein mit zunehmender Unzufriedenheit geneigt ist, abzuwandeln oder abzuweichen.<\/p>\n<p><strong>Ulrich Holbein<br \/>\n<\/strong>Weil er aufwachen m\u00f6chte.<br \/>\n<strong><br \/>\nMicky Remann<br \/>\n<\/strong>Aufstehen?<\/p>\n<p><strong>Ulrich Holbein<br \/>\n<\/strong>Aufwachen.<\/p>\n<p><strong>Micky Remann<br \/>\n<\/strong>Aufwachen!<\/p>\n<p><strong>Ulrich Holbein<br \/>\n<\/strong>An dem Punkt waren wir stehen geblieben.<\/p>\n<p><strong>Micky Remann<br \/>\n<\/strong>Das w\u00e4re das Gegenteil von in Bewegung bleiben.<\/p>\n<p><strong>Ulrich Holbein<br \/>\n<\/strong>Hm.<\/p>\n<p><strong>Micky Remann<br \/>\n<\/strong>Und dieser ewige Aufwachwunsch ist doch so kindergottesdiensthaft naiv, wie der Wunsch, verstanden werden zu wollen.<\/p>\n<p><strong>Ulrich Holbein<br \/>\n<\/strong>Ach so, eben hat es sich noch so angeh\u00f6rt, als st\u00fcnde es uns bevor, dass wir aus dem Wachsein aufwachen. Das w\u00e4re ja mal etwas Neues.<\/p>\n<p><strong>Micky Remann<br \/>\n<\/strong>Der Zustand der Antizipation ist an sich ja kein schlechter.<\/p>\n<p><strong>Ulrich Holbein<br \/>\n<\/strong>Ach!<\/p>\n<p><strong>Micky Remann<br \/>\n<\/strong>Zum Beispiel das Warten aufs Gl\u00fcck. Das ist eine kostbare Zeit, die besonders f\u00fcr diejenigen gl\u00fccklich ist, die schon w\u00e4hrend sie aufs Gl\u00fcck warten, gl\u00fccklich sind. Wenn dann das Gl\u00fcck kommt, ist das so banal wie das fahrplanm\u00e4ssige Eintreffen des Zuges auf Gleis soundso. Warten auf den Zug kannst du nur solange, wie er nicht kommt. In freudiger Antizipation schwelgen kannst du nur unter der Bedingung des Nichteingetroffenseins des Zuges. \u00c4hnlich verh\u00e4lt es sich mit dem Gl\u00fcck und eines der gr\u00f6ssten Manki \u2026 gibt\u2019s das? Manki als Plural von Manko?<\/p>\n<p><strong>Ulrich Holbein<br \/>\n<\/strong>Ach, weisst du was, gerade habe ich etwas ganz anderes verstanden. Weil du eben mit dem Holl\u00e4nder englisch gesprochen hast verstand ich \u2018Manki\u2019 wie Affe, \u2018monkey\u2019 und dachte, was kannst du jetzt wohl damit meinen?<br \/>\n<strong><br \/>\nMicky Remann<br \/>\n<\/strong>Ja, das stimmt, der englische Singular von Affe, \u2018monkey\u2019, ist zugleich der Plural von Manko, \u2018Manki\u2019.<\/p>\n<p><strong>Ulrich Holbein<br \/>\n<\/strong>Hm.<\/p>\n<p><strong>Micky Remann<br \/>\n<\/strong>Fr\u00fcher, im Altprotohebr\u00e4ischen waren \u2018Affe\u2019 und \u2018Manko\u2019 ein und dasselbe und es gab sie im Paradies nur im Singular. Erst als sich sp\u00e4ter alles pluralisierte, wurden aus vielen Affen viele Manki. Ich weiss nicht, ob schon einmal versucht wurde, aus Manko einen Plural zu bilden. Aber selbst wenn wir damit scheitern, w\u00e4re das wurscht, weil die Freiheit, ein sprachliches Nicht-Gelingen \u00f6ffentlich zu zelebrieren, beweist, dass der Versuch, nicht verstanden werden zu wollen, zum Erfolg gef\u00fchrt hat. Nur so entstehen im Ozean des Niedagewesenen neue Verst\u00e4ndnisinseln und Verst\u00e4ndniskommunen!<\/p>\n<p>Damals, als die ersten, schwer behaarten Neandertaler an ihren S\u00e4belzahntigerkeulen nagend ums Feuer sassen und Orgien feierten mit Asche, Verbranntem und Gegrilltem, also wenn die gut drauf waren, haben die sich auf die Schenkel geklopft und aus fetttriefenden M\u00fcndern begeisterte T\u00f6ne von sich gegeben, um ihren Gef\u00fchlen \u00fcber die Geschmacksvarianten der gegrillten S\u00e4belzahntigerkeule Ausdruck zu verleihen. Vielleicht waren die noch nicht so artikuliert, wie wir es heute zu sein scheinen. Sie konnten sich trotzdem verst\u00e4ndigen, aber eben nur mit Neologismen. Es gab kein Lexikon, aus dem sie sich h\u00e4tten bedienen k\u00f6nnen. Jedes Gequ\u00e4ke und Gegrunze ihrer archaischen Stimmb\u00e4nder war eine aus der Situation geborene Wortneusch\u00f6pfung, ein Pr\u00e4zedenzfall ohne Vorgeschichte aber mit Nachwirkungen f\u00fcr die gesamte Menschheit. Dieser Prozess hat nie aufgeh\u00f6rt und geht nat\u00fcrlich immer weiter. Was man in 100 oder 1.000 Jahren \u00fcber uns berichtet, wenn man denn \u00fcber uns berichtet, wird sich etymologisch von dem unterscheiden, was wir heute mit der Absicht auf Verst\u00e4ndigung stammeln, grunzen und qu\u00e4ken, so dass wir am besten jetzt schon anfangen, es einzu\u00fcben.<\/p>\n<p><strong>Ulrich Holbein<br \/>\n<\/strong>Also die \u00dcberdifferenziertheit deiner Suada, wenn ich in die von dir beschworene Zukunft weiterdenke, k\u00f6nnte auch in Verballhornung enden. Wenn man in 100 oder 1.000 Jahren an dich denken m\u00f6chte, k\u00f6nnte es dir bl\u00fchen, dass du versimpelt wirst. Die Botschaften, die du hier ausbreitest, k\u00f6nnten sich pl\u00f6tzlich ganz doof und primitiv anh\u00f6ren.<\/p>\n<p><em>(Man h\u00f6rt Matthias Br\u00f6ckers auffallend laut lachen)<br \/>\n<\/em><br \/>\n<strong>Micky Remann<br \/>\n<\/strong>Ja, das kommt \u2026<\/p>\n<p><strong>Ulrich Holbein<br \/>\n<\/strong>Wie beugen wir dem vor, dass die Erinnerung missverstanden wird?<\/p>\n<p><strong>Micky Remann<\/p>\n<p><\/strong>Also zum einen sichern wir uns ab, indem wir gleich das Orakel konsultieren, hier ist das Orakel der Zukunft, welches L\u00f6sungen zu Problemen kennt, die es noch gar nicht gibt.<\/p>\n<p><em>(hebt die 63 Karten der Auerworld Argumente hoch)<\/p>\n<p><\/em>Zum anderen, indem ich dich auffordere, aus dem Wort \u2018Suada\u2019 einen Plural zu bilden.<\/p>\n<p><strong>Ulrich Holbein<br \/>\n<\/strong>Suada?<\/p>\n<p><strong>Micky Remann<br \/>\n<\/strong>Suadi?<\/p>\n<p><strong>Ulrich Holbein<br \/>\n<\/strong>Das klingt sofort indisch, finde ich: Suadi!<br \/>\n<strong><br \/>\nMicky Remann<br \/>\n<\/strong>Die Suaden stammen urspr\u00fcnglich aus den Upanisuaden, das waren die Suadis der Sadhus.<\/p>\n<p><strong>Ulrich Holbein<br \/>\n<\/strong>Hm hm \u2013 die Suadhus!<\/p>\n<p><strong>Micky Remann<br \/>\n<\/strong>Die Upanischwadis waren die geschwafelten Suaden der ihre illuminative Impotenz \u00fcberwunden habenden Suadhus \u2026<\/p>\n<p><strong>Ulrich Holbein<br \/>\n<\/strong>Hm.<\/p>\n<p><strong>Micky Remann<br \/>\n<\/strong>\u2026 die mit ihren Orakeln in Erkenntnisbereiche vorgedrungen waren, die zu \u00fcbertreffen selbst uns schwer fallen wird.<\/p>\n<p><strong>Ulrich Holbein<br \/>\n<\/strong>K\u00f6nntest du nicht dein Orakel, das dringend zu Wort kommen m\u00f6chte, noch einmal ungef\u00e4hr viereinhalb Minuten zur\u00fcckdr\u00e4ngen zu Gunsten einer Einhakung auf diese spirituelle Impotenz?<\/p>\n<p>Also angenommen, ich bin spirituell impotent, obwohl ich mir extra zur Steigerung meiner Kopfkapazit\u00e4t einen Hut aufgesetzt habe. Wir wissen ja seit gestern, wie ich dem Vortrag von Wolf-Dieter Storl entnommen habe, dass das Hirn, und meines, f\u00fcrchte ich, meines ist davon besonders betroffen, jederzeit schier platzen m\u00f6chte vor dem Ansturm der ungeheuren Denkkapazit\u00e4ten, die da ab und zu in dieser Sch\u00e4delkapsel aufwallen und anschwellen und die ich so deutlich sp\u00fcre, dass ich sie mit diesem Hut im Zaum halten m\u00f6chte, aber auch gleichzeitig die Kapazit\u00e4tserweiterung durch Hut zu erlangen hoffe. Den habe ich extra f\u00fcr diesen Dialog aufgesetzt, um dir rhetorisch standhalten zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Aber nun sag mir doch \u2026, ich merke, dass wir immer an dieser Stelle stehen \u2026 \u2013 nein, wir bleiben ja nicht stehen, wir bewegen uns weiter, habe ich gelernt -, aber sag mir doch, bezogen auf die spirituellen Impotenz \u2026 Du kannst es ruhig auf dem Knie behalten, das Orakel. Das l\u00e4uft ja nicht weg.<\/p>\n<p><strong>Micky Remann<br \/>\n<\/strong>Doch!<\/p>\n<p><strong>Ulrich Holbein<br \/>\n<\/strong>Also sag mir doch mal \u2026, gesetzt, ich w\u00fcrde mich spirituell impotent f\u00fchlen, was du mir suggestop\u00e4disch eben eingetrichtert hast. Wie kann ich bittesch\u00f6n aus dem Aufwachen aufwachen? Das sag mir doch mal!<\/p>\n<p>Laut den eleusinischen Mysterien, von denen wir hier viel h\u00f6ren durften, verh\u00e4lt es sich doch so: wenn man da eingeweiht wird, sieht man ein Licht, gegen das der jetzige Tag wie dunkle Nacht wirken muss. Dieses Mysterienlicht strahlt doppelt so hell wie das ber\u00fchmte weisse Licht, welches man bei einer LSD-Einnahme mitten in den Blick, nein, nicht in den Blick, sondern \u2026, also irgendwo hinbekommt.<\/p>\n<p>Sag mir doch mal, kann ich aus meinem scheinbaren Wachzustand aufwachen?<\/p>\n<p><strong>Micky Remann<br \/>\n<\/strong>Eine der verf\u00e4nglichsten \u00dcbungen in der Behandlung der illuminativen Impotenz ist die Erwartung einer Erleuchtung, die sich in Wattzahlen bemisst. Wenn du jetzt wissen willst, wie hell das Licht der tats\u00e4chlich alles Licht durchdringenden Erleuchtung ist \u2026<\/p>\n<p><strong>Ulrich Holbein<br \/>\n<\/strong>Das wollte ich verhindern!<\/p>\n<p><strong>Micky Remann<br \/>\n<\/strong>\u2026 dann ist das eine Frage, die wir an Kraftwerksingenieure weiterleiten m\u00fcssen. Ich behaupte, du hast deine M\u00fctze aus ganz anderen Gr\u00fcnden auf.<\/p>\n<p><strong>Ulrich Holbein<br \/>\n<\/strong>Ja?<\/p>\n<p><strong>Micky Remann<br \/>\n<\/strong>Weil du einen Austausch mit deinem Kronenchakra pflegst, und du dich entschieden hast, dieses subtile Energiezentrum gut zu beh\u00fcten. In der Evolution der Fortpflanzungsgegebenheiten weiss man ja um die Relation zwischen der Gr\u00f6sse des menschlichen Gehirns und dem Schambein der Frau, durch welches s\u00e4mtliche Sch\u00e4del erst einmal durchschl\u00fcpfen m\u00fcssen bei der Geburt. M\u00f6glicherweise hat die Anatomie dieses Nadel\u00f6hrs unseren Sch\u00e4delumfang auf ein bestimmtes Mass festgezurrt. Materialistische Knochenkundler verzweifeln daran, weil sie denken, nun ist Schluss, mehr als das, was ist, geht nicht. Illuminative-Viagra-zu-sich-Nehmer hingegen sagen: Na und? Das Gehirn, egal in welchem Knochengeh\u00e4use, bietet unendlich viele Verschaltungsm\u00f6glichkeiten, die das schwache Schimmern unserer derzeitigen 2-Watt-Neuro-Funzel im Kopf weit \u00fcberstrahlen. Freuen wir uns auf die Entfaltung des Synapsenpotentials, auf funkelnde Neuro-Feuerwerke und Wunderkerzenwerke, die wir bei gleich bleibendem Knochenger\u00fcst z\u00fcnden k\u00f6nnen, dass es nur so kracht.<\/p>\n<p><strong>Ulrich Holbein<br \/>\n<\/strong>K\u00f6nnen wir?<\/p>\n<p><strong>Micky Remann<br \/>\n<\/strong>Ja, und dann n\u00fctzt dir auch dein Chakra-Hut nichts, weil der jetzt schon zu strahlen anf\u00e4ngt, von innen! Da wir im Traum sind, sehen wir alle, wie die wabernde Aura um Ulrichs Zauberhaupt und -hut sich auszudehnen beginnt, pulsierend, heller als tausend Wonnen und wie der Druck des Lichts von innen die Sch\u00e4deldecke hebt.<\/p>\n<p><strong>Ulrich Holbein<br \/>\n<\/strong>Die persischen Derwische ziehen sich extra einen Turban \u00fcber den Kopf, um auf diese Weise die Dinge beieinander zu halten. Aber das Leuchten vermisse ich. Der Leuchteffekt, wo ist er denn wirklich? Dieser Hut zum Beispiel leuchtet nicht. Ich sehe auch keine Aura, keinen Nimbus, keine ausbrechende Korona um dein Haupt schweben. Statt dieses h\u00f6heren Lichts hast du die banale Wattleistung namhaft gemacht und das erinnert mich an den Ausspruch des Volksmundes: \u2018Wo viel Licht, da auch eine hohe Stromrechnung\u2019.<strong>\u00a0<\/strong>Nun sacken wir von der metaphysischen H\u00f6he wieder zur\u00fcck auf Elektrizit\u00e4tswerke-Niveau.<\/p>\n<p><strong>Micky Remann<br \/>\n<\/strong>Das ist das Problem, dass du immer denkst \u2026<\/p>\n<p><strong>Ulrich Holbein<br \/>\n<\/strong>Richtig, immer!<\/p>\n<p><strong>Micky Remann<br \/>\n<\/strong>\u2026 du m\u00fcsstest etwas transzendieren, dabei aber schon voraus ahnst, dass du das Transzendieren dann doch lieber bleiben lassen willst.<\/p>\n<p><strong>Ulrich Holbein<br \/>\n<\/strong>Ja, ich will doch!<\/p>\n<p><strong>Micky Remann<br \/>\n<\/strong>Behauptest du. Aber dieser emphatisch vorgetragene Wunsch, zu wollen, was du nicht tust, obwohl du es k\u00f6nntest, kommt mir so vor, wie auf Schlittenfahrt gehen zu wollen, aber augenblicklich zu bremsen, wenn es tats\u00e4chlich den Abhang runter geht. Einerseits willst du mit Karacho den Berg runter rodeln, andrerseits aber dem Ausmass der Geschwindigkeit dich tapfer widersetzen wollen. Otto Hahn hat einmal gesagt: \u2018Ein Schneeball ist auch nur eine Lawine, die ihr Potenzial untersch\u00e4tzt hat.\u2019<br \/>\n<strong><br \/>\nUlrich Holbein<br \/>\n<\/strong>Hm.<br \/>\n<strong><br \/>\nMicky Remann<br \/>\n<\/strong>Moment, habe ich das richtig zitiert? Ihr lacht, dabei ist das v\u00f6llig falsch, es muss heissen: \u2018Eine Lawine ist ein Schneeball, der seine F\u00e4higkeiten untersch\u00e4tzt hat!\u2019<\/p>\n<p><strong>Ulrich Holbein<br \/>\n<\/strong>Hm hm.<\/p>\n<p><strong>Micky Remann<br \/>\n<\/strong>Wenn wir uns dieser lawin\u00f6sen, orakul\u00f6sen, illumin\u00f6sen Schlittendynamik anvertrauen, wenn die Transformation des Schneeballs zur Lawine eine psychosomatisch erlebbare Schwingungsbewegung entfaltet, was \u2026<\/p>\n<p><strong>Ulrich Holbein<br \/>\n<\/strong>Also ich w\u00fcrde ja sehr gern einen Schlitten besteigen, der \u2026<\/p>\n<p><strong>Micky Remann<br \/>\n<\/strong>Einen Schinken?<\/p>\n<p><strong>Ulrich Holbein<br \/>\n<\/strong>\u2026 einen Schlitten, der aufw\u00e4rts f\u00e4hrt, in der derselben Geschwindigkeit, in der er eigentlich abw\u00e4rts fahren w\u00fcrde.<br \/>\n<strong><br \/>\nMicky Remann<br \/>\n<\/strong>Das kennt man hier in der Schweiz als Skilift.<\/p>\n<p><strong>Ulrich Holbein<br \/>\n<\/strong>Wirklich?<\/p>\n<p><strong>Micky Remann<br \/>\n<\/strong>Ja!<\/p>\n<p><strong>Ulrich Holbein<br \/>\n<\/strong>Na ja, da bleibt dann \u2026<\/p>\n<p><strong>Micky Remann<br \/>\n<\/strong>Der Skilift verbraucht mindestens so viel Strom, wie das, was unter deinem Gl\u00fchhirn gl\u00fcht.<\/p>\n<p><strong>Ulrich Holbein<br \/>\n<\/strong>Denkleistungen verbrauchen aber nur wenig Energie. Wenn ich diesen Armmuskel anspanne, verpuffen da, was weiss ich, vielleicht 30 Kalorien. Hingegen wenn ich an Kant und Hegel denke, kommen viel geringere Werte zustande, also der Verbrauch ist minimal, glaube ich.<\/p>\n<p><strong>Micky Remann<br \/>\n<\/strong>Das kommt, weil Schlafwandler eine optimale Energiebilanz aufweisen. Selbst der geringste Input kann einen Output erregen, der hundert Mal st\u00e4rker ist, als das, was \u00fcber den Stromz\u00e4hler abgerechnet wird.<\/p>\n<p><strong>Ulrich Holbein<br \/>\n<\/strong>Du, die zwei Leute da oben haben eben etwas \u00fcber uns gefl\u00fcstert. K\u00f6nnte man denen ein Mikrofon geben? Mich w\u00fcrde interessieren, was die da sagen, um diese Immanenz, in der wir uns drehen \u2026<\/p>\n<p><strong>Micky Remann<br \/>\n<\/strong>\u2026 zu transzendieren?<\/p>\n<p><strong>Ulrich Holbein<br \/>\n<\/strong>\u2026 versuchsweise.<\/p>\n<p><strong>Tontechniker<br \/>\n<\/strong><em>Microphone is disconnected<br \/>\n<\/em><br \/>\n<strong>Micky Remann<br \/>\n<\/strong>Disconnected! Das ist die systemische Lage. Wir sind Zusammengeh\u00f6rige in einer disconnected community.<\/p>\n<p><strong>Ulrich Holbein<br \/>\n<\/strong>Das ist mein Leiden, weisst du.<\/p>\n<p><strong>Micky Remann<br \/>\n<\/strong>Dein Leiden?<\/p>\n<p><strong>Ulrich Holbein<br \/>\n<\/strong>Ich stehe immer noch auf dem Schlitten und er f\u00e4hrt auch abw\u00e4rts.<\/p>\n<p><strong>Micky Remann<br \/>\n<\/strong>Auf dem Schlitten zu stehen ist nicht ratsam.<br \/>\n<strong><br \/>\nUlrich Holbein<br \/>\n<\/strong>Na gut, ich sitze.<br \/>\n<strong><br \/>\nMicky Remann<br \/>\n<\/strong>Auf dem St\u00e4nder schlittern \u2026<\/p>\n<p><strong>Ulrich Holbein<br \/>\n<\/strong>Ich schlitter auf dem St\u00e4nder?<\/p>\n<p><strong>Micky Remann<br \/>\n<\/strong>Nein, du schlitterst nicht auf dem St\u00e4nder, aber dein innerer Skilift treibt dich einerseits zur Aufw\u00e4rtsbewegung,\u00a0<em>uplifting<\/em>\u00a0den Berg hinan, das ewige empor, empor zum Licht! Dies aber zugleich kombiniert mit einer schlitternden Abw\u00e4rtsfahrt, welche du bremst, so dass du \u00fcber der Zerrissenheit dieser gegenl\u00e4ufigen Up- and Down-Bewegungen zerbirst \u2026 zerbirst?<\/p>\n<p><strong>Jemand aus dem Publikum<br \/>\n<\/strong>Zerbarst!<\/p>\n<p><strong>Micky Remann<br \/>\n<\/strong>Zerburst?<\/p>\n<p><strong>Ulrich Holbein<br \/>\n<\/strong>Diese Zusammenf\u00fcgung antagonistischer Widerspr\u00fcche bekomme ich nicht hin, weil ich charakterlich anders strukturiert bin als du. Offenbar bin ich zu wenig \u2026<\/p>\n<p><strong>Micky Remann<br \/>\n<\/strong>\u2026 abgewichen?<\/p>\n<p><strong>Ulrich Holbein<br \/>\n<\/strong>Nun versetze ich mich aus irgendeinem Grund ausnahmsweise mal in dich und versuche zu beschreiben, wie deine Schlittenfahrt aussieht.<\/p>\n<p>Du kommst mir vor \u2026, du kommst mir vor, als w\u00fcrdest du schon bald angekommen sein, wo ich mich erst hinbewegen will. Also immer wenn ich auf Transzendenz zu sprechen komme, zeigst du ein \u00fcberlegenes L\u00e4cheln, als w\u00fcrdest du dich da auskennen, wo ich noch nicht hingekommen bin.<\/p>\n<p><strong>Micky Remann<br \/>\n<\/strong>Tu es! Und achte auf den Konflikt zwischen Vokal und Konsonant.<\/p>\n<p><strong>Ulrich Holbein<br \/>\n<\/strong>Meinst du?<\/p>\n<p><strong>Micky Remann<br \/>\n<\/strong>Es entsteht der Eindruck, dass du den angek\u00fcndigten viereinhalbmin\u00fctigen Aufschub vor der Ziehung der Orakelkarte bei Weitem \u00fcberschreiten wolltest. Was beweist, wie geschickt du Zeit und Raum zu transzendieren verstehst. Mit dem Zeitmass von viereinhalb Minuten hat es ja eine besondere Bewandtnis, die uns zu denken gibt. Wie oft schauen wir beim Fr\u00fchst\u00fcck nerv\u00f6s auf die Uhr und denken: nach viereinhalb Minuten m\u00fcssen die Eier aus dem Topf, bloss nicht verpassen, viereinhalb Minuten! Aber dann kochen die vor sich hin, Jahre sp\u00e4ter sind wir gereift und gealtert, aus den Eiern ist nichts geworden, ausser hart gekochtem Schlitten. Im Traum passiert das h\u00e4ufig. Wie oft schon habe ich im Traum Eier auf den Herd gesetzt, um festzustellen: nach genau viereinhalb Minuten muss ich auf Toilette!<\/p>\n<p><strong>Ulrich Holbein<br \/>\n<\/strong>Tja, das ist mir null Mal passiert, weil ich als Nicht-Karnivore falsche Hasen bevorzuge.<\/p>\n<p><strong>Micky Remann<br \/>\n<\/strong>Falsche Hasen?<br \/>\n<strong><br \/>\nUlrich Holbein<br \/>\n<\/strong>Falsches Aufwaschen \u2026<\/p>\n<p><strong>Micky Reman<br \/>\n<\/strong>Aufwaschen?<\/p>\n<p><strong>Ulrich Holbein<br \/>\n<\/strong>Aufwachen! Nein, also \u2018Wachen\u2019 und \u2018Waschen\u2019 h\u00e4ngen jetzt aber bitte mal nicht zusammen, finde ich. Oder?<\/p>\n<p><strong>Micky Remann<br \/>\n<\/strong>Doch, doch, beide Male geht es ums \u2018Wischen\u2019.<\/p>\n<p><strong>Ulrich Holbein<br \/>\n<\/strong>Ah ja?<\/p>\n<p><strong>Micky Remann<br \/>\n<\/strong>Yes, because LSD brings you a lot of \u2018vision\u2019. We are all here on a \u2018Wischen-Quest!\u2019<\/p>\n<p><em>(Aufjaulen im Publikum)<br \/>\n<\/em><br \/>\n<strong>Ulrich Holbein<br \/>\n<\/strong>Angenommen, das Tr\u00e4umen w\u00e4re ein einziges, paranormales Wischi Waschi. Dann w\u00e4re das Aufwachen gleichbedeutend mit dem Entkommen aus dem Wischi Waschi.<\/p>\n<p><strong>Micky Remann<br \/>\n<\/strong>Wischi Waschi ist die altdeutsche Bezeichnung f\u00fcr Yin und Yang. Das l\u00e4sst sich ohne Eingriff in die Metaphysik festhalten.<br \/>\n<strong><br \/>\nUlrich Holbein<br \/>\n<\/strong>Vielleicht mit Tohuwabohu zusammenwerfbar?<\/p>\n<p><strong>Micky Remann<br \/>\n<\/strong>Absolut.<\/p>\n<p><strong>Ulrich Holbein<br \/>\n<\/strong>Hickhack ist aber wieder etwas anderes? Und Heckmeck?<\/p>\n<p><strong>Micky Remann<br \/>\n<\/strong>\u00c4hnlich, aber vergleichbar. Gott kennt viele Wege zum Wischi Waschi. Warum einen geringer achten als den anderen?<\/p>\n<p><strong>Ulrich Holbein<br \/>\n<\/strong>Ping und Pong \u2026<br \/>\n<strong><br \/>\nMicky Remann<br \/>\n<\/strong>\u2026 die beiden.<br \/>\n<strong><br \/>\nUlrich Holbein<br \/>\n<\/strong>Also Ping stellen wir nicht \u00fcber Pong?<\/p>\n<p><strong>Micky Remann<br \/>\n<\/strong>Korrekt, sie sind im ebenb\u00fcrtigen dialektischen Austausch begriffen.<\/p>\n<p><strong>Ulrich Holbein<br \/>\n<\/strong>Viele Mystiker sehnen qualvoll vor sich hin, stehen in irgendeiner W\u00fcste herum, d\u00fcrsten nach dem richtigen Erwachen und nicht nach falschen Hasen.<\/p>\n<p><strong>Micky Remann<br \/>\n<\/strong>Das ist die Falle! Zwischen richtigem und falschem Erwachen unterscheiden zu wollen ist Teil des falschen Erwachsens.<\/p>\n<p><strong>Ulrich Holbein<br \/>\n<\/strong>Ich greife doch nur deinen Terminus von vorhin auf.<\/p>\n<p><strong>Micky Remann<br \/>\n<\/strong>Macht es das etwa besser? Welches Argument du auch immer aufgreifst, kann doch nur als Aufforderung verstanden werden, von eben diesem abzuweichen!<\/p>\n<p><strong>Ulrich Holbein<br \/>\n<\/strong>Du bist wohl Mahajama-Buddhist, f\u00fcr den das Nichts und das Etwas dieselbe Gr\u00f6sse sind?<\/p>\n<p><strong>Micky Remann<br \/>\n<\/strong>In etwa so gross.<\/p>\n<p><strong>Ulrich Holbein<br \/>\n<\/strong>Du verfilzt alle Begriffe, also du bist \u2026<\/p>\n<p><strong>Micky Remann<br \/>\n<\/strong>\u2026 eine begriffliche Verfilzung.<\/p>\n<p><strong>Ulrich Holbein<br \/>\n<\/strong>Hast du jemals Sehnsucht \u2026<\/p>\n<p><strong>Micky Remann<br \/>\n<\/strong>Ja!<br \/>\n<strong><br \/>\nUlrich Holbein<br \/>\n<\/strong>\u2026 nach weissem Licht?<br \/>\n<strong><br \/>\nMicky Remann<br \/>\n<\/strong>Das weiss ich nicht.<\/p>\n<p><strong>Ulrich Holbein<br \/>\n<\/strong>Hab\u2019 doch mal!<\/p>\n<p><strong>Micky Remann<br \/>\n<\/strong>Hab\u2019 doch mal! Weiche ab! Muss es nicht heissen: habe doch mal?<\/p>\n<p><strong>Ulrich Holbein<br \/>\n<\/strong>Hab\u2019 doch mal \u2026<\/p>\n<p><strong>Micky Remann<br \/>\n<\/strong>Schon wieder haben wir es mit einem \u2018d\u2019, zu tun, also dem weichen \u2018t\u2019, welches dereinst verschwinden wird. Irgendwann bleibt nur noch \u2018Hab och mal\u2019 \u00fcbrig. Diesen Neologismus sollten wir sofort publizieren.<\/p>\n<p><strong>Ulrich Holbein<br \/>\n<\/strong>Hm.<\/p>\n<p><strong>Micky Remann<br \/>\n<\/strong>Und wenn wir bei \u2018Hab och mal\u2019, weitere Konsonanten entfernen, kommen wir zum \u2018Haochal\u2019. Das ist ein ganz neuer Begriff.<\/p>\n<p><strong>Ulrich Holbein<br \/>\n<\/strong>Oh!<\/p>\n<p><strong>Micky Remann<br \/>\n<\/strong>\u2018Haochal\u2019 ist altprotosumerisch und beschreibt den Zustand eines sich selbst transzendierenden \u2026<\/p>\n<p><strong>Ulrich Holbein<br \/>\n<\/strong>\u2026 Menetekels!<\/p>\n<p><strong>Micky Remann<br \/>\n<\/strong>Ja, wir sehen die Flammenzeichen am Matterhorn. \u2018Haochal\u2019 tr\u00e4gt mit dem markanten \u2018ch\u2019 schon den Schweizer Anklang in sich. Im Haochal ist die helvetisch-phonetische Sub-Schwingung enthalten, und es kann nicht mehr lange dauern, bis alle Lexika eingestampft werden, die unter dem Buchstaben \u2018H\u2019 nicht das Haochal verzeichnen, weil es sich unter Mystikern herumspricht, dass Haochal etwas ganz Besonderes ist, also das geht es feinstofflich voll ab, da fahren die Mankies mit dem Schlitten ins Tal, Haochal! Und der Begriff wird so oft wiederholt, bis auch in Buenos Aires an jeder Strassenecke gerufen wird: \u2018Haochal! Haochal! Haochal!\u2019 Ich denke, dem Gebot des Nichtverstandenwerdenwollens ist mit dem Haochal! absolut Gen\u00fcge geleistet.<\/p>\n<p>Dieter Hagenbach, findest du das auch?<\/p>\n<p><em>(Kongressveranstalter Dieter Hagenbach l\u00e4uft durch den Somnambulen Salon)<\/p>\n<p><\/em><strong>Dieter Hagenbach<br \/>\n<\/strong>Haochal!<br \/>\n<strong><br \/>\nMicky Remann<br \/>\n<\/strong>Haochal! Vom Veranstalter des Symposiums \u2018LSD \u2013 Sorgenkind und Wunderdroge\u2019 pers\u00f6nlich best\u00e4tigt: In Windeseile ist Haochal! zum Schl\u00fcsselbegriff des neusp\u00e4tzeitlichen Mystik-Revivals geworden. Viele haben darauf gewartet, jetzt kann es niemand mehr r\u00fcckg\u00e4ngig machen.<\/p>\n<p><strong>Ulrich Holbein<br \/>\n<\/strong>Also, wenn ich jetzt mal, weil du eben das Yin warst, nein umgekehrt: du warst das Yang \u2026<\/p>\n<p><strong>Micky Remann<br \/>\n<\/strong>Ping!<\/p>\n<p><strong>Ulrich Holbein<br \/>\n<\/strong>Dann versuche ich jetzt mal \u2026<\/p>\n<p><strong>Micky Remann<br \/>\n<\/strong>Waschi ?<\/p>\n<p><strong>Ulrich Holbein<br \/>\n<\/strong>Das Gegenst\u00fcck, die andere H\u00e4lfte. Weil diese harten Kehllaute des Hachochal \u2026<\/p>\n<p><strong>Micky Remann<br \/>\n<\/strong>Nein: Haochal!<\/p>\n<p><strong>Ulrich Holbein<br \/>\n<\/strong>Im Schweizerischen und Arabischen bin ich nicht so firm. Diese Kehl- und Rachenlaute, die wir wahrscheinlich nur unvollkommen nachahmen \u2026<\/p>\n<p><strong>Micky Remann<br \/>\n<\/strong>H\u00f6r doch mal auf diese phonetische Erotik: \u2018Haochal!\u2019 das ist eine Orgie f\u00fcr den Kehllaut!<\/p>\n<p><strong>Ulrich Holbein<br \/>\n<\/strong>Ich h\u00f6re da nur ein Rotzen, als ob zu versuchst, einen Schleimbatzen herauszuschleudern und \u2026<\/p>\n<p><strong>Micky Remann<br \/>\n<\/strong>\u2026 ja, sogar als Abhusthilfe ist es geeignet! Haochal hat ein breites gesundheitliches Wirkungsspektrum, nicht nur \u2026<\/p>\n<p><strong>Ulrich Holbein<br \/>\n<\/strong>Das ist erst die halbe Miete, die halbe H\u00e4lfte.<\/p>\n<p><strong>Micky Remann<br \/>\n<\/strong>Alle, die bald unter Vogelgrippe leiden, k\u00f6nnen mit Haochal schon mal husten \u00fcben. Mystische Erleuchtung durch prophylaktisches Abschleimen in einem Wurf, mit einem Wort, Haochal. Super! Wir m\u00fcssen unbedingt eine Werbekampagne starten!<\/p>\n<p><strong>Ulrich Holbein<br \/>\n<\/strong>Ich bin ja nun so eine Mimose, so ein ungeheures \u00dcber-Sensibelchen, dass dieser Laut, wie ich finde, doch ein bisschen zu harrrt und m\u00e4nnlich ist. Da ich mich eher als eine Frau mit Bart empfinde brauche ich andere, mehr schmeichelnde Worte, um diese Rachen aufreibenden Kehllaute des arabisch-schweizerischen Idioms zu kompensieren. Ich brauche Laute wie zum Beispiel \u2018Jellalalabad\u2019. Das ist wundersch\u00f6n weich, und ich habe es noch viel zu hart gesprochen. \u2018Jellalalabad!\u2019 Sprich du das mal, ob das auch zu dir passt!<\/p>\n<p><strong>Micky Remann<br \/>\n<\/strong>Haochal!<\/p>\n<p><strong>Jemand aus dem Publikum<br \/>\n<\/strong>Das war gemein!<\/p>\n<p><strong>Ulrich Holbein<br \/>\n<\/strong>Oder, zum Beispiel \u2018Jellaledin Rumi\u2019, ist auch zauberhaft weich, Orlana Jellaledin Rumi, der kam ebenfalls mal in Jellalalabad vorbei. Versuch doch mal Jellalalabad zu sprechen! Ob das deiner Zunge gelingen mag.<\/p>\n<p><strong>Micky Remann<br \/>\n<\/strong>Diese Worte, die du hier in die Manege f\u00fchrst wie zahme Elefanten, sind im Altpersischen alle schwer mit Bedeutung beladen, wenn nicht gar \u00fcberladen. Selbst diejenigen, die des Persischen unkundig sind und den Bedeutungsinhalt des Wortes Jellalalabad nicht kennen \u2026<\/p>\n<p><strong>Ulrich Holbein<br \/>\n<\/strong>Du bist ja gut, das h\u00e4tte ich nicht gedacht!<\/p>\n<p><strong>Micky Remann<br \/>\n<\/strong>\u2026 f\u00fcr die klingt \u2018Jellalalabad\u2019 sehr nach persischer S\u00fcssspeise. Und auch ich bin ein grosser Freund persischer S\u00fcssspeisen.<\/p>\n<p><strong>Ulrich Holbein<br \/>\n<\/strong>Kann es sein, dass wir hier in hohler Begrifflichkeit kreisen? Als einer, der sich eben noch als Transzendentalist mit hohem Hut zeigen wollte, habe ich die Bef\u00fcrchtung, dass wir im Traum dieser Tiraden auf der Stelle treten.<\/p>\n<p><strong>Micky Remann<br \/>\n<\/strong>Ja.<\/p>\n<p><strong>Ulrich Holbein<br \/>\n<\/strong>Wenn diese Tiraden den Kokon aus Worten und Begriffen nicht durchbrechen, wie kommen wir dann raus aus dem Hamsterrad?<\/p>\n<p><strong>Micky Remann<br \/>\n<\/strong>Indem wir deine Bef\u00fcrchtung des ewigen Drinbleibens noch verst\u00e4rken. Du bist der Guru deiner Bef\u00fcrchtungen und eine erleuchtete Bef\u00fcrchtung wirkt mindestens so kathartisch wie eine nicht eingetretene Gefahr, vor der aber gewarnt werden muss!<\/p>\n<p><strong>Ulrich Holbein<br \/>\n<\/strong>Wovor muss gewarnt werden?<\/p>\n<p><strong>Micky Remann<br \/>\n<\/strong>Vor der Gefahr. Und vor der Bef\u00fcrchtung.<\/p>\n<p><strong>Ulrich Holbein<br \/>\n<\/strong>Meine gr\u00f6sste Bef\u00fcrchtung ist, dass ich erleuchtungsungeeignet bin und meine noch gr\u00f6ssere Bef\u00fcrchtung ist, dass ich in einem Jahr sogar noch weniger erleuchtet sein werde, als jetzt schon nicht.<\/p>\n<p><strong>Micky Remann<br \/>\n<\/strong>Wir sind hier versammelt, um diese Bef\u00fcrchtungen zu verst\u00e4rken.<\/p>\n<p><strong>Ulrich Holbein<br \/>\n<\/strong>Es w\u00e4re mir lieber, die Versammelten k\u00f6nnten die Kraft Ihrer Versammlung einsetzen, um die Erleuchtung zu bef\u00f6rdern, besonders meine.<\/p>\n<p><strong>Micky Remann<br \/>\n<\/strong>Keine Bef\u00fcrchtung ist so gross, als dass sie durch die Warnung vor einer Gefahr nicht noch vergr\u00f6ssert werden k\u00f6nnte! M\u00f6glicherweise ist die Erl\u00f6sung der Gefahr nur durch gesteigerte Bef\u00fcrchtungen zu erlangen.<\/p>\n<p><strong>Ulrich Holbein<br \/>\n<\/strong>Erl\u00f6sung w\u00fcrde nichts bringen? Also ich m\u00f6chte lieber erleuchtet, als erl\u00f6st werden.<\/p>\n<p><strong>Micky Remann<br \/>\n<\/strong>In deinem Falle h\u00e4lt aber gerade die Bef\u00fcrchtung genau das, was du dir irrt\u00fcmlich von der Erleuchtung versprichst. Es ist wahr, wir schippern alle auf dem falschen Dampfer dem sicheren Hafen des falschen Erwachens entgegen.<br \/>\n<strong><br \/>\nUlrich Holbein<br \/>\n<\/strong>Wie, jetzt sind auch meine Bef\u00fcrchtungen falsch? Nein, Moment \u2026<\/p>\n<p><strong>Micky Remann<br \/>\n<\/strong>Die Gefahr liegt in der Bef\u00fcrchtung, sie k\u00f6nnte nicht mehr gesteigert werden.<\/p>\n<p><strong>Ulrich Holbein<br \/>\n<\/strong>K\u00f6nnte das als\u00a0<em>oversophisticated<\/em>\u00a0empfunden werden?<\/p>\n<p><strong>Micky Remann<br \/>\n<\/strong>Matthias Br\u00f6ckers verzieht sich schon genervt in die Garderobe. Oder er bestellt sich in der Space-Bar ein Aphrodisiakum.<\/p>\n<p><strong>Ulrich Holbein<br \/>\n<\/strong>Wenn das so ist \u2026<\/p>\n<p><strong>Micky Remann<br \/>\n<\/strong>Wir haben vor der Sendung etwas vorbereitet \u2026<\/p>\n<p><strong>Ulrich Holbein<br \/>\n<\/strong>Wir nicht und ich schon gar nicht!<\/p>\n<p><strong>Micky Remann<br \/>\n<\/strong>Stimmt. Wir sind bis jetzt ohne etwas Vorbereitetes ausgekommen, da w\u00e4re es ein Stilbruch, auf Fertigware zur\u00fcckzugreifen. W\u00fcrde uns eh kleiner glauben.<\/p>\n<p>Aber das Orakel m\u00fcssen wir noch befragen, das haben wir vor mehrfach vergangenen viereinhalb Minuten versprochen, besonders die Leute in Buenos Aires warten darauf.<\/p>\n<p><strong>Ulrich Holbein<br \/>\n<\/strong>Tu dies.<\/p>\n<p><strong>Micky Remann<br \/>\n<\/strong>Hier auf der Nordhalbkugel ist es gerade ziemlich d\u00fcsterer Winter, mehr Licht und Sonne gibt es auf S\u00fcdhalbkugel der Erde. In Australien und Argentinien sind sie der Erleuchtung viel n\u00e4her, da ist jetzt praller Sommer, da liegen die Leute in Bikinis am Strand und orakulieren.<\/p>\n<p><strong>Ulrich Holbein<br \/>\n<\/strong>Orakulieren.<br \/>\n<strong><br \/>\nMicky Remann<br \/>\n<\/strong>Und eine Orakelkarte dieser 63 Auerworld Argumente wird jetzt pr\u00e4zise zusammenfassen, was bisher gesagt wurde, bzw. was zum Thema noch gesagt werden muss.<\/p>\n<p><strong>Ulrich Holbein<br \/>\n<\/strong>Das glaube ich dir aufs Wort.<\/p>\n<p><strong>Micky Remann<br \/>\n<\/strong>In dieser einen zu ziehenden Orakelkarte, das kann ich jetzt schon versprechen, steckt so viel Weisheit \u2026<\/p>\n<p><strong>Ulrich Holbein<br \/>\n<\/strong>Das kann ich jetzt schon bestreiten!<\/p>\n<p><strong>Micky Remann<br \/>\n<\/strong>\u2026 dass selbst die Bestreitbarkeit der Weisheit vom orakul\u00f6sen Gehalt der Karte noch \u00fcbertrumpft wird. Deswegen bitte ich jetzt, dass eine unbelastete Person aus dem Auditorium vortritt und eine Karte aus dem Packen zieht \u2026<\/p>\n<p><strong>Aus den Publikum<br \/>\n<\/strong>Ja! Ja!<\/p>\n<p><strong>Micky Remann<br \/>\n<\/strong>Ihr sagt \u201aJa\u2019, aber manche denken \u201aNein\u2019 und trauen sich nicht vor. Wo bleibt die Courage? Psychedelische Drogen zu nehmen, erfordert mindestens den Mut, sie zu nehmen; zu erleben, was dann passiert, manchmal auch. Aber Nehmen ist jetzt seliger als Geben. Wer greift mutig zur Orakelkarte?<\/p>\n<p>Und da kommt schon, wie durch ein Wunder, die Kandidatin, die Orakel-Fee. Herzlich Willkommen! Wir bitten um tosenden Applaus, und wink bitte gleich in die Kamera nach Argentinien, in die Sonne der S\u00fcdhalbkugel.<\/p>\n<p><strong>Kandidatin,\u00a0<\/strong><em>die aus dem Publikum zur B\u00fchne gekommen ist<br \/>\n<\/em>Soll ich mich konzentrieren jetzt?<\/p>\n<p><strong>Micky Remann<br \/>\n<\/strong>Ganz stark konzentrieren bitte, die Karte, die du ziehst, ist die Quintessenz der ganzen Veranstaltung.<\/p>\n<p><strong>Kandidatin<\/strong><br \/>\nSoll ich an etwas denken oder gar nichts?<\/p>\n<p><strong>Micky Remann<br \/>\n<\/strong>Beides!<\/p>\n<p><em>(Die Kandidatin zieht eine Orakelkarte)<br \/>\n<\/em><br \/>\n<strong>Micky Remann<br \/>\n<\/strong>Vielen Dank! Das Orakel hat entschieden, sich uns gegen\u00fcber mit dieser Karte hier zu offenbaren. Es h\u00e4tte auch eine andere aus dem 63 Karten umfassenden Stapel sein k\u00f6nnen. Aber nur diese ist f\u00fcr die somnambule Situation hier und jetzt g\u00fcltig. Danke, Orakel-Fee, danke meine Damen und Herren, dass Sie bis jetzt ausgeharrt haben, um zu vernehmen, was das Orakel verk\u00fcndet. Der Spruch auf dieser Karte besagt, das steht hier, das kann jeder \u00fcberpr\u00fcfen:<\/p>\n<p><strong>Der lang ausschlafende Wurm entkommt dem fr\u00fch aufgestandenen Vogel<\/p>\n<p>Ulrich Holbein<br \/>\n<\/strong>Das heisst, ich werde wieder nicht erl\u00f6st. Na ja, ist jetzt auch egal.<\/p>\n<p><strong><img loading=\"lazy\" title=\"ulrich_holbein_basel\" src=\"https:\/\/www.gaiamedia.org\/deutsch\/deutsch\/wp-content\/uploads\/2013\/02\/ulrich_holbein_basel.jpg\" alt=\"\" width=\"317\" height=\"480\" \/><\/p>\n<p>Micky Remann<br \/>\n<\/strong>Mit diesem Orakel kann nun jeder in sich zu gehen und entscheiden: bin ich Wurm oder bin ich Vogel? Bin ich der Fr\u00fchaufsteher, der gleich bei Tagesanbruch von vogelgrippeverseuchten Amseln, Drosseln, Finken und Staren gefressen wird, oder bin ich der verpennte, teil-erleuchtete Wurm, dessen Verweilen im Somnambulen Salon die beste Lebensversicherung gegen hungrige Realit\u00e4tsv\u00f6gel ist. Das Orakel best\u00e4tigt, was wir immer behauptet haben: Schlafen lohnt sich, Erwachen ist falsch!<strong><br \/>\n<\/strong><br \/>\n<strong>Ulrich Holbein<br \/>\n<\/strong>Der Verarschte ist aber der Vogel, der ergebnislos in der Gegend pickt, und nicht begreift, warum kein Wurm sich regt. Eigentlich sind alle verarscht, der Vogel, wie auch der Wurm, einschliesslich Mensch, jede Wette! Der Wurm weiss ja nicht, dass er auch ein Vogel sein k\u00f6nnte, jetzt mal transpersonal gedacht. Und ich darf nicht aufwachen, das habe ich deinen Worten subkutan entnommen. Ich darf auch nicht aus meinem Wachsein aufwachen.<\/p>\n<p>Es kommt mir so vor, als h\u00e4ttest du mich zum Wurmdasein verurteilt.<\/p>\n<p><strong>Micky Remann<br \/>\n<\/strong>Wunderbar, endlich kann der erleuchtete Wurm durchschlafen, weil er den Wunsch aufzuwachen aufgegeben hat \u2026<\/p>\n<p><strong>Ulrich Holbein<br \/>\n<\/strong>Das finde ich tragisch, du findest es lustig \u2026<\/p>\n<p><strong>Micky Reman<br \/>\n<\/strong>\u2026 er findet es tragisch, ist aber erleuchtet!<\/p>\n<p><strong>Ulrich Holbein<br \/>\n<\/strong>N\u00f6, n\u00f6.<\/p>\n<p><strong>Micky Remann<br \/>\n<\/strong>Wie viele W\u00fcrmer verpassen ihre Erleuchtung, weil sie vorzeitig ihr Bett verlassen? Das gr\u00f6sste Unheil der Menschheit kommt von zu fr\u00fch aufgestandenen W\u00fcrmern!<\/p>\n<p>(<em>Applaus, Gejohle)<br \/>\n<\/em><br \/>\n<strong>Ulrich Holbein<br \/>\n<\/strong>Ich stehe doch jede Nacht auf, im Schlaf, suche verzweifelt das Klo, finde es mal, finde es mal nicht. Ich habe nicht den Eindruck, dass ich dadurch aufgewacht bin.<\/p>\n<p><strong>Micky Remann<br \/>\n<\/strong>Sag ich ja!<\/p>\n<p><strong>Ulrich Holbein<br \/>\n<\/strong>Oder, dass ich weiter geschlafen h\u00e4tte.<\/p>\n<p><strong>Micky Remann<br \/>\n<\/strong>Sag ich ja auch! Weil die Klo- und Pinkeltr\u00e4ume, die deine nicht stattfindenden Erleuchtungstr\u00e4ume majorisieren, dich immer wieder auf die alles entscheidende Yoga-\u00dcbung hinweisen wollen: Lerne den Schliessmuskel im Traum zu \u00f6ffnen, ohne ins Bett zu machen!<\/p>\n<p><strong>Ulrich Holbein<br \/>\n<\/strong>Aber soll ich auf ewig in dieser Tretm\u00fchle bleiben, so buddhistisch-mahajanistisch, also das gef\u00e4llt mir nicht. Na gut, es macht auch ein bisschen Spass.<\/p>\n<p><strong>Micky Remann<br \/>\n<\/strong>Den Begriff der Tretm\u00fchle f\u00fcr einen Wurm zu verwenden, der gar keine F\u00fcsse zum Treten hat, finde ich bem\u00fcht.<\/p>\n<p><strong>Ulrich Holbein<br \/>\n<\/strong>Ja, ja, das finde ich ja gerade so Scheisse.<\/p>\n<p><strong>Micky Remann<br \/>\n<\/strong>Aber der luzide Wurm hat stets die M\u00f6glichkeit, sich die F\u00fcsse zu ertr\u00e4umen, die er gar nicht hat. Je virtueller der Wurm tr\u00e4umt, desto n\u00e4her ist er dem Tausendf\u00fcssler.<\/p>\n<p><strong>Ulrich Holbein<br \/>\n<\/strong>Findest du, dass der Tausendf\u00fcssler mehr Beine hat als ein Wurm? Das ist auch nur Schein.<\/p>\n<p><strong>Micky Remann<br \/>\n<\/strong>Im Traum z\u00e4hlt kein Wurm nach, wie viele F\u00fcsse er hat. Er reicht ihm, dass er welche haben k\u00f6nnte, egal, wof\u00fcr er die dann verwendet.<\/p>\n<p><strong>Ulrich Holbein<br \/>\n<\/strong>Man weiss seit Tschuang Zhi, 600 vor Christus, dass, sobald der Tausendf\u00fcssler daran denkt, seine Beine nachzuz\u00e4hlen, was er aber mangels Gehirn gar nicht kann, denn er hat ja als Nervenzentrum nur den Oberschlundganglion zur Verf\u00fcgung, wenn er also mit diesem Oberschlundganglion anfangen w\u00fcrde, seine Beine z\u00e4hlen zu wollen, k\u00e4me er auf NULL, weil er keinen Begriff von Zahl und Vielzahl hat. Er kann nicht einmal bis EINS z\u00e4hlen, als Tausendf\u00fcssler.<\/p>\n<p><strong>Micky Remann<br \/>\n<\/strong>Ich bin ger\u00fchrt, wie jetzt in diesem Moment, da fast jeglicher Zusammenhang in unserem Dialog verloren zu sein scheint, hier ein frappierender Bezug auftaucht. Aufmerksamen Schlafwandlern ist die Erinnerung an das Thema Metaphysik geblieben.<\/p>\n<p><strong>Ulrich Holbein<br \/>\n<\/strong>Da denke ich st\u00e4ndig dran, aber \u2026<br \/>\n<strong><br \/>\nMicky Remann<br \/>\n<\/strong>Wenn wir nun das Wort Metaphysik in seine Teilbegriffe zerlegen, kommen wir auf ein Mittelst\u00fcck namens \u2018phys\u2019. Von diesem \u2018phys\u2019 ist es nur ein ganz kurzer Weg zum gleichlautenden Mittelteil \u2018f\u00fcss\u2019 beim Tausendf\u00fcssler. Wir erkennen einen inhaltlichen Bezug zwischen MetaPHYSik und TausendF\u00dcssler!<\/p>\n<p><strong>Ulrich Holbein<br \/>\n<\/strong>Wahrlich, wahrlich, red du nur \u2013 ja na und, was jetzt?<\/p>\n<p><strong>Micky Remann<br \/>\n<\/strong>Jetzt kannst du meinetwegen aufwachen, um dich vom erstbesten Vogel fressen zu lassen!<\/p>\n<p><strong>Ulrich Holbein<br \/>\n<\/strong>Nee, nee.<\/p>\n<p><strong>Jemand aus dem Publikum<br \/>\n<\/strong>Absurd \u2026<br \/>\n<strong><br \/>\nUlrich Holbein<br \/>\n<\/strong>Der vom Vogel halbverdaute Wurm \u2026 und so weiter.<\/p>\n<p><strong>Micky Remann<br \/>\n<\/strong>Also \u2026<\/p>\n<p><strong>Ulrich Holbein<br \/>\n<\/strong>Mir kam es eben kurz so vor, als h\u00e4tten wir uns sekundenweise verstanden.<\/p>\n<p><strong>Micky Remann<br \/>\n<\/strong>Gut, dass wir von dieser Illusion erl\u00f6st sind!<\/p>\n<p><strong>Ulrich Holbein<br \/>\n<\/strong>Ist ja klar \u2026<\/p>\n<p><strong>Micky Remann<br \/>\n<\/strong>Hoachal!<\/p>\n<p><strong>Ulrich Holbein<br \/>\n<\/strong>Jellalalabad!<\/p>\n<p><strong>Ende<\/p>\n<p><\/strong>Januar 2013<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Micky Remann und Ulrich Holbein Im Rahmenprogramm des Internationalen Symposiums zum 100. Geburtstag von Albert Hofmann\u00a0LSD \u2013 Sorgenkind und Wunderdroge, im Januar 2006 in Basel, pr\u00e4sentierten der Schriftsteller Ulrich Holbein und der Medienk\u00fcnstler und Kulturschaffende Micky Remann einen thematisch freien, von Tages- und Nachtzeit unabh\u00e4ngigen Dialog. Ein Jahrsiebt danach legen die beiden nun eine<a href=\"https:\/\/www.gaiamedia.org\/deutsch\/2013\/02\/08\/der-somnambule-salon\/\" class=\"read-more\">Continue Reading<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[11],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.gaiamedia.org\/deutsch\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/952"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.gaiamedia.org\/deutsch\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.gaiamedia.org\/deutsch\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gaiamedia.org\/deutsch\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gaiamedia.org\/deutsch\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=952"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.gaiamedia.org\/deutsch\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/952\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":953,"href":"https:\/\/www.gaiamedia.org\/deutsch\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/952\/revisions\/953"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.gaiamedia.org\/deutsch\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=952"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gaiamedia.org\/deutsch\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=952"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gaiamedia.org\/deutsch\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=952"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}