{"id":967,"date":"2002-02-01T01:46:16","date_gmt":"2002-02-01T00:46:16","guid":{"rendered":"https:\/\/www.gaiamedia.org\/deutsch\/deutsch\/?p=967"},"modified":"2018-03-31T01:47:44","modified_gmt":"2018-03-30T23:47:44","slug":"die-vierte-welt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gaiamedia.org\/deutsch\/2002\/02\/01\/die-vierte-welt\/","title":{"rendered":"Die vierte Welt"},"content":{"rendered":"<p><strong>Von Govert Derix<\/strong><\/p>\n<p>In seinem Buch \u00abAyahuasca, eine Kritik der psychedelischen Vernunft\u00bb bietet der niederl\u00e4ndische Philosoph Govert Derix einige Ans\u00e4tze zu einer neuen Ontologie oder Philosophie des Seins. Grundgedanke ist, die psychedelische Erfahrung zu nutzen, um eine solche Seinsphilosophie in den Griff zu bekommen; wobei es darauf ankommt zu verstehen, wie der psychedelische Raum gedacht werden muss in Beziehung zu anderen R\u00e4umen, in denen die menschliche Existenz sich bewegt. Der Philosoph Karl Popper sprach in diesem Zusammenhang von drei Welten: die Welten (oder R\u00e4ume) des Physischen, Mentalen und Virtuellen. In seinem Vortrag im Gaia Media Forum am 10. Februar 2005 in Basel schlug Derix vor, dass auch eine \u00abVierte Welt\u00bb, die der psychedelischen Erfahrung mit einbezogen werden sollte. Der nachfolgende Text ist ein Querschnitt des ersten Teils seines Vortrags, in dem Derix das Bed\u00fcrfnis nach einer neuen Ontologie erl\u00e4utert und aus seiner Sicht die philosophische Relevanz der Ayahuascaerfahrung beschreibt.<\/p>\n<p>Ayahuasca ist eine pflanzliche Substanz, welche als Trank in Form einer eingedickten Abkochung zubereitet wird. Sie stammt aus den W\u00e4ldern des Amazonas. Ayahuasca ist jedoch keine einzelne Substanz, sondern setzt sich aus den St\u00e4ngeln, Bl\u00e4ttern und Wurzeln der Ayahuasca-Liane (Banisteriopsis caapi), des Chacruna-Strauches (Psychotria viridis, mit dem Wirkstoff DMT) und anderen, oft variablen pflanzlichen Zus\u00e4tzen zusammen. Der Begriff Ayahuasca leitet sich aus der peruanischen Quechua-Sprache ab und bedeutet soviel wie \u00abLiane der Geister\u00bb oder \u00abRanke der Seele\u00bb.<br \/>\nEine der bezeichnendsten Kritiken meines Buches \u00fcber die psychedelische Vernunft (typischerweise von einem, der es nicht gelesen hatte) war die Frage, ob der Autor nichts Besseres zu tun h\u00e4tte, als seine Zeit mit sinnlosen Egotrips zu vergeuden. Die Frage impliziert, dass alles besser w\u00e4re, als in sich selbst zu versinken und \u00fcber seine tiefsten seelischen Regungen zu meditieren. Die Frage unterstellt ferner, dass dasjenige, was man in seinem psychedelischen Inneren vorfindet, keinerlei Wert f\u00fcr eine eventuelle Verbesserung der Welt haben k\u00f6nne. Am typischsten ist jedoch, dass mit dem Wort \u00abEgotrip\u00bb etwas bezeichnet wird, worum es bei der durchlebten psychedelischen Erfahrung in der Regel gerade nicht geht: Es geht eben nicht um das Aufblasen des Ich. Der absolute H\u00f6hepunkt einer psychedelischen Reise besteht aus der Losl\u00f6sung davon. Das Gelingen eines Trips f\u00e4llt mit dem Verabschieden des Egos zusammen. Wenn es denn um \u00abAufblasen\u00bb gehen soll, dann in der Bedeutung einer aufgebl\u00e4hten Illusion.<br \/>\nMein Anliegen hingegen handelt von der tiefgreifendsten Botschaft, die wir aus den psychedelischen H\u00f6hen und Tiefen jener Welt emporheben k\u00f6nnen, von der wir bis jetzt annehmen, dass sie sich vornehmlich zwischen unseren Ohren entfaltet. Dabei behalten wir uns ausdr\u00fccklich die M\u00f6glichkeit vor, dass es keine Botschaft gibt und dass die psychedelische Reise in letzter Instanz nicht mehr als ein egoloser Trip ist. Ich will keine organisierte Reise in die Welt des Psychedelischen unternehmen (vorausgesetzt, dass hier \u00fcberhaupt eine Organisation m\u00f6glich ist), sondern eine Expedition aus dem Stegreif. Dabei f\u00fchre ich dennoch eine nicht unbedeutende Ambition im Gep\u00e4ck, n\u00e4mlich das Vorhaben, die Konturen einer neuen Ontologie zu skizzieren.<br \/>\nEine neue Ontologie oder Seinsphilosophie ist etwas, wor\u00fcber wir gegenw\u00e4rtig kaum zu sprechen wagen. Wir leben in einer Zeit, in der die M\u00f6glichkeit des Gewinnens einer h\u00f6heren Bedeutung erfolgreich ins Reich der Fabeln verwiesen wird. Die Wissenschaft scheint von der Zweckursache elegant Abschied genommen zu haben, und wenn Wissenschaftler noch zum Staunen f\u00e4hig sind, dann bezieht sich dies vor allem auf das Ph\u00e4nomen der Entfaltung von Komplexit\u00e4t auf allen m\u00f6glichen Ebenen (kosmisch, evolution\u00e4r, anthropologisch) \u2013 eine Art des Betrachtens und Erkl\u00e4rens, die problemlos ohne Prinzipien der Zielgerichtetheit auskommt. Schliesslich bestand das Schockierendste und Befreiendste der Evolutionslehre darin, dass sie die Welt ohne die Annahme eines richtungweisenden Prinzips am Anfang und Ende der Reise erkl\u00e4rte.<\/p>\n<p><strong>Kartenh\u00e4user<\/strong><br \/>\nDas Aussprechen des Bed\u00fcrfnisses nach einer neuen Ontologie ist von vornherein verd\u00e4chtig. Aus grosser Distanz kann es einem Zeitvertreib von Menschen \u00e4hneln, die sich ihre H\u00e4nde in der Misere der globalen Situation nicht schmutzig machen wollen. Die einfachste Art, sich vor gesellschaftlicher Verantwortung zu verkriechen, ist, sich in verbale Konstruktionen zur\u00fcckzuziehen, die etwas von Weltverbesserung quasseln, aber inzwischen die physische Realit\u00e4t in einer Weise vor die Hunde gehen lassen, die sich kaum noch in Worte fassen l\u00e4sst. Seit der Entlarvung der Religion als Opium f\u00fcr das Volk ist es eine Vorliebe der Intelligenz, sich an fatalistischen Kartenh\u00e4usern zu berauschen, die mit der Welt, \u00fcber die sie etwas Sinnvolles sagen wollen, vor allem gemein haben, dass sie einzust\u00fcrzen drohen.<br \/>\nAuf der einen Seite h\u00e4lt der Mensch mit dem Mut der Verzweiflung an den Spenden f\u00fcr Greenpeace und Amnesty International fest. Auf der anderen Seite gelingt es ihm nicht, seinen Argwohn zu zerstreuen, dass mit der Dekonstruktion h\u00f6herer Prinzipien nicht alles erkl\u00e4rt sein kann. Es muss einen Sinn geben, eine Teleologie, einen allumfassenden Plan, einen Kosmischen Bauplan. In k\u00fchnen Momenten vermutet er, dass wir einen solchen kosmischen Plan, wenn er denn fehlt, wohl konstruieren m\u00fcssen. Gerade \u00fcber das, wor\u00fcber man nicht sprechen kann, muss man seinen Mund aufreissen. Angesichts des drohenden Weltuntergangs grenzt Schweigen an Kriminalit\u00e4t. Kurzum, wenn es darum geht, das Thema einer neuen Ontologie zur Sprache zu bringen, stehen sich Anstand und die Bezichtigung des Egotrips diametral gegen\u00fcber.<\/p>\n<p><strong>Der Spiegel des Ayahuasca<\/strong><br \/>\nWenn ich in Gedanken zu dem Abend zur\u00fcckkehre, an dem ich im Jahre 1990 in Brasilien zum ersten Mal Ayahuasca trank, so ergreift mich dasselbe Erstaunen wie damals. Mit Ayahuasca setzt man sich selbst aufs Spiel. Man kann sagen, dass Ayahuasca im allgemeinen von dem Grossen Spiel handelt, worin unabl\u00e4ssig auf allen m\u00f6glichen Ebenen (kosmisch, evolution\u00e4r, individuell) alles auf dem Spiel steht. Die erste Lektion von Ayahuasca lautet aber, dass das Spiel kein Spiel ist und dass es eine dem\u00fctige Einstellung sowie das Kennenlernen des eigenen Platzes in dieser Welt und in dieser Zeit erfordert. Vielleicht ist dies in der Tat die wichtigste Erkenntnis. Vielleicht ist es das, warum sofort in den ersten Minuten zu mir durchdrang, dass Ayahuasca ein philosophisches Instrument par excellence sein kann. Ayahuasca unterweist einen \u00fcber seinen Platz und seine Zeit. Mit der Stimme eines mal milden, mal erbarmungslosen Predigers reibt Ayahuasca einem unter die Nase, wer man ist, wo man ist, was man sein kann.<br \/>\nMir ist klar, dass dies eine Offenbarung auch anderer Mittel sein kann. Ich muss bekennen, dass ich nur einen sehr kleinen Ausschnitt der psychedelischen Landschaft kenne. Dies ist auch der Grund, warum sich im Titel meines Buches der unbestimmte Artikel statt des bestimmten findet (eine statt die Kritik). Die Kritik der psychedelischen Vernunft m\u00fcsste erst einmal eine ersch\u00f6pfende Kartographie aller m\u00f6glichen Zust\u00e4nde des menschlichen Bewusstseins umfassen. Meine Vermutung ist, dass eine solche Kartographie die Form eines Periodischen Systems der psychedelischen Erfahrungen annehmen k\u00f6nnte, worin einer der Parameter das Mass der Verformung eines eventuell vorhandenen spiegelnden Effekts ist. Meine Arbeitshypothese ist, dass Ayahuasca den Platz von Wasserstoff einnimmt. Ayahuasca als reiner Spiegel dessen, was es von einem und f\u00fcr einen zu sehen gibt. Das Spannende dieses reinen Spiegels ist, dass er uns an unserem Ort und in dieser Zeit ein Bild der Geschichte zeigen kann, die uns bis hierher gebracht hat. Die Epoche, in der die Menschheit zum ersten Mal ein wahres Bild ihrer selbst im Spiegel der Wissenschaft wahrzunehmen imstande ist, f\u00e4llt bemerkenswerterweise mit der Verbreitung des Spiegels von Ayahuasca zusammen.<\/p>\n<p><strong>Komplexistenzialismus<\/strong><br \/>\nDurch diesen Spiegel hindurch tretend ist die Frage gerechtfertigt, ob beides \u2013 das evolutionsbiologische Selbstbild des Homo sapiens und die Konfrontation mit dem Selbst durch Ayahuasca \u2013 in einer Ontologie zusammenkommen kann, die beides als Dimensionen ein und derselben Bewegung begreift. Das Thema \u00abVers\u00f6hnung\u00bb, das auf der politischen und philosophischen Tagesordnung beinahe nicht mehr vorkommt, k\u00f6nnte dadurch eine seinsphilosophische Grundlage bekommen. Der Moment, wo der Mensch sieht, wer er ist, w\u00fcrde mit der \u00dcberzeugung konvergieren, es nun auch endlich werden zu k\u00f6nnen. Vor dem wahren Bild im Spiegel stehend begreifen wir, dass etwas fehlt, dass es erst dann vollst\u00e4ndig wird, wenn wir hindurch schreiten und beide Seiten der Reflexion (Sein und Werden) als zwei Seiten derselben universellen Medaille begreifen. Durch einen Spiegel zu schreiten bedeutet, sich selbst aufs Spiel zu setzen. Aber dann: Der Spiegel wird erst dadurch m\u00f6glich, indem viel aufs Spiel gesetzt wird. Nie war der Spiegel klarer als heute, aber es stand auch nie so viel auf dem Spiel. Eingedenk des heiligen Speers von Parsifal m\u00fcssen wir aus der Not eine Tugend und aus der Erkenntnis dessen, dass alles auf dem Spiel steht, den Anfang einer spielerischen L\u00f6sung machen. Wir brauchen nur die Hand auszustrecken, um zu sehen, dass gleichzeitig H\u00e4nde zu uns ausgestreckt werden.<br \/>\nDer wahre Tanz der Ver\u00e4nderung ist ein Tanz auf beiden Seiten des komplexistenzialistischen Spiegels. Komplexistenzialismus k\u00f6nnte der Name einer Bewegung sein, die dem erfahrungsm\u00e4ssigen Charakter einer neuen Ontologie gerecht w\u00fcrde. Nietzsches Seilt\u00e4nzer bewegt sich nicht nur auf einem schwankenden Seil hin zu einer noch unsichereren Gegenseite \u2013 er balanciert vielmehr auf eine Messers Schneide, die wir als das membranartiges \u00dcbergangsgebiet zwischen den zwei Seiten dieses imagin\u00e4ren Spiegels begreifen m\u00fcssen. Dieses Gebiet scheint \u00fcberall vorhanden zu sein, aber nirgendwo so prominent wie im Gehirn der Spezies, die sich im Prozess der Selbstkonfrontation als das noch nicht festgestellte Tier erkennt. Seit kurzem ist der Mensch definierbar als das Wesen, das sich im Spiegel tats\u00e4chlich erkennen kann (und dar\u00fcber hinaus auch immer besser in der Lage ist zu sehen, was er sein k\u00f6nnte).<br \/>\nNeben den existenziellen Fragen am Ende der Kritik der reinen Vernunft von Kant \u2013 Was kann ich wissen?, Was darf ich hoffen?, Was soll ich tun? \u2013 m\u00fcsste mehr denn je zuvor die Frage \u00abWas will ich sehen?\u00bb zuoberst auf der Tagesordnung unserer politischen und philosophischen Praxis stehen. Ohne eine grundlegende Reflexion \u00fcber die Frage, was es bedeutet, zu Beginn des einundzwanzigsten Jahrhunderts vision\u00e4r zu sein, haben die Spekulationen \u00fcber eine psychedelische Aufkl\u00e4rung in der Tat keinerlei Wert. Selten hat eine Generation so viel gesehen wie die unsere, aber selten auch sah sie so wenig, wie es weitergehen soll.<\/p>\n<p>Aus dem Niederl\u00e4ndischen von Thomas Hartwig, Den Haag<\/p>\n<p>Govert Derix ist Philosoph, Unternehmer und Schriftsteller. Sein Buch \u00abAyahuasca, eine Kritik der psychedelischen Vernunft\u00bb ist das Resultat jahrelanger Forschung und ein Pl\u00e4doyer f\u00fcr die Ayahuasca-Erfahrung. Einf\u00fchlsam und \u00fcberzeugend zeigt er wie eine Reise in die Welt von Ayahuasca verlaufen kann. Mit seinen Beschreibungen liefert er auch all jenen, die Ayahuasca bereits kennen, einen spannenden Reisef\u00fchrer.<br \/>\nGovert Derix, \u00abAyahuasca, eine Kritik der psychedelischen Vernunft\u00bb, Solothurn 2004<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Govert Derix In seinem Buch \u00abAyahuasca, eine Kritik der psychedelischen Vernunft\u00bb bietet der niederl\u00e4ndische Philosoph Govert Derix einige Ans\u00e4tze zu einer neuen Ontologie oder Philosophie des Seins. 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