{"id":971,"date":"1999-01-01T01:50:54","date_gmt":"1999-01-01T00:50:54","guid":{"rendered":"https:\/\/www.gaiamedia.org\/deutsch\/deutsch\/?p=971"},"modified":"2018-03-31T01:51:55","modified_gmt":"2018-03-30T23:51:55","slug":"was-drogen-aus-mir-machten-und-ich-aus-ihnen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gaiamedia.org\/deutsch\/1999\/01\/01\/was-drogen-aus-mir-machten-und-ich-aus-ihnen\/","title":{"rendered":"Was &#8222;Drogen&#8220; aus mir machten (- und ich aus ihnen &#8230;)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Von Claudia M\u00fcller-Ebeling<\/strong><\/p>\n<p>Ich bin die Tochter einer An\u00e4sthesistin und eines praktischen Arztes1 , aufgewachsen in verschiedenen Haushalten und sozialen Schichten. Meine Eltern wurden gepr\u00e4gt vom Primat der Wissenschaft und der Ratio \u00fcber \u201cAberglauben\u201d und emotionale Spekulationen. Der Doktrin der 20er bis 40er Jahre entsprechend galt Wirklichkeit als wissenschaftlich belegbar. Was ausserhalb dieser wissenschaftlich rationalen Weltsicht lag, geh\u00f6rte in die Bereiche von Mythos und M\u00e4rchen. N\u00fcchternheit und Objektivit\u00e4t war das, was z\u00e4hlte in der Nachkriegszeit, in der beide studierten.<br \/>\nZum Gl\u00fcck kam meine Mutter aus dem Riesengebirge in Niederschlesien (heute Polen), wo R\u00fcbezahl die Menschen an ihre heidnische Vergangenheit erinnerte. In den vorchristlichen R\u00fcbezahl-Mythen spielt der mythische Naturriese R\u00fcbezahl den Machts\u00fcchtigen, Reichen und Hartherzigen heim und beg\u00fcnstigt die Schwachen und Benachteiligten, die das \u201cHerz auf dem richtigen Fleck haben\u201d.<br \/>\nSo wurde ich in eine Mischung aus kartesianischer Weltsicht und Mythos geboren und wusste schon fr\u00fch, dass ich darin meinen eigenen Weg finden und behaupten musste.<br \/>\n<strong><br \/>\nLektionen aus der Vergangenheit<\/strong><br \/>\nIn Freiburg, im \u00e4ussersten S\u00fcdwestzipfel und geografisch w\u00e4rmsten Ort Deutschlands, je 45 Autominuten entfernt vom franz\u00f6sischen Elsass und schweizerischen Basel, landete die Hippiezeit sp\u00e4t. 1972 hatte ich den ersten Kontakt zur \u201cStrassenszene\u201d. Auf den Hauptgesch\u00e4ftsstrassen tummelte sich fahrendes Volk, das die Hippietroph\u00e4en aus Indien und Marokko verscherbelte: R\u00e4ucherst\u00e4bchen, Schmuck, Spiegelstickereien aus S\u00fcdindien und Keramikschalen aus Marokko \u2013 und nat\u00fcrlich schwarzen Afghan oder Nepali und gr\u00fcnen Marokkaner.<br \/>\nIch erinnere mich noch genau, wie ich, \u2013 Tochter aus akademischem Haus \u2013 aufgewachsen in der Familie einer Putzfrau und eines Busfahrers, eines Ex-Generals und einer Fuhrunternehmersfamilie \u2013 das erste Mal mit der sogenannten \u201cKifferszene\u201d in Kontakt kam. Von Zuhause \u201cwusste\u201d ich, dass \u201cHaschrauchen\u201d sofort abh\u00e4ngig macht und geradewegs zu noch st\u00e4rkerem Rauschgift und unausweichlich in die Gosse f\u00fchrt. Man hatte mir beigebracht, dass \u201chaschen\u201d antriebslos, dumpf und dumm macht. Daher lehnte ich den ersten Joint h\u00f6flich ab, der mir in einem sehr renovierungsbed\u00fcrftigen, daf\u00fcr aber \u00e4usserst mietg\u00fcnstigen Haus an der Fischerau angeboten wurde. Dort hausten einige Freaks, die hingebungsvoll Castaneda, Michael Ende und Tolkien studierten. Es war die Zeit der Ashrams; der beginnenden Hausbesetzungen; die Zeit, in der der Begriff \u201cAlternativkultur\u201d gepr\u00e4gt wurde und in welcher die Stadtr\u00e4te, panisch besorgt, jegliche jugendlich-anarchische Eigeninitiative im Keim erstickten und aus Sicherheitsgr\u00fcnden lebendige Begegnungsst\u00e4tten zu Parkpl\u00e4tzen sanierten.<br \/>\nBeim n\u00e4chsten Kontakt wunderte ich mich. Wir waren mit zwei Strassenverk\u00e4ufern zu einem Konzert verabredet. Doch statt zum st\u00e4dtischen \u201cHaus der Jugend\u201d zu fahren, steuerten sie ein kleines W\u00e4ldchen in der Umgebung an. Ich war noch nicht entjungfert \u2013 in keiner Beziehung \u2013 und lauschte mit gemischten Gef\u00fchlen der r\u00e4tselhaften Unterhaltung: \u201cHast Du was?\u201d \u2013 \u201cNe, ich dachte, Du hast was!\u201d Ich konnte mir keinen rechten Reim aus dem Dialog machen. Um \u201cwas\u201d handelte es sich? Nach einem sexuellen \u00dcberfall auf Minderj\u00e4hrige (ich war damals 16) sah es nicht aus. Unverrichteter Dinge (was auch immer) fuhren wir zum Konzert. Ich glaube, es war Alexis Korner.<br \/>\nErst sp\u00e4ter wurde mir klar, dass es sich um den Mangel an Dope gehandelt hatte.<br \/>\nInzwischen war ich hellh\u00f6rig geworden. Das, was ich beobachtete, wenn Menschen im \u201cHaschischrausch\u201d oder auf der \u00abgierigen Suche nach dem Rauschgift\u00bb waren, hatte nichts, aber auch gar nichts mit dem zu tun, was meine Mutter mir weiszumachen versuchte. Ich sp\u00fcrte intuitiv, dass ich mir meine eigene Meinung bilden musste. Und das tat ich, als sogenannte Tochter aus gutem Hause, am besten in der Stadtbibliothek. Ich lieh mir alles aus, was dem ersten Suchzugriff verf\u00fcgbar war: Rudolf Gelpkes\u00a0<em>Drogen und Seelenerweiterung<\/em>\u00a0(das in der zweiten Auflage\u00a0<em>Vom Rausch im Orient und Okzident<\/em>\u00a0hiess2). Es sollte das Buch sein, das mich am meisten in meinem Leben beeinflusste. Der Schweizer Orientalist, ein enger Freund des LSD-Entdeckers Albert Hofmann, starb leider viel zu fr\u00fch. Hingebungsvoll hatte sich der geniale Gelpke vor allem der persisch-mystischen Poesie gewidmet und so bekannte Dichtungen wie\u00a0<em>M\u00e4rchen aus 1001 Nacht<\/em>\u00a0und\u00a0<em>Leila und Madschnun<\/em>\u00a0ins Deutsche \u00fcbersetzt. In seiner Reflexion des Drogengebrauches in Ost und West konzentrierte er sich auf die Rolle von Alkohol und Nikotin im Westen und auf die von Haschisch und Opium im Osten, sprich Persien. Dieser Vergleich \u00f6ffnete mir die Augen. Ich begriff, dass die Werte von Kultur zu Kultur zwar unterschiedlich sind, nichtsdestoweniger aber ebenso gleich g\u00fcltig! Was erw\u00fcnscht und verboten, heilsam oder giftig war, bestimmte nicht die Substanz sondern die Kultur!<br \/>\nDiese Erkenntnis n\u00e4hrte meinen Forschungsdrang und ich machte mich durstig auf nach weiterer Literatur. Ich fand sie in Aldous Huxleys Essays\u00a0<em>Pforten der Wahrnehmung<\/em>\u00a0und\u00a0<em>Himmel und H\u00f6lle<\/em>3, in Baudelaires\u00a0<em>Studien zum Haschischgenuss<\/em>\u00a0im legend\u00e4ren Club des Hachichins4, in\u00a0<em>Psychedelische Erfahrungen auf der Basis des tibetanischen Totenbuches<\/em>von Timothy Leary, Richard Alpert und Ralph Metzner5, in Alan Watts\u2019\u00a0<em>Kosmologie der Freude<\/em>6, und in den Studien von Walter Benjamin zu\u00a0<em>Haschisch<\/em>\u00a0in Marseille7.<br \/>\nAls ich all das gelesen und verdaut hatte, machte ich mich auf die Suche nach \u201cdem Stoff\u201d. Ich wusste, dass in der pers\u00f6nlichen Erforschung von LSD, Cannabis, Meskalin und Psilocybin Wichtiges f\u00fcr mich lauerte und vor allem, dass es darum ging, meine eigenen Werte zu entdecken und gegen viele Irrmeinungen zu behaupten. Schliesslich hatte meine Mutter im Krankenhaus und in der Psychiatrie, wo sie hin und wieder als An\u00e4sthesistin bei den umstrittenen Elektroschocks assistierte, einen sehr einseitig negativen Zugang zu dem, was aus Menschen wird, die \u201cDrogen zu sich nehmen\u201d.<br \/>\nAllein in meiner Sch\u00fclerklause, nahm ich and\u00e4chtig und erwartungsvoll so manchen Kegel und so manches Bl\u00e4ttchen LSD zu mir \u2013 damals noch v\u00f6llig unberechenbar in der Dosierung. Allein mit mir und der Wirkung des \u201cSteins der Weisen\u201d, inspiriert von der Entdeckung des \u201cAlten vom Berge\u201d, Albert Hofmann (den ich Jahre danach pers\u00f6nlich kennenlernen sollte), durchforschte ich so manche Privath\u00f6lle und durchkurvte unverdrossen einen \u201cHorrortrip\u201d nach dem anderen. Aus heutiger Sicht will ich diese einsamen Extremerfahrungen nicht missen. Es war mir wichtig, diese Reisen in mein eigenes Innenleben alleine anzutreten, denn ich wollte nicht in die Psychostrudel anderer verquirlt werden. Ich begegnete meinen D\u00e4monen, lernte, mit ihnen zu sprechen und mich in einen windstillen Raum zur\u00fcckzuziehen. Das hat mir mehr als alles andere geholfen, mich selbst zu erkennen und das Leben um mich herum.<br \/>\nZugegeben: Vieles, was ich im Anschluss an die intellektuellen Studien praktisch betrieb, war nicht gerade der Karriere f\u00f6rderlich und schon gar nicht der Konzentration auf den Schulstoff. Dennoch hatte ich es geschafft, von zu Hause auszuziehen (das Klima war doch sehr unerquicklich geworden, nachdem die \u201cWelten des Bewusstseins\u201d aufeinanderprallten), das Abitur zu machen und in Freiburg im Breisgau das Studium der Kunstgeschichte und Ethnologie zu beginnen. Dort st\u00fcrzte ich mich vor allem auf die Zeiten, K\u00fcnstler und Werke, in denen es offensichtlich um eine vision\u00e4re Weltsicht ging. Ob diese nun durch psychedelische Erfahrungen oder intensive Phantasie zustande kam, sei dahingestellt.<\/p>\n<p><strong>Vom Nutzen der psychedelischen Erfahrung<\/strong><br \/>\nOhne den Einfluss von Psychedelika auf mein Bewusstsein w\u00e4re ich heute nicht da, wo ich bin und nicht die, die ich bin. Sie haben mein Leben, meine Denkweise, meine Interessen und Kontakte massgeblich gepr\u00e4gt. Sie erlaubten mir, hinter die Oberfl\u00e4che blicken zu k\u00f6nnen, mir \u00fcber meine eigenen Beweggr\u00fcnde und Triebe bewusst zu werden und zu den gesellschaftlichen Tabuthemen \u201cSex and Drugs and Rock \u2018n\u2019 Roll\u201d eine eigene Meinung zu entwickeln. Sie zeigten mir die vielen Facetten der Wirklichkeit und erm\u00f6glichten mir dadurch, die kulturelle Wirklichkeit anderer V\u00f6lker und die vision\u00e4ren Bilder von Malern und Malerinnen besser verstehen zu k\u00f6nnen.<br \/>\nInzwischen bringe ich sogar den Mut auf, meine freie T\u00e4tigkeit \u2013 d.h. meine Publikationen, Vortr\u00e4ge, Konferenz- und Ausstellungsprojekte \u2013 der Vertiefung des Verst\u00e4ndnisses anderer Welten des Bewusstseins zu widmen. Und ich bin jeden Monat erstaunt dar\u00fcber, dass mir dies auf die ein oder andere Weise sogar gelingt und mich noch dazu finanziell \u00fcber Wasser h\u00e4lt; dank der angewachsenen Zielgruppe potentieller Interessenten auf diesen Gebieten.<br \/>\nAn dieser Stelle einen Dank an alle letzten und zuk\u00fcnftigen Mohikaner der psychedelischen Forschung.<br \/>\nDen Begriff \u201cDrogen\u201d sch\u00e4tze ich nicht. Er riecht mir zu sehr nach Krankenhaus und Pathologie. Das, was er eigentlich meint: \u201cgetrocknete Pflanzenteile\u201d (Droge \u2013 dr\u00f6ge \u2013 trocken), assoziiert niemand mehr; eher die Fixerleiche auf dem Bahnhofsklo. Mit solchen stumpfen und tr\u00fcbsinnigen Welten jedoch haben die Erfahrungen, die ich und andere mit geistbewegenden Substanzen machte, nichts zu tun. Besser passen die Begriffe Entheogene oder Psychedelika, denn sie erwecken das G\u00f6ttliche in der eigenen Natur und der Natur um uns herum und implizieren die Wirkung auf unsere Psyche. Ist es nicht erstaunlich und wunderbar, dass es Pflanzen gibt, die auf unseren Geist wirken und nicht nur auf unseren K\u00f6rper? Wie viele andere, zu denen die Pflanzengeister sprachen, bin ich noch immer mit der faszinierenden Frage besch\u00e4ftigt, welche Botschaften sie uns \u00fcbermitteln und warum die Evolution uns eine M\u00f6glichkeit bot, mit der Pflanzenwelt zu kommunizieren.<br \/>\nDie Schamanen, die diese Kommunikationsm\u00f6glichkeiten schon immer nutzten, sind sich sicher: Entheogene erlauben ihnen, in andere Bewusstseinszust\u00e4nde zu kommen und in sonst unsichtbare Welten reisen zu k\u00f6nnen, in denen Antworten auf Leben und Tod, Gesundheit und Krankheit liegen. Ihnen sind diese Pflanzen seit jeher heilig. Sie erm\u00f6glichen, sich eins zu f\u00fchlen mit der Natur. Erst dann ist der Mensch heil (d.h. ganz) und geheilt von der Abspaltung der Seele von K\u00f6rper und Geist. Schamanen m\u00fcssen sich nicht herumschlagen mit einer Verteufelung und Kriminalisierung \u2013 und auch nicht mit einem \u00abDrogenmissbrauch\u00bb und den daraus resultierenden Folgen.<br \/>\nSehr schnell ist mir klar geworden, dass Entheogene einen tiefen Einblick in die Wirklichkeit erlauben; das Gegenteil von der viel zitierten Flucht vor der Realit\u00e4t! Verschiedene Substanzen sind wie der Deckel auf den Topf der psychischen Konstitution verschiedener Menschen. Jede\/r ist anders und reagiert verschieden auf verschiedene Substanzen. Ebenso verschieden sind die Motivationen und die Wahl der bevorzugten \u201cRauschmittel\u201d. Rauschmittel ist eigentlich ein passendes Wort. Das sch\u00f6ne deutsche Wort \u201cRausch\u201d beinhaltet das Eintauchen in ein Gl\u00fccksgef\u00fchl. Man kann berauscht sein von der Liebe, von Farben, intensiven Naturerfahrungen oder einer \u00fcberw\u00e4ltigenden Begegnung mit oder Erschaffung von Kunst. Denkt man jedoch an den Alkoholrausch, so kann es auch die Aufl\u00f6sung des Bewusstseins in einen Zustand der Verwirrung und Verbl\u00f6dung bedeuten. Wie immer ist es eine Frage der Absicht, des Verhaltens und der Wahl der Mittel. Wer Vergessen sucht, weil die pers\u00f6nliche Lage zu d\u00fcster und hoffnungslos ist, will sich bet\u00e4uben. Solche Menschen sind daran interessiert, endlich abgeschottet zu sein vom \u00fcberm\u00e4chtigen Leiden der eigenen Vergangenheit und Gegenwart. Daf\u00fcr sind ihnen Alkohol, Heroin, Tranquilizer und Psychopharmaka passende \u201cRettungsanker\u201d. Andere aber sind an einem Zuwachs von Erkenntnis interessiert. Sie wollen ihr Bewusstsein erweitern \u2013 und nicht substituieren durch ein berauschtes Bewusstseins. Diese Erweiterungsm\u00f6glichkeiten bieten ihnen Psychedelika wie LSD, Meskalin, Psilocybin, Peyote, San Pedro, Ayahuasca, Cannabis \u2013 ja sogar Coca und Opium.<br \/>\n<strong><br \/>\nDie psychedelische Zukunft<\/strong><br \/>\nDie psychedelische Zukunft sehe ich nicht allzu d\u00fcster \u2013 auch wenn die Politik allerorten diesbez\u00fcglich gerne einen Schritt vor und zwei zur\u00fcck macht. Es gibt aber Hoffnung. (Auch wenn sie immer wieder \u2013 z.B. von der Europ\u00e4ische Union \u2013 zunichte gemacht wird.) Seit der weltweiten Drogenphobie, die drei Jahrzehnte bestimmte und zum absoluten Forschungsverbot psychedelischer Substanzen f\u00fchrte, hat sich in manchen Gehirnen offensichtlich etwas getan. Immerhin erhielten mittlerweile Forscher in den USA, der Schweiz, in Deutschland und Holland Bewilligungen, um Forschungen mit LSD, Ibogain, Psilocybin und Ketamin durchzuf\u00fchren. Liest man z.B. die Stellungnahmen der verantwortlichen Personen, die in den USA f\u00fcr die Genehmigung von psychedelischer Forschung verantwortlich sind und sich mit Fragen der Volksgesundheit und des Drogenmissbrauches besch\u00e4ftigen, so kann man sich \u00fcber deren Bewusstseinserweiterungen nur wundern!8 Geradezu revolution\u00e4r ist in diesem Zusammenhang die kritische Selbsterkenntnis von Curtis Wright, ehemals Direktor der FDA Division of Anaesthetic, Critical Cara and Addiction Drugs und Teamleiter einer Abteilung, die sich mit suchterzeugenden Substanzen befasst. Er stellte sich die Frage, ob es gerechtfertigt sei, eine Substanz wie LSD, deren Toxizit\u00e4t wissenschaftlich nicht nachgewiesen wurde, strenger zu sanktionieren als eine Chemotherapie zur Behandlung von Krebs, die potentiell t\u00f6dlich sein kann9 . Er und seine Beh\u00f6rde kamen schliesslich zum Ergebnis: \u201c\u2026 dass die Food and Drug Administration alle Substanzen mit denselben Massst\u00e4ben mass. Alle Substanzen bergen Risiken. Alle haben ihren Wert. Das gleiche gilt f\u00fcr die Erforschung dieser Substanzen.10\u2033<br \/>\nSolch ein Haltungswechsel kam nicht ohne Druck von aussen zustande. 1989\/90 mussten sich Curtis Wright und seine Mitarbeiter unangenehmen Fragen bei einer \u00f6ffentlichen Anh\u00f6rung stellen, die vom National Institute on Drug Abuse (NIDA) initiiert worden war. Der FDA hatte Antr\u00e4ge zur Erforschung der Toxizit\u00e4t von LSD, der Langzeitwirkungen auf Gehirnfunktionen und dem Potential einer m\u00f6glichen Abh\u00e4ngigkeit unverst\u00e4ndlich lange blockiert \u2013 und das, obgleich Millionen von Menschen diese Substanz zu sich nahmen und und zwar meist unter unkontrollierten Situationen und ohne die notwendige Vorbereitung. Wright wurde damals gefeuert. Gleichzeitig aber gab man ihm freieren Handlungsspielraum, damit er und seine Crew sich auf innovativere Weise auf m\u00f6gliche Ergebnisse beantragter Forschungen konzentrieren konnten, anstatt auf den Prozess als solchen: \u201cBeh\u00f6rden, die mit Kontrollaufgaben betreut sind, leiden unter einer chronischen Spannung zwischen Ablauf und Resultat. Das Gesetz ist die Instanz, die uns den Ablauf vorschreibt. Wir sind nicht frei zu entscheiden: Lasst es uns heute anders machen. 1989-90 erhielten wir von der Pilotstudie bestimmte Regulierungs-Bewilligungen, um in manchen F\u00e4llen von dem traditionellen Prozedere der Beh\u00f6rden abweichen zu k\u00f6nnen.11\u2033<br \/>\nDas erstaunliche Beispiel vom Richtungswechsel eines USA-Hardliners macht Mut zur Hoffnung. Da gerade die USA gerne als Welt(gesundheits)polizei auf den Plan tritt, ist solch eine Bewusstseinsver\u00e4nderung beispielgebend. Ebenso Hoffnung n\u00e4hrt die Tatsache, dass das Schweizer Bundesamt f\u00fcr Gesundheit, (das verantwortlich ist f\u00fcr die Bewilligung von Antr\u00e4gen zur Pr\u00fcfung des medizinischen Nutzens von Substanzen, die auf dem Index des Bet\u00e4ubungsmittelgesetzes, BTM, stehen), die klinische Pr\u00fcfung von THC in der Indikation der Behandlung von Spastik bewilligt hat12. Hoffnungsvoll ist auch der (oft selbstlose) Einsatz diverser Verlage f\u00fcr die Publikation von B\u00fcchern, die sich verschiedenen Psychedelika widmen. Allen voran der Solothurner Nachtschatten Verlag und der Aarauer AT-Verlag (Schweiz), die deutschen Verlage MedienXperimente (bei Heidelberg) und VWB (Berlin). Enthusiasmus und Idealismus f\u00fcr die Sache sind f\u00fcr sie die Triebfeder \u2013 aber auch zunehmende Auflagenst\u00e4rken.<br \/>\nDiese steigernden Verkaufszahlen f\u00fcr B\u00fccher, deren Themen bislang nicht \u201cstubenrein\u201d waren, schlagen sich auch in der \u00f6ffentlichen Meinung nieder. Seit der L\u00fcbecker Richter Wolfgang Nescovic 1992 juristisch die Frage nach dem \u201cRecht auf Rausch\u201d aufwarf, \u00e4nderte sich in Deutschland die Haltung nachhaltig. Es sind nicht mehr nur die \u00ablanghaarigen Gammler\u00bb, die eine gerechte juristische Bewertung aller Substanzen fordern, sondern auch ernstzunehmende Vertreter \u00f6ffentlich Instanzen. Auch Menschen, die nicht \u201czur Szene\u201d geh\u00f6ren und \u00f6ffentliche Stellungen bekleiden, machen sich stark f\u00fcr eine Neubewertung von Substanzen, die auf dem Index stehen. Das ver\u00e4nderte die Meinung von Menschen nachhaltig, denen die Medien und die herrschende politische Meinung bislang einimpften, dass Drogen schlecht seien. Als unfreiwillige\/er Zeuge\/in von Unterhaltungen in \u00f6ffentlichen Verkehrsmitteln kann man immer wieder feststellen, dass die Menge heute eher als vor Jahren geneigt ist, den Nutzen von sogenannten \u201cDrogen\u201d anzuerkennen.<br \/>\nSchliesslich realisiere ich, dass es weltweit Zusammenschl\u00fcsse von Menschen gibt, die eine revidierte Haltung und einen liberaleren Umgang mit Substanzen fordern, die auf dem Index des BTM stehen. Dazu geh\u00f6ren massgeblich das \u201cEurop\u00e4ische Collegium f\u00fcr Bewusstseinsstudien \/ European Colleague for the Study of Consciousness\u201d (ECBS\/ ECSC), die \u201cMultidisciplinare Association of Psychoactive Studies\u201d (MAPS, USA), die Unternehmungen der \u201cSeminars of Entheogen Studies\u201d (USA, Mexiko), die Schweizer \u00c4rzteschaft f\u00fcr psycholytische Therapie (SAEPT), die holl\u00e4ndisch-deutsche Vereinigung \u201cPsychoactivity\u201d und die spanische Vereinigung \u201cSocietat Etnopsicologia Aplicada \u2013 Estudis Cognitius\u201d (SEA). Sie alle f\u00fchren Seminare, Workshops und Kongresse zum Thema durch und publizieren die entsprechenden Ergebnisse.<br \/>\nAll diese Unternehmungen zeugen von wachsendem Interesse der \u00d6ffentlichkeit und geben Hoffnung f\u00fcr eine wertneutralere Diskussion der Substanzen, die als Nachhall auf die Inquisition noch immer auf dem Index stehen.<\/p>\n<p>1 \u201cDrogen\u201d waren also Teil meiner Wirklichkeit. Allerdings wusste ich lange nichts \u00fcber die Best\u00fcckung der Notfallkoffer meiner Narkose-Arzt-Mutter und meines praktischen-Mediziner-Vaters. Drogen existierten f\u00fcr mich nur in der Form als Alkohol. Als Kind und Jugendliche bekam ich Drogen \u2013 bei den Notfalleins\u00e4tzen meiner Mutter w\u00e4hrend ihrer Nacht- und Wochenenddienste \u2013 nur mit in den verheerenden Auswirkungen des Alkoholmissbrauchs. Mit den lallenden, stinkenden Alkoholikern, die sich \u2013 narkotisiert durch die Alkoholwirkung \u2013 die neu vern\u00e4hten Wunden wieder aufrissen, wollte ich unter keinen Umst\u00e4nden etwas zu tun haben.<br \/>\n2 GELPKE, Rudolf, M\u00fcnchen: 1975; Vom Rausch im Orient und Okzident, mit einem neuen Nachwort von Michael Klett, Klett-Cotta 1995, 2. Aufl.<br \/>\n3 HUXLEY, Aldous, M\u00fcnchen: Piper 1970.<br \/>\n4 BAUDELAIRE, Charles, Die k\u00fcnstlichen Paradiese, \u00fcbers. und hrsg. von Hannelise Hinderberger, K\u00f6ln: Hegner 1972 (Les Paradis Artificiels, Paris 1845)<br \/>\n5 LEARY, Timothy, Ralph METZNER und Richard ALPERT, The Psychedelic Experience, New York: University Books 1964.<br \/>\n6 WATTS, Alan, The Joyous Cosmology, New York: Random House, Pantheon Books 1962; Kosmologie der Freude, Aarau: AT 2000<br \/>\n7 BENJAMIN, Walter, Aufzeichnungen \u00fcber Haschisch in den 20er und 30er Jahren des 20. Jahrhunderts; \u00dcber Haschisch, Frankfurt: Suhrkamp 1972.<br \/>\n8 PELLERIN, Cheryl, Trips \u2013 How Hallucinogens Work in your Brain, New York: Seven Stories Press 1996: 155-172.<br \/>\n9 ebd.: 163.<br \/>\n10 ebd.: 164.<br \/>\n11 ebd.: 163.<br \/>\n12 Oft stehen allerdings auch dort Machtinteressen im Vordergrund und das Bed\u00fcrfnis, innovative Forschungen mit dem eigenen Namen in Verbindung gebracht zu sehen \u2013 vor allem in Zeiten, in denen das \u00f6ffentliche Interesse eine solche Forschung erneut beg\u00fcnstigt.<\/p>\n<p>Claudia M\u00fcller-Ebeling ist Autorin folgender B\u00fccher: Schamanismus und Tantra in Nepal, Heilmethoden, Thankas und Rituale aus dem Himalaya, mit Christian R\u00e4tsch, Surendra Bahadur Shahi, Aarau 2000; Hexenmedizin, Die Wiederentdeckung einer verbotenen Heilkunst \u2013 schamanische Traditionen in Europa, mit Christian R\u00e4tsch, Wolf-Dieter Storl, Aarau 2001; Lexikon der Liebesmittel, Pflanzliche, mineralische, tierische und synthetische Aphrodisiaka, mit Christian R\u00e4tsch, Aarau 2003<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Claudia M\u00fcller-Ebeling Ich bin die Tochter einer An\u00e4sthesistin und eines praktischen Arztes1 , aufgewachsen in verschiedenen Haushalten und sozialen Schichten. 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