Ist Selbstoptimierung der ultimative Ausdruck einer postkapitalistischen Gesellschaft oder handelt es sich um eine neoliberale Idee? In erster Linie ist es ein wirtschaftliches Konzept, das uns zu höheren Leistungen anspornen soll, und wir müssen uns fragen, ob wir uns an seine Grundsätze halten wollen.
Historisch, und damit auch religiös gesehen, war Selbstoptimierung etwas, das man innerlich anstrebte – weniger sündigen, Gutes tun und sich einen Platz im Himmel sichern. Heute bezieht sich Selbstoptimierung nicht mehr nur auf die Selbstentwicklung; wir beschäftigen uns hauptsächlich damit, wie wir von aussen wahrgenommen werden. Sind wir schlank, reich, gutaussehend, modisch, intelligent, effizient und spirituell genug?
Im Postkapitalismus betrifft Selbstoptimierung die Entwicklung von „Menschlichem Kapital”: bessere Gesundheit, mehr Leistung und bessere Laune, um den eigenen Marktwert zu maximieren. In einer optimalen postkapitalistischen Gesellschaft verlagert sich der Fokus von Produktivität auf individuelles Gedeihen. In den letzten vierzig Jahren wurde vorgeschlagen, dass wir in einer Gesellschaft wie der unseren, in der die Grundbedürfnisse gedeckt sind und Arbeit nicht lebensnotwendig ist, danach streben sollten, uns zu verbessern und unser höchstes menschliches Potenzial zu erreichen. Leider bleibt der dadurch entstehende Druck weitgehend derselbe.
Im Neoliberalismus hat der Einzelne das Bedürfnis nach Perfektion verinnerlicht und trägt das Risiko für seinen Erfolg oder Misserfolg selbst. Während sich der Postkapitalismus dahin entwickelt hat, das individuelle Wohlergehen und die Autonomie über die Produktivität zu stellen, ist in einem monetaristischen System jede darauf aus voranzukommen. In beiden Systemen wird das Selbst objektiviert, seine Leistungen quantifiziert. Das optimierte Selbst ist nie gut genug; mehr, besser, grösser geht immer. Kollektive Probleme werden individualisiert. Ist man arm, sind die Ursachen niemals systemisch, sondern immer die eigene Schuld; brennt man bei der Arbeit aus, liegt es nicht an der Arbeitsbelastung oder dem Geschäftsklima – man hat sich selbst nur nicht richtig gemanagt. Macht man sich Sorgen um das Klima, ist man unfähig, seine Ängste einzuordnen. Wird man auf offener Strasse erschossen, ist das staatlich geförderter Gewalt – man hat zu Hause zu bleiben!
Und was wurde aus der Vorstellung, gut sei gut genug? Wir müssen den quälenden Zwang, besser und am besten zu sein, eindämmen und aufhören, alles, was wir tun, zu tracken, vom Schlaf über Kalorien und Schritte bis hin zu Konzentration und Stimmung. Wir wollen uns auf Authentizität statt auf Fantasien konzentrieren. Sagen Sie einfach Nein zu Zwanghaftigkeit.
Das Konzept der Optimierung wird auch auf Psychedelika angewendet, wie in „die Verbesserung gesunder Menschen”. Ich finde dieses Konzept nicht nur bigott. Die meisten Konsumenten nehmen Psychedelika, um Spass zu haben und nebenbei Erkenntnisse zu gewinnen. Warum so tun, als könnte es anders sein, wären „andere“ nur ernsthafter? Als ob jemals jemand Psychedelika genommen hätte, um sich schlechter zu fühlen!
Es geht um drei Hauptbereiche: psychedelische Therapie, psychedelische Spiritualität und die Verwendung von Psychedelika zur Maximierung der eigenen Energie. Die Therapie hat Vorrang, auch weil sie der legale Türöffner für eine weitere Liberalisierung ist. Der spirituelle Konsum bleibt ein wertvoller Beitrag zu unserem emotionalen und psychischen Wohlbefinden, aber er ist nicht das A und O, und es gibt keine moralische Überlegenheit gegenüber oft jüngeren, sich entwickelnden Geistern, die das Bedürfnis verspüren, ihre Energie auf körperlichere Weise auszudrücken. Vor allem aber kommt die scheinheilige Haltung vieler älterer Psychonauten gegenüber dem Freizeitkonsum als Neid rüber.
Die Tage werden wieder länger, aber wir haben noch einen gewissen Weg vor uns, bis wir uns so akzeptieren, wie wir sind, als ersten Schritt zu einem ausgeglicheneren Leben.
Herzlich Ihre
Susanne Seiler <script src=“https://ptag.prolitteris.ch/ptag/ptag.min.js“ onLoad=“ptag(‚https://pl02.owen.prolitteris.ch‘,’na‘,’plzm.5ef1e296-59d4-4f09-86c6-afaa16c511e4′);“></script>
Besuchen Sie uns!
WIDE OPEN BOOKS
Bibliothek, Samstag/Sonntag 14 – 18 h
Film Talk, Dienstag 18 – 21 h
Kunstraum Walcheturm, Kanonengasse 20, 8004 Zurich
https://walcheturm.ch/
